Euro-Krise Sie nahmen sich, was möglich war

Das Euro-Problem: Unter klugem Wirtschaften versteht jedes Mitgliedsland etwas anderes. Dabei prallen unterschiedliche Kulturen aufeinander.
  • Uwe Jean Heuser
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Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (r.) und sein französischer Gegenpart François Baroin. Quelle: AFP

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (r.) und sein französischer Gegenpart François Baroin.

(Foto: AFP)

Hier kommt Michael Lewis, ökonomischer Kriegsberichterstatter. Der amerikanische Autor und Ex-Banker ist immer da, wo der Kapitalismus das Schlechteste in den Menschen hervorbringt, die Gier, die Übersteigerung, anschließend das Selbstmitleid. Als junger Bankangestellter erlebte und beschrieb er in den achtziger Jahren zum ersten Mal, wie seine Kollegen das große Rad mit Schrottanleihen drehten, die damals noch Junk Bonds hießen. Über den Wahnsinn im Umgang mit Hypotheken, der 2008 zur großen Finanzkrise führte, schrieb er abermals das beste, das unterhaltsamste Buch.

Wohin reist der ökonomische Kriegsreporter heute? Nach Europa. Das Ergebnis ist eine Sammlung seiner Besuche in Buchform. Bevor man einsteigt, muss man noch etwas wissen über diesen Mann. Er übertreibt gerne, seine Figuren sind Schurken (oft) oder Helden (selten), sie sind furchtbar schlau (selten) oder unheimlich dumm (oft). Und auch ganze Völker über einen Kamm zu scheren, davor scheut Lewis nicht zurück. Man kann sich als Isländer, Grieche, Ire oder auch Deutscher deshalb trefflich ärgern und das neue Buch weglegen. Oder aber man amüsiert sich einfach, wie Lewis uns Deutschen eine merkwürdige Fixiertheit aufs Schlammcatchen unterstellen will. Und im Ernst erkennt man dabei, was der Mann aus Übersee uns eigentlich vor Augen führt.

Zum Beispiel, dass der griechische Staat nach fast zehn Jahren Euro-Zugehörigkeit eine Buchhaltung pflegte wie ein Drittweltland. Oder dass die Griechen ihre Ausgaben für öffentliche Angestellte in nur zwölf Jahren verdoppelten. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass man in einem solchen Job dreimal so viel verdienen konnte wie durchschnittlich im privaten Sektor. Kein Wunder auch, dass Griechenland mit seiner maroden Bahn billiger davonkäme, würde es alle Passagiere Taxi fahren lassen und die Bahn dichtmachen. Michael Lewis kommt aus dem Staunen nicht heraus. In Härtejobs konnte ein griechischer Mann lange mit 55 in die üppige Rente gehen – nichts Besonderes. Besonders war, dass es mehr als 600 Berufe schafften, als so hart anerkannt zu werden, darunter Kellner und Radiosprecher. „Wo Verschwendung endet und Betrug beginnt, spielt praktisch keine Rolle“, erklärt der Besucher aus einer anderen Welt. Amtsvertreter, Ärzte und andere Staatskräfte zu schmieren sei sowieso normal gewesen.

Als 2009 die Regierung wechselte, belief sich die aktuelle Defizitschätzung auf 3,7 Prozent der Wirtschaftsleistung. Zwei Wochen später musste der neue Finanzminister schon auf über zwölf Prozent gehen, weil der Staat ein unerschöpfliches Reservoir bis dato ungemeldeter Verschwendung hatte. Die Zahl stieg dann noch weiter.

Einzelne Daten und Begebenheiten hat man schon mal gehört. Hier sind sie gnadenlos miteinander verwoben und ergeben das Bild einer Gesellschaft, in der die meisten schummelten, so gut sie konnten, Angestellte, Unternehmer, Sparer, Religionsvertreter, der Staat vorneweg. Hätte man etwa alle steuersündigen Ärzte eingesperrt, das Land hätte gar keine Gesundheitsversorgung mehr gehabt. Doch lieber hielt die Politik vor allem im Wahljahr die wenigen Fahnder zurück. Einer von ihnen sagt: „Es wurde zu einem Kulturmerkmal. Die griechischen Bürger haben nie gelernt, ihre Steuern zu bezahlen.“ Die griechische Wirtschaft gelte zwar als kollektivistisch, so Lewis, aber beim Umgang mit öffentlichem Geld gelte das Gegenteil: Jeder für sich.

Kann man darüber reden, ohne nationale Ressentiments ins Leben zu rufen? Man muss. Wie sonst will man die griechische Tragödie, die eine europäische ist, verstehen. In dieses System floss zwischen 2002 und 2007 eine Unmenge billiges Geld. Billig, weil Griechenland im Euro war und die Finanzmärkte kaum einen Unterschied machten zwischen der Kreditwürdigkeit Athens und Den Haags. Billig auch, weil die Notenbank der USA die Welt mit billigem Geld geflutet hatte, das irgendwo eine Anlage suchte. Die Griechen mussten sich in ihrer merkwürdigen Wirtschaftsweise vom Markt bestätigt fühlen. Gleichzeitig ahnten wohl viele, dass ihr Glück nicht andauern könnte – und nahmen sich, was möglich war.

Michael Lewis reist auch nach Irland, in dem die wohl dümmsten Banken der Welt (ja, noch dümmer als die deutschen Landesbanken) jeden noch so absurden Immobilienkredit gewährt hatten. Auch die Iren feierten die große Geldparty, doch auf den Kater reagierten sie ganz anders als die Miteuropäer. Kaum jemand protestierte gegen die harten Sparmaßnahmen, die allermeisten nahmen es als selbstverständlich hin, dass die Gesellschaft geradesteht für die im Maßstab der Wirtschaftsgröße absolut horrenden Schulden ihrer großen Banken. Viele ausländische Investmentbanken hatten auch Geld im irischen Spiel – und erhalten nun all ihr Geld zurück, obwohl sie in einer gerechten Welt einen Teil des Risikos selbst tragen müssten. So aber zahlt der Staat, zahlen auf Dauer natürlich die Bürger.

Der Euro als Anfang vom Ende - das will keiner
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9 Kommentare zu "Euro-Krise: Sie nahmen sich, was möglich war"

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  • lass den alten Greenspaan sein, wie er will, aber schon ermeinte, dass der € nur an der unterschiedlichen Mentalität Nord / Süd scheitert.

    Wir Menschen sind alle gelich(wertig), wenn man ihre Eigenheiten berücksichtigt.

    Die Südländer sind eher faul und hintertrieben, aber sie sind hinsichtlich Mode sehr kreativ, beherrschen die Spielregeln der Mafia und sind sehr familiär. Wenn man sie zwingt (wie es die Mafia macht) arbeiten sie auch "gerne".

    Die Nordländer sind eher fleißig und berechenbar. Sie sind selbstmodtivierend und ihnen ist es wichtig, dass es ihnen und dem Umfeld gut geht.

    Aber die Eigenheiten nicht zu berücksichtigen, muss ins Chaos führen.

    Geben den Dolce-Vioat Staaten ihre Mafia zurück und lasst den Euro unter den Nordländern.

  • Allen " Unkenrufen " zum trotz, Politiker und hier besonders die Deutschen, sind nicht lernfähig.
    Nach dem Motto was nicht sein darf, kann auch nicht sein.
    Die Berliner Regierungen, egal welcher Coleur werden Deutschland voll und bewußt in den Ruin führen,die einen aus Dummheit, die anderen aus Ignoranz oder Obertunität.
    Deutschland und seine Bevölkerung wird erst aufwachen wenn
    es zu spät ist.Es war leider schon immer so!

  • Warum um Alles in der Welt wollte man 2010 Griechenland nicht einfach fallen lassen wie eine heiße Kartoffel, warum hat man den Bären einen Bären aufgebunden, der Euro sei deswegen gefährdet - war er überhaupt nicht, lediglich die Griechen drohten nicht zu zahlen? Man hätte sich zurücklehnen können und sagen:'Ihr Griechen habt euch selbst in die Sch... geritten, dann seht mal zu, wie Ihr rauskommt." Schlimmstenfalls hätte man einige Staatstitel der Griechen auf Eis legen müssen. Sonst nix.

    Aber nein, es mußte unbedingt 'gerettet' werden. Jetzt ist das Desaster größer als je zuvor. Warum also? Die Antwort ist leicht.

    In jedem Menschen steckt etwas von dieser Mentalität, die zu Verschwendung und Mogelei führt. In deutschen, französischen und überhaupt in Politikern steckt ebenfalls eine große Portion davon. Mit einer grandiosen Staatspleite in GR bereits 2010 wäre das Problem allerdings gleich offensichtlich geworden - das sollte kaschiert werden.

    Nun ist es trotzdem da und auch gleich noch um etliche Nummern größer. Dumm gelaufen ...

  • Hört sich gut an!

    Trifft auf uns Deutsche im Kern, wir haben ja vieles finanziert. Ohne vieles abzuschreiben, wird es nicht gehen. Da muss auch der "Kleinsparer" ran.

  • Eine richtige Aussage. Und ich laste der EU-Leitung in Brüssel an, dass sie hier zugeschaut hat, wenn nicht gar unterstützt hat.
    Und heute denkt man darüber nach, dieser EU-Leitung die Finanzhoheit der einzelnen Staaten zu übertragen. Das heisst wohl den Bock zum Gärtner machen!

  • Warum sollen die "Vereinigten Staaten von Europa" ERZWUNGEN werden? Es ist keine Nation! Europa ist NICHT vergleichbar mit den USA.
    Der Euro hat Europa schon zerstört. Der Euro führt sehr bald in den DEUTSCHEN Staatsbankrott. Nur die überheblichen, größenwahnsinnigen Politiker haben es noch nicht geschnallt. Merkel schwadroniert schon von möglicherweise verringertem Wohlstand wegen des Euros. Diese Frau ist allerdings so dumm (ja, man muss das schon so offen konstatieren - Realitätsverlust ist entweder Dummheit geschuldet oder psychiatrisch auffälligem Verhalten!), dass sie gar nicht bemerkt hat, der der Euro Deutschland bislang schon 2,5 BILLIONEN gekostet hat.
    Deutschland muss diese Währungsunion verlassen. Oder was denken die deutschen Politiker, wie werden die Deutschen sich verhalten, wenn sie schlußendlich feststellen müssen, dass der gesamte deutsche Wohlstand für ein "politisches Projekt" verzockt wurde? Ich jedenfalls wünsche mir, dass die Verantwortlichen beizeiten gnadenlos, alternativlos, koste es, was es wolle, zur Verantwortung gezogen werden: Die Politiker, die in Goebbelscher Manier trommelnden Medien, die Richter am BVerfG, die "alten" Männer, die in ihrer Verblendung das deutsche Volk in den Abgrund drängen!

  • Der große Fehler in ganz Europa -ob mit oder ohne Euro- ist auch, dass wir ständig Geld in die Länder transferieren.
    Dieses Geld-Hin-und-Her-Geschiebe, was sich in
    der EU etabliert hat, trägt ebenfalls zur Trägheit bei.
    Es pielt doch keine Rolle, ob nun Rumänien oder Polen oder wer auch immer der EU beitreten, es kann nicht sein, dass das immer nur über Geld geht.
    Jedes Land muß für sich selbst sorgen.
    Da bestimmt dann Brüssel üer die Landwirtschaft in Polen usw.
    Also die EU ist in vielen Teilen schon längst ein Transferstaat geworden und vor allem schon längst eine Diktatur.
    Wir müssen die gesamte EU neu ordnen.
    Ein Zusammenshluss eurp. Staaten als Friedensunion, so wie es ursprünglich gedacht war und mit freiem Handel ohne Zäölle und Beschränkungen.
    Aber nicht, indem jeder nach Brüssel Geld zahhlt, was die dann wieder nach Gutdünken veteilen.
    Da fängt nämlich schon die Diktatur an.
    Also Schluß damit
    Ich behaupte mal, dass so einige Länder aus dem früheren Ostblock sicher noch nicht in der EU wären, wenn nicht so viel Geld gelockt hätte.
    Also ist durch diesen Geldtransfer auch eine große Unehrlichkeit innerhalb der EU

  • Der Euro ist gescheitert. Er funktioniert nicht. Im Gegenteil spaltet er Europa und es wird immer schlimmer. Der Wahn von Schäuble und Merkel, dass mit einer Fiskalunion alles wieder gut wird ist der letzte Schritt in den Untergang. Schluß damit. Es muss eine Aufspaltung der Eurozone in Nord und Süd geben oder aber Rückkehr zu nationalen Währungen. Alles andere wird nicht funktionieren.

  • Ob eine andere Kultur, eine andere Mentalität und/oder einfach eine unterschiedliche wirtschaftliche Ausgangslage zu konstatieren ist/sind - es bleibt Fakt, dass produzierende Nordländer nicht auf Dauer konsumierende Mittel-Mehr-Länder durchfüttern können.

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