Europäische Union: Deutsche Ministerpräsidenten fordern in Brüssel Industriestrompreis
Ursula von der Leyen trifft sich mit den deutschen Ministerpräsidenten in Brüssel.
Foto: ReutersBrüssel. Die EU-Kommission soll es den nationalen Regierungen ermöglichen, einen Industriestrompreis einzuführen. Das fordern die Ministerpräsidenten der 16 deutschen Bundesländer in einer „Brüsseler Erklärung“, die dem Handelsblatt vorliegt.
Die gestiegenen Energiekosten seien ein „akutes Hemmnis für die Erholung der Konjunktur“, heißt es in dem Entwurf, der diese Woche veröffentlicht werden soll. „Es muss daher den Mitgliedstaaten für einen Übergangszeitraum möglich sein, einen wettbewerbsfähigen Brückenstrompreis vor allem für energieintensive und im internationalen Wettbewerb stehende Unternehmen zu etablieren, bis bezahlbare erneuerbare Energien in hinreichendem Umfang zur Verfügung stehen.“
Die 16 Ministerpräsidenten tagen am kommenden Mittwoch und Donnerstag erstmals seit 2018 wieder in Brüssel. Sie treffen unter anderem Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU), den neuen Vizepräsidenten für den „Green Deal“, Maros Sefcovic, und Energiekommissarin Kadri Simson.
In Deutschland dringen SPD und Grüne auf einen Industriestrompreis. Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der die Ministerpräsidentenkonferenz leitet, hatte sich zuletzt im Handelsblatt-Interview dafür ausgesprochen. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Finanzminister Christian Lindner (FDP) sehen eine solche Subvention jedoch skeptisch.
In einem Interview mit dem Deutschlandfunk wies Scholz auf die unklare Finanzierung hin. Es gebe drei Möglichkeiten, wo das Geld herkommen könnte: Die übrigen Strompreiszahler kommen für die Senkung des Strompreises für einzelne Unternehmen auf, die Steuerzahler tragen die Kosten, oder es werden neue Schulden aufgenommen, betonte der Kanzler. „Und ich glaube, das ist ja doch ganz offensichtlich, dass auch im Parlament dort noch sehr unterschiedliche Ansichten existieren.“
Die Gespräche der Ministerpräsidenten in Brüssel werden sich vor allem um die Wirtschaftspolitik und den Klimaschutz drehen. Der „Green Deal“ sei die zentrale strategische Weichenstellung für den Übergang zur klimaneutralen Wirtschaft, heißt es in der Erklärung. Die Ziele und Fristen müssten jedoch so festgelegt werden, dass sie realistisch, in die Praxis umsetzbar und kohärent seien. Kleine und mittlere Unternehmen müssten über die bisherige Schwelle hinaus „noch gezielter als bisher“ gefördert werden.
Der niedersächsische Ministerpräsident leitet die Ministerpräsidentenkonferenz.
Foto: IMAGO/Political-MomentsDie Ministerpräsidenten mahnen auch, Unternehmen und Haushalte nicht zu überfordern. „Hinsichtlich des Tempos zur Erreichung der Klimaneutralität ist darauf zu achten, dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Industrie der EU erhalten und die Akzeptanz in der Bevölkerung gewährleistet bleiben“, schreiben sie. Bei den nötigen Investitionen brauchten der Mittelstand und Haushalte mit kleinem Einkommen besondere Unterstützung.
Einen Hebel für mehr Fördergelder sehen die Länderchefs in der Kohäsionspolitik. Diese soll die Unterschiede zwischen wirtschaftsstarken und schwächeren Regionen in der EU ausgleichen und kommt darum bisher überproportional Regionen außerhalb Deutschlands zugute.
Für die kommende Förderperiode (2028 bis 2034) fordern die Ministerpräsidenten eine „Fortentwicklung der Kohäsionspolitik“. Es brauche eine „angemessene Mittelausstattung und attraktive Kofinanzierungssätze“ auch „für stärker entwickelte Regionen als Wachstums- und Innovationslokomotiven der EU“. Um den Anschluss im globalen Wettbewerb zu halten, gelte es, „vorhandene Stärken zu stärken“.