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Europas neue Führung Das Lagarde-Experiment

Die bisherige IWF-Chefin ist keine erfahrene Geldpolitikerin. Dennoch könnte die EZB von ihren wertvollen Managementfähigkeiten profitieren. Ökonomen und Märkte haben eine klare Erwartung an Lagarde.
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Christine Lagarde: Keine Ökonomin, aber Krisenmanagerin Quelle: AP
Christine Lagarde

Die Französin führt seit 2011 den Internationalen Währungsfonds und soll nun die EZB übernehmen.

(Foto: AP)

Berlin, Frankfurt Auf dem Schreibtisch von Christine Lagarde in der Beletage des Internationalen Währungsfonds stand jahrelang ein kleines Holzschild: „Es kann nächste Woche keine weitere Krise geben, mein Kalender ist bereits voll.“ Mit Charme und Verstand hat die Französin den IWF in den vergangenen Jahren geführt. Sie war ein Ruhepol in stürmischen Zeiten.

Und genau das erwarten die Märkte auch in ihrer künftigen Rolle als Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB): dass sie sich als kluge und überzeugende Krisenmanagerin erweist. Die Rolle als tonangebender Geldpolitiker wird dagegen de facto der neue Chefökonom der EZB, der Ire Philip Lane, übernehmen.

Dabei stehen Lagarde wie auch Lane in der Tradition des heute amtierenden EZB-Chefs Mario Draghi. Sie gelten als Tauben, als Anhänger einer weichen Geldpolitik, zumindest solange die Inflation schwach und die Konjunktur verhalten bleibt.

Lagarde hat schon in ihrer Zeit an der Spitze des IWF Experimente unterstützt, mit denen sich die Notenbanken in den USA und in Europa gegen die Krise stemmten – die Nullzinspolitik ebenso wie den Ankauf von Staatsanleihen durch die US-Notenbank (Fed) und die EZB.

Lagarde werde „sehr wahrscheinlich“ den Kurs Draghis fortsetzen, sagt Jacob Kirkegaard, Ökonom am Peterson Institute for International Economics in Washington. Die Märkte reagieren entsprechend. In Deutschland fiel die Rendite der zehnjährige Bundesanleihe auf bis zu minus 0,39 Prozent und damit ein neues Rekordtief. Auch die Renditen der italienischen Staatspapiere gingen zurück.

Kontinuität in der Substanz – diese Ansicht ist unter Experten weit verbreitet. Im Stil hingegen steht Lagarde für einen Bruch. Hier der oft verschlossene Draghi, dort die glamouröse Französin. Lagarde weiß sich zu inszenieren, sie versteht sich auf den Umgang mit Medien genauso wie auf das Umgarnen von Politikern.

Selbst zur US-Regierung von Donald Trump knüpfte sie gute Kontakte, obwohl den „Globalismus“, den Trump mit Inbrunst hasst, kaum jemand so verkörpert wie die Französin. Als Krisenmanagerin musste Lagarde sich immer wieder beweisen. Im Jahr 2008, damals noch französische Finanzministerin, hielt sie bei der IWF-Tagung in Washington eine starke Rede, um mitten in der Finanzkrise den Märkten Mut einzuflößen.

„Wir werden eine Lösung finden, und sie wird stark genug sein“, rief sie den verängstigten Bankern zu. Als sie 2011 den IWF übernahm, stand sie vor einer doppelten Herausforderung: Die Schuldenkrise drohte nicht nur den Euro zu sprengen, sondern auch die Weltwirtschaft zu infizieren.

Gleichzeitig musste sie das durch den Vergewaltigungsvorwurf gegen ihren Vorgänger Dominique Strauss-Kahn ramponierte Ansehen der Finanzinstitution wiederherstellen. Die konservative Lagarde setzte den Abschied von den wirtschaftspolitischen Dogmen fort, den der Sozialist Strauss-Kahn eingeleitet hatte.

Der IWF wurde unter ihrer Führung transparenter, nahbarer, selbstkritischer und vor allem: keynesianischer. Statt in Krisen bloß Härte und Verzicht zu predigen, hob Lagarde die Notwendigkeit hervor, auf den sozialen Ausgleich zu achten. „Inklusives Wachstum“ war eine ihrer Lieblingsvokabeln. Lagarde bewies einer anfangs erstaunten Öffentlichkeit, dass in Washington zwar Zahlenmenschen, aber keine Sparsadisten sitzen.

Chefdiplomatin und Teamplayerin

Die 63-Jährige leitete den IWF auf eine Weise, die sich von ihren Vorgängern deutlich unterschied. Die Juristin und erfahrene Politikerin profilierte sich nicht als ökonomische Vordenkerin, sondern als Chefdiplomatin und Teamspielerin.

Lagarde verfügt über eine Gabe, die nur wenige Karrieremenschen sich bewahren: Sie ist zugänglich für Beratung. Statt mit ihrem eigenen Wissen zu prahlen, vermittelte sie die ökonomische Expertise des Apparats. Genau das wird sie voraussichtlich an der Spitze der EZB auch tun – anders als Draghi, der sein Amt seinem Ruf als Ökonom verdankt.

Lagarde hat Erfahrung im Umgang mit Staatskrisen im Euro-Raum, auch das qualifiziert sie für das Amt. Der IWF war an der Rettung Irlands, Spaniens, Portugals und Griechenlands beteiligt, insbesondere die Rettung Athens begleitete Lagarde fast ihre gesamte Amtszeit. Dabei bewies die Französin Härte, aber auch Lernvermögen, und sie zeigte Rücksichtnahme.

Zunächst wendete der IWF bei der Rettung Athens sein übliches Instrumentarium an: Für Hilfskredite musste Griechenland sparen und sein Sozialsystem reformieren. Später räumte der IWF ein, es mit dem Sparprogramm in Griechenland übertrieben zu haben, und lockerte die Auflagen.

Für viele Griechen wandelte sich der Fonds mit der Zeit vom „bad cop“ zum „good guy“. Am dritten Rettungspaket wollte sich der IWF sogar nur noch beteiligen, wenn die Schuldentragfähigkeit des Landes sichergestellt ist – und verlangte, dass die Europäer Griechenland einen Teil der Schulden erlassen.

Lagarde bewies, dass sie Konflikten nicht aus dem Weg geht. Ein Schuldenschnitt kam insbesondere für den deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble nicht infrage. Trotz der Differenzen verlor Schäuble nie ein schlechtes Wort über Lagarde.

„Frau Lagarde war in den schwierigen Zeiten nach der Finanzkrise eine umsichtige und erfolgreiche Krisenmanagerin“, ließ er übermitteln, als 2015 ihre Vertragsverlängerung beim IWF anstand. Hart in der Sache, charmant im Ton – so haben sie viele in den endlosen nächtlichen Krisentreffen in Brüssel erlebt.

Wenn die Stimmung zu kippen drohte, holte Lagarde M & M-Bonbons aus der Tasche und reichte sie herum – als Nervennahrung für gestresste Euro-Retter.

Unter Beobachtung

Lagardes politische Kontakte sind vielleicht ihr wichtigstes Kapital, so jedenfalls sieht es Peterson-Ökonom Kirkegaard. Sollte sich der Abschwung in Europa beschleunigen, dürfte das Arsenal der EZB bald erschöpft sein. Die Zentralbank wäre auf die Unterstützung der Regierungen angewiesen, vor allem auf die Unterstützung Deutschlands, das über den finanziellen Spielraum für ein Konjunkturprogramm verfügt.

Obwohl Lagarde keine Ökonomin ist, wird sie auch von Ökonomen gelobt. „Christine Lagarde ist sicherlich in der Lage, die unterschiedlichen nationalen Interessen und Perspektiven in der Währungsunion auszubalancieren“, sagte Ifo-Chef Clemens Fuest dem Handelsblatt. Ganz ähnlich Marcel Fratzscher, Präsident des Wirtschaftsinstituts DIW: „Sie versteht es, sowohl mit Finanzmärkten und Politikern als auch mit Bürgerinnen und Bürgern zu kommunizieren.“

Aber es gibt auch kritische Stimmen. So ist Jörg Krämer, Chefökonom der Commerzbank, nicht glücklich über die zu erwartende Fortsetzung der Geldpolitik im Stil von Draghi. „Leider wird der EZB-Einlagensatz wohl noch viele Jahre im negativen Bereich bleiben“, sagt er. „Damit steigt das Risiko, dass sich an den Immobilienmärkten in den kommenden Jahren gefährliche Blasen entwickeln.“

Krämer sieht außerdem kritisch, dass nach dem EZB-Vize Luis de Guindos mit Lagarde noch eine vor allem politische geprägte Persönlichkeit ans Ruder kommt. „Die EZB-Spitze wird mehr denn je Verständnis aufbringen für den unausgesprochenen Wunsch der Staats- und Regierungschefs, die ungelösten Ursachen der Staatsschuldenkrise durch eine lockere Geldpolitik zu übertünchen.“

Ähnlich der Wirtschaftsweise Volker Wieland: „Es wäre zumindest für die weiteren Ernennungen, die in den nächsten Monaten und Jahren anstehen, wichtig, wieder verstärkt Ökonominnen und Ökonomen mit geldpolitischem Hintergrund in das EZB-Direktorium zu berufen.“

Die IWF-Chefin beim Treffen der G20-Finanzminister und -Notenbankchefs im japanischen Fukuoka im Juni. Quelle: Reuters
Christine Lagarde

Die IWF-Chefin beim Treffen der G20-Finanzminister und -Notenbankchefs im japanischen Fukuoka im Juni.

(Foto: Reuters)

Stefan Bielmeier, Chefökonom der DZ Bank, lässt ebenfalls kritische Töne anklingen. Seiner Meinung nach gehört zu den Herausforderungen für Lagarde, den Spagat zwischen Geld- und Finanzpolitik zu meistern, wenn etwa eine Zinserhöhung notwendig wird, zugleich aber damit eine steigende Belastung hochverschuldeter Staaten verbunden ist.

„Ich gehe davon aus, dass sie in dem Fall die gesamte Stabilität vor die Preisstabilität setzt“, formuliert Bielmeier seine vorsichtige Kritik. Er setzt hinzu: „Es zeigt sich, dass die Besetzung von wichtigen Positionen in Notenbanken immer mehr von politischen Überlegungen bestimmt wird. Das ist auch logisch, weil die politische Relevanz der Zentralbanken deutlich zugenommen hat.“

Bei Ökonomen im Ausland wird zum Teil auch kritisch gesehen, dass Lagarde keine Ökonomin ist. So hat sich zum Beispiel Erik Nielsen, Chefökonom von Unicredit, geäußert. Ähnlich Stefan Gerlach, Chefökonom der EFG Bank und früherer Vizechef der irischen Notenbank: Er fürchtet, dass eine Krise mit „einer komplett neuen Situation“ Lagarde überfordern könnte.

Mehr: Auf diese Personalien haben sich die Regierungschefs auf dem EU-Sondergipfel sonst noch geeinigt.

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2 Kommentare zu "Europas neue Führung: Das Lagarde-Experiment"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Diese Vorgänge in der EU mit der Verteilung der Spitzenämter zeigt wiedereinmal ganz deutlich dass die Bürger der EU die Beute arrogannter Politiker, allen voran Macron, Merkel usw. sind. Russland, China sind demokratischer strkturiert als diese EU. Abschaffen der undemokratischen EU wie es die AfD gefordert hat besser heute als morgen.
    Eine bekennende Vertragsbrecherin und verurteilte Finanzministerin soll EZB-Chefin werden.
    - Manager magazin 20.12.16: "IWF-Chefin Christine Lagarde ist mit einem blauen Auge davongekommen, obwohl ein Pariser Gericht sie der Fahrlässigkeit in der sogenannten Tapie-Affäre um veruntreute Staatsgelder (ca. 400 Mio Euro) schuldig gesprochen hat. Das Urteil mag als salomonisch oder skandalös angesehen werden, in jedem Fall hinterlässt es viele Fragezeichen. Die Glaubwürdigkeit einer der mächtigsten Frauen der Welt ist durch den Prozess erschüttert."
    - focus Artikel von Prof Sinn: "Als französische Finanzministerin habe Lagarde 2010 gesagt, dass man „die EU-Verträge brechen musste, um den Euro zu retten“. Tatsächlich habe sie französische Banken retten wollen. Sinn wörtlich: „Jemanden, der zu Vertragsbrüchen bereit ist und eine derart nationalistische Politik macht, brauchen wir nicht an der Spitze der EU.“
    Welche Qualifikationen als Bankfachmann/frau hat sie, die sie für den Job befähigen würden? Keine, ihre Ausbildung befähigt sie in keinster Weise als EZB-Chefin.
    Ausbildung: Ein Studium in Sozialrecht am Institut d’études politiques d’Aix-en-Provence,
    Zur Vorbereitung auf das Studium an der École nationale d’administration (ENA) besuchte sie anschließend das Institut d’études politiques de Paris (auch bekannt als Sciences Po) und die Université Paris X-Nanterre. Die Aufnahmeprüfung für die ENA bestand sie nicht. Schließlich machte sie einen MA in Englisch, einen Master of Business Law (LL.M.) und ein Diplom in Arbeitsrecht an der Universität Paris X-Nanterre.
    Ja jetzt lassen die die Katze aus dem Sack, eine Straftäterin wird EZB-Chefin.

  • Und gleich in der Überschrift am Thema vorbei, nicht so schön vom HB(?)
    Was heißt hier Sie ist keine Geldpolitikerin; gerade das Gegenteil -> (ref. DW) „Bernard Tapie, 2008 eine Entschädigung in Höhe von rund 400 Millionen Euro auf Kosten der französischen Steuerzahler“ (und/oder zukünftig EU Steuerzahler, d.h. natürlich nur dort wo Steuern bezahlt werden). Damit haben wird dann zwei Damen auf den höchsten und wichtigsten Positionen – nimmt bestimmt oft den Druck bei wichtigen Themen von unserer Kanzlerin – SYSTEM(?)
    Schade - und ich liebe wirklich Europa!!!!

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