Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Camp Moria

Moria auf Lesbos ist das größte Lager auf den griechischen Inseln der östlichen Ägäis.

(Foto: AP)

Europas Schande Flüchtlinge in der Hölle von Moria: „Hier gilt nur das Gesetz der Gewalt“

In den Flüchtlingslagern auf den griechischen Ägäisinseln herrschen katastrophale Zustände. Die Regierung in Athen bekommt die Probleme nicht in den Griff. Und Europa schaut weg.
Kommentieren

Lesbos In der Nacht hat sich der Wind gedreht. Er treibt aus Nordwesten Wolkenfetzen über das Lager. Es ist kalt geworden. Die drei jungen Männer rücken näher an das Feuer. Auf zwei Ziegelsteinen steht über den Flammen ein rußgeschwärzter Kochtopf. „Wir machen Bohnensuppe“, sagt Kamal. „Das Essen im Lager ist schlecht, man steht an der Ausgabe über eine Stunde an, und wenn Du endlich an die Reihe kommst, ist es längst kalt“, erklärt Malek.

Camp Moria – einer von fünf Hotspots, wie die Erstaufnahmelager auf den griechischen Inseln der östlichen Ägäis heißen. Moria auf Lesbos ist das größte Lager – und das berüchtigtste. Für 3100 Menschen ist es ausgelegt. Aber im vergangenen Herbst waren hier zeitweilig mehr als 8800 Migranten eingepfercht. Jetzt sind es immer noch 5000.

Die Schließung der Balkangrenzen im Februar 2016 und der im Monat darauf mit der Türkei ausgehandelte Flüchtlingsdeal haben den Migrantenstrom gebremst. Kamen im Herbst 2015 täglich fast 7000 Flüchtlinge auf die griechischen Inseln, waren es 2018 durchschnittlich etwa 75 am Tag. Aber auch damit sind die griechischen Behörden noch überfordert.

Neuankömmlinge, die in den überfüllten Wohncontainern keinen Platz mehr bekommen, müssen sich im provisorischen Lager nebenan eine Bleibe suchen. Dort schlagen sie ihre Campingzelte auf oder hausen in selbstgezimmerten Unterschlägen. Kinder spielen im Müll, der überall zwischen den Zelten herumliegt. Gleich neben dem Zaun, der das Lager umgibt, fließt ein stinkendes Rinnsal aus Fäkalien zu Tal. Wenn es regnet, verwandelt sich das Lager in eine Schlammwüste.

„Olivenhain“ nennt man bei der Lagerverwaltung das Behelfscamp mit seinen mehr als 1000 Bewohnern. Jene, die hier leben, sprechen von der „Hölle“.

Während Kamal in der dampfenden Bohnensuppe rührt, versucht Malek mit einer Axt einen Baumstumpf zu Brennholz zu zerkleinern. Es beginnt zu nieseln. „Wenn jetzt der Winter kommt, was soll dann aus uns werden?“, fragt Dschamal. Die drei Männer teilen sich ein winziges Campingzelt. „Wenn ich gewusst hätte, wie es hier aussieht, wäre ich in der Türkei geblieben“, sagt er.

Vor neun Monaten kamen die drei Syrer in einem Schlauchboot mit zwei Dutzend anderen Migranten über die Ägäis nach Lesbos. 800 Dollar haben sie den Schleusern für die gefährliche Überfahrt gezahlt. Jetzt warten sie im Camp Moria auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge. Erst im Februar haben sie ihren ersten Termin bei der Asylbehörde im Lager.

Fast 62.000 Menschen haben in diesem Jahr in Griechenland Asyl beantragt. 14.500 von ihnen harren auf den Ägäisinseln aus. Insgesamt haben die fünf Hotspots aber nur eine Kapazität von 6483 Plätzen. Internationale Organisationen schlagen Alarm. Mitarbeiter der UN-Flüchtlingsagentur UNHCR begegneten in Moria Schlangen und Ratten. „Abwässer und Fäkalien fließen offen durch das Lager“, heißt es in ihrem Bericht.

Kumi Naidoo, Generalsekretär von Amnesty International, berichtete nach einem Besuch in Moria, er sei „sprachlos und schockiert“. Die Zustände in dem Lager seien „das Abscheulichste und Beschämendste, was ich je gesehen habe“. Was ihn besonders alarmiert habe, sei die von vielen Frauen im Lager geäußerte Angst vor sexueller Belästigung und Gewalt.

„Hier gilt nur das Gesetz der Gewalt“

Selbst kräftige junge Männer, wie die drei Syrer, haben Angst. Wenn es dunkel wird, kommen die Gangs: „Drogen, Prostitution, Vergewaltigungen, Diebstähle – hier gilt nur das Gesetz der Gewalt“, sagt Malek. Fotografiert werden wollen die drei nicht – aus Angst vor Rache, wie sie sagen. Sie wollen nur eins: „Weg von hier, so schnell wie möglich“, sagt Malek. Sein Ziel ist Deutschland.

Die meisten in Moria wollen weiter nach Deutschland. Auch Huma. „Einer meiner Brüder lebt dort“, sagt die Afghanin. Sie versucht, ihr weinendes Kind zu beruhigen, das sie auf dem Arm trägt. Huma hat in Kabul Wirtschaftswissenschaften studiert und spricht recht gut Englisch. „Wir mussten vor den Taliban fliehen“, erzählt die junge Mutter.

Die junge Mutter hat in Kabul Wirtschaftswissenschaften studiert – und spricht gut Englisch. Nun wartet sie auf Lesbos auf die Bearbeitung ihres Asylantrages. Quelle: Gerd Höhler
Huma mit ihrem Kind

Die junge Mutter hat in Kabul Wirtschaftswissenschaften studiert – und spricht gut Englisch. Nun wartet sie auf Lesbos auf die Bearbeitung ihres Asylantrages.

(Foto: Gerd Höhler)

Über den Iran und die Türkei kam die Familie nach Lesbos. „Seit drei Monaten sind wir hier, aber meine drei Kinder sind fast ständig krank, vor allem meine jüngste Tochter“, sagt die 33-Jährige. Schätzungsweise 2000 Kinder leben in Moria, aber einen Kinderarzt gibt es nicht im Lager. Außerhalb des Camps hat die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen eine kleine Zeltklinik aufgebaut. Die Kinderärztin setzt das Stethoskop an, um herauszufinden, was der Kleinen fehlt.

30 kranke Kinder hat Carola Buscemi an diesem Vormittag schon untersucht. „Wir können hier etwa 100 Patienten pro Tag betreuen, manchmal schaffen wir auch 120, aber der Andrang wird immer größer“, sagt die junge Italienerin. Seit acht Monaten ist sie auf Lesbos. Es ist ihr erster Auslandseinsatz für die Ärzte ohne Grenzen – und dann gleich Moria: „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass Menschen in Europa heutzutage unter diesen katastrophalen Umständen leben müssen“, sagt die Ärztin.

Fast alle Erkrankungen haben mit den Lebensbedingungen im Lager zu tun. „Anfangs waren es vor allem Infekte und Hauterkrankungen, die wir behandeln musste, aber je länger die Kinder im Lager zubringen, desto häufiger sind wir mit ernsten psychischen Problemen konfrontiert“, sagt Carola. „Die meisten Kinder sind ja schon durch den Krieg in ihrer Heimat und die Flucht schwer traumatisiert, und dann kommen die unmenschlichen Lebensbedingungen und die täglich erlebte Gewalt im Lager hinzu.“

Die Kinderärztin arbeitet für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Quelle: Gerd Höhler
Carola Buscemi

Die Kinderärztin arbeitet für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen.

(Foto: Gerd Höhler)

Dieser Stress treibt manche Kinder in die Verzweiflung. „Wir sehen extreme Aggressivität, Selbstverletzungen und sogar Selbstmordversuche“, berichtet Buscemi. Einer ihrer Suizid-Patienten ist ein siebenjähriger Junge aus Syrien: „Erst hat er versucht, sich zu erhängen, dann ist er auf einen doppelstöckigen Wohncontainer geklettert und wollte sich herunterstürzen.“ Wie verzweifelt muss ein Siebenjähriger sein, wenn er an Selbstmord denkt?

Unter den Heranwachsenden entlädt sich die Frustration immer häufiger in sexueller Gewalt. Mindestens 21 Menschen sind nach Feststellungen von Ärzte ohne Grenzen allein seit Anfang Mai 2018 in und um Moria sexuell misshandelt worden. Die Organisation hat die Opfer in ihrer Klinik behandelt. Die Hälfte sei unter 18, zwei seien sogar erst fünf Jahre alt gewesen. Der stellvertretende Lagerleiter Dimitris Vafeas winkt ab, wenn man ihn darauf anspricht. Das seien „Fake News“, Lügen, erklärt Vafeas. Bisher habe es erst einen einzigen Verdachtsfall einer Vergewaltigung gegeben, sagt Vafeas. Man habe die Lage „im Griff“.

Europa schaut weg

Internationale Beobachter sehen das anders. Die Organisation Human Rights Watch (HRW) warnt vor einer „ausgewachsenen humanitären Katastrophe“, wenn das Lager Moria nicht schnellstens winterfest gemacht wird und die Familien, die jetzt noch in unbeheizten Campingzelten hausen, kein festes Dach über dem Kopf bekommen. „Tausende Menschen, die in Europa Schutz suchen, werden auf Lesbos ihrer elementarsten Rechte auf eine menschenwürdige Behandlung beraubt“, sagt Todor Gardos von HRW.

Die von der EU unterstützte Politik, wonach Asylsuchende auf den Inseln festgehalten werden, bis über ihren Schutzstatus entschieden ist, habe Lesbos „in ein Freiluftgefängnis verwandelt“, kritisiert Gardos. HRW nimmt auch die EU in die Pflicht: „Die widerwärtigen Zustände sind eine kollektive Schande für Europa.“ Aber Europa schaut weg. Hauptsache, die Migranten bleiben in Griechenland.

Unter dem Druck der internationalen Öffentlichkeit hat der für die Migrationspolitik zuständige Minister Dimitris Vitsas im Herbst 2018 immerhin begonnen, besonders schutzwürdige Asylbewerber wie Kinder, schwangere Frauen und Kranke in Unterkünfte aufs Festland umzusiedeln. An der Überfüllung hat das aber wenig geändert. Auf Samos leben mehr als 3700 Migranten in einem Lager, das für 648 Personen ausgelegt ist. Selbst Minister Vitsas beschreibt die Lage in den Insellagern als „schwierig“.

„Das größte Problem sind die schleppenden Asylverfahren“, sagt Christiana Kalogirou. Als Präfektin der Region Nördliche Ägäis ist sie für drei der fünf „Flüchtlingsinseln“ zuständig. Aber der Politikerin sind die Hände gebunden. In den Lagern hat allein Migrationsminister Vitsas das Sagen. „Untragbar“ seien die Zustände, sagt Kalogirou. Sie hat bereits Bußgelder von 150.000 Euro wegen Verstößen gegen die Hygienevorschriften gegen das Ministerium verhängt.

Seit zwei Jahren fordert Kalogirou eine Beschleunigung der Asylverfahren. Sie dauern endlos, weil die Asylbehörde zu wenig Personal hat. „Pro Woche werden auf Lesbos etwa 100 Verfahren entschieden“, rechnet die Präfektin vor. In manchen Wochen werden aber 300 Neuankömmlinge und mehr auf der Insel registriert. Die Warteliste wird also immer länger.

Wegen der schleppenden Asylverfahren stocken auch die im Flüchtlingsdeal vorgesehenen Rückführungen in die Türkei. Seit Inkrafttreten der Vereinbarung hat Griechenland nicht einmal 2000 Migranten zurückgeschickt. Wer jetzt auf Samos ankommt, muss auf seinen ersten Termin bei der Asylbehörde bis November 2019 warten. „Jetzt kommt der Winter mit Kälte, Regen und Schnee“, sagt die Präfektin Kalogirou. „Was soll dann aus dem Menschen in den Zelten werden?“

Auch Amnesty International schlägt Alarm. In einem offenen Brief an Ministerpräsident Tsipras bezeichnete Amnesty-Generalsekretär Naidoo die Zustände in Moria als „eine Narbe auf dem Gewissen Europas“. Naidoo appellierte an den Premier, „die menschliche Würde jener wiederherzustellen, die in Moria und den anderen Insellagern gefangen sind“.

Startseite

Mehr zu: Europas Schande - Flüchtlinge in der Hölle von Moria: „Hier gilt nur das Gesetz der Gewalt“

0 Kommentare zu "Europas Schande: Flüchtlinge in der Hölle von Moria: „Hier gilt nur das Gesetz der Gewalt“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote