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Europawahl

Analyse Im Technologie-Wettrennen bremst Europa sich selbst

Kleinstaaterei und fehlendes Risikokapital verhindern den digitalen Fortschritt Europas. Aufholen können die Staaten nur, wenn sie zusammenarbeiten.
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Der technische Fortschritt bewegt sich im Schneckentempo, heißt es von vielen Europäern. Quelle: Bloomberg
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Der technische Fortschritt bewegt sich im Schneckentempo, heißt es von vielen Europäern.

(Foto: Bloomberg)

Berlin Für Kai-Fu Lee ist der Zug abgefahren: „Europa könnte im Technologie-Wettrennen mit China und den USA leer ausgehen.“ So warnte der chinesische Hightech-Investor Anfang des Jahres auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Auch nach Meinung der meisten Europäer bewegt sich der technische Fortschritt in Europa eher im Schneckentempo.

Nach einer Umfrage des Vodafone Instituts in neun europäischen Ländern vermissen 60 Prozent der Befragten bei ihren Regierungen den Willen zur Digitalisierung. Zwei Drittel befürchten sogar, die europäische Politik habe gar nicht die Fähigkeiten, um in der Champions League der digitalen Weltwirtschaft mitzuspielen.

Bei den Unternehmen sieht es nicht viel besser aus: Nach einer Umfrage der Boston Consulting Group (BCG) beschäftigen sich weniger als die Hälfte aller deutschen Firmen mit der Zukunftstechnologie Künstlicher Intelligenz (KI). Bei der Aufgabe, den technologischen Wandel in Europa aktiv zu gestalten, schwankt die Politik zwischen Aktionismus und Ratlosigkeit. So gibt es zahlreiche, meist nicht abgestimmte nationale Initiativen zur Förderung von Schlüsseltechnologien.

Obwohl es mit der Joint European Disruptive Initiative (JEDI) auf europäischer Ebene bereits eine gemeinsame Plattform für Zukunftstechnologien gibt, leistet sich Deutschland immer noch eine eigene Agentur zur Förderung von Sprunginnovationen.

Oder Berlin und Paris preschen ohne Abstimmung mit der Kommission und im Widerspruch zum europäischen Wettbewerbsrecht mit einer „nationalen Industriestrategie“ vor, die mithilfe von „European Champions“ (digitaler Airbus) den Abstand zu den USA und China wettmachen soll. Wir haben inzwischen Digitalgipfel, Digitalpakte und sogar einen europaweiten Digitaltag.

Im Kontrast zu diesem politischen Aktionismus fehlen den Politikern im Europawahlkampf jedoch die Worte und wohl auch die Ideen, wenn es um den technologischen Wandel und seine Folgen für Arbeitswelt und Sozialsysteme geht. Europas technologischer Offenbarungseid kommt zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt.

In vielen EU-Ländern werden gerade die Weichen für die Schlüsseltechnologie der fünften Mobilfunkgeneration (5G) gestellt. Die hochmoderne 5G-Mobilfunktechnologie wird künftig unser gesamtes Leben vernetzen: vom Thermostat im Wohnzimmer über selbstfahrende Autos auf den Straßen und intelligente Maschinen in den Fabrikhallen bis hin zu autonomen Waffensystemen auf den Schlachtfeldern der Zukunft.

Kleinstaaterei trotz Binnenmarkt

Es spricht Bände, dass Europa gerade im Streit zwischen den USA und China über die Sicherheit des chinesischen Netzwerkausrüsters Huawei zerrieben wird. Zwar gibt es mittlerweile eine Empfehlung der EU-Kommission für ein abgestimmtes Verhalten gegenüber Huawei. Warum sich aber Berlin, Paris und London nicht längst zusammengesetzt haben, um gemeinsame Regeln für die Einführung der 5G-Technologie zu erarbeiten, kann niemand erklären.

Stattdessen herrscht trotz EU-Binnenmarkt europäische Kleinstaaterei. Der Streit um die Digitalsteuer ist dafür ein weiteres Beispiel: Frankreich führt sie im Alleingang ein, die nordischen EU-Länder lehnen sie ab und Deutschland hofft auf eine globale Lösung, aber ohne Aussicht auf Erfolg.

Stückwerk sind bislang auch die Bemühungen, der chinesischen Technologie-Offensive und den übermächtig erscheinenden Internetplattformen aus den USA eine eigene europäische Strategie entgegenzusetzen. Die EU-Kommission hat sich vor allem auf die Vollendung des digitalen Binnenmarktes konzentriert und dabei durchaus Erfolge erzielt. Der bislang größte ist sicherlich die europäische Datenschutz-Grundverordnung, auf die inzwischen sogar die Amerikaner neidisch sind.

Die Erfolgsformel für die digitale Ära sieht ganz anders aus als im Industriezeitalter. Jacques Bughin – McKinsey Global Institute

Weitere Fortschritte hat es gerade beim einheitlichen Urheberrecht, der schrittweisen Abschaffung des Geoblockings und der Kontrolle von Machtmissbrauch durch Google und Co. gegeben. Der europaweite Onlinehandel mit einem schnell wachsenden Volumen von inzwischen 500 Milliarden Euro pro Jahr ist durchlässiger geworden. Die grenzüberschreitende Auslieferung online bestellter Waren wird aber immer noch durch unterschiedliche nationale Produktstandards behindert.

Als Schiedsrichter auf den digitalen Marktplätzen ist Europa durchaus erfolgreich. Ein wirklicher Player ist die EU in der digitalen Weltwirtschaft aber noch nicht. Weder gibt es eine wettbewerbsfähige europäische Cloud noch hat Europa eine digitale Plattform mit globaler Reichweite zustande gebracht, die mit Google, Amazon, Baidu oder Alibaba mithalten könnte.

„Wir dürfen es nicht externen Plattformen aus den USA überlassen, uns von Falschmeldungen in den sozialen Medien zu befreien“, fordert JEDI-Sprecher André Loesekrug-Pietri. Das erste von bislang 40 geplanten europäischen Forschungsprojekten soll deshalb mithilfe Künstlicher Intelligenz Fake News identifizieren und noch vor den Europawahlen Ende Mai auf den Weg gebracht werden.

Zu wenige öffentliche Investitionen

Ein Anfang, aber noch kein Durchbruch. Die Brüsseler Denkfabrik Bruegel führt den Mangel an innovativem Unternehmertum vor allem auf zu geringe öffentliche Investitionen in Zukunftstechnologien wie KI und Robotics sowie auf die Schwäche des europäischen Marktes für Risikokapital zurück. Noch immer bekommen die europäischen Start-ups ihr Kapital meist von Investoren jenseits des Kontinents.

Ob der Übersetzungsdienst DeepL, der Online-Modehändler About you oder die Smartphone-Bank N26 – sie alle werden vorwiegend aus dem außereuropäischen Ausland finanziert. Laut Angaben der EU-Kommission haben Venture-Capital-Unternehmen im Jahr 2016 rund sechsmal so viel in den USA investiert wie in Europa.

Während die Pioniere aus dem Silicon Valley von der Risikofreude privater Kapitalgeber profitieren, züchten Chinas ehrgeizige Technologie-Leninisten ihre Hightech-Schmieden mit staatlichen Mitteln hoch. Dass „Bundesplanwirtschaftsminister“ Peter Altmaier jetzt protektionistische Werkzeuge der Industriepolitik aus der Mottenkiste holt, um technologisch wieder Anschluss an die Weltspitze zu finden, ist eher ein Zeichen der Verzweiflung als Ausdruck einer Strategie.

Zwar ist es richtig, insbesondere gegenüber China auf Fair Play und Gegenseitigkeit zu beharren, nationale oder europäische Schutzzäune um bestimmte Branchen oder gar Unternehmen zu errichten ist jedoch eine Anleitung zum wirtschaftlichen Abstieg. „Ein neuer Trend zur Autarkie unter dem Schlagwort „Technologiesouveränität“ gefährdet die Wohlstandsvorteile der Globalisierung“, warnt Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel.

Wichtiger wäre es, die technologische Aufholjagd zu planen. „Die Erfolgsformel für die digitale Ära sieht ganz anders aus als im Industriezeitalter“, betont Jacques Bughin, Direktor der Unternehmensberatung McKinsey & Co. aus Brüssel. Und sie ist kein Geheimnis: mehr Wagniskapital, steuerliche Anreize in der Grundlagenforschung, mehr Geld und Anstrengungen für Aus- und Weiterbildung – und nicht zuletzt eine bessere Koordination der nationalen Initiativen auf europäischer Ebene.

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