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Europawahl

Daimler-CEO Dieter Zetsche Offen und geschlossen – zwei Wünsche für Europa

Die EU ist das Beste was Europa passiert ist, aber sie ist nicht fehlerfrei. Der Daimler-CEO über Vorteile von Offenheit und die nötige Verbundenheit.
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Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Daimler AG. Ende Mai geht er in Rente. 2021 will er dann Aufsichtsratschef von Daimler werden.
Dieter Zetsche

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Daimler AG. Ende Mai geht er in Rente. 2021 will er dann Aufsichtsratschef von Daimler werden.

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Die Europäische Union ist ein großes, einzigartiges Friedensprojekt. Und ich finde, es spricht für Europa, dass das Argument „Frieden“ gerade in jüngeren Generationen nicht mehr so zieht. Ich bin aber auch überzeugt: Die Jüngeren muss man nicht mit der Angst vor der Vergangenheit zu entschlossenen Europäern machen.

Es gibt ein noch viel besseres Argument: die Lust auf Zukunft. Vor uns liegt eine Fülle an neuen Möglichkeiten. Wenn wir sie nutzen wollen, brauchen wir zum einen noch mehr Offenheit und zum anderen noch mehr Geschlossenheit. Das sind meine beiden Wünsche für Europa.

1. Offenheit

Wenn es eines gibt, das wir in den letzten Jahren vom IT-Sektor lernen konnten, ist es die Tatsache, dass offene Systeme tendenziell erfolgreicher sind als geschlossene. Das gilt für Daimler und die EU ebenso wie für Windows und Android. Für unsere erfolgreiche Zukunft ist Offenheit eine Grundvoraussetzung. Und das ist allem voran eine Frage der Haltung. Statt zu lamentieren, warum etwas unmöglich oder zumindest unwahrscheinlich, aber in jedem Fall unbezahlbar ist, sollten wir neuen, mutigen Ideen mehr Raum geben.

Zugegeben, das ist leichter gesagt als getan. Wer die Strukturen in Unternehmen kennt, weiß: In Großkonzernen gibt es ganze Abteilungen, die sich nicht damit beschäftigen, wie man Risiken eingeht, sondern wie man sie vermeidet. Und das aus gutem Grund – schließlich geht es um Hunderttausende Arbeitsplätze. Wer sich jedoch zu sehr mit der Vermeidung von Risiken beschäftigt, übersieht schnell das größte Risiko: Stagnation.

Unternehmen und ganze Volkswirtschaften begehen die größten Fehler in Phasen, in denen es gut läuft. Angesichts sicherer Gewinne oder hoher Steuereinnahmen ist es leicht zu sagen: „Der Erfolg gibt uns Recht. Wir machen genau so weiter.“ Hätten Carl Benz und Gottlieb Daimler vor 130 Jahren so gedacht – sie hätten nicht das Auto erfunden, sondern das Pferd optimiert.

Und wir hätten vermutlich nicht angefangen, Autos auch zu teilen, statt nur zu verkaufen – um ein Beispiel aus der jüngeren Daimler-Geschichte zu nennen. Auch die EU ist kein Projekt, auf dem man sich, einmal erfolgreich geeint, ausruhen kann. Wenn wir uns nicht für die Zukunft der EU starkmachen, überlassen wir den Europagegnern kampflos das Feld. Wie können wir also mehr Offenheit und mehr Lust auf Zukunft in Europa verankern?

In den letzten Jahren ist das Innovationstempo stetig gestiegen, aber wirklich bahnbrechende, disruptive Innovationen sind rar – auch im digitalen Zeitalter. Umso wichtiger ist es, das richtige Klima in Europa zu schaffen. Ein Klima, das im Zweifel eher vermeintlich unreife Innovationen fördert, statt über unreife Regularien zu debattieren.

Bei Daimler haben wir in den letzten Jahren unsere komplette Unternehmenskultur auf den Prüfstand gestellt und den größten Wandel unserer Geschichte angestoßen. Wir sind längst nicht am Ende. Aber wir haben an vielen Stellen bereits mehr Offenheit in unsere Arbeit gebracht – mit kürzeren Entscheidungswegen, mehr Gestaltungsspielraum, mehr Risikofreude.

In beiden Fällen brauchen Veränderungen vor allem eins: einen langen Atem. Natürlich kann man Daimler nicht mit der EU vergleichen. Aber auch wir brauchen für große Projekte Durchhaltevermögen. Beispiel E-Mobilität: Zum Ziel der Bundesregierung, bis 2020 eine Million E-Autos auf deutschen Straßen zu haben, müssen wir die heutigen Elektro-Zulassungen mehr als verzehnfachen. Man könnte also kapitulieren.

Stattdessen haben wir bei Daimler den Schalter umgelegt: Wir investieren in den nächsten Jahren mehr als 10 Milliarden Euro in unsere Elektroflotte, eine weitere Milliarde in unsere Batteriefabriken und wir haben uns den Zugang zu Batteriezellen für 20 Milliarden Euro gesichert. Bis 2022 werden wir unser gesamtes Pkw-Portfolio elektrifizieren. Daneben elektrifizieren wir auch Vans, Trucks und Busse. Unser Ziel bei all dem ist klar: Das Auto wurde hier in Europa erfunden – wir wollen, dass auch seine Neuerfindung von hier aus vorangetrieben wird.

Dieser Gastbeitrag stammt aus diesem Buch:
Sven Afhüppe, Thomas Sigmund (Hg.):
Europa kann es besser
Wie unser Kontinent zu neuer Stärke findet. Ein Weckruf der Wirtschaft
Herder Verlag 2019, 240 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-451-39360-0
Erschienen am 15. April 2019
Das Buch bei Amazon bestellen.

Die Rahmenbedingungen stimmen: Nirgends auf der Welt wird so viel in die Forschung und Entwicklung von neuen Fahrzeugen investiert wie in Europa. Damit diese hohen Investitionen zu großen Innovationen werden, braucht es aber nicht nur Offenheit für neue Ideen – es braucht auch Geschlossenheit, um sie gemeinsam erfolgreich anzupacken. Und damit bin ich bei meinem zweiten Wunsch.

2. Geschlossenheit

In einer Rede zur Lage der Europäischen Union sagte Jean-Claude Juncker letztes Jahr: „Wer sein Land liebt, muss Europa lieben.“ Das klingt nach viel Pathos. Im Prinzip ist es aber einfache Mathematik: Derzeit leben auf der Erde rund 7,3 Milliarden Menschen. 81 Millionen davon in Deutschland – ein winziger Bruchteil. Laut Schätzungen der UNO wird die Weltbevölkerung bis 2020 jedes Jahr um 78 Millionen Menschen zunehmen. Oder anders gesagt: fast ein Mal Deutschland pro Jahr.

Umso mehr brauchen wir die Europäische Union – denn sie gibt uns deutlich mehr Gewicht am Verhandlungstisch. Um unsere Interessen auf der globalen Bühne durchzusetzen, müssen wir in der Welt geschlossen als Europäer auftreten und nicht als Polen, Italiener oder Deutsche. Dabei ist klar: Ein starkes Europa bedeutet nicht, dass alle Probleme in Brüssel gelöst werden können und sollen. Im Gegenteil: Die EU kann durch mehr Subsidiarität noch attraktiver werden. Wir brauchen nicht mehr Regularien, sondern mehr Zusammenhalt bei den großen Fragen.

Auch in der Wirtschaft setzen wir bei großen Innovationen immer häufiger auf große Kooperationen. Nur ein aktuelles Beispiel: Mit unseren Mobilitätsdiensten war Daimler bereits Nummer eins in Europa. Wir hätten uns also entspannt zurücklehnen können. Angesichts des globalen Wettbewerbs wäre das aber der größte Fehler, den wir machen könnten. Wir wollen unseren Kunden aus Europa heraus ein echtes Gegengewicht – etwa zu Didi oder Uber – bieten. Deshalb haben wir im Feld der Mobility Services die Kräfte mit einem unserer ältesten und härtesten Konkurrenten gebündelt – mit BMW. Um gemeinsam ein noch besseres Angebot für die Kunden zu schaffen.

Und das ist nur eins von vielen aktuellen Beispielen. Ähnlich sieht es bei der Zusammenarbeit mit Bosch beim autonomen Fahren oder dem Aufbau einer flächendeckenden Elektro-Infrastruktur mit Ionity aus. Und ich bin überzeugt: Das gilt für Europa als Ganzes. Wir brauchen mehr Geschlossenheit und Kooperation. Trotzdem wünschen sich überall in Europa wieder mehr Menschen das alte Europa zurück.

Einer aktuellen Bertelsmann-Studie zufolge glauben zwei Drittel der Europäer, dass die Welt früher besser war. Die Flüchtlingswelle, die immer noch schwelende Eurokrise und der Terror haben viele Menschen verunsichert. Ich kann verstehen, dass es da verlockend sein kann, auf komplexe Fragen vermeintlich einfache Antworten zu bekommen – wie sie populistische Parteien in ganz Europa mit Erfolg anbieten und mit Abschottungsparolen auf Wählerfang gehen.

Vermutlich kennen wir alle den einen oder anderen, der den „guten alten Zeiten“ hinterhertrauert. Aber Fakt ist: „Früher war alles besser“ ist bewiesener Blödsinn. Heute haben mehr Menschen in Europa einen Arbeitsplatz als je zuvor, die Kriminalität sinkt und – glauben Sie es oder nicht – die Arbeitsstunden pro Kopf auch. In anderen Worten: Hier und heute, das sind die guten alten Zeiten – und sie werden immer besser.

Jenseits aller Statistiken zeigt schon ein kurzer Blick auf unsere Wertschöpfung, wie sehr wir alle von einem geeinten Europa profitieren. Heute entsteht kaum mehr ein Produkt isoliert in einem einzigen Land. Deshalb ist es eine einfache Rechnung: Man kann eine Volkswirtschaft nicht abschotten, ohne sie dabei abzuschalten. Wer den Wählern etwas anderes verspricht, der irrt oder lügt. Beides sind schlechte Voraussetzungen für gute Politik.

Gerade die verfahrene Lage rund um den Brexit hat gezeigt: Die Mitgliedstaaten der EU sind aufs Engste miteinander verwoben. Deshalb ist der Austritt aus dieser Gruppe auch so langwierig und schmerzhaft. Ich bin weiterhin felsenfest davon überzeugt: Kleinstaaterei ist kein Erfolgsrezept für ein modernes Europa. Das Gegenteil ist der Fall. Alle großen Fragen lassen sich nur europäisch lösen – von der Finanzpolitik über den Klimaschutz bis zur Migration.

Deshalb kommt den Wahlen zum Europaparlament eine so große Bedeutung zu. In Zeiten von weltweiten Handelskonflikten braucht Europa eine verlässliche Politik aus der Mitte der Gesellschaft. Das gilt umso mehr, je stärker Nationalegoismen in den Mitgliedstaaten aufflammen. Denn während EU-Befürworter die Vorteile einer Mitgliedschaft wortreich erklären müssen, reicht es als Gegner scheinbar aus, an den Nationalstolz zu appellieren.

Autobranche ist großer Steuerfaktor

Ich will mir nicht anmaßen, über politische Positionierungen zu urteilen. Aber eines möchte ich dennoch sagen: Der Blick in die Parteiprogramme mancher EU-Gegner offenbart ein ziemlich verqueres Bild davon, wie internationale Wirtschaft funktioniert. Was für die Wirtschaft in Europa auf dem Spiel steht, zeigen die folgenden Fakten der europäischen Automobilindustrie: Rund sechs Millionen Fahrzeuge „Made in Europe“ werden jährlich exportiert. Der Automobilsektor steht damit direkt und indirekt für mehr als 13 Millionen Arbeitsplätze in Europa. Allein in Westeuropa generiert die Automobilindustrie ein jährliches Steueraufkommen von weit mehr als 400 Milliarden Euro.

Viele große Zahlen – eine klare Botschaft: Die Autoindustrie ist nicht ganz unwichtig für Arbeit und Wohlstand in Europa. Und natürlich profitiert nicht nur diese Schlüsselbranche enorm vom vereinten Europa: vom Wegfall von Transaktions- und Kurssicherungskosten durch die gemeinsame Währung über den erleichterten und schnelleren Binnenhandel bis zu mobilen und top ausgebildeten Fachkräften.

Selbstverständlich ist die EU nicht fehlerfrei. Aber ich bin absolut davon überzeugt: Sie ist das Beste, was uns in Europa passieren konnte. Dieses Jahr feiern wir in Deutschland 70 Jahre Grundgesetz und 30 Jahre Deutsche Einheit. Ich finde, es sollte auch das Jahr sein, in dem wir in Europa wieder näher zusammenrücken. Wir haben alle nichts zu gewinnen, wenn wir in nationale Egoismen zurückfallen. Und auch Deutschland wird nicht stabiler, wenn wieder tiefere Gräben durch die Gesellschaft gezogen werden.

Noch ist nicht entschieden, wie sich Europa für die nächsten Jahre und Jahrzehnte aufstellen will. Lassen Sie uns geschlossen dafür sorgen, dass es ein offenes Europa wird.

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