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Europawahl

Douglas-Chefin Tina Müller #Forwardeurope – ein europäischer Weg in die Zukunft

Europa ist eine riesige Chance – allerdings ist die Gemeinschaft zu selbstverständlich geworden. Das europäische „Wir-Gefühl“ muss sich wieder bemerkbar machen.
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Die jetzige Douglas-Chefin Tina Müller begann ihren Aufstieg 1993 beim Kosmetikkonzern L’Oréal. Im Jahr 2018 wurde sie zum dritten Mal in die Liste der 100 einflussreichsten Managerinnen aufgenommen.
Tina Müller

Die jetzige Douglas-Chefin Tina Müller begann ihren Aufstieg 1993 beim Kosmetikkonzern L’Oréal. Im Jahr 2018 wurde sie zum dritten Mal in die Liste der 100 einflussreichsten Managerinnen aufgenommen.

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„Einen Weckruf für Europa“, vielleicht braucht es sogar ein „Aufrütteln“ oder den vielzitierten „Ruck“, der durch die EU gehen muss. Es lohnt sich, aufzustehen für Europa. Wir sind alle schon zu einem erheblichen Teil Europäer, ohne dass es uns immer bewusst ist.

Viele, gerade die jüngeren Menschen, haben heute eine europäische Biografie. Auch ich bin schon mit dem europäischen Gedanken aufgewachsen, war eine der Ersten, die am Erasmus-Programm teilgenommen haben. Mein französischer Abschluss ist in Deutschland anerkannt.

Das Unternehmen, das ich leite, ist in 21 europäischen Staaten vertreten. Wir bewegen uns ohne Grenzkontrollen durch Europa. Das alles wäre ohne EU nicht möglich. Aber es ist schon selbstverständlich, vielleicht zu selbstverständlich. Grenzkontrollen und Wechselkurse spürt man – wenn sie wegfallen, spürt man sie nicht mehr, und der Vorteil ist schnell vergessen.

Geschwindigkeit, die überfordert

Zweifellos steht Europa unter Druck. Digitalisierung und Globalisierung stellen den gesellschaftlichen Zusammenhalt vor Herausforderungen. Die viel zitierte disruptive Entwicklung heißt im praktischen Leben, dass, wer vor 20 Jahren eine Buchhandlung eröffnet hat, nun davon vermutlich kaum mehr leben kann.

Es bedeutet, dass wir bald nicht nur den Komfort selbstfahrender Autos genießen können, sondern auch, dass der Beruf des Taxi- oder LKW-Fahrers zur Disposition steht. Längst sind es nicht nur einfache Tätigkeiten, in denen die Maschine dem Menschen überlegen ist. Künstliche Intelligenz kann inzwischen juristische, finanzanalytische Aufgaben, ja sogar medizinische Diagnostik übernehmen.

Das ist alles segensreich, weil es unser Leben einfacher und effizienter macht, nicht aber unbedingt unsere Lebensplanung. Disruptiv bedeutet, dass wir am Anfang unseres Berufslebens nicht wissen, ob es den Beruf an dessen Ende überhaupt noch gibt. Unternehmen oder eine Gesellschaftsordnung lassen sich modernisieren. Mit Biografien ist das schwieriger.

Die Wucht und die Geschwindigkeit, mit denen Globalisierung und Digitalisierung unser Leben verändern, können Empfindungen von Ohnmacht hervorrufen. Die Befähigung, das eigene Leben zu steuern und zu gestalten, ist aber ein unverzichtbarer Motivator. Ihr Verlust führt zu Resignation und Frust. Ohnmacht ist für viele – für zu viele – Menschen das Grundgefühl unserer Zeit.

Der Rechtspopulismus mit seiner Rückbesinnung auf die Vergangenheit ist nicht zuletzt eine Reaktion darauf. Er offeriert die Überschaubarkeit eines beherrschbaren Lebenslaufes und suggeriert die Wiedererlangung traditionell nationalstaatlicher Souveränität.

„Mein Land zuerst“ ist keine Option

Es gibt unübersehbar ein Bedürfnis nach Repolitisierung und Führung, nach Alternativen zur Alternativlosigkeit. Die Rechtspopulisten mobilisieren die Frustrierten, bedienen den Bedarf nach Halt und Orientierung. Die EU steht auf der anderen Seite, sie ist Teil eines kulturellen Großkonflikts geworden – Globalisierung gegen Abschottung, Gender gegen klassische Rollenbilder, multikulturelle Gesellschaft gegen ethnische Homogenität, weltoffene Eliten der Metropolen gegen abgehängte ländliche Räume und eben Europa gegen Nationalstaat.

Brüssel mit seinen Richtlinien zur Bananenkrümmung und Mülltonnengröße, mit seiner zuweilen doch etwas expansiven Deutung des Subsidiaritätsprinzips, wird als Fremdbestimmung empfunden. Der Rechtspopulismus nährt dieses Gefühl. Doch die Versuche, aus dem Ressentiment Politik zu machen, sind kläglich.

Dieser Gastbeitrag stammt aus diesem Buch:
Sven Afhüppe, Thomas Sigmund (Hg.):
Europa kann es besser
Wie unser Kontinent zu neuer Stärke findet. Ein Weckruf der Wirtschaft
Herder Verlag 2019, 240 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-451-39360-0
Erscheint am 15. April 2019
Das Buch bei Amazon bestellen.

Purer Trotz ist kein Politikkonzept. Wenn wir über den Atlantik blicken, ist der Weg, sich aus der multilateralen Verantwortung heraus und zurück auf den Nationalstaat zu ziehen, nicht gerade vielversprechend.Das Brexit-Chaos in Großbritannien motiviert auch nicht zur Nachahmung. „Mein Land zuerst“ ist keine Option.

Waren- und Kommunikationsströme verlaufen längst grenzüberschreitend. Die Erhöhung der Einfuhrzölle durch Donald Trump hat den Handel über Europa schon ansteigen lassen, ein willkommenes Konjunkturprogramm für die europäische Wirtschaft. Protektionismus will das Rad der Geschichte zurückdrehen.

Das hat es immer wieder gegeben. Aber nie war er dauerhaft erfolgreich. Es ist in den letzten Jahrzehnten gelungen, eines der wichtigsten humanitären Ziele zu erreichen: die Anzahl der in extremer Armut lebenden Menschen zu halbieren. Das hat keine Entwicklungspolitik geschafft. Kein Budget der Welt hätte dafür ausgereicht. Es ist der Handel zwischen den Entwicklungs- und den Industrieländern gewesen, der das ermöglicht hat.

Europäische Union zwischen Gestaltungsinstrument und Ohnmachtsgefühl

Es wird nicht der Nationalstaat sein, der die Alternativlosigkeit überwindet. Und auch nicht der Feldzug gegen den Liberalismus. Wir brauchen die supranationale Kooperation dringend, weil die großen Herausforderungen der Gegenwart nicht an Grenzen haltmachen. Die Europäische Union ist unser Gestaltungsinstrument, unser Hebel und unser Machtmittel in einer globalisierten Welt.

Von zu vielen wird sie aber derzeit als zusätzlicher Faktor der Fremdbestimmung, des Verlustes an Souveränität empfunden. Das hat sie zum Sündenbock werden lassen, zur willkommenen Projektionsfläche der Abgrenzung und Stärkung nationaler Identitäten.

Aus diesem Konflikt muss Europa raus. Das ist nicht einfach, aber es lohnt jede Mühe. Am Beispiel des Brexit manifestiert sich, dass nichts weniger als der Zusammenhalt der EU daran hängt.

Raus aus der Sackgasse

Nach der zweifellos emotionalen – um nicht zu sagen irrationalen – Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen, ist der Brexit nun das Exempel, an dem die Folgen der populistischen Europhobie statuiert werden. Der Brexit soll wehtun. An ihm lässt sich demonstrieren was wir an Europa haben, spürbar machen, was allzu selbstverständlich geworden ist.

Diese Haltung der EU-Verhandler ist nachvollziehbar. Aber ist sie auch richtig? Der Ausgang des Votums war denkbar knapp. Bislang sind alle Versuche, es umzusetzen, ohne erforderliche parlamentarische Unterstützung geblieben. Die Situation ist festgefahren. Bei allem Respekt vor dem Ergebnis
einer demokratischen Abstimmung – die EU sollte Großbritannien darin unterstützen, auch umkehren zu können, statt ständig weiter gegen die Wand zu laufen. In der Eurokrise hat die EU mit dem überschuldeten Griechenland auch Langmut bewiesen.

Wir sollten nichts unversucht lassen, auch Großbritannien zu halten. Oder zumindest einen pragmatischen Brexit unterstützen, statt ausschließlich auf den Lerneffekt eines schmerzhaften Austritts aus der EU zu setzen.

Europa muss unmittelbar erlebbar sein

Die Spannungslinien in der Gesellschaft verlaufen zwischen Modernisierungsgewinnern und Verlierern von Globalisierung und Digitalisierung, zwischen Fortschrittsoptimisten und -skeptikern. Die EU wird in diesem Konflikt ganz klar auf der Seite der Gewinner verortet. Es gibt ein europäisches Wir-Gefühl. Es ist tendenziell städtisch, gebildet und verdient gut. Dieses Wir-Gefühl muss
aber auch die anderen erreichen. Europa ist nicht einfach ein Lieblingsprojekt der Eliten, beweihräuchert in staatstragenden Reden, immer wieder beschworen als Jahrhundertprojekt und Friedensgarant. Selbstreferenzielles Pathos genügt nicht. Die EU muss als Chance und Schutzinstanz erlebbar sein, im Miteinander mit den Nationalstaaten und ihren spezifischen Identitäten.

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