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Europawahl

Giesecke+Devrient-Chef Ralf Wintergerst Digitale Gesellschaft braucht europäischen Geist

Europa kann eine führende Rolle bei der Gestaltung unserer Zukunft einnehmen. Dafür müssen aber die ureigenen Stärken entschlossen eingesetzt werden. Ein Gastbeitrag.
02.05.2019 - 09:20 Uhr Kommentieren
Der Chef des Nanotechnologie-Herstellers Giesecke + Devrient hat BWL in Düsseldorf, Dortmund und Hagen studiert. Außerdem hält er Masterabschlüsse in Management, Politik und Philosophie.
Ralf Wintergerst

Der Chef des Nanotechnologie-Herstellers Giesecke + Devrient hat BWL in Düsseldorf, Dortmund und Hagen studiert. Außerdem hält er Masterabschlüsse in Management, Politik und Philosophie.

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Unsere Gesellschaft steht gegenwärtig unter dem Einfluss vieler gleichzeitig stattfindender Veränderungen: Politische und wirtschaftliche Umwälzungen, Digitalisierung und schnelle technologische Weiterentwicklungen, globale finanzielle Instabilität sowie der voranschreitende Klimawandel sind einige der wichtigsten Themenfelder.

Wie können Staaten und Institutionen, aber auch Unternehmen in dieser Zeit noch wirksam geführt werden? Wie kann die Komplexität unseres heutigen Lebens planbar gestaltet werden? Der in den letzten Jahren erstarkende politische Populismus liefert hier einfache – aber unrealistische – Formeln.

Rückzug und nationale Orientierung sind keine Antworten auf die tiefgreifenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen, die beispielsweise durch die fortschreitende Digitalisierung und die Künstliche Intelligenz eintreten werden. Und doch ist angesichts der zunehmend komplexen globalen Zusammenhänge eine wachsende politische Verdrossenheit und eine Überforderung erkennbar.

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    Damit sind wir bei einer entscheidenden Fragestellung für Deutschland und Europa: Setzen wir uns ausreichend mit den Veränderungen und den Hintergründen in unserer Gesellschaft auseinander? Ich meine, dass dies noch nicht geschieht. Ohne ein Verständnis für die Zusammenhänge wird letztlich auch kein Bewusstsein für neue Wege und Lösungen entstehen.

    Diese Frage ist nicht neu. Für den berühmten deutschen Philosophen Immanuel Kant stellte es ein erhebliches Problem dar, dass Menschen sich schnell ihrem Schicksal ergeben und sich dadurch in eine Situation der Unmündigkeit und Abhängigkeit begeben.

    Mit diesem Gedanken möchte ich gern auf zwei Themenstellungen fokussieren, mit denen wir in Europa Akzente für die Zukunft setzen können und sollten. Zum einen ist dies der Schutz der Werte und der Selbstbestimmung des Menschen, zum anderen die Stärkung der wirtschaftlichen Kraft im europäischen Raum. Warum sind neue Akzente wichtig, und warum müssen die europäischen Staaten diese gemeinsam und vereint setzen?

    Veränderungen haben meistens vielfältige Dimensionen. Am augenscheinlichsten lässt sich dies anhand der rasant voranschreitenden Digitalisierung aufzeigen, die auf alle Lebensbereiche Einfluss nimmt.

    Das Ergebnis dieser Entwicklungen ist im positiven Sinne phänomenal: Das gesamte Wissen der Menschheit kann über Internetplattformen binnen Sekunden abgerufen werden. Die Verbindung mit anderen Menschen ist einfach, schnell und grenzenlos über leicht zu nutzende Apps möglich.

    Neue Geschäftsmodelle haben in kürzester Zeit neue Unternehmen entstehen lassen. Die einfache Nutzung digitaler Anwendungen lässt bestehende Produkte und Dienstleistungen mitunter verschwinden. Soziale Netzwerke haben die Kommunikation und die mediale Wahrnehmung revolutioniert.

    Neue Akzente für eine veränderte Welt

    Das Internet der Dinge drängt in unsere Wohnzimmer und in die Produktionshallen, und Künstliche Intelligenz ist unaufhaltsam auf dem Vormarsch, vom Übersetzungsroboter bis zum autonom fahrenden Fahrzeug.

    In der Medizintechnik können durch die Erkennung von Mustern und bisher nicht klar definierten Krankheitsbildern neue Möglichkeiten zur Heilung und Genesung entstehen. Zweifelsohne bringen die Digitalisierung und die Künstliche Intelligenz ungeheure Chancen und Möglichkeiten mit sich.

    Dieser Gastbeitrag stammt aus diesem Buch:
    Sven Afhüppe, Thomas Sigmund (Hg.):
    Europa kann es besser
    Wie unser Kontinent zu neuer Stärke findet. Ein Weckruf der Wirtschaft
    Herder Verlag 2019, 240 Seiten, 20 Euro
    ISBN 978-3-451-39360-0
    Erschienen am 15. April 2019
    Das Buch bei Amazon bestellen.

    Dennoch hat der rasante technologische Fortschritt auch seine Schattenseiten: Datenansammlungen führen zu Datenmissbrauch, IT-Infrastrukturen werden durch Cyberangriffe manipuliert, und das Darknet ist der moderne Handelsplatz für Kriminelle. Zwei Beispiele führen die gesellschaftlichen Folgen der digitalen Welt bildhaft vor Augen. Immer mehr Menschen kommunizieren und vernetzen sich über soziale Medien.

    In China nutzen dazu mittlerweile mehr als 800 Millionen die App „WeChat“. WeChat wird als das „Social Operating System Chinas“ bezeichnet, da über die App nicht nur kommuniziert, sondern beispielsweise auch bezahlt, ein Taxi bestellt oder Essen ausgewählt wird. Inzwischen kann der Nutzer über die App auch eine Bewertung im Sinne einer Beurteilung über andere WeChat-Nutzer abgeben.

    Diese Beurteilungen lassen Bewertungsskalen entstehen, die wiederum Rückschlüsse auf das Verhalten und die Lebensweise des Bewerteten erlauben und schon heute beispielsweise bei Kreditvergaben genutzt werden.

    Wohin wird diese soziale Kontrolle führen? Als zweites Beispiel für die gesellschaftlichen Folgen möchte ich die Verwundbarkeit des Menschen in der digitalen Welt herausstellen. Die Verfügbarkeit und Verteilung von Informationen hat in den vergangenen Jahrhunderten dazu geführt, dass sich Menschen eine Meinung bilden konnten und damit in die Position gelangt sind, sich kritisch mit Themenstellungen auseinanderzusetzen.

    Die digitale Welt fördert zunächst die Verfügbarkeit von Informationen. Nie zuvor hatte der Mensch in kürzester Zeit Zugriff auf eine derartige Menge an Information und Wissen.

    Und doch ist durch die Struktur der digitalen Plattformen und die Aggregation von Daten und Informationen eine Verfälschung und Manipulation von Informationen möglich. Die Urteils- und die Kritikfähigkeit des Nutzers sinken. Kontrolle und Einschränkung der informationellen Selbstbestimmung sind die Folge. Wir befinden uns also auf dem Weg von einer Phase des kritischen Zeitgeistes in eine Phase übermäßiger Kontrolle.

    Diese Entwicklung mit den exemplarisch beschriebenen Folgen für unsere Gesellschaft steht den Grundwerten Europas und Deutschlands diametral entgegen. Sie ruhen auf den Grundfesten von Sicherheit durch den Staat, Eigentum, Freiheit des Handelns und der Würde und Selbstbestimmung des Einzelnen. Der Preis, diese Werte zu erlangen, war – historisch gesehen – sehr hoch. Und dies macht unsere Werte umso kostbarer.

    Europa stellt die Würde seiner Bürger in den Mittelpunkt

    In unseren Gesetzen und unserer Verfassung sind die Rechte und die Unantastbarkeit der Würde des Menschen verankert. Somit stellt sich die Frage, wie Europa und Deutschland im digitalen Zeitalter Vielfalt, Erfindungsreichtum und Leistungsfähigkeit neu gestalten – mit den freiheitlichen und demokratischen Grundwerten vor Augen.

    Hierfür gibt es mehrere konkrete Ansatzpunkte, die in Verbindung mit den europäischen Verbündeten stets eine höhere Kraft entwickeln können als in jeweils einzelnen Ländern für sich. Zum einen gilt es, den Menschen in Europa die Möglichkeit zur Bewahrung ihrer Identitäten auch im digitalen Zeitalter zuzusprechen.

    So muss das Bewusstsein für die informationelle Selbstbestimmung gestärkt und durch eine praktikable Implementierung verankert werden. In ihrer strengen Ausprägung konnte die Gesetz gewordene Wahrung der informationellen Selbstbestimmung inklusive der Absicherung digitaler Identitäten tatsächlich so nur auf europäischem Boden entstehen.

    Sie stellt ein deutliches Unterscheidungsmerkmal zum Datenschutz und dem Schutz digitaler Identitäten in den USA oder China dar. Wir avancieren sozusagen zum „land of the digital free“.

    Europa muss seine Kräfte bündeln

    Doch mit der Bewahrung der informationellen Selbstbestimmung dürfen wir uns nicht zufriedengeben, denn die Digitalisierung macht eine weitere Herausforderung für jedes einzelne Land in Europa klar: Um leistungsfähig zu bleiben, um in der Weltliga der Wirtschaft mitzuspielen, um auf digitalen Plattformen eine Rolle zu spielen, braucht es eine Bündelung der Kräfte im gesamten europäischen Wirtschaftsraum.

    Dazu benötigt Europa eine klare und aktive Industriepolitik mit konkreten Ergebnissen und einer Fokussierung auf Zukunftstechnologien. Die heutige Kleinteiligkeit und Kompromissbildung in der Wirtschaftspolitik dienen kaum einer Stärkung der europäischen Wirtschaft und verkennen die ungeheuren Potenziale, über die sie verfügt.

    Eine Lockerung und Anpassung des Fusions- und Kartellrechtes würde hierbei wichtige Akzente setzen können. Auch die gezielte Förderung und in deren Folge der Einsatz von Schlüsseltechnologien aus Europa für Europa würde den europäischen Markt stärken.

    Daher: Wir brauchen keinen „Weckruf für Europa“, sondern einen „Weckruf aus Europa“. Europa muss ein Bewusstsein für seine künftige Führungsrolle entwickeln und seine einzigartigen Stärken auf der globalen Bühne selbstbewusst präsentieren.

    Neue Akzente aus Europa

    In diesem Sinne kann Europa die Weltregion sein, die als der Kontinent der digitalen Selbstbestimmung für jeden Bürger steht und sich damit dem Dogma einer digitalen Massenkontrolle entgegenstellt. Dazu braucht es den Mut, die Kräfte zu bündeln, um dem starken Wettbewerb der anderen Kontinente standzuhalten. Kräfte bündeln in Europa und für Europa erhält unsere Wettbewerbsfähigkeit.

    Die Umsetzung kann einfach sein: Reduzierung und Vereinfachungen der teilweise unsinnigen Regulierung. Letztlich steht Europa heute – trotz all seiner Probleme und Herausforderungen – für den Kontinent, in dem die Menschen selbstverantwortlich ihr Leben gestalten können. Auch wenn das nicht immer einfach ist. Im Gegenzug: Die Variante der Kontrolle wünsche ich mir für Europa in keinem Fall.

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