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Europawahl

Investor und Unternehmer Frank Thelen Für europäische Champions braucht es Mut und Konsequenz

Europa droht im wirtschaftlichen Wettbewerb von den USA und China abgehängt zu werden. Um das zu ändern, muss es mehr Engagement und Einigkeit zeigen.
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Thelens Produkte erreichen mehr als 200 Millionen Konsumenten in über 60 Ländern. Seit 2010 investiert er gemeinsam mit seinen Geschäftspartnern in Start-ups.
Frank Thelen

Thelens Produkte erreichen mehr als 200 Millionen Konsumenten in über 60 Ländern. Seit 2010 investiert er gemeinsam mit seinen Geschäftspartnern in Start-ups.

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Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft, Baidu, Alibaba, Tencent – all diese marktbeherrschenden Global Player kommen aus den USA oder China. Europa hat keine dieser „Plattformen“ aufgebaut. Und auch in den herkömmlichen Schlüsselindustrien laufen uns die Amerikaner und Chinesen zusehends den Rang ab – Tesla zum Beispiel zeigt der deutschen Automobilindustrie, wie Innovation aussieht und wie man gewachsene Strukturen in einem Markt disruptiv verändert.

Es scheint, als habe Europa auf die Anforderungen der Wirtschaft der Zukunft keine Antworten mehr. Und in der Tat drohen wir abgehängt zu werden – mit fatalen Folgen für uns und die zukünftigen Generationen. Denn es ist nicht nur der wirtschaftliche Wettbewerb, der nach neuen Antworten verlangt.

Keine „Weiter so“-Mentalität mehr

Insbesondere das nach wie vor rasante Bevölkerungswachstum mit seinen Auswirkungen auf die Umwelt stellt uns global vor ganz neue Herausforderungen, zum Beispiel bei der Energieerzeugung oder der Sicherstellung der Ernährung. Gleichzeitig gab es noch nie so viele bahnbrechende Technologien, die ideale Voraussetzungen für neue Global Player schaffen.

Die Schaffung europäischer Champions auf der Weltbühne kann uns nur gelingen, wenn wir ernsthaft bereit sind, mutig und konsequent zu handeln. Als Erstes müssen wir akzeptieren, dass es ein „Weiter so! Das haben wir immer schon so gemacht“ nicht geben darf. Ein gutes Beispiel dafür ist die aktuelle Diesel-Diskussion.

Sicher, man kann darüber streiten, ob die Grenzwerte für Schadstoffe wirklich alle wissenschaftlich fundiert sind. Unstreitig sollte aber sein, dass es auf Dauer nicht die Lösung sein kann, endliche fossile Brennstoffe zu verbrauchen. Statt dies als Chance zu sehen und alle Kraft in die Entwicklung neuer Antriebe, Motoren und Treibstoffe zu investieren, wird von den Ingenieuren lieber Software manipuliert, damit die Grenzwerte der Motoren auf dem Prüfstand gerade noch so eingehalten werden können.

Dieser Gastbeitrag stammt aus diesem Buch:
Sven Afhüppe, Thomas Sigmund (Hg.):
Europa kann es besser
Wie unser Kontinent zu neuer Stärke findet. Ein Weckruf der Wirtschaft
Herder Verlag 2019, 240 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-451-39360-0
Erschienen am 15. April 2019
Das Buch bei Amazon bestellen.

Und Politiker verschwenden Zeit in Diesel-Diskussionen. Meine Meinung: Die bestehenden Diesel weiter zu betreiben hat keinen wirklichen „Impact“, aber die Unternehmen sollten hohe Strafen zahlen, die in grüne Technologie-Firmen investiert werden müssen. Gern unterbreite ich hierzu ein konkretes Konzept.

Wir müssen eine #10xDNA entwickeln. Hier möchte ich auf die gerade von der EU-Kommission untersagte Fusion der Schienensparten von SiemensDeutschland – und Alstom – Frankreich – hinweisen. Ja, es mag sein, dass es durch die Untersagung der Fusion etwas mehr Wettbewerb in diesem Sektor innerhalb Europas gibt.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat aber treffend darauf hingewiesen, dass die ganz großen Aufträge inzwischen weltweit vergeben werden – und um hier mitwirken zu können, brauchen wir einen starken europäischen Player, der es mit der internationalen Konkurrenz aufnehmen kann. Europa muss lernen, gemeinsam zu denken und zu handeln, wenn seine Unternehmen im globalen Wettbewerb bestehen sollen.

Um das zu konkretisieren und um unser Wettbewerbsumfeld und die daraus resultierenden Herausforderungen der Zukunft richtig einordnen zu können: Die Europäische Union ist – noch inklusive Großbritannien – ein Wirtschaftsraum mit rund 500 Millionen Einwohnern und einem Bruttoinlandsprodukt von fast 19 Billionen US-Dollar, die USA mit ihren 325 Millionen Einwohnern kommen hinsichtlich des BIP sogar auf etwas mehr.

China hat eine Bevölkerung von 1,4 Milliarden und erreicht immerhin schon ein BIP von 15 Billionen USD bei anhaltendem starkem Wachstum. Diese Zahlen müssen wir uns bewusst machen, wenn wir Entscheidungen wie die in Sachen Siemens und Alstom beurteilen wollen. Wir müssen Europa im internationalen Wettbewerb als eine Einheit sehen und uns vom nationalen Denken lösen.

Der Blick auf Unternehmer ändert sich

Auch ändern muss sich unser Blick auf Unternehmen und Gründer. Zu oft werden sie negativ und missgünstig betrachtet und dargestellt, Scheitern wird mit Häme kommentiert. Dabei sind sie es, die unsere Zukunft gestalten und Lösungen für die Herausforderungen der sich verändernden Welt finden können.

Dies muss gesellschaftlich stärker anerkannt werden. Mein Engagement bei „Die Höhle der Löwen“ erfolgt in erster Linie aus der Motivation heraus, den Blick der Gesellschaft auf Gründer positiv zu verändern. Und mit meinem Buch „Startup-DNA“ sollen Gründer ermutigt werden, sich Herausforderungen zu stellen und ihre Ziele auch gegen Widerstände zu erreichen.

Immerhin, ich habe den Eindruck, dass zumindest die jüngere Generation Gründer zusehends positiver wahrnimmt und als Vorbilder anerkennt. Unternehmerpersönlichkeiten wie Elon Musk, Jeff Bezos oder der leider viel zu früh verstorbene Steve Jobs haben daran entscheidenden Anteil – übrigens allesamt Amerikaner.

Auch das ist kein Wunder, schöpft doch in Europa gerade die Politik längst nicht alle Gestaltungsspielräume aus, mit denen ein gründerfreundlicheres Umfeld geschaffen werden kann, welches solche Typen erst ermöglicht. So sind die bürokratischen Hürden für Gründer insbesondere in Deutschland nach wie vor sehr hoch: Notartermine, Handelsregistereintragung, Gewerbeanmeldung und natürlich das Finanzamt, um nur die wichtigsten Eintrittshürden zu benennen.

Ohne teuren juristischen Beistand ist das fast nicht zu bewältigen. Allein schon durch die konsequente Digitalisierung und Vereinfachung dieser Prozesse, zum Beispiel über ein einheitliches Portal zur Unternehmensanmeldung in einem Schritt, wäre viel gewonnen. Auch ein einfacheres Steuerrecht zum Beispiel mit Privilegien für junge Unternehmen in Zukunftsbranchen wäre wünschenswert.

Politik muss auf technologische Herausforderungen reagieren

Ebenfalls erleichtert werden sollten das Einstellen und die Abrechnung von Mitarbeitern – die Regelungen sind so komplex, dass viele Unternehmen damit so lange wie möglich warten. Bürokratieabbau in diesem Bereich würde unmittelbar für mehr Beschäftigung sorgen.

Abgesehen von diesen grundsätzlichen Weichenstellungen muss die Politik auch schneller auf neue technologische Herausforderungen reagieren. So könnte zum Beispiel der Handel mit Unternehmensanteilen und Krediten auf Basis von Blockchain- und Distributed-Ledger-Plattformen deutlich vereinfacht werden, was Gründern auch einfachere und schnellere Finanzierungsmöglichkeiten eröffnen würde.

Tatsächlich könnte durch solche Plattformen sogar eine sichere, günstige, seriöse und schnellere Alternative zur herkömmlichen Aktienbörse geschaffen werden. Schafft der Gesetzgeber hier entsprechende Rechtssicherheit, könnte die Börse der Zukunft – und damit ein wichtiger Global Player – aus Deutschland kommen.

Und auch im Bereich der Biotechnologie und Energiewirtschaft könnten ordnungspolitische Entscheidungen getroffen werden, die rechtliche Unsicherheiten beseitigen und damit Gründungen vereinfachen. In diesem Zusammenhang wäre auch ein vereinfachtes Patentrecht wünschenswert, das ebenfalls in erster Linie jungen Unternehmen helfen könnte, die noch keine großen, darauf spezialisierten Rechtsabteilungen haben.

Doch statt solche Vereinfachungen auf den Weg zu bringen und das Recht fit für neue Technologien zu machen, werden mit viel Aufwand Regelungen wie das Netzwerkdurchsetzungsgesetz oder die Datenschutzgrundverordnung erarbeitet, die dem einzelnen Bürger wenig bringen, für die betroffenen Unternehmen aber mit gravierenden Nachteilen verbunden sind und so den Wirtschaftsstandort im weltweiten Vergleich insgesamt schwächen.

Sehe ich also schwarz für den Wirtschaftsstandort Europa? Nein, ganz so schlimm ist es nicht, denn die Voraussetzungen sind gut. Wir haben in Europa und besonders in Deutschland ein hervorragendes Bildungssystem, großartige Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie eine Infrastruktur, die viel besser ist als ihr Ruf.

Es ärgert mich, dass wir die fehlenden Punkte jetzt aber nicht konsequent angehen und dass nicht alle, auch unsere Bevölkerung, die nächste technische Revolution als Chance sehen.

Die erschienenen Texte der Serie finden Sie auch auf unserer Europawahl-Sonderseite.

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