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Europawahl

Managerin Simone Menne Europa bedeutet nicht, die Heimat aufzugeben

Vielseitigkeit ist die Stärke Europas. In diesem Bewusstsein müssen wir Argumente austauschen und Lösungen für ein gutes Zusammenleben entwickeln.
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Simone Menne ist Aufsichtsrätin bei BMW, DPDHL, Johnson Controls International und Springer Nature.
Simone Menne

Simone Menne ist Aufsichtsrätin bei BMW, DPDHL, Johnson Controls International und Springer Nature.

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Europa ist vielseitig. Es ist eine Geschichte, es ist eine Utopie. Es ist eine großartige Ansammlung von Kulturen, und es ist eine Gemeinschaft, die zusammen mächtig ist und viel erreicht hat und noch erreichen kann. Dazu sind aber immer wieder nachhaltige Anstrengungen nötig, denn der Zusammenhalt von vielfältigen diversen Völkergruppen ist anspruchsvoller als das Zusammenhalten einer homogenen Masse.

Doch es lohnt die Anstrengung. Denn in Unternehmen wie auch in Kulturen bedeutet Diversität die Chance, verschiedene Perspektiven zu hören, verschiedene Argumente auszutauschen und daraus dann eine gute Lösung zu entwickeln.

Nationen sind nicht naturgegeben, sie entstehen immer wieder neu und bestätigen sich durch Weiterentwicklung in Übereinstimmung mit allen Mitbürgern. Und dabei sind es nicht nur die politische Verfassung oder die Organisation der Wirtschaft oder Verwaltungsstruktur, die den Zusammenhalt ergeben, sondern auch die Emotionen und Geschichten, die ihre Bewohner teilen.

So schildert es die Friedenspreisträgerin des deutschen Buchhandels Aleida Assmann in „Der europäische Traum“. Das Bild des Sternenkreises von Europa ist das Bild einer Einheit in der Vielfalt – allerdings fehlt ihm die verbindende Mitte. Und dies darf keine Zentraleinheit sein, die versucht, Homogenität zu erzeugen. Dieses verbindende Element gilt es zu schaffen und zu vermitteln.

Europas Angst

Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambivalenz prägen das heutige gesellschaftliche Umfeld. Viele Bürger Europas sind aus unterschiedlichen Gründen von der Angst getrieben. Basis dafür sind sich überlagernde globale Trends, die komplex und schwer beherrschbar erscheinen, wie etwa der Klimawandel, die rasant voranschreitende Entwicklung von Technologie und künstlicher Intelligenz, globale Migrationsbewegungen, demografische Veränderungen, Angst vor wirtschaftlichem Abschwung und eine mindestens als ungerecht wahrgenommene Verteilung des Vermögens.

Dieser Gastbeitrag stammt aus diesem Buch:
Sven Afhüppe, Thomas Sigmund (Hg.):
Europa kann es besser
Wie unser Kontinent zu neuer Stärke findet. Ein Weckruf der Wirtschaft
Herder Verlag 2019, 240 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-451-39360-0
Erschienen am 15. April 2019
Das Buch bei Amazon bestellen.

Angst auch vor dem Verlust der Autonomie, die mühsam nach Jahren der Abhängigkeit von totalitären Systemen erkämpft worden war. Grundsätzlich lähmt Angst Menschen, da sie den Eindruck haben, das eigene Schicksal nicht mehr kontrollieren zu können. Menschen treibt die Furcht vor dem Verlust der eigenen Identität, vor materiellen Einbußen, die Furcht um die eigene Sicherheit um.

Gleichzeitig gibt es das Phänomen der bedrohten Mehrheiten: jene, die alles haben und deshalb alles fürchten (Ivan Krastev). Medien und Politik berichten vordringlich von Katastrophen, Unglücken und Bedrohungen, die diese Ängste anfachen oder verstärken.

So gibt es nun auch die Angst vor dem sogenannten Deskilling – ein Schlagwort auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos –, nachdem aufgrund der zunehmenden Ausstattung mit technologischen Hilfsmitteln die Sorge besteht, dass Menschen die Fähigkeit verlieren, selbst Entscheidungen zu treffen oder ohne diese Hilfsmittel ihr Handeln zu steuern.

Und schließlich wird auch das Erfolgsmodell Demokratie und Kapitalismus infrage gestellt. Clemens Fuest weist in diesem Zusammenhang in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27. Juli 2018 auf die Verlagerung der Kräfteverhältnisse nach Asien hin und stellt die Frage, ob ein Modell wie der chinesische Staatskapitalismus besser geeignet sein könnte als die westlichen Marktwirtschaften.

Obwohl rational klar scheint, dass die globalen Probleme auch nur global zu lösen seien, ist die instinktive Reaktion auf Angst und das Gefühl, die eigene Identität zu verlieren, der Wunsch nach einer Festung, die Schutz bietet und sich gegenüber der Außenwelt abschottet. Die Ablehnung gegenüber Fremden und Andersdenkenden hat dabei noch eine zusätzliche Funktion: Sie trägt dazu bei, eine Gruppenidentität aufzubauen.

Und ein weiterer Instinkt sucht die Homogenität, denn Stammesgesellschaften konnten in permanenten Bedrohungslagen keine Abweichler dulden. Daraus resultiert bis heute eine instinktive Abneigung gegen Andersdenkende.

In Unternehmen wird in Zeiten von Disruption und technologischen Herausforderungen versucht, diese Instinkte zu überwinden; man fördert Diversität, indem Teams aus verschiedenen Geschlechtern, Alters- und Erfahrungsgruppen sowie verschiedenen kulturellen Hintergründen zusammengesetzt werden.

Auch die Abschottung innerhalb eines Unternehmens, das Silodenken, stellt eine Gefahr für die Weiterentwicklung des Unternehmens dar, da mehr und mehr ganzheitliches Denken gefragt ist, um den Anforderungen des Wettbewerbs standzuhalten. Dazu kommt, dass auch im Wirtschaftsleben ein rein nationales Wirtschaften im internationalen Wettbewerb nicht mehr vorstellbar ist.

Der Globalisierung im Wirtschaftsleben stehen im sozialen und gesellschaftlichen Leben aber mehr und mehr Spaltung und Inseldenken gegenüber. Auch wenn die Globalisierung im Durchschnitt der Weltbevölkerung zu mehr Wohlstand, Gesundheit und Sicherheit geführt hat, ist die Ungleichheit in der Realität oder zumindest in der Wahrnehmung vieler Menschen gestiegen. Viele Menschen haben das Gefühl des Verlustes von Würde und Identität.

Europas Geschichte

In dieser Gemengelage wird das Erfolgsmodell Europa zusehends infrage gestellt. Und zwar nicht nur von Teilen der Bevölkerung, die den Verlust von Heimat und damit ein weiteres Dahinschwinden ihrer Identität fürchten, sondern auch von Politikern, die in einem Europa der Vielfalt die Verringerung ihrer Autonomie und Macht sehen.

Dabei bieten Gruppen von Andersdenkenden grundsätzlich die Chance, Bestehendes zu hinterfragen und aufgrund neuer Entwicklungen auszubauen sowie Bewährtes aus verschiedenen Kulturen zu prüfen, um daraus neue Ideen zu schöpfen. Dazu müssen allerdings die Voraussetzungen in Form gemeinsamer Werte, eines gemeinsamen Narrativs und einer Identität sowie die Vorstellung des Gemeinwohls bestehen. Kulturen, die keine Impulse von außen erfahren, stagnieren.

Das Narrativ kann und muss aus der gemeinsamen Geschichte Europas entwickelt werden. Dabei müssen die Erfolge wie der jahrzehntelange Frieden in der Region und das allgemeine Wachstum sowie die Offenheit im Umgang miteinander unter anderem in Form des grenzenlosen Reisens und gemeinsamen Lernens und Arbeitens als gemeinsame Erinnerung in die großartige kollektive Geschichte eingehen.

Es geht darum, dass wir uns gegenseitig die Geschichte erzählen von Zeiten, als wir endlich ohne Grenzen von einem Land in das andere reisen konnten. Von Zeiten, als wir endlich ohne Geld zu wechseln im Nachbarland bezahlen konnten. Von Zeiten, als wir ehemalige Feinde als Freunde begrüßen konnten.

Auch die Erfolge von erfolgreicher Integration neuer EU-Partner wie auch von Migranten werden nur wenig gewürdigt. Statt des Stolzes auf diese Erfolge gibt es nun den Stolz auf lokale und nationale Erfolge der Vergangenheit, gepaart mit dem Verdrängen von Fehlleistungen. Solch ein Stolz führt nicht zu einem Gemeinschaftsgefühl, sondern zu fehlendem Nachgeben und zu Unterdrückung Andersdenkender.

Europas Geschichte wird zu häufig reduziert auf Regulierung, Bürokratie und auf die Bevormundung aller EU-Länder durch Brüssel. Die Vorteile einer Regulierung, nämlich die Vergrößerung des Marktes für die Marktteilnehmer werden kaum erwähnt.

Es geht um die Vermeidung von Missbrauch, die Vereinheitlichung von Richtlinien, so dass alle Beteiligten wie im Verkehr oder im Sport nach denselben Vorgaben spielen und sich damit verstehen können.

Natürlich ist es wichtig, auch die Versäumnisse europäischer Politik klar zu benennen, um aus den gemachten Fehlern zu lernen. Da ist zum einen das von Ivan Krastev benannte Nachahmungsgebot. Neue Teilnehmer der Union wurden nicht unbedingt wegen ihrer Vielfalt geschätzt und als weiteres wertvolles Element im Kaleidoskop der Kulturen hinzugefügt.

Stattdessen galt es häufig die Werte der bestehenden Mitglieder zu übernehmen. Die Vorgaben in der Finanzkrise, gerade auch von Ländern, die ebenfalls einmal Grenzen nicht eingehalten hatten, wurden als Bevormundung und Knebel empfunden. Es gab Länder, die Darlehen gaben.

Von diesem Geld wurden dann teilweise auch Importe von den Schuldnern bezahlt und gleichzeitig suggerierte man ihnen, es handele sich um Subventionen. Hier wurde keine Geschichte der Solidarität erzählt, sondern Macht und Herrschaft ausgeübt.

Die Geschichte muss als gemeinsame diverse Geschichte gehört und verstanden werden. Die französische Journalistin Natalie Nougayrède spricht von Erinnerungskomplexen und -blockaden und ist der Auffassung, dass sich der psychologische Graben zwischen Ost und West sowie zwischen Nord und Süd weiter vertiefen wird, solange die Europäer ihre Miteuropäer ausschließlich durch die Linse der eigenen Nationalgeschichte betrachten.

Die gemeinsame Geschichte als solche herzustellen, schafft die Möglichkeit, sich auch wieder der gemeinsamen Werte und der Identität als Europäer bewusst zu werden.

Europas Zukunft

Für die Zukunft lernen, heißt aus der Vergangenheit zu lernen. Der Zyklus aus Revolution, Euphorie, Alterung, Verhärtung und wachsender Unzufriedenheit über bestehende Systeme sieht aus wie eine unendliche Geschichte. Eine tiefere Erklärung für diese zyklischen Wiederholungen liefert der Zwiespalt zwischen dem Freiheitsgrad der Intelligenz und den Automatismen des Herdentriebs.

Eine totalitäre Gesellschaft ist die natürliche Gesellschaftsform der archaischen Triebe. Solange diese Ebene der menschlichen Psyche dominiert, kann jede Gesellschaft immer wieder in eine totalitäre Form abrutschen. Aber viele Menschen sehnen sich nach einer anderen, freien Gesellschaft, die ihrer kritischen Intelligenz und ihrem freien Willen gerecht wird.

Die Demokratie ist eine Gesellschaftsform, die zu dieser höheren Ebene der menschlichen Psyche passt. Eine wirkliche Demokratie verfügt allerdings über keine stabilisierenden Machtstrukturen und ist daher grundsätzlich instabil. In ihrer Sachlichkeit ist sie prinzipiell schwach. So schreibt der Physiker Gerd Ganteför in „Das Gesetz der Herde“.

Das kritische Denken ist der Feind jeder fundamentalistischen Religion und jeder fundamentalistischen politischen Bewegung, denn es kann unrealistische Utopien und falsche Fakten entlarven sowie Manipulation und Willkür erkennen und bekämpfen. Damit kann das kritische Denken die Demokratie stabilisieren.

Eine Demokratie muss, wenn sie langfristig stabil sein soll, Rücksicht auf menschliche Grundbedürfnisse und Werte nehmen. Dazu gehört auch das Gefühl von Heimat. Ein häufig missbrauchtes Argument ist, dass ein gemeinsames Europa dazu führt, dass Heimat aufgegeben werden muss. Heimat bedeutet Sicherheit, Vertrauen, Verstehen und Vertrautheit. Diese Heimat bleibt aber auch innerhalb Europas erhalten, ich liebe meine Stadt, mein Bundesland und Europa – auch Liebe ist vielfältig.

Eine Demokratie muss die Menschen mit einem Narrativ für die Zukunft ausstatten, welches alle Menschen teilen können. Hier reicht der wirtschaftliche Erfolg, den Europa insgesamt vorzeigen kann, allein nicht aus. Es muss immer auch ein emotionales Element geschaffen werden. Dabei spielt Diversität eine große Rolle und bietet eine Chance insbesondere in der globalen Welt, die vielfältig ist.

Die Fähigkeit, sich auf andere Kulturen einzustellen, die nichtsdestotrotz eine gemeinsame Wertegrundlage und Geschichte teilen, hilft, auch die größere Vielfalt in der Welt zu verstehen und damit umzugehen.

Freie Kunst, Kultur, Bildung und Wissenschaft sind die Grundlagen, die auch für die Zukunft Europas in seiner Vielfalt die wesentlichen Stützen einer kritischen Zivilgesellschaft bilden. Hier kann die Grundlage der gemeinsamen Identität liegen, die analog wie der frühere amerikanische Traum eine Gesellschaft bei aller Diversität verbindet.

Francis Fukuyama schreibt in seinem Buch „Identität“, eine europäische Identität könne es nicht geben. Diese Einschätzung teile ich nicht, denn europäische Geschichte, aber auch die Geschichte anderer Kulturen hat gezeigt, dass neue Entwicklungen auch neue Opportunitäten und Identitäten hervorbringen.

Fazit

  • Europa bedeutet nicht eine Bedrohung oder gar den Verlust der Nationalstaaten, sondern die Chance ihres Schutzes und die Möglichkeit ihrer Weiterentwicklung (Aleida Assmann).
  • Kulturen können sich nur weiterentwickeln, wenn sie von anderen Kulturen lernen, bei Abschottung verkümmern sie.
  • Europa heißt Zusammenarbeit, wenn es um die allgemeingültigen Probleme geht, bei gleichzeitiger Autonomie hinsichtlich lokaler Themen.
  • Es gilt eine gemeinsame europäische Identität zu entwickeln, deren Fundament die gemeinsame Geschichte bildet, auf dem bestehende gemeinsame Werte aufbauen und die als Dach eine gemeinsame Utopie tragen. Diese erlaubt es, Europa in aller Diversität innovativ und demokratisch weiterzuentwickeln, um die globalen Herausforderungen zu bewältigen.
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