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Europawahl

Unternehmer Reinhold Würth Wir brauchen mehr Leitfiguren in Europa

Die Generation des Zweiten Weltkriegs ist nicht mehr da. Die heutigen Bürger der EU müssen sich vor nationalistischen Tendenzen in Acht nehmen.
  • Reinhold Würth
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Im Alter von 19 Jahren nahm Reinhold Würth die Herausforderung an, den Familienbetrieb weiterzuführen. Das war 1954 – heute ist der Konzern in mehr als 80 Ländern aktiv.
Reinhold Würth

Im Alter von 19 Jahren nahm Reinhold Würth die Herausforderung an, den Familienbetrieb weiterzuführen. Das war 1954 – heute ist der Konzern in mehr als 80 Ländern aktiv.

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Diese Sammlung von Beiträgen mit dem Titel »Weckruf für Europa« erscheint fast beliebig: Das Thema hätte man schon über den Wiener Kongress von 1814/1815 setzen können. Dort wurde mit vielfältigem politischem Geschachere, mit Intrigen und Einzelverträgen versucht, das finale Ziel der Veranstaltung durchzusetzen, nämlich in Europa endlosen Frieden zu schaffen.

Das damalige Koalieren und Panaschieren zwischen den Großmächten verhinderte gleichwohl letztlich nicht zwei Weltkriege mit Schwerpunkten in Europa mit über 60 Millionen Kriegstoten. Mit Ende des Kalten Krieges 1989 war schnell die Hoffnung geboren, dass es nun Kriege in Europa nie wieder gibt.

Mit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1952 und mit der Weiterentwicklung zur Europäischen Union 1992 als Staatenverbund mit (noch) 28 Mitgliedern erschien eine absolute Friedenssicherheit für kommende Generationen in Europa gewährleistet.

Heute, 2019, beobachten wir in vielen Ländern Europas und darüber hinaus das Wiederaufleben nationalistischer Tendenzen, wirtschaftlicher Protektionismus wird ausprobiert – siehe Handelsstreit China–USA.

Selbst die Mitglieder der Europäischen Union, die während des Kalten Krieges durch die Bedrohung aus dem Osten zusammengeführt und zusammengehalten wurden, verspüren, getrieben durch zwei ähnliche Entwicklungen, genau das Gegenteil eines Weckrufs für Europa: Die Generation der Erfahrenen aus dem Zweiten Weltkrieg ist inzwischen gestorben, den heutigen Bürgern der Europäischen Union geht es so gut wie nie zuvor, und die Erfahrung, was Krieg und Notstand eigentlich bedeuten, ist weitgehend verloren.

Dies führt nun zum Aufkeimen des alten nationalistischen Wildwuchses nach dem Motto »Wir wollen unser Land zurück«, die Personenfreizügigkeit nimmt uns die Identität, vielleicht sogar die Religion, und zuletzt noch die Sprache. Lasst uns zurückkehren und die EU verlassen oder mindestens die Europäische Union zu einem eher unverbindlichen Wirtschaftsclub, der sich vor allem um den Freihandel kümmert, zurückstufen.

So die unsinnige Forderung der EU-Gegner auch in Deutschland: Begreifen diese Kantonisten nicht, dass wir Europäer geostrategisch eingezwängt sind zwischen den Machtblöcken USA, China und Russland und dass wir, wenn wir nicht eng zusammenhalten, in 20 Jahren nur noch tributpflichtige Vasallen dieser drei Machtblöcke sein werden? Das größte Problem der Weiterentwicklung der Europäischen Union lässt sich in einem Kernthema artikulieren.

Das Hauptproblem der Europäischen Union sind die derzeit so stark zunehmenden Partikularismen: Nationalisten, Separatisten, vor allem von rechts, wie Marine Le Pen, Geert Wilders, die Lega Nord und die Fünf-Sterne-Bewegung in Italien (Movimento 5 Stelle), genauso wie die AfD in Deutschland versuchen die Grundideale der Europäischen Union auszuhebeln, mindestens aber zu einer eher beliebigen Freihandelsvereinigung zu degradieren oder am besten ganz zu zerstören.

Dabei ist die Europäische Union hocherfolgreich: Die Arbeitslosigkeit geht genauso wie auch die Jugendarbeitslosigkeit zurück, das Bruttosozialprodukt steigt, das Europarecht macht gute Fortschritte – woher kommt die Diskrepanz?

Hier haben wir das Hauptproblem: Die Europäische Union mit all ihren Institutionen, vom Parlament bis hin zum Kommissionspräsidenten, hat mit guter Geschwindigkeit europäische Fakten geschaffen, ohne die Bevölkerung der 28 Mitgliedstaaten in ausreichendem Maß mitzunehmen, zu informieren und zu begeistern.

Dieser Gastbeitrag stammt aus diesem Buch:
Sven Afhüppe, Thomas Sigmund (Hg.):
Europa kann es besser
Wie unser Kontinent zu neuer Stärke findet. Ein Weckruf der Wirtschaft
Herder Verlag 2019, 240 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-451-39360-0
Erschienen am 15. April 2019
Das Buch bei Amazon bestellen.

Die Verunsicherung der Bevölkerung entsteht durch mangelnde Information zur europäischen Einigung und vornehme Zurückhaltung der Pro-Europa-Bewegungen gegenüber den plakativ-banalen, eingängigen Anti-Europa-Parolen der Separatisten. Hier liegt der Hauptschlüssel zum Weckruf für Europa: Die Europäische Union müsste auch viel Geld in die Hand nehmen, um mit soliden, professionellen Werbekampagnen die Bürger über ihre so positiven Seiten aufzuklären.

In den Lehrplänen aller Schulen in der Europäischen Union müsste im Geschichts- und Gemeinschaftskundeunterricht der Vorgeschichte, der Basis der Entwicklung und vor allem der Zukunft der Europäischen Gemeinschaft viel mehr Raum zugestanden werden.

Zudem müsste durch die Europaabgeordneten, durch Präsenz vor Ort in den Schulen, in Informationsveranstaltungen, Bürgerfragestunden, in Kleinanzeigen usw., permanent der Gedanke »Europa« positiv belegt werden. Wichtig wäre, dass die Bürger auf dem Weg zum vereinigten Europa mitgenommen werden. Als dritte Komponente eines Weckrufs für Europa wäre es notwendig, mehr Personen als Leitfiguren europaweit bekannt zu machen.

Ein positives Beispiel ist der Präsident der Französischen Republik, Emmanuel Macron, der trotz seiner innenpolitischen Schwierigkeiten als glühender Verfechter der Europäischen Union vor allem als Leitbild für die Jugend taugt.

Emmanuel Macron könnte als Nachfolger von Jean-Claude Juncker der Europäischen Union das Gesicht geben, ganz im Gegensatz zu dem farblosen Kandidaten Manfred Weber (CSU), der die abgehobene Beamtenmentalität der europäischen Administration nur verstärken würde.

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