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Europawahl

Vonovia-Vorstandschef Rolf Buch Das Haus Europa braucht ein Sanierungsprogramm

Gut 60 Jahre nach der Grundsteinlegung steht Europa vor großen Herausforderungen. Die EU-Architekten müssen vor allem die Wohnpolitik anpacken.
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Rolf Buch ist seit 2013 Vorstandschef der Vonovia SE.
Rolf Buch

Rolf Buch ist seit 2013 Vorstandschef der Vonovia SE.

Wer ein Haus plant, benötigt Visionen. Die Vertreter der fünf Länder, die am 25. März 1957 die Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Europäischen Atomgemeinschaft unterzeichneten und damit den Grundstein für das Haus Europa legten, besaßen eine Vielzahl solcher zukunftsgerichteter Ideen. Nach der Erfahrung zweier Weltkriege war ihnen vor allem eins wichtig: eine stabile Friedensunion zu schaffen. Basis dafür sollte eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit sein.

Vielleicht, so träumten Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Italien, Luxemburg und die Niederlande, als Unterzeichner der Römischen Verträge, könnte eines Tages sogar ein gemeinsamer europäischer Markt entstehen. Mit der Zeit wurde das Fundament des Hauses Europa breiter und die Visionen der Bauherren konkreter. Zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit kamen die Währungsunion, die Kooperation im Bereich Justiz und Inneres sowie die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik.

Heute ist die Europäische Union Garant für Frieden, Stabilität, Sicherheit und Wohlstand in Europa. Sie vereint mehr als 500 Millionen Menschen und ist der größte zusammenhängende Wirtschaftsraum der Welt. Mehr als 60 Prozent des gesamten Handels der EU-Mitgliedsstaaten entfallen auf den Handel zwischen den Ländern.

Ohne Zweifel ist die Errichtung des Hauses Europa eine Erfolgsgeschichte. Aber wie es so ist im Lebenszyklus von Immobilien – gut 60 Jahre nach der Grundsteinlegung stehen die Beteiligten häufig vor großen Herausforderungen. Im Haus Europa wird es in Kürze erstmals zu einem Auszug kommen. Die Briten haben sich entschieden, die EU zu verlassen. Und auch in anderen europäischen Ländern gibt es mehr und mehr Zweifel, ob es Sinn macht, unter einem Dach zu wohnen.

Deshalb ist es an der Zeit, für Europa einzutreten. Zentrale Versprechen der EU-Architekten, wie Frieden, Demokratie und Wohlstand, müssen wieder sichtbarer gemacht werden. Dazu reicht es nicht, lediglich die Fassade des Hauses Europa aufzufrischen. Wir müssen vielmehr die Substanz des gemeinsamen Gebäudes verbessern.

Konkret: Es geht darum, Grundzüge einer gemeinsamen europäischen Identität zu entwickeln. Nationale Egoismen sind keine Alternative zur europäischen Integration. Denn die Länder der EU stehen nicht nur vor lokalen, sondern auch vor globalen Herausforderungen. Und die lassen sich nur gemeinsam lösen.

Integration in Quartieren

Was heißt das für die Wohnungswirtschaft in Europa? Sicher, es gibt Unterschiede in der Form des Wohnens. Deutschland ist ein Mieter-Land. Aber die Megatrends, die darüber entscheiden, wie wir künftig wohnen, machen nicht an Landesgrenzen halt. Einwanderung, Urbanisierung, demografischer Wandel oder auch der Klimaschutz sind Aufgaben, denen sich alle in Europa stellen müssen.

Zum Beispiel die Migrations- und Fluchtbewegungen. Befragungen zufolge ist das Thema „Einwanderung“ die mit Abstand größte Herausforderung, der die EU derzeit gegenübersteht. Gesellschaften durchmischen sich, innerhalb Europas, aber auch durch Zuwanderung aus anderen Teilen der Welt.

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Mehr als 22 Prozent der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund. Zuwanderer zu integrieren ist eine nationale Aufgabe. Denn fehlgeschlagene Integration bedeutet hohe Kosten für die Gesellschaft und kann Auslöser für soziale Unruhen sein. Integration findet nicht nur im Bereich Arbeit und Bildung statt, sondern zuerst in den Wohnquartieren.

Das Wohnen in einer stabilen, nach Nationalitäten, Alter, Bildung und sozialer Herkunft durchmischten Nachbarschaft ist eine unverzichtbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration. Es darf keine Ghettobildung geben. Wie kann man Quartiere neu und integriert denken – bezogen auf das Bauen und auch bezogen auf das Quartiermanagement?

Wichtig sind vor allem zwei Dinge: Zum einen, Wohnangebote zu schaffen, die unterschiedlichen Ansprüchen etwa an Größe, Zuschnitt und Preis genügen. Zum anderen, Orte und Räume zu entwickeln, an denen Kontakte und damit gelebte Nachbarschaft entstehen können. Dafür sind massive Investitionen in Gebäude und Umfeld erforderlich. Alleine können es Wohnungsunternehmen nicht schaffen, gute Voraussetzungen für Integration in Quartieren zu entwickeln.

Hier müssen neben den sozialen Trägern und den Bewohnern selber auch die Kommunen mitziehen. Doch fehlen ihnen dafür in Deutschland häufig die finanziellen Mittel. Bund und Länder sind deshalb gefordert, Kommunen besser auszustatten, damit sie auf ihre lokalen Besonderheiten auf dem Wohnungsmarkt besser reagieren können.

Konzepte für bezahlbaren Wohnraum

Überall in Europa zieht es Menschen in die Städte. Hier finden Jobsuchende attraktive Arbeitsangebote und Karrierechancen. Familien schätzen die im Vergleich zu ländlichen Regionen häufig besseren Bildungs- und Betreuungseinrichtungen und Senioren profitieren von den Vorzügen einer oft vor allem für sie besonders wertvollen Infrastruktur. Auch Migranten bevorzugen Städte, weil sie dort oft Landsleute, ein offeneres Umfeld und mehr Startchancen finden.

Städte wie Berlin, Paris, Madrid oder Rom werden auch in den nächsten Jahren einen überdurchschnittlichen Bevölkerungszuwachs haben. Die Urbanisierung setzt sich aber auch in mittelgroßen Städten beschleunigt fort. Damit stehen viele Länder in Europa vor einer ähnlichen Herausforderung: Sie benötigen Konzepte für bezahlbaren Wohnraum. Diese Aufgabe duldet keinen Aufschub, und für ihre Lösung ist mehr nötig als nur eine politische Willensbekundung.

Eile ist geboten, denn Wohnungsnot kann gesellschaftliche und politische Entwicklungen nach sich ziehen, die eine Demokratie herausfordern und nationale Egoismen befeuern. Wir in Deutschland benötigen konkrete bauordnungs- und bauplanrechtliche Änderungen, um sowohl Nachverdichtungen als auch den Neubau im Siedlungszusammenhang sowie die Aufstockung von bestehenden Gebäuden zügiger und kostengünstiger zu realisieren.

Um den Prozess zu beschleunigen, muss auch die Digitalisierung der Planungs- und Genehmigungsverfahren vorangetrieben werden.

Europa altert

Die Bürger in Europa werden immer älter. Im Jahr 1990 lag das Medianalter, das die Bevölkerung in eine jüngere und eine ältere Hälfte teilt, in der EU noch bei 35 Jahren. Aktuell liegt es bereits bei knapp 43 Jahren, weil die Menschen einerseits länger leben und andererseits weniger Kinder als früher bekommen.

Dabei entwickelt sich Europa nach einer Analyse des Berlin- Institut für Bevölkerung und Entwicklung auseinander: Auf der einen Seite der englischsprachige Raum, weite Teile Frankreichs, Teile der Benelux-Staaten sowie Skandinavien, wo sich Geburten und Sterbefälle die Waage halten und Zuwanderung für Wachstum sorgt. Auf der anderen Seite die südlichen und östlichen Randgebiete, die durch Sterbeüberschüsse und Abwanderung doppelt leiden.

In Deutschland werden in den Jahren nach 2035 voraussichtlich knapp 24 Millionen Menschen leben, die älter als 65 Jahre sind. In einer alternden Gesellschaft wird Wohnen zu einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung. Es braucht genügend Wohnraum, der barrierefrei oder zumindest barrierearm ist.

Nur dann können ältere oder gesundheitlich eingeschränkte Menschen bis ins hohe Alter in ihrem gewohnten Umfeld leben. Das entlastet Pflegekassen, Sozialhaushalte und Senioreneinrichtungen, von denen viele bereits heute an der Kapazitätsgrenze arbeiten. Das Forschungsunternehmen Prognos sagt für Deutschland bis 2030 einen zusätzlichen Bedarf von 2,9 Millionen altersgerechten Wohnungen voraus.

Nötig sind deshalb Konzepte, die es älteren Menschen ermöglichen, durch zeitgemäßes Wohnen und eigens auf sie zugeschnittene zusätzliche Leistungen möglichst lange in ihrer Wohnung zu bleiben. Viel wäre gewonnen, wenn Förderprogramme, auch im Wege des direkten Zuschusses, auf wenig kostenintensive, aber sehr effektive Maßnahmen ausgerichtet würden, wie zum Beispiel den Einbau einer barrierearmen Dusche.

Energiewende im Gebäudebereich

Die Bedrohungen durch den Klimawandel lassen sich nicht in nationalen Alleingängen lösen. Deshalb hat sich die Weltgemeinschaft auf der Klimakonferenz 2015 auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt. Um die im Pariser Abkommen formulierten Ziele zu erreichen, ist in Deutschland bis zum Jahr 2050 ein nahezu klimaneutraler Gebäudebestand notwendig.

Der größte Hebel, über den die Wohnungswirtschaft überall in Europa zum Klimaschutz beitragen kann, ist die Aufwertung des Bestandes. Die aktuelle bundesweite Sanierungsquote von einem Prozent reicht dazu jedoch bei weitem nicht aus. Ziel der Regierung ist es, jährlich mindestens drei Prozent des Gebäudebestandes zu sanieren.

Doch offensichtlich ist die Energiewende im Gebäudebereich in großen Teilen der deutschen Bevölkerung noch nicht ausreichend akzeptiert. Es regt sich Widerstand, wenn Wohnungsunternehmen energetische Modernisierungsmaßnahmen durchführen und einen Teil der Kosten, etwa für die Dämmung von Fassaden oder den Austausch alter Fenster, auf die Mieten umlegen. Ein Grund dafür ist möglicherweise die mangelnde Offenheit gegenüber neuen Technologien.

Die Bevölkerung in anderen europäischen Ländern, etwa in den Niederlanden oder in Schweden, ist bei diesem Thema aufgeklärter und experimentierfreudiger. Von ihnen sollten wir lernen, um die Treibhausminderung tatsächlich voranzubringen. Aber auch die Politik ist gefordert: Sie muss klären, wie die erforderlichen, zum Teil auch niedrigschwelligen Maßnahmen finanziert werden sollen.

Ob Einwanderung, Urbanisierung, Demografie, Klimaschutz: Alle Länder in Europa stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Die Wohnungswirtschaft ist in Europa noch sehr fragmentiert. Was liegt da näher, als etwa einen Blick nach Österreich oder Schweden zu werfen, voneinander zu lernen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Für ein wirtschaftlich starkes und demokratisches Europa, das seine Interessen und Werte mit Kraft verteidigt. Für ein Haus Europa, in dem Platz ist für Vielfalt, aber nationale Egoismen vor der Tür bleiben.

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