Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Europawahl

Wirecard-Chef Markus Braun Warum wir in Europa mehr Optimismus brauchen

Die EU scheint beim digitalen Fortschritt ins Hintertreffen zu geraten. Doch der europäische Gemeinschaftsgedanken fördert die Digitalisierung.
Kommentieren
Als CEO ist Braun verantwortlich für die Vision des Dax-Konzerns Wirecard.
Markus Braun

Als CEO ist Braun verantwortlich für die Vision des Dax-Konzerns Wirecard.

Follow this link to the english version of this essay.

Wenn man von Digitalisierung und disruptiven digitalen Unternehmen spricht, kommen einem Orte wie Silicon Valley oder Peking in den Sinn; ebenso Internetgiganten wie Google, Amazon, Tencent oder Alibaba. Viele Branchenführer fragen sich, was das für Europa bedeutet.

Pessimisten mögen sagen, dass Europa die Chancen verpasst hat, sich der Digitalisierungswelle anzuschließen, und Optimisten könnten sagen, dass es noch zu früh ist, um Gewinner und Verlierer zu benennen. Als Vorstand eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen im Finanzbereich und treibender Akteur in der digitalen Finanztechnologie kann ich voller Überzeugung sagen, dass ich ein Optimist bin. Innovation ist nichts Neues für Europa.

In der Vergangenheit war Europa stets der Geburtsort innovativer Ideen und Kräfte. Die industrielle Revolution begann in Großbritannien im späten 18. Jahrhundert, was den Übergang von manueller Arbeit zu spezialisierten Fabriken und der Massenproduktion ermöglichte.

Die Industrialisierung breitete sich auch schnell auf andere europäische Länder aus, darunter Belgien, Frankreich und Deutschland, und schließlich auf die Vereinigten Staaten. Das moderne, benzingetriebene Auto wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland erfunden.

Die Auswirkungen dieser Innovation sind bis heute spürbar: Deutschland ist nach wie vor das führende Land im Automobil und Maschinenbau, und die Qualität der deutschen Fertigung ist weltweit hochangesehen. Produkte aus Deutschland werden als Produkte mit höchsten Qualitäts-, Zuverlässigkeits- und Sicherheitsstandards wahrgenommen. Innovatives Denken in Europa ist allerdings nicht nur auf Fertigung oder Produktion beschränkt.

Die Europäische Union ist ein Beispiel für eine herausragende politische Innovation. Als erste ihrer Art hat diese politische und wirtschaftliche Union einen Kontinent vereint, der zuvor durch zwei Weltkriege verwüstet und zerteilt wurde.

Und die EU treibt Innovationen kräftig voran: So fördert die Europäische Kommission beispielsweise Innovationen durch ihr Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont Europa, für das fast 100 Milliarden Euro zur Verfügung stehen. Ziel des Programms ist es, die globale Wettbewerbsfähigkeit Europas in einer Vielzahl von Bereichen zu sichern.

Im Dezember 2018 kündigte die Europäische Kommission die Bereitstellung von 173,4 Millionen Euro für 283 innovative Projekte in den Bereichen Blockchain, IKT, Gesundheit und Maschinenbau an, mit dem Ziel, Innovationen schneller auf den Markt zu bringen. Aber auch ohne solche Förderprogramme gibt es Branchen und Initiativen, die in Europa erfolgreicher sind als irgendwo sonst.

Ein Paradebeispiel sind digitale Banken. Die deutsche N26, die britische Revolut oder Monzo Bank sind nur einige Beispiele für digitale oder sogenannte Challenger-Banken, die in den letzten Jahren äußerst erfolgreich gestartet sind. Diese Disruptoren nutzen den Bedarf an modernen, digitalen Finanzdienstleistungen, die von den traditionellen Instituten oft zu langsam angeboten werden.

Dieser Gastbeitrag stammt aus diesem Buch:
Sven Afhüppe, Thomas Sigmund (Hg.):
Europa kann es besser
Wie unser Kontinent zu neuer Stärke findet. Ein Weckruf der Wirtschaft
Herder Verlag 2019, 240 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-451-39360-0
Erschienen am 15. April 2019
Das Buch bei Amazon bestellen.

In letzter Zeit wurde viel über die Rolle Europas bei der weltweiten digitalen Revolution diskutiert. Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten und China scheint Europa manchmal zurückzuliegen. Der reine Wettbewerbsgedanke greift jedoch zu kurz – man sollte die Digitalisierung nicht als Regionen betrachten, die miteinander konkurrieren, sondern als Regionen, die zusammenarbeiten.

Europa ist eine erfolgreiche Brücke zwischen Ost und West gewesen und wird es auch weiterhin sein. Darüber hinaus weisen verschiedene Regionen unterschiedliche Anpassungsgeschwindigkeiten an neue Technologien auf. China ist ein Land mit extrem hoher Mobilfunknutzung und einer exponentiellen Zunahme des mobilen Bezahlens, auch dank der Integration von Zahlungslösungen in soziale Nachrichtendienste wie WeChat.

Auch eine Frage des Vergleichs

Smartphones sind die primären Geräte für den Internetzugang der Verbraucher in China, und das Land war aufgrund seines hohen Online-Shopping-Volumens bereits 2017 der größte digitalisierte Zahlungsmarkt der Welt. In der Summe aus digitalen Handelstransaktionen und mobilen POS-Zahlungen belief sich der Wert der chinesischen digitalen Zahlungstransaktionen im Jahr 2017 auf 819,9 Milliarden US-Dollar, gefolgt von den USA mit 801,7 Milliarden US-Dollar und Europa mit 613,9 Milliarden US-Dollar.

Chinas riesige Internetnutzerbasis, kombiniert mit der hohen Verbreitung mobiler Geräte und dem steigenden durchschnittlich verfügbaren Einkommen, bilden die Grundlage für schnell wachsende digitale Unternehmen, die bequeme und mobile Services erfolgreich anbieten.

Chinesische E-Commerce-Marktplätze wie Alibaba, JD.com und DHgate sind Paradebeispiele dafür, wie Internetgiganten plattformbasierte Geschäftsmodelle eingeführt haben und heute die Digitalisierung in einer durch und durch digitalen Wirtschaft vorantreiben.

Natürlich zahlen in der Folge chinesische Verbraucher häufiger digital als Europäer, aber warum sollten sich Unternehmen hierzulande deshalb davon abhalten lassen, neue, für den europäischen Markt passende Geschäftsmodelle rund um digitales Bezahlen zu etablieren?

In Europa entwickelt sich die Nutzung von mobilem und digitalem Bezahlen anders als in China, wo sowohl Alipay als auch WeChat Pay mittlerweile fast den gesamten chinesischen Markt für mobile Zahlungen abdecken. In Europa ist es bekannterweise noch nicht Standard, den morgendlichen Kaffee mit einer Mobile Messaging App zu bezahlen.

Modelle, die in einem Land funktionieren, funktionieren aber auch nicht notwendigerweise in jedem Land. Während wir in Europa noch über die rechtlichen Folgen der Digitalisierung diskutieren, gehen die USA und Asien eher einen Trial-and-Error-Weg. Die Geschichte der digitalen Innovation befindet sich jedoch noch in ihrem Anfangsstadium, und deshalb hat Europa die Digitalisierung weder verpasst noch „verloren“.

Europa entwickelt sich gerade zu einem starken Akteur im Bereich Digitalisierung, und ich glaube, es ist nur eine Frage der Zeit, bis beispielsweise mobile Zahlungen in Europa alltäglich werden – vom Kauf eines Kaffees über die Aufteilung einer Restaurantrechnung unter Freunden bis hin zur Finanzierung von größeren Anschaffungen.

Ich denke, es wird nach „europäischer Art“ passieren – nicht mit dem Anspruch, der Schnellste zu sein, aber vielleicht der Nachhaltigste und Solideste.

Wir sind keine europäischen, sondern globale Innovatoren

Jedes Unternehmen, ob groß oder klein, kann sich für Innovationen und Digitalisierung entscheiden. In Europa brauchen wir sowohl innovative Start-ups als auch große, transformative Unternehmen, die ihre Komfortzone verlassen und neue Dinge ausprobieren.

Nur das Vorhandensein dieser beiden Elemente stimuliert eine lebhafte Wirtschaft immer wieder. Europa hat keinen Mangel an Start-ups, ganz im Gegenteil ist die europäische Start-up-Szene sehr dynamisch. Die Zahl der Technologie-IPOs mit einer Marktkapitalisierung von weniger als einer Milliarde US-Dollar stieg in den letzten fünf Jahren um 120 Prozent.

Im Jahr 2018 lieferte Europa mehr Big-Tech-IPOs als die USA, und Spotify hatte eine äußerst erfolgreiche Direktnotierung im Wert von 25 Milliarden US-Dollar. Tatsächlich hat Europa seit 2014 jedes Jahr mehr Tech-IPOs hervorgebracht als die USA.

Dies sind nur ein paar Beispiele dafür, warum wir der Digitalisierung in Europa optimistisch gegenüberstehen sollen. Wirecard versteht sich als globales Unternehmen – nicht nur als „europäisches“ oder „deutsches“ Unternehmen.

Wie sich ein Unternehmen definiert, ist wichtig, denn Innovation beginnt mit der Kultur und Denkweise eines Unternehmens. So ist Wirecard beispielsweise auf allen fünf Kontinenten über eine einzige digitale Plattform aktiv.

Im Jahr 2019 wird Wirecard alle seine Produkte in den USA, Südamerika und Asien weitgehend ausgerollt haben. Auch wenn wir ein Unternehmen sind, das in Europa gegründet wurde, so gibt es doch keine Barrieren im Umfang unseres Geschäfts. Wenn es um technologische Innovationen geht, ist auch die Denkweise des Unternehmens entscheidend.

Europäische Unternehmen müssen verstehen, dass digitale Technologie das Kernelement aller zukunftsgerichteten Geschäftsmodelle werden wird. Bei den heutigen Geschäftsmodellen geht es nicht darum, ein Produkt zu entwickeln und Technologie parallel zu nutzen. Im Gegenteil: Alle Geschäftsmodelle sollten mit der Gewissheit entworfen werden, dass die Zukunft digital ist.

Die erschienenen Texte der Serie finden Sie auch auf unserer Europawahl-Sonderseite.

Startseite

Mehr zu: Wirecard-Chef Markus Braun - Warum wir in Europa mehr Optimismus brauchen

0 Kommentare zu "Wirecard-Chef Markus Braun: Warum wir in Europa mehr Optimismus brauchen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.