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Europawahl

Europawahl Blau-gelbe Werbung für Europa: Konzerne appellieren an EU-Bürger

Vor der Europawahl geben Manager und Unternehmer ihre politische Zurückhaltung auf: Mit plakativen Aktionen rufen sie zur Beteiligung auf.
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Auch die Bahn wirbt mit EU-Flaggen-Optik für die Europawahl. Quelle: imago images / ZUMA Press
Berliner Hauptbahnhof

Auch die Bahn wirbt mit EU-Flaggen-Optik für die Europawahl.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

DüsseldorfWer am 14. Mai den Webshop des Modehändlers About You besuchte, erlebte eine Überraschung. Nach kurzer Zeit legte sich eine neue Seite über das Warenangebot mit einem Aufruf, zur Europawahl zu gehen. Angeboten wurde dann nur noch ein einziges Kleidungsstück: ein Statement-Shirt, entworfen vom dänischen Modeschöpfer Henrik Vibskov, mit einem aufgerissenen Mund, der Europaflagge und dem Slogan der Kampagne: „About you(r) Choice“.

Dass statt der sonst 200.000 Produkte nur noch eins präsentiert wurde, hatte eine klare Aussage: „Wir wollen den Menschen vor Augen führen, was es bedeutet, keine Wahl zu haben und welch ein Privileg es ist, wählen zu können“, sagt About-You-Gründer Tarek Müller. Mit der Kampagne habe das Unternehmen allein am 14. Mai mehr als eine Million Menschen erreicht. „Das waren meist junge Menschen, die ansonsten mit politischen Botschaften nur schwer erreichbar sind“, betont der About-You-Chef.

Um gerade junge Menschen anzusprechen, wurden in die Kampagne außerdem bekannte Influencer eingebunden, zudem gab es eine neunteilige Podcast-Reihe von Gregor Schwung rund um die Europawahl 2019. Ihm sei es ein sehr großes Anliegen, deutlich zu machen, wie wichtig Europa sei, so Firmenchef Müller. Denn ohne Europa sei About You „definitiv niemals so groß, wie es heute ist“.

Mit dieser Einschätzung ist Müller in der Wirtschaft nicht allein. Denn so zurückhaltend Topmanager und Unternehmer sonst bei politischen Statements sind, so sehr gehen sie jetzt vor der bevorstehenden Europawahl in die Offensive. Es herrscht bei vielen offenbar die Sorge, dass angesichts des nahenden Brexits und des zunehmenden Nationalismus die Zukunft Europas auf dem Spiel steht.

„Die Politik und auch wir als Wirtschaft müssen jetzt eine leidenschaftliche Debatte für ein vereintes Europa führen“, erklärt Arndt Kirchhoff, Präsident von Unternehmer NRW und Chef des gleichnamigen Autozulieferers. „Wir brauchen dringend ein neues Grundempfinden für die Bedeutung von Europa für unser Land.“

Die EU sei ein beispielloses Friedens-, Freiheits- und Wohlstandsprojekt, so Kirchhoff. Deshalb hat er die 80.000 Mitgliedsfirmen von Unternehmer NRW gebeten, ein Zeichen zu setzen und vor ihren Firmenzentralen die Europaflagge zu hissen.

Auch der Energiekonzern Eon hat vor allen Standorten die Europaflagge hissen lassen. Eon-Chef Johannes Teyssen warnt: „Seit Jahrzehnten gibt es einen europäischen globalen Konsens darüber, dass mehr Zusammenarbeit zu mehr Wohlstand für alle führt. Dieser Konsens ist nun gefährdet.“ Deshalb setzt er sich wie viele andere Firmenchefs intern und extern für eine hohe Wahlbeteiligung ein. Denn das könne „den Zusammenhalt in Europa wieder stärken“.

Mehr als Fahnen und Statements

Doch es bleibt nicht bei Fahnen und Statements. Zahlreiche Unternehmen haben in ganz Deutschland mit den unterschiedlichsten Aktionen deutlich gemacht, wie wichtig ein Europa der Zusammenarbeit und der offenen Grenzen für sie ist.

Beispiel Deutsche Bahn: Jeden Abend taucht das Unternehmen den Berliner Hauptbahnhof in die Europafarben blau und gelb. Das Bord-Magazin erscheint als Sonderausgabe zur Europawahl mit der Titelgeschichte: „Warum eine starke EU für uns alle wichtig ist“. Und Bahn-Chef Richard Lutz betont: „Mit dem Europamotiv auf der Fassade des Hauptbahnhofs zeigen wir im Wortsinn Flagge.“ Die europäischen Bahnen stünden für Vielfalt, für Toleranz und für internationale Kooperationen.

„Say yes to Europe.“ Quelle: Lufthansa
Lufthansa-Flugzeug

„Say yes to Europe.“

(Foto: Lufthansa)

Beispiel Lufthansa: Die Fluggesellschaft wirbt mit der Speziallackierung „Say yes to europe“ und einer Europaflagge auf einem Airbus A320 für eine hohe Beteiligung an der Europawahl. Außerdem wird die Standardlackierung aller Flugzeuge künftig durch die europäische Flagge ergänzt. „Mehr denn je geht es darum, Haltung zu zeigen, Verantwortung zu übernehmen und die europäische Idee eines geeinten und freien Kontinents zu stärken“, begründet Lufthansa-Chef Carsten Spohr dieses demonstrative Bekenntnis zur EU.

Es geht nicht nur um wirtschaftliche Interessen

Beispiel Deutsche Telekom: Die Mitarbeiter werden in der Firmenzentrale in Bonn schon mit Informationen über die Europawahl begrüßt. Hinter dem Aufsteller mit dem Schriftzug „Wahl-O-Mat“ steht eine Kooperation des Konzerns mit der Bundeszentrale für politische Bildung. Telekom-Mitarbeiter können sich dort über die Schwerpunkte der verschiedenen Parteien für die Europawahl informieren. CEO Timotheus Höttges rief seine Mitarbeiter zudem in einer Rede in der Firmenzentrale eindrücklich dazu auf, eine Stimme bei der Wahl abzugeben. Europa habe eine große Bedeutung für den Konzern, aber auch für ihn persönlich. Er selbst habe in seiner Jugend mit Interrail-Bahntickets verschiedene Länder in Europa erkundet.

Zudem rief Höttges auch die Vertreter der anderen Telekom-Landesgesellschaften in Europa auf, in Videos ihre Positionen über den Staatenbund zu äußern. Viele folgten der Aufforderung. „Kroatien hat sehr vom Beitritt zur Europäischen Union profitiert“, sagte der CEO der Landesgesellschaft Hrvatski Telekom, Kostas Nebis. Der CEO der slowakischen Telekom-Tochter José Perdomo Lorenzo nahm seinen persönlichen Lebensweg als ein Argument für Europa: „Ich bin ein Spanier, lebe in Tschechien und arbeite für eine deutsche Firma: Das macht Europa aus. Wir sind kosmopolitisch und vielfältig.“

Das zeigt: Es geht nicht nur um wirtschaftliche Interessen. Gerade für die Konzerne, die Menschen aus zahlreichen Ländern beschäftigen, ist Vielfalt und Weltoffenheit überlebenswichtig – auch im Kampf um Talente. Deshalb werben auch viele Konzernchefs nicht nur für eine hohe Wahlbeteiligung, sondern positionieren sich dezidiert gegen den aufkommenden Populismus.

Für immer mehr deutsche Unternehmen ist die proeuropäische Positionierung Teil ihrer DNA geworden. „Europa ist 2019 Teil der Unternehmenskommunikation und Kern des Marketings geworden“, schreibt Daniel Mack, Director Digital der Werbeagentur Hirschen Group in einem Gastbeitrag für das Fachblatt „Horizont“. Keine Haltung zu zeigen könne sich keiner mehr leisten. Dafür stehe bei der Europawahl zu viel auf dem Spiel.

Soziale Netzwerke als Multiplikator

Ein wichtiger Multiplikator für das Bekenntnis zu Europa sind die sozialen Netzwerke. Der Europajet von Lufthansa beispielsweise stößt überall, wo er auftaucht, auf großes Interesse. Entsprechend werden überall in den sozialen Medien, etwa in Twitter, Fotos des Flugzeugs gepostet. Eon-Mitarbeiter haben europaweit die Europahymne „Freude, schöner Götterfunken“ in ihren Landessprachen gesungen und das mit ihren Smartphones aufgenommen. Ein Zusammenschnitt dieser Videos läuft auf dem Eon-Youtube-Kanal.

Die TV-Gruppe Pro Sieben Sat 1 setzt ganz gezielt auf Instagram und Youtube, um auf ihre Kampagne „Geh Wählen!“ aufmerksam zu machen. „Als privates Medienunternehmen ist es unser Selbstverständnis, Demokratie zu stärken und zur Meinungsbildung beizutragen“, sagt Conrad Albert, stellvertretender Vorstandschef des Unternehmens. „Wir nutzen deshalb die gesamte Power unserer Entertainment-Plattformen, um junge Leute auf allen Kanälen zu informieren und zum Wählen aufzurufen.“

„Es ist ein Privileg, wählen zu können.“ Quelle: About You
Tarek Müller und Nilam Farooq

„Es ist ein Privileg, wählen zu können.“

(Foto: About You)

Bereits seit dem 8. Mai sendet die Gruppe spezielle Spots auf ihren Kanälen, mit denen sie vor allem junge Leute dazu bewegen will, zur Wahlurne zu gehen. Zudem sind in diversen TV-Formaten wie „taff“, dem „Sat 1-Frühstücksfernsehen“ und „Galileo“ Themenschwerpunkte über Europa zu sehen.

Die konzerneigene Kreativagentur Studio 71 entwickelt die Umsetzung für Plattformen wie Youtube und Instagram. Influencer wie Jonas Ems und Jette Lübbehüsen sollen auf die „Geh Wählen!“-Kampagne aufmerksam machen.

Ihre Kampagnen lassen sich die Unternehmen zuweilen sogar einiges kosten. Dem Modehändler About You beispielsweise entging durch die Europaaktion am 14. Mai ein Umsatz von rund einer Million Euro. Dazu kam ein sechsstelliger Betrag für die Produktion der Kampagne, die von der Werbeagentur Kolle Rebbe entwickelt wurde.

Doch gerade die Kampagne von About You zeigt, dass solche ungewöhnlichen Aktionen nicht ohne Tücken sind. Wird doch ganz genau beobachtet, ob echte Haltung dahintersteckt – oder vielleicht doch nur Marketing. So hatte About You am 14. Mai auf seiner Website einen kleinen Button eingebaut, mit dem man trotzdem das ganze Angebot shoppen konnte. Und dafür gab es heftige Kritik.

Firmenchef Müller hat dafür eine einfache Erklärung: „Wenn wir den Shop ganz dichtgemacht hätten, wären wir bei Google aus dem Suchmaschinen-Index geflogen.“ Für einen Onlineshop kann das die Existenz bedrohen. Und das wollte Müller trotz allem Europaengagement dann doch nicht riskieren.

Mitarbeit: Joachim Hofer, Jens Koenen, Stephan Scheuer, Katrin Terpitz

Mehr zum Thema: Das sagt der Kommunikationsberater Alexander Geiser zu den Europa-Aktionen der Unternehmen.

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