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Europawahl
Wahllokal in London

Den britischen Konservativen droht bei der Europawahl eine heftige Niederlage.

(Foto: Reuters)

Europawahl in Großbritannien „Wir wollen endlich raus“ – So schlecht ist die Stimmung im Wahlkreis von Theresa May

Die Briten wählen heute als erste bei der Europawahl. Ein Besuch in den Wahllokalen zeigt, wie groß der Ärger der Wähler ist – vor allem über die Partei der Premierministerin.
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Maidenhead/Islington Vor dem Wahllokal im Thames Hotel in Maidenhead ist morgens schon reger Betrieb. Um kurz nach sieben kommen die Ersten, um ihre Stimme bei der Europawahl abzugeben. „Wir haben alle genug von dem Brexit-Chaos“, sagt Buchhalter Ian. „Es reicht. Wir wollen endlich raus.“

Der 58-Jährige hat die Brexit-Partei von Nigel Farage gewählt, die einen schnellen, ungeordneten Brexit befürwortet. Bisher hat er immer die Konservativen gewählt, doch die Verschiebung des Brexits will er ihnen nicht durchgehen lassen.

Nach den ersten Unterhaltungen vor dem idyllisch gelegenen Wahllokal direkt an der Themse zeichnet sich schnell ein Trend ab: Kaum jemand in dem traditionell konservativen Wahlkreis wählt die großen Parteien Tories oder Labour. Stattdessen sortieren sich die Wähler in zwei Lager: Die einen wählen die Brexit-Partei, die anderen die pro-europäischen Liberaldemokraten oder die Grünen.

Das spiegelt die letzten landesweiten Umfragen: Die Brexit-Partei liegt mit bis zu 37 Prozent weit vorn. Um den zweiten Platz kämpfen Labour und die Liberaldemokraten. Die Konservativen folgen abgeschlagen auf Platz vier oder fünf, noch hinter den Grünen.

Viele Tory-Wähler wollen der Regierungspartei einen Denkzettel verpassen, selbst hier im Wahlkreis der Premierministerin Theresa May. Während alle Befragten an diesem Morgen Mays Wahlkreisarbeit als Abgeordnete loben, findet niemand ein gutes Wort für ihre Brexit-Politik.

„May hört den Leuten nicht zu“, sagt Jenny. Die 55-Jährige ist im vergangenen Jahr aus der konservativen Partei ausgetreten und wählt nun ebenfalls die Brexit-Partei. Sie sieht einen Mangel an Entscheidungsfreude in der Downing Street. May sei eine gute Abgeordnete, aber als Premierministerin sei sie mit schuld an der Verschiebung des Brexits. Deshalb müsse sie nun gehen.

Ian glaubt, dass die Wahlbeteiligung dieses Mal höher sein wird als bei früheren Europawahlen. „Die Leute sehen es als zweites Referendum“, sagt er. Die Brexit-Partei werde mindestens 50 Prozent bekommen.

Andy, ein 39-jähriger Programmierer, glaubt nicht, dass die Brexit-Partei wesentlich mehr Stimmen erhalten wird als Farages frühere Partei Ukip bei der letzten Europawahl. „Es gibt einen harten Kern von Brexit-Wählern, die sehr emotional auf die Verschiebung reagieren“, sagt er. Das sei nicht mehr als ein Drittel der Bevölkerung. Er selbst hat die Liberaldemokraten gewählt, die für einen Verbleib in der EU eintreten.

„Es kommen überraschend viele“

Auch die Pro-Europäer nutzen die Gelegenheit, ihre Unzufriedenheit mit den großen Parteien auszudrücken. „Wir sollten den Brexit absagen“, sagt die PR-Expertin Emily Bird. Die 37-Jährige hat die Grünen gewählt. Ihre Hoffnung: May werde ihren Job verlieren, dann komme es bald zu Neuwahlen und eine Labour-Regierung könne ein zweites Referendum ansetzen. Sie fürchtet jedoch, dass die Tories an der Macht bleiben, einen Brexit-Hardliner zum Premierminister machen und es zu einem ungeordneten Brexit kommt. „Das ist mein Worst-Case-Szenario.“

Weil der Brexit die Nation aufwühlt, wird erwartet, dass die Wahlbeteiligung bei dieser Europawahl höher ausfällt als in der Vergangenheit. Das zeigt sich auch im Wahlkreis von Labour-Oppositionsführer Jeremy Corbyn im Londoner Stadtteil Islington. „Es kommen überraschend viele“, sagt Ian, 78, der für die Labour-Partei vor einem Wahllokal Buch darüber führt, wer bereits seine Stimme abgegeben hat. „Damit wir heute Abend nicht noch an deren Haustür klopfen und Wahlkampf machen müssen“, erklärt er.

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Zwei junge Männer sind vor der Arbeit schnell wählen gegangen. „Ich habe immer Labour gewählt“, erklärt einer von ihnen, „ich habe auch diesmal Labour gewählt. Ich finde, es ist richtig, dass Corbyn versucht, sowohl Remainer als auch Leaver zu vertreten“. Er selbst habe beim Referendum 2016 für den Verbleib in der EU gestimmt und hat seine Meinung auch nicht geändert. „Aber ich respektiere die Meinung derjenigen, die für den Brexit gestimmt haben“, sagt er. Ob Corbyn ein guter Premierminister wäre? Er zuckt die Schultern. „Warum nicht“, sagt er dann.

Sein Freund, der 28-jährige Thomas, schüttelt den Kopf. Er hat diesmal nicht Labour gewählt. „Wir senden mit dieser Wahl ein Zeichen an die Regierung“, sagt er. Wie die Brexit-Verhandlungen liefen, sei nicht gut. „Theresa May hat zwar eine schwierige Aufgabe angenommen – aber sie hat es nicht gut gemacht“, kritisiert er. Er hat diesmal die Grünen gewählt. „Aus Protest“, sagt Thomas.

„May wird gehen müssen“

Auch die Liberaldemokraten hoffen, enttäuschte Labour-Wähler einzusammeln, die Corbyns Brexit-Kurs nicht mittragen wollen. Der Labour-Chef will den Brexit umsetzen und ein zweites Referendum möglichst verhindern. Doch in seinem Wahlkreis scheint die Labour-Unterstützung an diesem Morgen noch solide.

Ein paar Meter neben dem Wahllokal streicht die 48-jährige Jane gerade zusammen mit ihrem 19-jährigen Sohn den Gartenzaun. „Ich habe bei dem EU-Referendum für Remain gestimmt“, sagt sie. „Aber was ist passiert? Jetzt gehen wir doch.“ Sie will später wählen gehen, wieder Labour. „Wir haben keine andere Wahl. Theresa May macht doch nichts für die einfachen Leute.“ Auch die Liberaldemokraten seien keine Alternative.

Ihr Sohn weiß noch nicht, für welche Partei er seine Stimme abgibt. „Ich bin gegen den Brexit“, sagt er. „Ich will nicht nach meinem Studium darauf angewiesen sein, hier in Großbritannien einen Job zu finden, sondern auch im Ausland arbeiten gehen.“

In einem sind sich die Wähler einig: Das Schicksal der Premierministerin gilt als besiegelt. „Sie hat das Vertrauen ihres Teams verloren“, sagt die 44-jährige Michaela in Maidenhead. „Deshalb wird sie gehen müssen.“

Mehr: Britische Medien berichten über einen baldigen Rücktritt von Theresa May. Lesen Sie hier den aktuellen Stand zur Lage in London von unserer Korrespondentin Kerstin Leitel. Die neuesten Entwicklungen zur Europawahl können Sie in unserem Newsblog verfolgen.

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