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Europawahl
Asylbewerber im Betrieb

Viele deutsche Firmen suchen Fachkräfte.

(Foto: Polaris/laif)

Mittelstand Allianz gegen Populismus: 50 Familienunternehmen kämpfen für Vielfalt und Weltoffenheit

Kurz vor der Europawahl schlagen mehrere Familienunternehmer mit einer bundesweiten Initiative Alarm. Sie stellen sich gemeinsam gegen Fremdenfeindlichkeit.
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DüsseldorfEs sind nur noch 83 Tage, dann wird ein neues Europaparlament gewählt. Und wenn die jüngsten Prognosen eintreffen, dürften populistische Parteien, die die offenen Grenzen in Europa infrage stellen, deutlich zulegen. In Deutschland liegt die AfD aktuell konstant bei zweistelligen Zustimmungswerten. Bei der Europawahl vor fünf Jahren waren es erst sieben Prozent.

Den Familienunternehmen in Deutschland macht diese Entwicklung große Sorgen. Denn für die exportorientierte Wirtschaft ist die Weltoffenheit Grundlage ihres Geschäfts. „Wir müssen klarmachen: Unser Wohlstand hängt am freien Handel. Und der hängt in Europa zusammen mit offenen Grenzen für Ausländer“, sagt der Keksfabrikant Werner Bahlsen dem Handelsblatt.

Unter der Initiative von Timm Mittelsten Scheid, dem Miteigentümer von Vorwerk, haben sich mittlerweile 50 deutsche Familienunternehmer zusammengetan, um für die Vielfalt in Wirtschaft und Gesellschaft zu kämpfen. Mit Plakaten und Anzeigen in Zeitungen wollen sie die Politik und Bürger aufrütteln.

Die Aktion „Made by Vielfalt“ soll Toleranz anmahnen und daran erinnern, dass die Wirtschaft auf den Zuzug von Fachkräften angewiesen ist. Ihn habe aber auch die „zunehmend aggressive Sprache“ der Politik dazu veranlasst, ein Zeichen zu setzen, sagt Mittelsten Scheid dem Handelsblatt. „Sonst kommen wir in ein Land, in dem ich nicht leben möchte“, warnt er.

Bahlsen weist darauf hin, dass gut ausgebildete Menschen etwa aus Osteuropa zu uns kommen. „Es darf durch die Migrationswelle, die vielleicht etwas heftig war in den vergangenen Jahren, nicht dazu kommen, dass wir uns einigeln“, fordert er. Er sorgt sich, dass der Brexit qualifizierte EU-Ausländer verschrecken könnte.

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Vorwerk-Miteigentümer Mittelsten Scheid konnte sich nicht sicher sein, wie viele Familienunternehmen seinem Aufruf folgen würden, „keiner möchte so eine Aktion alleine machen“, erinnert er sich, und die ersten fünf bis zehn Mitstreiter zu finden sei schwierig gewesen, damals im Herbst 2018.

Doch bald darauf waren es 38, zuletzt 50 Firmen, die bei seiner Kampagne „Made by Vielfalt“ mitmachen. Der Miteigentümer des Wuppertaler Familienkonzerns Vorwerk war sich auch nicht zu schade, selbst zum Hörer zu greifen und die Familienunternehmer zu mobilisieren.

Positive Begriffe gewählt

„Die Kampagne ist ein ‚Hallo Wach‘ an die Politik: So könnt ihr nicht weitermachen“, erklärt Mittelsten Scheid. Seit einer Woche laufen Anzeigen in den wichtigsten Medien und dank der Mithilfe von Ströer auf mehr als 2000 Plakaten in der Republik. Maximale Aufmerksamkeit für die sonst so verschlossenen Familienunternehmer und die oft noch verschlosseneren Unternehmerfamilien, zu denen man Mittelsten Scheid getrost zählen darf.

Dass die Kampagne kurz vor der wichtigen Europawahl am 26. Mai nun umgesetzt ist, scheint kein Zufall, auch wenn die Idee dazu bereits im September 2018 entstand und Mittelsten Scheid sich schon damals vor allem an der Sprache der Politik rieb: „Sprache beeinflusst unser Denken, und unser Denken beeinflusst unser Handeln, da müssen wir wachsam sein.“

In der ganzen Kampagne erscheinen Begriffe wie Rechtspopulismus oder gar AfD mit keinem Wort. Stattdessen sind bewusst positive Begriffe gewählt wie Weltoffenheit, Vielfalt, Toleranz. Die Initiative richtet sich gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung von Minderheiten, also gegen das Weltbild von Menschen, die sich politisch in der AfD und noch weiter rechts verorten.

Oben: Reinhold Würth (Würth), Anna Maria Braun (B.Braun), Nikolas Stihl (Stihl). Unten: Otto Deichmann (Deichmann), Timm Mittelsten Scheid (Vorwerk) und Hans van Bylen (Henkel). (v.l.n.r.). Quelle: Axel Griesch/Finanzen-Verlag/Braun/Stihl/Dirk Hoppe/Vorwerk/dpa
Familienunternehmer für Vielfalt

Oben: Reinhold Würth (Würth), Anna Maria Braun (B.Braun), Nikolas Stihl (Stihl). Unten: Otto Deichmann (Deichmann), Timm Mittelsten Scheid (Vorwerk) und Hans van Bylen (Henkel). (v.l.n.r.).

(Foto: Axel Griesch/Finanzen-Verlag/Braun/Stihl/Dirk Hoppe/Vorwerk/dpa )

Aktuell ist die AfD nach letzten Prognosen von Meinungsforschungsinstituten klar zweistellig. Das macht vielen in der Wirtschaft Angst. Denn Deutschland ist als Exportnation mit niedrigen Geburtenraten und steigendem Fachkräftemangel auf Menschen aus anderen Nationen und Kulturen angewiesen.

Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) und der Hochschule Coburg im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hat ergeben: Deutschland hat bis 2060 einen jährlichen Einwanderungsbedarf von mindestens 260.000 Menschen. Nur so lässt sich der demografisch bedingte Rückgang des Arbeitskräfteangebots auf ein für die Wirtschaft verträgliches Maß begrenzen.

Im Jahresdurchschnitt müssten rund 114.000 Zuwanderer aus anderen EU-Staaten kommen, zusätzlich etwa 146 000 Personen von außerhalb der EU. „Migration ist ein zentraler Schlüssel zu einer gelingenden Zukunft. Deutschland braucht Fachkräfte – auch aus Regionen außerhalb Europas“, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Mittelsten Scheid gehört zu den Familienunternehmern, die ihre Firmen nicht operativ führen. Der 50-Jährige sitzt im Beirat bei Vorwerk. Der studierte Geograf lebt in München und verfügt in seinem Netzwerk wie viele seiner Generation über weitreichende internationale Kontakte und schaut schon seit Längerem auf die zum Teil aufgeheizten Diskussionen hierzulande.

Das Thema beschäftigt ihn persönlich sehr, sagt er. „Ich finde es wichtig, dass auch die Wirtschaft in Zeiten dieser gesellschaftspolitischen Debatten ein Zeichen setzt.“ Es freue ihn, sagt Mittelsten Scheid, dass seine Idee auf so viel positive Resonanz zunächst in seiner Familie und Geschäftsführung bei Vorwerk und bei anderen Familienunternehmen gestoßen sei.

„Made by Vielfalt“ ist nicht die erste Initiative, in der sich Unternehmen für eine bessere Integration von Ausländern in der deutschen Wirtschaft einsetzen. 2016 startete das Netzwerk „Wir zusammen“ auf Initiative von Ralph Dommermuth, Gründer und Vorstandschef von United Internet. Derzeit engagieren sich dort 234 Unternehmen, darunter auch zahlreiche Familienunternehmen, für Geflüchtete.

Anlass für die Gründung waren kritische Diskussionen über Flüchtlingszuwanderung und das Erstarken der Pegida. Vorwerk hat sich auch bei „Wir zusammen“ engagiert und beschäftigt in Deutschland Mitarbeiter aus mehr als 30 Nationen.

In vielen deutschen Firmen nimmt die Vielfalt zu – nicht erst seit der Flüchtlingswelle. Hatten 2013 noch 7,9 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland einen ausländischen Pass, so sind es 2018 bereits 11,7 Prozent, zeigen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Dabei sind deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund, die hier geboren sind oder eingebürgert wurden, gar nicht erfasst.

Rechte Erfolge bei Betriebsratswahlen verfolgen Unternehmer mit Sorge

Digitalisierung, Globalisierung und Zuwanderung schüren Abstiegsängste bei Arbeitnehmern. Obwohl sich der Deutsche Gewerkschaftsbund im Mai 2018 klar gegen die AfD und rassistische und demokratiefeindliche Organisationen positioniert hat, fällt auch bei Gewerkschaftsmitgliedern Rechtspopulismus auf fruchtbaren Boden. Bei der letzten Bundestagswahl haben 15 Prozent der Gewerkschafter AfD gewählt – das sind 2,4 Prozentpunkte mehr als bei den Wählern insgesamt.

Auch bei den Betriebsratswahlen im vergangenen Jahr fuhren rechte Gruppierungen vereinzelt Erfolge ein. So kam das „Zentrum Automobil“ bei der Betriebsratswahl im Daimler-Werk Untertürkheim Anfang März 2018 auf 13,2 Prozent – und gewann sechs statt bisher vier Mandate im 47 Personen starken Betriebsrat.

Mit 1844 Stimmen wurde das „Zentrum“ in Untertürkheim zweitstärkste Kraft nach der IG Metall. „Wir verfolgen diese Entwicklung mit Sorge“, bekannte seinerzeit Daimler-Chef Dieter Zetsche.

Der Bundesverfassungsschutz fürchtet, dass die „Marke Deutschland“ unter dem Rechtsextremismus leiden könnte. Sinan Selen, Vizepräsident des Inlandsgeheimdiensts, fand vorige Woche bei einem Sicherheitskongress in Berlin ungewöhnlich deutliche Worte: „Rechtsextremisten schaden nicht nur unserer Demokratie und unserem friedlichen Zusammenleben in Deutschland, sondern auch der Wirtschaft.“

Die Folge ihrer „menschenverachtenden Aktionen“ sei, „dass Investoren aus dem Ausland skeptisch werden können oder potenzielle Fachkräfte durch Bilder von rechtsextremistischen Aufmärschen und durch Warnungen vor vermeintlichen ,No-Go-Areas’ abgeschreckt werden“. Damit spielte Selen auf die rechtsextremen Proteste in Chemnitz und Köthen an, die im Herbst 2018 auch international großes Aufsehen erzeugt hatten.

Seitdem engagieren sich dortige Unternehmer gegen rechts. Zu ihnen zählt auch Nomos-Glashütte-Miteigentümerin Judith Borowski. Ihr Unternehmen bot Faktenchecks der AfD-Polemik an, um Argumentationshilfen gegen rechts zu entwickeln oder Antworten zu finden auf Fragen, wie man mit rassistischen Äußerungen unter Kollegen umgeht.

Viele sächsische Unternehmen sind verzweifelt auf der Suche nach Fachkräften. „Der Rechtspopulismus ist da nicht hilfreich“, sagte Günther Bessinger, Inhaber der MN Maschinenbau Niederwürschnitz, kürzlich dem Handelsblatt.

Auf den Plakaten und in den Anzeigen, die in Printmedien wie dem Handelsblatt erscheinen, steht: „Aus gutem Grund heißt es ‚Made in Germany‘ und nicht ‚Made by Germans‘. Denn täglich geben Mitarbeiter/Innen aus aller Welt bei uns ihr Bestes. Damit das so bleibt, stehen wir auch weiterhin für ein weltoffenes Deutschland.“

So arbeiten beim Familienkonzern Henkel weltweit 50.000 Mitarbeiter aus 120 Nationen, vier von fünf Mitarbeitern sind im Ausland beschäftigt, 85 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet Henkel außerhalb von Deutschland.

Am Firmensitz in Düsseldorf sind Mitarbeiter aus mehr als 60 Nationen beschäftigt, zählt Henkel CEO Hans Van Bylen auf. „Vielfalt ist für uns ein klarer Erfolgsfaktor. Wir haben ein globales Geschäft. Da ist klar: Vielfältige Teams erzielen bessere Ergebnisse.“ Man lebe Vielfalt bei Henkel und habe sich deshalb „auch gerne an dieser Initiative beteiligt“.

Auch Nikolas Stihl, Beiratschef des gleichnamigen Sägenherstellers, stehe seit Jahrzehnten für Internationalität, Offenheit und Vielfalt. „Wir erwarten ein respektvolles und tolerantes Miteinander bei uns im Betrieb. Die bevorstehenden Wahlen – national und international – veranlassen uns, diese Selbstverständlichkeit zu betonen.

Oetker engagiert sich für Weltoffenheit und Toleranz

Bei Stihl im deutschen Stammhaus arbeiten Beschäftigte aus rund 50 Nationen zusammen. Stihl betont, dass Vielfalt nichts Neues beim Familienunternehmen sei. Schon Vater Hans Peter Stihl sagte 1981 in seiner Rede zur Eröffnung des Ausbildungszentrums im Waiblinger Werk 6: „Ein Sechstel der neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnisse entfallen auf Jugendliche der zweiten Ausländergeneration. Wir sehen es als Pflicht, im Rahmen unserer Möglichkeiten einen aktiven Beitrag zur Integration der ausländischen Jugendlichen zu leisten.“

Die Oetker-Gruppe äußert sich ebenfalls für mehr Weltoffenheit und Toleranz „in Zeiten, in denen Populisten Abschottung propagieren“. Gerade Familienunternehmen stünden für „eine Kultur des Miteinanders und des Ausgleichs, auch wenn nicht immer alle Familienmitglieder einer Meinung sein sollten“. Mitgemacht bei der Kampagne hat auch Anna Maria Braun, Vorstandsvorsitzende des Medizintechnikkonzerns B. Braun Melsungen.

Sie spricht sich für „eine Willkommens- und Wertekultur“ aus, „die eine Grundvoraussetzung für unseren Geschäftserfolg darstellt“. Auch die Otto-Group positioniert sich als „Unterzeichner der Charta der Vielfalt“. In diesem Jahr wird die Otto Group außerdem zum dritten Mal offizieller Partner des Hamburg Pride sein und sich mit einem eigenen Wagen an der Demonstration zum Christopher Street Day beteiligen.

„Viele von uns fahren gern ein deutsches Auto“, sagt der Vorstandschef der Berner Group. Das sei aber nur möglich, weil Menschen aus der Fremde zu uns kämen, um hier zu arbeiten. Wer Menschen aus der Türkei, Italien, Russland oder Bulgarien dann auch noch sagt, dass sie hier bei uns unerwünscht sind, der verkenne die Realität.

„Das muss aufhören“, sagt Christian Berner. „Ich bin der Meinung, dass wir Menschen aus anderen Ländern eine Perspektive bieten müssen, um den Standort langfristig zu sichern. Ich tue das aus tiefer Überzeugung.“ Mitarbeiter aus 40 Nationen arbeiten derzeit in Deutschland für die Berner Group.

Stefan Dräger, Vorstandschef der Drägerwerk Verwaltungs AG, sieht sich mit der Kampagne klar in der Tradition der Hansestadt: In Lübeck hätten die Kaufleute schon im Mittelalter erkannt, welches Potenzial in der Vielfalt liegt und welche Bereicherung möglich wird durch den Austausch und die Überwindung von Grenzen als Quelle des Wohlstands.

„Hier hat mein Urgroßvater das Unternehmen vor 130 Jahren gegründet und wurde von Anfang an durch die Zusammenarbeit mit Kunden in aller Welt inspiriert. In über 50 Ländern haben wir eigene Mitarbeiter, und aus diesen Ländern arbeiten Menschen in Lübeck, unserem Stammsitz.“

Die offene Frage: Was folgt auf die Kampagne, die Mitte der Woche beendet ist. Für weitere Aktionen seien auch weitere Familienunternehmen willkommen, sagt Mittelsten Scheid: „Wir haben Ideen, wie es weitergehen könnte, aber die sind noch nicht spruchreif.“

Mitarbeit: Martin Buchenau, Christoph Kapalschinski, Moritz Koch, Dietmar Neuerer, Andrea Rexer, Frank Specht, Thomas Tuma

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