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Österreich Schriftsteller Kehlmann appelliert an Kurz: „Wollen Sie die Farce nicht beenden?“

Der Bestseller-Autor Daniel Kehlmann sorgt sich um die Demokratie in Österreich. Besonders stört ihn die Regierungsbeteiligung der rechten FPÖ.
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Schriftsteller Daniel Kehlmann spricht bei seiner Auszeichnung mit dem Anton-Wildgans-Literaturpreis der Österreichischen Industrie. „Die Demokratie ist in Gefahr in der westlichen Welt. Sie ist besonders in Gefahr in Österreich“, sagte Kehlmann bei der Preisverleihung. Quelle: dpa
Anton-Wildgans-Literaturpreis für Autor Kehlmann

Schriftsteller Daniel Kehlmann spricht bei seiner Auszeichnung mit dem Anton-Wildgans-Literaturpreis der Österreichischen Industrie. „Die Demokratie ist in Gefahr in der westlichen Welt. Sie ist besonders in Gefahr in Österreich“, sagte Kehlmann bei der Preisverleihung.

(Foto: dpa)

WienEigentlich ist die Verleihung eines Literaturpreises für den vielfach ausgezeichneten Bestseller-Autor Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“, „Tyll“) fast schon ein bisschen Routine. Doch den Anton-Wildgans-Literaturpreis der Österreichischen Industrie nahm der 44-jährige Schriftsteller zum Anlass, einen eindringlichen Appell an den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz zu richten.

Kurz regiert die Alpenrepublik seit Ende 2017 mit der rechtspopulistischen FPÖ. „Die Demokratie ist in Gefahr in der westlichen Welt. Sie ist besonders in Gefahr in Österreich“, sagte der in München geborene Autor, der einen deutschen und einen österreichischen Pass besitzt, in seiner Dankesrede.

Der Anton-Wildgans-Preis ist mit 15.000 Euro dotiert. Unter den Preisträgerin sind Thomas Bernhard, Ingeborg Bachmann und Michael Köhlmeier.

Kehlmann, dessen Stücke meist am Wiener Theater in der Josefstadt uraufgeführt werden, mahnte eindringlich zu einer politischen Umkehr. 2009 habe der inzwischen verstorbene Komponist und Sänger Georg Kreisler in Salzburg vor der sich abzeichnenden Rückkehr des Faschismus gewarnt.

Nun stelle sich laut Kehlmann heraus: „Er war klarsichtiger als wir anderen. Denn der Ernstfall ist eingetreten.“ Er selbst sei auch durch den „langen Doppelschatten“ des früheren Bundespräsidenten mit NS-Vergangenheit, Kurt Waldheim, und des Rechtspopulisten Jörg Haider geprägt worden.

Der Wien-Liebhaber Daniel Kehlmann ist mit seiner Kritik an der Rechtsregierung in Österreich nicht allein. Im Streit um den engagierten ORF-Moderator Armin Wolf nach dem Angriff des FPÖ-Politikers Harald Vilimsky hatten auch die österreichische Literaturpreisträgerin Elfriede Jelinek oder die in Berlin lebende Autorin Eva Menasse in einer gemeinsamen Erklärung mit anderen Autoren scharfe Kritik geübt. Wolf gilt als einer der härtesten Interviewer Europas und hat auch schon FPÖ-Politiker in die Mangel genommen.

Schriftsteller Kehlmann beklagte vor Vertretern der österreichischen Wirtschaft den Ansehensverlust durch die rechte Regierung in Wien auf internationaler Ebene. „Draußen in der Welt wird Österreich inzwischen zuverlässig neben Trumps Amerika, Orbans Ungarn und Bolsonaros Brasilien genannt“, sagte er und wandte sich direkt an Kurz: „Möchten Sie wirklich der Mann sein, der das bewirkt hat? Möchten sie tatsächlich von künftigen Historikern beschrieben werden als jener Regierungschef, der einen Innenminister ermöglicht hat, der das parlamentarische System, den Rechtsstaat und die Pressefreiheit offen verachtet und neben sich einen ehemaligen Neonazi als Vizekanzler geduldet hat?“

In Österreich ist der FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, der in Deutschland als junger Rechtsaktivist verhaftet wurde, stellvertretender Regierungschef. „Wollen Sie die Farce nicht beenden?“, fragte Kehlmann den 32-jährigen ÖVP-Chef Kurz. „Möchte die Österreichische Volkspartei wirklich weiterhin alles hinnehmen, was in ihrem Namen passiert? (…) „Möchten nicht in Wahrheit viele ihrer Entscheidungsträger endlich jene Gestalten, deren dummdreiste Vulgarität Ämter herabwürdigt, die man ihnen nie hätte anvertrauen dürfen, nach Hause schicken und dafür sorgen, dass man die Luft in diesem Land wieder atmen kann? Es liegt wirklich bei Ihnen, beim jungen Kanzler, bei der alten ÖVP.“

Die Reaktionen in der einflussreichen Industriellenvereinigung waren unterschiedlich. Nicht von allen Gästen gab es für den Frontalangriff auf die konservativ-rechtspopulistische Regierung Beifall. Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung, lobte Kehlmann aber als „modernen Weltbürger“.

In Kreisen der österreichischen Industrie fällt Kehlmanns Kritik hinter vorgehaltener hingegen auf fruchtbaren Boden. Manchen Vorstand ist die nationalistische und fremdenfeindliche Haltung der früheren Haider-Partei FPÖ schon lange ein Ärgernis in einem exportorientierten Land wie Österreich. Die Industriellenvereinigung erhielt noch keine politische Reaktionen, wie ein Pressesprecher am Mittwoch sagte.

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