Expansionsbestrebungen Vietnams Sorgen: „Die Chinesen übernehmen unser Land“

In Vietnam wächst die Opposition gegen die Expansionspolitik und den wachsenden wirtschaftlichen Einfluss Chinas. Und das Volk will noch mehr.
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Vier Millionen Chinesen pro Jahr machen an vietnamesischen Küstenorten wie Da Nang Urlaub. Die wirtschaftliche und politische Expansion des großen Nachbarn macht viele Vietnamesen nervös.
Küste in Da Nang

Vier Millionen Chinesen pro Jahr machen an vietnamesischen Küstenorten wie Da Nang Urlaub. Die wirtschaftliche und politische Expansion des großen Nachbarn macht viele Vietnamesen nervös.

HanoiDie Gruppe von Chinesen, die im Mai in der vietnamesischen Stadt Cam Ranh gelandet waren, hatten sich den Beginn ihres Vietnam-Urlaubs wohl anders vorgestellt. Bevor sie das Land betreten durften, beschlagnahmten vietnamesische Grenzbeamte ihre T-Shirts.

Auf den T-Shirts waren die Landesgrenzen Chinas abgebildet. In rot war zusätzlich die sogenannte „Neun-Striche-Linie“ eingezeichnet – der Umriss jener Zone, die China im Südchinesischen Meer für sich beansprucht. Für diese Provokation hatten die Vietnamesen kein Verständnis.

Anrainerstaaten wie Vietnam und die Philippinen wehren sich seit Jahren lautstark gegen die Expansionsgelüste Chinas. Durch das Gebiet läuft eine der wichtigsten Frachtrouten der Welt, mit einem jährlichen Handelsvolumen von rund 5 Billionen US-Dollar. Das 3,6 Millionen Quadratkilometer große Südchinesische Meer hat zudem entscheidende strategische Bedeutung – nicht zuletzt für die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten.

China und Vietnam teilen sich zwar eine 1281 Kilometer lange Grenze. Die beiden Nachbarn sind sich aber keineswegs in kommunistischer Brüderschaft verbunden. Zwar ist vor allem im Norden von Vietnam, in der gebirgigen Region Sapa, die unmittelbare Nähe Chinas besonders stark spürbar – in den Gesichtern der Menschen der einst aus China eingewanderten Minderheitenvölker.

Gerade in dieser Region ist die gemeinsame Vergangenheit auch von Konflikt gezeichnet: China hatte Vietnam einst kolonialisiert. Und es ist erst 40 Jahre her, seit sich die beiden Länder einen erbitterten Grenzkrieg lieferten.

Wirtschaftlich scheinen sich die beiden Nachbarn aber versöhnt zu haben. Der bilaterale Handel zwischen Hanoi und Peking jagt von Rekord zu Rekord. In diesem Jahr soll der Gesamtwert des Waren- und Dienstleistungsverkehrs auf ein Hoch von 100 Milliarden US Dollar klettern, rechnen Experten. Im letzten Jahr waren es bereits 22 Milliarden mehr als 2016. Vier Millionen Chinesen kommen pro Jahr zum Urlaub nach Vietnam.

Im letzten Jahr stieg der Wert der Exporte von Vietnam ins Nachbarland um 61,5 Prozent auf 35,46 Milliarden US-Dollar. Der Handel mit China macht inzwischen 22 Prozent des Wertes aller Ein- und Ausfuhren aus, so offizielle Zahlen. Smartphones sind das wichtigste Exportprodukt. Auch Tonnen von Krabben und anderen Meeresfrüchten werden jeden Tag zum Nachbarn verschifft. Und Ferkel: Tausende von Baby-Schweinen reisen jede Woche auf Lastwagen über die Grenze.

Trotz der positiven Handelsentwicklung bleiben Vietnamesinnen und Vietnamesen den Chinesen gegenüber latent skeptisch. Seit China begonnen hat, auf einigen der Inseln im Südchinesischen Meer militärische Infrastruktur zu bauen, wird in Vietnam die Frustration über den mächtigen Nachbarn zunehmend auch im Alltag spürbar.

Auch der Taxifahrer Duong sei „empört“ über das Verhalten Pekings im Südchinesischen Meer, wie er offen sagt. Chinesen seien auch seine Kunden, „ich mag Koreaner aber lieber“. Der 49-Jährige wartet am Strand von Da Nang auf Fahrgäste, einem der touristisch wichtigsten Orte an der vietnamesischen Küste.

Tausende von Urlaubern aus Korea, Thailand und China räkeln sich im Sand des Strandes, gemeinsam mit Einheimischen. Die Promenade wird von massiven Hotel-Neubauten dominiert. Viele der neueren Gebäude sind allerdings fast leer. Nur die leuchtend roten chinesischen Schriftzeichen flackern in der Nacht, wie Symbole der Hoffnung auf den „Chinaboom“.

Dieser habe für Vietnam nämlich erst begonnen, glaubt der Geldwechsler und Gelegenheits-Immobilienmakler Hung, Goldkette am Hals und Zigarette auf der Lippe. Die Mittelschicht im Nachbarland wachse jedes Jahr um Millionen, erzählt er. Millionen Menschen, die es sich zum ersten Mal leisten können, in Urlaub zu fahren. „Zu uns an den Strand von Da Nang“, lacht Hung.
Die Hotelangestellte Kim-Ly ist deutlich weniger enthusiastisch. Wenn es nach der 34-Jährigen geht, könnten die Chinesen alle zuhause bleiben. „Die übernehmen unser Land“, klagt sie. Kritisieren wolle sie zwar nicht die Touristen, „von denen ich ja auch profitiere“.

Sie sei jedoch „total empört, ja wütend“ über Pläne der vietnamesischen Regierung, an drei Orten des Landes weitere „besondere Wirtschaftszonen“ einzurichten. Hanoi will laut offiziellen Angaben aus jeder dieser Anlagen eine Art „Mini-Singapur“ machen: Investoren würden nicht nur attraktive Anreize und günstige Zoll- und Handelsbedingungen winken.

Sie könnten das Land für 99 Jahre pachten, statt 70 Jahre, wie in den bisherigen 18 Sonderwitschaftszonen in Vietnam. „Es ist offensichtlich, dass diese Zonen nur für die Chinesen gebaut werden“, sagt Kim-Ly. Denn China werde von Hanoi als Handelspartner favorisiert. Schon heute ist Peking mit Direktinvestitionen im Gesamtwert von mehr als 21 Milliarden US-Dollar einer der wichtigsten ausländischen Anleger in Vietnam. „Die Regierung verkauft unseren Boden zu einem Schleuderpreis an den billigsten Bieter. Das ist unakzeptabel“, klagt Kim-Ly. Die Frustration treibt ihr die Tränen in die Augen.

Die Frau ist mit ihrer Empörung nicht alleine. Seit Juni ist es in verschiedenen Städten zu Demonstrationen gegen die Pläne gekommen – ungewöhnlich in einem Land, in dem Proteste kaum vorkommen und noch seltener von der Regierung toleriert werden. Hunderte Demonstranten seien festgenommen worden, weitere wurden von der Polizei brutal misshandelt, hat die Organisation Human Rights Watch gemeldet.

Die Proteste zeigten aber Wirkung. Der Entscheid im Parlament über das Gesetz zur Schaffung der Sonderwirtschaftszonen wurde vorerst aufgeschoben. Um die Stimmung zu entschärfen, versprach Premierminister Nguyen Xuan Phuc, die Pachtzeit von 99 Jahren zu reduzieren. Auf wie viele Jahre, sagte er allerdings nicht.

Für Kommentatoren geht es bei den Demonstrationen aber um weit mehr als nur den vermeintlichen Griff nach Land durch China. Der unabhängige Journalist Pham Chi Dung verglich die Proteste mit dem „Arabischen Frühling“ – ein Zeichen für das tiefe Verlangen nach mehr Demokratie. Auch der Politik-Analyst Nguyen Phuong Ling glaubt nicht, dass es den Demonstrierenden primär um die Expansion Chinas geht. „Es ist mehr ein Zeichen der tiefen Frustration und Unzufriedenheit über die allgegenwärtige Kontrolle der Obrigkeit“, so der Experte.

Derweil arbeitet Hanoi daran, die Möglichkeiten weiter zu drosseln, wie Bürger Widerstand mobilisieren und sich kritisch äußern können. Ein neues Gesetz soll die Nutzung digitaler Kommunikation drastisch einschränken und eine fast grenzenlose Überwachung der Bevölkerung erlauben. Alle Kommentare in sozialen Medien würden zensuriert, melden Medien.

Besonders besorgniserregend für ausländische Unternehmen: Daten sollen künftig in Vietnam gespeichert werden müssen. „Das Ziel der neuen Gesetze ist nicht nur, die Sicherheit von Datennetzwerken zu schützen, sondern das Machtmonopol der kommunistischen Partei“, so Brad Adams, Asien-Direktor von Human Rights Watch.

Nur an den Flughäfen scheint Meinungsäußerung nicht allzu restriktiv gehandhabt zu werden – jedenfalls nicht, wenn sie von Offiziellen praktiziert wird. Das lässt eine Meldung der Nachrichtenagentur AP vermuten. Als am Einwanderungsschalter in Ho Chi Minh City einer Gruppe von Chinesen nach dem Abstempeln die Pässe zurückgegeben wurde, habe einer der Besucher eine böse Überraschung erlebt. Die Stelle, wo im Reisedokument die Karte Chinas die „Neun-Striche-Linie“ zeigt, habe der vietnamesische Zollbeamte zweimal mit einer Bemerkung überschrieben: „F… you!“

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