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Mädchen mit ungarischer Flagge

Die Geburtenrate in Ungarn liegt deutlich unter dem EU-Durchschnitt.

(Foto: AFP/Getty Images)

Fachkräftemangel Mit welchen kuriosen Wohltaten Ungarns Premier Familien fördern will

Der Mangel an Facharbeitern droht zum Wachstumshemmnis für Ungarn zu werden. Viktor Orbán will mit einem Sieben-Punkte-Plan gegensteuern. Sein Credo: Mehr Kinder statt Migranten.
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BudapestViktor Orbán liebt Superlative. Einer seiner Rekorde als Ministerpräsident von Ungarn ist die neue Familienförderung. Kein anderes Land der Europäischen Union gibt mehr Geld für Kinder aus als Ungarn. In Zukunft wird es noch sehr viel mehr sein. Mit einem Bündel von sozialen Wohltaten will der rechtspopulistische Premier schnellstmöglich die niedrige Geburtenrate steigern.

Finanzielle Anreize sollen junge Frauen dazu bringen, endlich mehr Kinder zu gebären. „Das ist die Antwort der Ungarn, nicht die Migration“, beteuerte Orbán. „Wir brauchen keine Zahlen (von Einwanderern), sondern ungarische Kinder. Unserer Auffassung nach bedeutet die Einwanderung so viel wie, die Waffen zu strecken“, sagte er bei seiner Rede zur Lage der Nation am vergangenen Sonntag.

Die Geburtenrate in Ungarn liegt deutlich unter dem EU-Durchschnitt. Vor zwei Jahren wies das Land lediglich 1,45 Geburten pro Frau auf. Zum Vergleich: Deutschland hat eine Geburtenrate von 1,6 Kindern, Frankreich von 1,92. Bereits zu einem früheren Zeitpunkt forderte Orbán, die Geburtenrate bis 2030 auf 2,1 Kindern zu erhöhen. Ziel ist es, ein Schrumpfen der Einwohnerzahl von Ungarn zu verhindern.

Um sein Ziel zu erreichen, setzt Orbán in einem Sieben-Punkte-Plan auf großzügige wirtschaftliche Vorteile. So erhält jede Frau unter 40 zu ihrer ersten Heirat einen Kredit von zehn Millionen Forint (31.890 Euro). Bereits beim ersten Kind wird die Rückzahlung des Darlehens für drei Jahre ausgesetzt. Beim zweiten Kind wird ein Drittel der Darlehenssumme erlassen, beim dritten Kind sogar die gesamte Summe.

Außerdem werden die Darlehen zum Kauf einer Wohnung oder eines Hauses für Familien mit zwei oder mehr Kindern ausgeweitet. Der Staat übernimmt abhängig von der Zahl der Kinder auch teilweise die Bürgschaft. Sogar der Autokauf wird gefördert. Familien, die sich eine Großraumlimousine mit mindestens sieben Sitzen kaufen, erhalten von staatlicher Seite eine Förderung von 2,5 Millionen Forint (7.970 Euro).

Für Frauen, die vier Kinder oder mehr gebären, hat sich Orbán ein in der EU einmaliges Steuerprivileg einfallen lassen: Diese Mütter werden lebenslang von der Einkommensteuer befreit.

Doch Experten in Budapest sind skeptisch. „Wenngleich die finanziellen Förderungen ein gewisser Anreiz für Familien sind, werden sie mittelfristig wohl kaum das demografische Problem Ungarns lösen“, sagt der Delegierte der österreichischen Wirtschaftskammer Jürgen Schreder dem Handelsblatt. „Möglicherweise fallen die Förderungen absolut gesehen auch zu niedrig aus, um eine nachhaltige Steigerung der Geburtenrate zu ermöglichen“, warnte der Wirtschaftsexperte.

Trotz aller Einsprüche setzt Orbán seine Strategie unbeirrt fort. Was der Premier aber verschweigt, ist der nicht zu übersehende Exodus aus seinem Land. Mittlerweile arbeiten schätzungsweise 350.000 Ungarn im Ausland, allen voran in Deutschland und Österreich. Über 60 Prozent wanderten dorthin aus. An dritter Stelle folgt Großbritannien mit 17 Prozent.

Vor allem die gut ausgebildeten, jungen und ehrgeizigen Nachwuchskräfte kehren ihrer Heimat den Rücken.

Das hat Folgen: Ungarn zählte im vergangenen Jahr nur noch 9,78 Millionen Einwohner und ist damit unter die Zehn-Millionen-Einwohner-Grenze gefallen. Orbán spricht in seinen Reden gerne von 15 Millionen Ungarn und meint damit nicht nur Auslandsungarn, sondern auch ungarische Minderheiten in osteuropäischen Ländern wie Rumänien, Ukraine oder Slowakei.

Mit einem monatlichen Durchschnittslohn von rund 1.000 Euro hängt das Land der Gehaltsentwicklung in der EU hinterher. „Noch ist der Verdienstunterschied zwischen Ungarn und Westeuropa, insbesondere Deutschland und Österreich, zu groß, um die Abwanderung einzudämmen“, sagt Wirtschaftsexperte Schreder.

Es sind nicht nur die höheren Gehälter, die insbesondere die Jungen nach Deutschland und Österreich locken. Die Frustration über die angebliche Korruption im Umfeld der Familie Orbán, die weitverbreitete Vetternwirtschaft, die wachsende Intoleranz und die geringer werdende Medienfreiheit wächst.

Es war kein Zufall, dass US-Außenminister Mike Pompeo bei seinem Besuch in Budapest am Montag auch mit Vertretern von Nicht-Regierungsorganisationen zusammentraf, um über die Rechtsstaatlichkeit in der „illiberalen Demokratie“ von Ungarn zu sprechen. Erst danach traf Pompeo Viktor Orbán und den ungarischen Außenminister Peter Szijjartó.

Der Unmut vieler ungarischer Arbeitnehmer ist unterdessen groß. Im Dezember und Januar gingen Tausende Menschen in Budapest und 60 weiteren ungarischen Städten gegen das neue Arbeitszeitgesetz auf die Straße. Die Regierung ermöglicht es Unternehmen, ihre Mitarbeiter statt wie bisher auf 250 Überstunden nun auf bis zu 400 Überstunden pro Jahr zu verpflichten.

Für die Bezahlung der Überstunden haben die Unternehmen drei Jahre Zeit. Das im Januar in Kraft getretene Gesetz ist auch eine Reaktion auf den Mangel an Fachkräften im Land.

„Alle unsere Umfragen und Gespräche belegen, dass der Fachkräftemangel die Unternehmen vor ernste Herausforderungen stellt, und zwar in nahezu allen Branchen und auf allen Qualifikationsniveaus“, sagt Dirk Wölfer von der Deutsch-Ungarischen Industrie- und Handelskammer. Fast drei Prozent aller Stellen im Lande seien aktuell nicht besetzt.

Für die Unternehmen bedeute dies zusätzlichen organisatorischen Aufwand, um Produktion oder Dienstleistungen störungsfrei aufrechtzuerhalten, vor allem aber auch einen steigenden Druck auf die Löhne.

Die Unternehmen in Ungarn, insbesondere die deutschen Automobilbauer und ihre Zulieferer, suchen händeringend nach Fachkräften. Um die Belegschaft zu halten, müssen die Konzerne im Billiglohnland Ungarn immer tiefer in die Tasche greifen.

Ungarn, dessen wichtigste Handelspartner Deutschland und Österreich sind, hat zuletzt ein hohes Wirtschaftswachstum hingelegt. Im vergangenen Jahr wuchs das Bruttoinlandsprodukt in dem EU-Land um stolze 4,7 Prozent. Aufgrund der instabilen Weltkonjunktur und der Schwierigkeiten in der Autobranche rechnet die Wirtschaftskammer Österreich in diesem Jahr nur noch mit einem Wachstum von 3,1 Prozent.

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