König Salman und Kronprinz Mohammed bin Salman

Das saudische Herrscherhaus steht international in der Kritik. Saudische Milliarden sind in der Welt jedoch begehrt.

(Foto: AFP)

Fall Khashoggi Zwischen Milliarden und Moral – Wirtschaft scheut harten Bruch mit Saudi-Arabien

Saudi-Arabien braucht internationale Konzerne, und diese brauchen zunehmend Saudi-Arabien. Doch der Tod des Journalisten Khashoggi bringt das System ins Wanken.
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Düsseldorf, Berlin, München, London, New YorkEs war eine glitzernde Premiere im vergangenen Jahr: In engen Trauben drängten sich die Manager um den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, der wie ein Popstar durch die Menge im Ritz-Carlton in Riad lief. Der mächtige Mann am Golf posierte für Selfies mit Hunderten Teilnehmern der von ihm initiierten Konferenz Future Investment Initiative. Er kündigte an, für eine halbe Billion Dollar die Zukunftsstadt Neom erschaffen zu wollen und versprach, sein Land werde zu einem moderaten Islam zurückkehren.

Auch dieses Jahr hat MBS, wie der Kronprinz genannt wird, wieder ins Ritz geladen. Er ist Chairman des saudischen Staatsfonds PIF und will ihn mit zwei Billionen Dollar Kapital zum weltgrößten Staatsfonds aufpumpen. Ein Unterfangen, von dem viele Firmen bereits profitiert haben und noch mehr profitieren wollen.

Doch viele Spitzenbosse der internationalen Wirtschaft werden in diesem Jahr dem Ritz fernbleiben. Denn vor drei Wochen starb der saudische Journalist Jamal Khashoggi in der saudischen Botschaft in Istanbul. Seither ist der Druck auch auf die Wirtschaft groß, ein Zeichen zu setzen.

Siemens-Chef Joe Kaeser hat mit seinem Zeichen fast bis zum letzten Moment gezögert. Erst einen Tag vor Beginn einer internationalen Investorenkonferenz in Riad sagte der Topmanager seine lange geplante Teilnahme ab. „Siemens ist seit Jahrzehnten ein verlässlicher Partner Saudi-Arabiens und unterstützt die großartige ‚Vision 2030‘“, lobte Kaeser. „Aber nun muss die Wahrheit gefunden und der Gerechtigkeit Genüge getan werden.“

Das tagelange Zögern Kaesers zeigt, wie schwer es insbesondere der Wirtschaft fällt, nach dem mutmaßlichen Mord an dem regimekritischen Khashoggi auf Distanz zum Königreich zu gehen. Siemens erhofft sich von Projekten in Saudi-Arabien wie etwa dem Bau der 500 Milliarden Dollar teuren Zukunftsstadt Neom oder dem Investitionsprogramm „Vision 2030“ Milliardenumsätze.

Neben Kaeser, der im Beirat und mit Siemens Partner der saudischen Investorenkonferenz ist, ist die Liste der Absagen lang: Roland-Berger-CEO Charles-Edouard Bouée ist ebenso darunter wie HSBC-Chef John Flint oder Christian Sewing von der Deutschen Bank. Auch Steve Schwarzman vom Finanzinvestor Blackstone sagte ab – er hatte im vergangenen Jahr für einen gemeinsamen Infrastrukturfonds 20 Milliarden Dollar vom saudischen Staatsfonds erhalten. An diesem Geschäft soll sich nichts ändern.

Die Absagen der Spitzenmanager seien ein starkes Signal, sagt Urs Müller, Dozent für Business-Ethik an der ESMT Berlin. Grundsätzlich sei die Teilnahme an solchen Konferenzen aber „nicht inakzeptabel“. Vor allem dann nicht, wenn die eingeladenen Führungskräfte bei dieser Gelegenheit Flagge zeigten, indem sie „unsere Prinzipien von Freiheit und Demokratie verteidigen“.

Das war Kaesers Argument, der am Montag argumentierte, die Absage sei „die sauberste, wenn auch nicht die mutigste Entscheidung“. Couragierter wäre es seiner Ansicht nach gewesen, nach Riad zu reisen und die Themen offen anzusprechen.

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Saudi-Arabien braucht internationale Konzerne, und diese brauchen zunehmend Saudi-Arabien. So will das Königreich immer noch in einigen Jahren den Ölkonzern Saudi Aramco an die Börse bringen, um so seinem Staatsfonds noch mehr Milliarden für den Umbau zukommen zu lassen.

Zudem soll mit dem Umbauplan „Vision 2030“ von König Salman und Kronprinz Mohammed bin Salman die bisher fast völlig von Öleinnahmen abhängige saudische Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend umgebaut werden. Und für den Aufbau neuer Industrien – in den Bereichen industrielle Fertigung, Landwirtschaft, Unterhaltung, Medizin – werden potente westliche Investoren gesucht.

Saudi-Arabien ist globaler Investor

Für seine Umbauprojekte hat der Kronprinz auch prominente deutsche Berater. Mit Ex-Siemens CEO Klaus Kleinfeld ist ein Deutscher erster CEO des Neom-Projekts geworden. Er ist inzwischen persönlicher Berater des Kronprinzen, der seine Helfer und Minister zumeist nachts in Hubschraubern auf seine 500 Millionen Dollar teure Luxusjacht „Serene“ einfliegen lässt.

Mit dem früheren Rheinmetall-Manager Andreas Schwer wurde ein weiterer Deutscher auf den Chefposten der neugegründeten Saudi Arabian Military Industries (SAMI) gesetzt. SAMI soll mit amerikanischen und europäischen Rüstungskonzernen Waffen im Königreich selbst produzieren.

Andererseits ist Saudi-Arabien mittlerweile über seinen Staatsfonds zu einem einflussreichen globalen Investor geworden. Erst waren es die Öl- und Gasvorkommen, die das Königreich so einflussreich machten. Doch mittlerweile stecken die Petromilliarden direkt oder über den 100 Milliarden Dollar schweren Vision Fund des japanischen Mobilfunkkonzerns Softbank in vielen Tech-Größen. Uber oder Tesla, Lucid Motors oder WeWork – die Liste prominenter Empfänger von Kapital, das direkt oder indirekt vom saudischen Staatsfonds PIF stammt, ist lang.

Der Venture-Capital-Geber Fred Wilson hat sich am Montag mit einem nachdenklichen Blog-Eintrag an Start-ups und Investoren gewandt. „Es ist Zeit, dass wir uns unsere Investoren gründlich anschauen. Wer sind die Geldgeber, und können wir stolz auf sie sein? Und wollen wir für sie arbeiten?“, so Wilson.

Leider werde die Antwort auf diese Fragen oft „nein“ sein, und es werde schwierig, diese Verbindungen wieder zu lösen. „Geld ist nicht immer gleich“, stellt Wilson klar. „Es macht einen Unterschied, wer diese Leute sind, die mit Geld kommen. Das war schon immer so, und ab und zu werden wir daran erinnert. So wie jetzt.“

Die Reaktion internationaler Investoren an der saudischen Börse zumindest ist derzeit eindeutig: Sie verkauften in der vergangenen Woche netto umgerechnet mehr als eine Milliarde Dollar an saudischen Aktien. Eine enge Verbindung zu Saudi-Arabien ist dieser Tage ein Reputations- und Kursrisiko. Das zeigt das Beispiel des japanischen Mobilfunkkonzerns und Technikinvestors Softbank.

Seit Anfang Oktober ist der Softbank-Aktienkurs um etwa 18 Prozent gesunken. Denn im Technologiefonds Softbank Vision Fund von Softbank-Gründer Masayoshi Son stecken 45 Milliarden Dollar vom saudischen Staatsfonds. Und so sollte es auch beim zweiten geplanten Riesenfonds sein, der die Start-up-Welt prägen sollte. Stand derzeit: ungewiss.

Auch politisch scheuen viele Länder eine scharfe Reaktion auf den mutmaßlichen Mord am Journalisten Khashoggi. Vor allem die US-Regierung reagiert zögerlich, aber auch Frankreich tut sich schwer. Auch Kanzlerin Angela Merkel kündigte erst am Wochenende den vorläufigen Stopp von Rüstungsexporten an.

Am Montag bekräftigte Merkel am Montag ihre Aussage. Die CDU-Vorsitzende nannte die Vorfälle in dem saudiarabischen Konsulat in Istanbul auf einer Wahlveranstaltung im hessischen Ortenberg am Montag eine „Ungeheuerlichkeit“.

„Das muss aufgeklärt werden. Solange das nicht aufgeklärt wird, gibt es auch keine Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien. Das sage ich Ihnen ganz ausdrücklich zu“, betonte Merkel.

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Eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums ergänzte, bestehende Rüstungsexportgenehmigungen könnten widerrufen werden. Mit Blick auf anstehende Entscheidungen über Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien erklärte die Regierung, solange die Todesumstände nicht aufgeklärt seien, gebe es keine Grundlage für positive Entscheidungen. Das Auswärtige Amt bat zudem den saudischen Botschafter zu einem Gespräch ins Ministerium.

Die deutsche Rüstungsindustrie forderte dagegen Vertrauensschutz für bereits erteilte Genehmigungen. Hans Christoph Atzpodien, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, nannte als Beispiel die Firma Lürssen, die aufgrund eines vor Jahren genehmigten Auftrags Patrouillenboote an die saudische Küstenwache zu liefern hat. „Einige sind schon ausgeliefert, andere nicht. Da brauchen Unternehmen wie Lürssen, die mit Saudi-Arabien laufende Geschäfte haben, Vertrauensschutz“, sagte Atzpodien.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag zeigte sich besorgt über die Entwicklung. Die in Saudi-Arabien tätigen mehr als 800 deutschen Unternehmen bräuchten Vertrauen und Rechtssicherheit, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. „Zugleich komme es darauf an, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen und über die Begleitung des wirtschaftlichen Transformationsprozesses auch gesellschaftliche Fortschritte in Saudi-Arabien zu bewirken.

An eine lang anhaltende Wirtschaftsdelle für Saudi-Arabien glaubt Steven Cook, Senior Fellow beim Council on Foreign Relation, nicht. Dazu sei das Land zu lukrativ: „Geben Sie der Sache sechs, neun, zwölf Monate, und das Business wird wiederkommen“, sagte Cook und fügte mit Hinweis auf die Konferenz im Ritz hinzu: „Ich vermute, es werden Vertreter mit niedrigerem Profil kommen, aber die Leute wollen in Saudi-Arabien Geschäfte machen.“

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