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Fessenheim Frankreichs ältester Atomreaktor geht vom Netz

Das goldene Zeitalter der Atomkraft im Nachbarland endet. Der Ausbau der Erneuerbaren wurde verschlafen. Die Zukunft der Energieversorgung in Frankreich ist unklar.
21.02.2020 - 08:09 Uhr Kommentieren
Das Atomkraftwerk in Fessenheim: Bis Samstag um 2.30 Uhr muss der erste Reaktor heruntergefahren sein. Quelle: AFP
Atomkraftwerk in Fessenheim

Das Atomkraftwerk in Fessenheim: Bis Samstag um 2.30 Uhr muss der erste Reaktor heruntergefahren sein.

(Foto: AFP)

Paris Spätestens am Samstagmorgen um 2.30 Uhr muss der erste Reaktor des französischen Atomkraftwerks in Fessenheim heruntergefahren sein. Der zweite wird im Juni folgen. Zum ersten Mal wird aufgrund einer politischen Entscheidung ein Kernkraftwerk abgeschaltet, das theoretisch noch einige Jahre hätte funktionieren können.

Der Vorgänger des heutigen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, der Sozialist François Hollande, hatte die Entscheidung getroffen, sie aber nicht umgesetzt. Sowohl der Betreiber, der staatliche Versorger EDF, als auch die betroffenen Gemeinden in Fessenheim und Umgebung wehrten sich lange gegen die Schließung.

Befürworter des Stopps waren französische Umweltaktivisten, die Grünen und vor allem auch die deutschen Nachbarn auf der anderen Rheinseite. Denn Fessenheim ist das älteste noch in Betrieb befindliche französische Atomkraftwerk, das bereits 1978 ans Netz ging. Einige Pannen und die Lage unterhalb des Rheinseitenkanals sorgten für Unruhe und wachsende Skepsis.

Auch die Atomaufsicht ASN wurde unzufrieden. Sie ist nicht einmal mit dem Plan von EDF für die erst 2025 beginnende Demontage einverstanden: „Vieles ist unpräzise, nicht genügend erprobt oder erscheint uns ungesichert“, schrieb sie EDF ins Stammbuch und verlangte eine neue Vorlage bis Ende April.

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    Ausgelegt waren die jeweils 900 Megawatt starken Reaktoren dieser ersten Serie in Frankreich für eine Laufzeit von lediglich 30 Jahren. Die wurde aber immer wieder verlängert, Fessenheim hätte noch acht Jahre weiterbetrieben werden können.

    Ersatz für 1000 entfallene Arbeitsplätze schaffen

    Der Bürgermeister der Gemeinde Fessenheim, Claude Brender, und der Präsident der Region Grand Est, Jean Rottner, wollen nun nach vorne blicken. „Wir brauchen jetzt rasch Projekte, die einen Ersatz für die gut 1000 entfallenden Arbeitsplätze schaffen, aber bislang ist noch kein einziges Vorhaben beschlossen worden“, beklagte Bürgermeister Brender im Gespräch mit dem Handelsblatt. Regionalpräsident Rottner will das Abschalten des Kernkraftwerkes nutzen, um seine Region zum Vorläufer der Energiewende in Frankreich zu machen.

    Die steht mit Macht bevor, doch wo sie hingeht, das ist noch eine weitgehend offene Frage. Zwischen 75 und 80 Prozent seines Strombedarfs erzeugt Frankreich in 58 Atomreaktoren an 19 verschiedenen Standorten an den großen Flüssen und an der Küste. In den kommenden Jahren sollen neben Fessenheim zwölf weitere Reaktoren stillgelegt werden. Es ist beschlossene Sache, dass der atomare Anteil an der Stromversorgung auf 50 Prozent sinken soll.

    Doch was kommt als Ersatz? Frankreich will stärker als in der Vergangenheit in die erneuerbaren Energien investieren. Bislang ist daraus allerdings wenig geworden. Eine relevante Größenordnung mit gut zwölf Prozent der Stromerzeugung erreicht lediglich die Wasserkraft, aufgrund der großen Kraftwerke, die in den Alpen bestehen. Wind und Solarenergie spielen dagegen mit rund acht und vier Prozent noch keine große Rolle.

    Eigentlich ist es seit Jahren beschlossene Politik, dass die Windkraft an Land und auf See stark ausgebaut werden soll. Doch die Wirklichkeit hat mit der politischen Rhetorik nicht Schritt gehalten. In den jüngsten Tagen verwirrte Umweltministerin Elisabeth Borne zudem mit einer scharfen Kritik am angeblichen „Wildwuchs von Windkraftanlagen“, die die Landschaft verschandelten und teilweise in der Nähe historischer Bauwerke stünden und so Kulturdenkmäler beeinträchtigten.

    Scharfe Bedingungen für Windkraftanlagen

    Man könnte das als einen verbalen Ausrutscher abtun, hätte sich nicht Präsident Macron einige Tage vorher ähnlich geäußert und schärfere Bedingungen für die Zulassung von Windkraftanlagen verlangt. Dabei sind die Auflagen schon heute extrem scharf.

    So dürfen etwa Gemeinden in Nordfrankreich, die gerne Windkraftanlagen aufbauen würden, nicht zur Tat schreiten. Denn oft liegt eine Abraumhalde einer früheren Kohlegrube in der Nähe. Die schwarzen Kegel wurden vor einigen Jahren als Weltkulturerbe eingetragen, und nun darf selbst in einigen Kilometern Entfernung kein Windmast aufgestellt werden, weil er die freie Sichtachse auf den Abraumhügel beeinträchtigen könnte.

    Wohin Frankreichs Energiepolitik nach dem teilweisen Verzicht auf die Atomkraft gehen wird, ist deshalb noch rätselhaft. Klar ist nur, dass ein goldenes Zeitalter endet, dem die Befürworter der Atomkraft schon heute nachtrauern. Die weitgehend abgeschriebenen alten Atommeiler lieferten billigen Strom, es gab einen breiten Konsens in der Bevölkerung Pro Atomkraft und die Energieversorgung schien nicht infrage zu stehen.

    Doch auch in Frankreich haben die Reaktorkatastrophen von Tschernobyl in der Ukraine und im japanischen Fukushima der Bevölkerung die Augen geöffnet für die Gefahren der Stromerzeugung aus Kernkraft. Der Konsens ist dahin, mittlerweile ist die Mehrheit der Bevölkerung gegen Atomkraft oder hält sie für unwirtschaftlich.

    Gleichzeitig haben immer schärfere Auflagen der französischen Atomaufsichtsbehörde ASN den Versorger EDF veranlasst, ein 40 bis 55 Milliarden Euro teures Programm für die Generalüberholung der alten Kernkraftwerke aufzulegen. Außerdem hat die Regierung EDF aufgefordert, einen Plan für den Neubau von sechs modernen, fast doppelt so starken Reaktoren vorzulegen.

    Der Haken daran ist, dass der einzige Reaktor dieser Baureihe, der bereits im Bau ist, seit Jahren durch Mängel am verarbeiteten Stahl, an den Schweißnähten, durch horrende Kostensteigerungen und Bauverzögerungen auffällt. Das in Flamanville an der Kanalküste angesiedelte Kernkraftwerk sollte schon längst am Netz sein, doch bis heute weiß niemand, wann es tatsächlich den Betrieb aufnehmen wird. Auch in Frankreich hat die Atomkraft ihre Zukunft hinter sich.

    Mehr: Trotz Reaktor-Schließung hält Frankreichs Regierung weiter an Atomkraft fest.

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