Feuersturm Die Brandkatastrophe ist für Griechenlands Premier Tsipras auch ein politisches Desaster

Die Opposition wirft dem griechischen Premier nach der Brandkatastrophe Unfähigkeit vor. Sein Staatsminister bittet um Verständnis: Tsipras sei ja noch jung.
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Die verbrannten Toten werden Alexis Tsipras noch lange verfolgen Quelle: dpa
Waldbrände in Griechenland

Noch immer gibt es nach dem Feuersturm in Griechenland keine Klarheit über die Toten und Vermissten. Mindestens 87 Leichen wurden bisher gefunden.

(Foto: dpa)

Höchste Alarmstufe herrscht am Freitag beim griechischen Zivilschutz. Die Sonne brennt von einem wolkenlosen Himmel, ein kräftiger Nordwind weht über die bewaldeten Berge der Hauptstadtprovinz Attika. Es ist der Meltemi, der von den Feuerwehrleuten so gefürchtete Sommerwind, der vor allem im August oft mit Sturmstärke über das ausgedörrte Land fegt.

Bei solchen Wetterlagen reicht ein achtlos weggeworfener Zigarettenstummel, und schon steht ein ganzer Wald in Flammen. In der Villa Maximos, dem Amtssitz von Ministerpräsident Alexis Tsipras, herrscht Nervosität: Eine weitere Brandkatastrophe ist das letzte, was der Premier jetzt brauchen kann.

Zwölf Tage nach dem Feuersturm, der den Ferienort Mati nordöstlich der Hauptstadt verwüstete, gibt es immer noch keine Klarheit über die Toten und Vermissten. Mindestens 87 Leichen wurden bisher gefunden. Am Freitagmorgen starb in einem Athener Krankenhaus eine 35-jährige Frau an ihren schweren Brandverletzungen. Sie hatte in den Flammen bereits ihr sechs Monate altes Baby verloren.

Die Opferzahl könnte weiter steigen, denn noch schweben einige Verletzte in Lebensgefahr. Und mehrere Menschen sind möglicherweise im Meer ertrunken, als sie sich schwimmend vor dem Feuersturm zu retten versuchten.

Griechenland wird jeden Sommer von Waldbränden heimgesucht. Aber noch nie sind so viele Menschen ums Leben gekommen wie jetzt in Mati. Tsipras spricht von einer „nationalen Tragödie“ – und vom „schwierigsten Moment für diese Regierung“ seit deren Amtsantritt im Januar 2015. Tatsächlich entwickelt sich die Brandkatastrophe für den Premier zu einem politischen Desaster. Die Oppositionsparteien werfen der Regierung Unfähigkeit und Zynismus vor.

Die Liste der offenen Fragen wird immer länger, je mehr Zeit vergeht. Und es ist Tsipras, von dem die Griechen Antworten erwarten: Warum gelang es den Feuerwehren nicht, den in den Bergen oberhalb der Ortschaft ausgebrochenen Brand rechtzeitig einzudämmen? Warum wurde die Siedlung nicht evakuiert, als das Feuer außer Kontrolle geriet? Warum leitete die Polizei die Autofahrer von einer gesperrten Durchgangsstraße in die engen Straßen von Mati und damit geradewegs hinein in das Flammeninferno?

Das Feuer geriet schnell außer Kontrolle

Der 23. Juli, der Tag der Tragödie, ist für Tsipras längst zu einem Schicksalsdatum geworden. Am frühen Nachmittag jenes Tages bestieg Tsipras seinen Regierungsjet, um zu einer Preisverleihung nach Mostar in Bosnien zu reisen. Er trat die Reise an, obwohl westlich Athens bereits ein großer Waldbrand wütete und Ortschaften evakuiert werden mussten.

Die Regierungsmaschine war gerade in Mostar gelandet, da brach östlich der Hauptstadt am dicht bewaldeten Penteli-Massiv ein zweites Feuer aus. Es geriet schnell außer Kontrolle. Möglicherweise unterschätzte die Feuerwehr die Gefahr, oder sie hatte wegen des Brandes im Westen Athens nicht genügend Kräfte zur Verfügung. Jedenfalls war die Entwicklung so alarmierend, dass Tsipras überstürzt nach Athen zurückkehrte, wo er gegen 23 Uhr eintraf.

Vom Flughafen ließ er sich sofort zum Einsatzzentrum der Feuerwehr im Athener Stadtteil Chalandri fahren. Dort erwarteten ihn bereits fünf Minister und ein Fernsehteam des Staatsfernsehens ERT, das nun live auf Sendung ging. Den Fernsehzuschauern wurde der Eindruck vermittelt, der Premier höchstpersönlich leitete nun die Lösch- und Rettungsarbeiten. Dabei gab es zu diesem Zeitpunkt, um Mitternacht, gar nichts mehr zu löschen.

Das Feuer hatte sich ausgetobt. Es hatte den Ferienort überrollt und war an den Stränden, wo es keine Nahrung mehr fand, erloschen. Zu retten gab es zu diesem Zeitpunkt nur noch jene Menschen, die auf der Flucht vor den Flammen aufs Meer hinausgeschwommen waren und zu ertrinken drohten.

Tsipras wirkte überfordert

Tsipras stellte während der Krisensitzung den Chefs der Feuerwehr viele belang- und hilflos wirkende Fragen: Wie viele Fahrzeuge sind im Einsatz? Wie viele Brandherde gab es? Was sind jetzt ihre Prioritäten? Eine naheliegende Frage stellte er nicht: Sind Menschen in Lebensgefahr, gibt es Tote? Zu diesem Zeitpunkt waren die ersten Opfer längst geborgen, kurz zuvor hatten die Bergungsmannschaften 40 Leichensäcke angefordert.

Wusste Tsipras davon nichts? Dann müsste er jene feuern, die ihn während der Krisensitzung davon nicht unterrichteten. Oder war Tsipras im Bilde, verschwieg aber die Toten, um die Katastrophe herunterzuspielen? Dann wäre er selbst zu einem Problem geworden. Das Bild eines Premiers, der sich während der Krisensitzung ständig auf die Lippen beißt, fahrig Notizen macht und immer ratloser wirkt, scheint für die letztere Version zu sprechen.

Wenn Tsipras bisher eines beherrschte, waren es seine öffentlichen Auftritte. Die Kamera war sein Freund. Wie gerade er auf die Idee kommen konnte, diese desaströse Krisensitzung live im Fernsehen übertragen zu lassen, ist rückblickend völlig rätselhaft. Noch in der Nacht meldete ein Regierungssprecher die ersten 40 Toten. Am nächsten Morgen rief Tsipras eine dreitägige Staatstrauer aus – und ging auf Tauchstation.

Erst am Freitag darauf erschien der Premier wieder, berief eine Sondersitzung des Kabinetts ein und erklärte, er übernehme die „politische Verantwortung“. Die Griechen fragen sich bis heute, was das heißen soll. Keiner wurde entlassen. Immerhin: Am Freitag trat dann, zwölf Tage nach der Katastrophe, der für Feuerwehr und Polizei zuständige Bürgerschutzminister Nikos Toskas zurück.

Eine Woche nach dem Inferno versammelten sich Hunderte Menschen zu einer Mahnwache vor dem Parlamentsgebäude. Sie zündeten Lichter an. Auf Plakaten baten sie die Opfer um „Verzeihung“ – ein Wort, das Tsipras bisher nicht über die Lippen gekommen ist. Auch nicht, als er, sieben Tage nach dem Brand, endlich die Katastrophenregion besuchte, frühmorgens, unangemeldet und nur in Begleitung seines persönlichen Fotografen und eines Teams des regierungstreuen Staatsfernsehens. So wurde der Premier in den Ruinen weder mit aufgebrachten Anwohnern noch mit kritischen Fragen konfrontiert.

Ein Bild voller Widersprüche

Für die Öffentlichkeit ergibt sich ein Bild voller Widersprüche. Überlebende berichten von chaotischen Szenen. Auch die bisher bekanntgewordenen Einsatzprotokolle der Feuerwehren, der Polizei und des Zivilschutzes zeugen von Konfusion und fehlender Koordination. Mindestens 87 Menschen sind tot. Dennoch erklärt der zuständige Minister für Bürgerschutz selbstbewusst, man habe „keine Fehler“ gemacht.

Den Hinterbliebenen der Opfer muss das wie blanker Hohn vorkommen. Die Griechen erleben eine Regierung, der es nicht nur an Verantwortung fehlt, sondern auch an Empathie.

So war es schon während der schweren Überschwemmungskatastrophe, bei der vergangenes Jahr im Westen Athens 24 Menschen ertranken. Auch damals zog Tsipras keine personellen Konsequenzen.

Schließlich hatte er die Schlüsselposten bei Feuerwehr, Polizei und Zivilschutz gleich nach seinem Wahlsieg mit eigenen Leuten besetzt. Eine im Land der politischen Vetternwirtschaft übliche Praxis: Auf das richtige Parteibuch kommt es an, Qualifikation ist Nebensache. Mit dieser Tradition hat auch Tsipras nicht gebrochen, der alles anders, eben besser machen wollte.

Zustimmung für Tsipras sinkt

Die Toten werden Alexis Tsipras politische Laufbahn künftig bestimmen. Ob er sich von diesem Desaster jemals erholt, ist fraglich. Spätestens in einem Jahr muss er sich Wahlen stellen.

Schon vor der Brandkatastrophe lag sein Linksbündnis Syriza in den Umfragen mit rund zehn Prozentpunkten Rückstand hinter der konservativen Opposition. In einer Befragung von Ende Juni äußerten 73 Prozent eine negative Meinung über ihren Premier. Bei der nächsten Umfrage könnten die Werte für Tsipras noch schlechter ausfallen.

In dieser verfahrenen Situation bittet Christoforos Vernadakis, Staatsminister im Amt des Ministerpräsidenten, um Nachsicht: Es sei ungerecht, „auf Tsipras einzuschlagen“, schließlich sei der erst 44. Das war ein weiteres Eigentor. Unter dem Hashtag #nur_44_Jahre machen die Griechen jetzt in den sozialen Netzwerken ihrem Ärger Luft. Ein Nutzer erinnerte daran, dass auch John F. Kennedy bei seinem Amtsantritt als Präsident der USA erst 44 war – und die Kubakrise meisterte.

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