Fidel Castro verliert die Macht Die letzte Zigarre

Das für viele Kubaner Undenkbare ist geschehen: Kurz vor seinem 80. Geburtstag hat Kubas erkrankter Staatschef Fidel Castro die Macht abgegeben – zwar nur „vorübergehend“, aber zum ersten Mal in fast 48 Jahren. Die wichtigsten Ämter übernimmt Fidels jüngerer Bruder Raúl. Das letzte Kapitel im Leben des ewigen Revolutionärs scheint anzubrechen.
  • Klaus Ehringfeld und Markus Ziener
Gibt die Macht an seinen Bruder ab: Kubas Staatschef und Revolutionsführer Fidel Castro. Foto: dpa

Gibt die Macht an seinen Bruder ab: Kubas Staatschef und Revolutionsführer Fidel Castro. Foto: dpa

MEXIKO-STADT/WASHINGTON. Vieles gibt es nicht mehr, was diesen Mann noch aufregt. Doch als das US-Magazin „Forbes“ im Mai Fidel Castro erneut als einen der reichsten Staatschefs dieser Welt auflistet, explodierte Kubas Staatsoberhaupt. In einem Atemzug genannt zu werden mit weltweit bekannten Staatschef-Dieben wie Mobutu Sese Seko aus Zaire, das war ihm dann noch zu viel.

Eine „ekelhafte Verleumdung“ sei das, was die „kapitalistische Publikation“ da verbreite, fauchte der 79-Jährige. Sein Einkommen betrage nur 40 Dollar im Monat, versichert Castro – und forderte seine Gegner, ganz der kämpferische Revolutionär, heraus: „Wenn jemand nachweisen kann, dass ich auch nur einen Dollar auf einem Konto im Ausland liegen habe, dann trete ich zurück.“

Die Forbes-Behauptung, der „Maximo Lider“ habe ein Vermögen von 900 Millionen Dollar angehäuft, traf Castro an einem Nerv. Denn wenn es ein Ideal gibt, das dem kubanischen Sozialisten heilig ist, dann die Immunität gegen die Korruption. Aber die Immunität gegen das Altern? Um 21.15 Uhr am Montagabend ist im kubanischen Fernsehen plötzlich Schluss mit Seifenopern. Ein junger Mann mit Karo-Hemd und Brille tritt vor die Kamera. Hastig verliest Carlos Valenciaga, persönlicher Sekretär von Fidel Castro, das Undenkbare: Ein Kommuniqué des Revolutionsführers, mit dem dieser wegen einer schweren Erkrankung die Macht abgibt. Zwar nur „vorübergehend“, wie Valenciaga gleich sechs Mal sagt, aber zum ersten Mal in fast 48 Jahren.

Manches spricht dafür, dass das letzte Kapitel im Leben des Fidel Castro anbricht, einem Leben aus Geniestreichen, Irrtümern und Tausenden taktischen Winkelzügen. In 47 Jahren Amtszeit hat er sich nie gescheut, Positionen zu wechseln – bis hin zu seiner Haltung gegenüber der katholischen Kirche, die er erst verdammte und dann umarmte. Er ist ein gnadenloser Diktator, ein Überlebenskünstler – mindestens acht Attentatsversuche hat Castro überlebt –, und seine Biographie ist längst Weltgeschichte. Der improvisierte TV-Auftritt seines Sekretärs könnte der Abspann sein für den schaurigen Mythos Castro. Funktion für Funktion verliest Valenciaga die Namen derer, die eine der vielen Ämter Castros übernommen haben. Die wichtigsten Ämter, die des Staatschefs, des Oberbefehlshabers der Streitkräfte und des Parteichefs, übernimmt Fidels jüngerer Bruder Raúl – „vorübergehend“.

Fidel Castro musste sich überraschend einer Darm-Operation unterziehen. Ein „komplizierter Eingriff“ sei das gewesen, denn Castro habe unter „Darmblutungen“ gelitten, sagt Sekretär Valenciaga. Grund sei, dass der Herrscher „Tag und Nacht ohne genügend Schlaf“ und unter „extremem Stress“ für das Wohl des Landes gearbeitet habe. Am 13. August wird Fidel Castro 80 Jahre alt. Die Feierlichkeiten sind einstweilen verschoben – auf den Jahrestag der Revolution von 1959, den 2. Dezember. Sieben Stunden lang beherrschte der Viel- und Langredner Castro danach eine Debatte im staatlichen kubanischen Fernsehen und schlug zurück – gegen die USA. "Wir müssen die Lügen gegen uns pulverisieren", sagte Castro. Und schließlich, mit enormem Elan: "Das ist ein ideologisch geführter Kampf, alles ist ein Kampf der Ideen". Mit bald 80 Jahren befand sich Castro auf einmal wieder dort, wo er zwei Generationen und mehr als ein Lebensalter zuvor angefangen hatte - als der ewige Revolutionär, in tiefer Feindschaft verbunden mit den USA.

War dieser Antagonismus wirklich unvermeidlich? Hätte die Geschichte eine andere Wendung genommen, wäre Castros USA-Reise in den Apriltagen 1959 ein Erfolg geworden? Der Kubaner war nur wenige Wochen nach seiner Vereidigung als Ministerpräsident in die USA aufgebrochen, nicht als offizieller Staatsgast, sondern auf Einladung des Washingtoner Press Clubs. Der junge, gerade mal 33-Jährige Revolutionär, angetan in zerknittertem Drillich und mit ungepflegtem Bart, fiel mit einer ganzen Mannschaft von Gleichgesinnten in die USA ein. Er genoss die stehenden Ovationen im Press Club und liebte es, impertinente Fragesteller mit humorigen Bemerkungen in seinem "Fidelenglish", einem späteren Markenzeichen, abzuspeisen. Er aß Hamburger und Hot Dogs, er besuchte den Zoo und das Yankee-Stadium in New York und er hatte stets die Medien auf seiner Seite.

Doch sprechen wollte er vor allem mit Dwight D. Eisenhower, dem amerikanischen Präsidenten. Aber Eisenhower lehnte das Ansinnen ab. Der kommunistische Coup in Guatemala einige Jahre zuvor saß der US-Administration noch in den Knochen. Zudem herrschte zwischen den Systemen Kalter Krieg. Eisenhower wollten den Bauernrevolutionär nicht sehen. Stattdessen traf Castro auf dessen Vize, Richard Nixon. Die Begegnung sollte den Grundstein zu einer lebenslangen gegenseitigen Abneigung legen. Also Castro wieder nach Kuba reiste waren die Frontlinien vorgezeichnet, der Revolutionär wandte sich nun immer offener dem Sozialismus, den Sowjets zu. Allerdings ließ er sich bis Ende 1961 Zeit, sich selbst als Marxisten zu bezeichnen und den Kommunismus zur kubanischen Staatsdoktrin zu erheben.

Bild für Bild: Fidel Castro

Die Amerikaner mochte er in ihrer Art leiden, doch deren Arroganz und kapitalistische Gesellschaftsform blieben ihm fremd. Fremd blieb ihm bis zu ihrem Fall allerdings auch die russisch-sowjetische Variante des Kommunismus. "Er hasste die Sowjets", sagt die Castro-Expertin Julia Sweig vom Washingtoner Council on Foreign Relations. "Er hat sie als Kollaborateure und Ausverkäufer betrachtet, und er hat sie benutzt". Und diese ihn. Dies sollte sich schon in der Raketenkrise 1962 zeigen. Nikita Chruschtschow zog die Raketen von Kuba ab, nachdem die USA versprachen, das Land nicht anzugreifen. Wer nicht in die Verhandlungen einbezogen war, war Castro. Hätte Castro eine Alternative gehabt, er hätte wohl mit den Sowjets gebrochen. Doch politisch und vor allem ökonomisch waren Castro die Hände gebunden. Er brauchte die sowjetischen Hilfen um zu überleben.

Überleben war und ist das Ziel von Castro. Schweinebucht, Raketenkrise, US-Embargo, Zerfall der Sowjetunion, Flüchtlingswelle nach Florida: Castro's Kuba schleppt sich über Krise und Krise, sogar über jene in den 90er Jahren als das Ende des Inselkommunismus gekommen schien. Ohne den Comecon, das sozialistische Gegenstück zur Europäischen Gemeinschaft, verfiel das Land ökonomisch, die Prostitution blühte und die Menschen flüchteten. Doch als die Zahl der Kubaner, die in die USA drängte, all zu groß wurde, ruderten die Amerikaner zurück: Wer auf dem Wasser in die Kontrollen der Polizei geriet, wurde wieder zurück geschickt. Die so lange proklamierte Freiheit für die Kubaner in den USA hatte auf einmal enge Grenzen - und ohne eigenes Zutun sah Fidel Castro besser aus denn je.

Der Konflikt mit den USA, das Embargo, aber eben auch die kalte Schulter, die die Amerikaner vielen Flüchtlingen gezeigt haben, sorgen für einen späten Glanz des Castro-Regimes. "Der Druck aus den USA hält dort viel zusammen", sagt Sweig. Castro sei kein Khomeini und kein Mugabe, Castro regiert autoritär, aber auf den Straßen Havannas ist von Unterdrückung wenig zu spüren. Natürlich: Castros Menschenrechtsbilanz ist negativ. Nach Angaben von amnesty international waren 2005 rund 70 politische Gefangene in Haft. Aber vergleicht man Kuba mit anderen Entwicklungsländern, dann schneidet das Land gar nicht so schlecht ab. Amnesty kritisiert, dass es in Kuba die Todesstrafe gibt - so wie in vielen Bundesstaaten der USA auch.

Jetzt, am Abend seiner Tage erlebt Castro gemeinsam mit dem venezolanischen Öl-Revolutionär Hugo Chavez gar noch einmal eine kleine Renaissance. Die scheint er auch weidlich zu genießen. "Die Geschichte wird mich freisprechen" hatte Castro 1953 in seiner berühmten Verteidigungsrede vor Gericht gerufen. Damals war der junge Revolutionär wegen seiner Beteiligung am Umsturzversuch gegen den Diktator Fulgencio Batista verurteilt worden. Diejenigen, die ihn gut kennen, sind sich sicher, dass er eben davon auch heute noch überzeugt ist. Möglicherweise sogar mehr denn je. So gefällt er sich in der - etwas schiefen - Feststellung, bereits neun US-Präsidenten überdauert zu haben.

Weshalb er auch mit bald 80 Jahren vor seinen Zuhörern in stundenlangen Elaboraten den kubanischen Weg preist. Wer ihn dabei erlebt, ist beeindruckt. "Man geht in so ein Treffen mit ihm skeptisch hinein und kommt völlig fasziniert wieder heraus", sagt Sweig. "Er ist eine Naturgewalt". Castro blickt seinem Gesprächspartner in die Augen, er ist stets gut informiert, er ist witzig und sympathisch. Der langjährige britische Botschafter in Havanna, Leycester Coltman, vergleicht ihn in Lebensführung und Arbeitsstil mit Margaret Thatcher. Auch die konnte ihre Umgebung bis in die frühen Morgenstunden beschäftigen. Und ähnlich wie die britische Premierministerin zeigte sie wenig Mitleid mit unaufmerksamen und schläfrigen Mitarbeitern. Dies habe sich bei Castro erst in letzter Zeit etwas gebessert, seit dem auch der Chef persönlich gelegentlich einschlafe.

Was geschieht, wenn Castro's Uhr abläuft? Folgt tatsächlich automatisch sein Bruder Raúl, der gerade einmal fünf Jahre jünger ist, werden die USA den lang ersehnten Umsturz befördern oder werden die Kubaner selbst dem Castro-Kommunismus ein Ende setzen? Fidel Castro selbst scheint dies nicht besonders zu berühren. Er sagt, er könne noch sehr alt werden. Mindestens so alt wie Papst Johannes Paul II, den er seit dessen Kuba-Besuch 1998 sehr verehrte. Als Karol Wojtyla letztes Jahr starb, war dieser fast 85.

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