Finanzminister Albayrak Türkische Regierung erwartet fast 21 Prozent Inflation bis Jahresende

Die Türkei ist wirtschaftlich schwer angeschlagen. Finanzminister Albayrak präsentiert verheerende Zahlen – und einen Krisenplan. Auch Deutschland soll helfen.
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Türkei erwartet fast 21 Prozent Inflation bis Jahresende Quelle: AP
Schwiegersohn von Präsident Erdogan

Berat Albayrak leitet die finanziellen Geschicke der türkischen Regierung.

(Foto: AP)

IstanbulAnfragen für Interviews schlägt Berat Albayrak derzeit regelmäßig aus. Dafür meldete sich der türkische Finanzminister am Donnerstag mit einem Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zu Wort. Die Lira hatte zwar seit Jahresbeginn zum Dollar rund 40 Prozent an Wert verloren, und die Inflation ist auf 17,9 Prozent gestiegen. Doch nach den Worten Albayraks seien diese „wirtschaftlichen Turbulenzen“ überwunden: „Weil [die Türkei] über solide wirtschaftliche Grundlagen verfügt“, seien die Folgen nicht existenzbedrohlich.

Doch Albayrak muss Investoren und Wirtschaftspartnern erst einmal eine bittere Pille verabreichen. Am Donnerstag gab der 40-jährige Schwiegersohn von Präsident Erdogan einen Fahrplan für die Wirtschaft bekannt. Die schmerzliche Einsicht: Die Inflation wird vorerst steigen, auf 20,8 Prozent bis zum Ende des Jahres.

Und das Wachstum wird sich halbieren: auf 3,8 Prozent. Im vergangenen Jahr wuchs das Bruttoinlandsprodukt der Türkei noch um 7,4 Prozent. Die OECD geht für dieses Jahr sogar nur von 3,2 Prozent aus.

Die Zahlen kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die Türkei intensiv versucht, ihr angeschlagenes Verhältnis zu den alten Partnern im Westen zu verbessern. Albayrak wird am Freitag mit zwei weiteren Ministern in Berlin erwartet. Kommende Woche wird Staatschef Erdogan von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Berlin empfangen.

Gleichzeitig steigen die geopolitischen Spannungen durch Handelsstreits und Kriege im Mittleren Osten. Die Türkei ist als fragiles Schwellenland besonders stark von diesen Umwälzungen betroffen und daher umso mehr auf solide Handelsbeziehungen angewiesen.

Wie bereits bei einer Präsentation im Sommer gab Albayrak auch am Donnerstag mehrere Ziele bekannt. So soll die Inflation bis 2021 schrittweise auf sechs Prozent sinken. Auch die Arbeitslosigkeit werde auf 10,8 Prozent zurückgehen. Allerdings nannte er erneut keine Maßnahmen, wie er diese doch sehr konkreten Ziele erreichen will.

Ein Programm gegen die Inflation werde bald vorgestellt, hieß es lediglich. Dafür kündigte Albayrak Stresstests für türkische Banken an. Sie sollen dazu dienen, „die finanziellen Strukturen und die Qualität ihrer Vermögenswerte zu identifizieren“, erklärte Albayrak.

Wie aus der Präsentation Albayraks hervorging, senkte die Türkei zudem ihre Wachstumsziele für 2019. Während das Land für das laufende Jahr noch von einem Wirtschaftswachstum von 3,8 Prozent ausgeht, wird 2019 nur noch mit einem Plus von 2,3 Prozent gerechnet. Die Lira gab nach der Bekanntgabe dieser Prognose erneut leicht nach.

Die Türkei steckt seit Monaten in einer Währungskrise. Für einen US-Dollar mussten Türkinnen und Türken zum Jahresbeginn noch 3,75 Lira bezahlen, inzwischen sind es mehr als sechs Lira. Dadurch verteuern sich Importe, die Kaufkraft geht zurück. Das belastet die wirtschaftliche Entwicklung und damit das Wirtschaftswachstum.

Hinzu kommt, dass das Wachstum der vergangenen anderthalb Jahre vor allem durch erhöhte Staatsausgaben finanziert worden ist. In einem Interview mit dem Handelsblatt hatte der ehemalige türkische Finanzminister Mehmet Simsek bereits darauf hingewiesen, dass es daher zu einer Wachstumsdelle kommen werde. „Wenn wir jetzt die Staatsausgaben wieder straffen, wird die inländische Nachfrage einen Dämpfer bekommen“, erklärte Simsek im Juni.   

Die Zentralbank scheint sich an diese Marschrichtung zu halten. In der vergangenen Woche hatten die Währungshüter den Leitzins überraschend stark um 6,25 Punkte auf 24 Prozent angehoben. Höhere Zinsen sollen etwa die weitere Zunahme der Geldmenge in der Inflation begrenzen und die Währung stützen.

Eine weitere Folge: Die Zinsen für Investments steigen an, für Investoren aus dem Ausland gewinnt das Land damit grundsätzlich an Attraktivität. Gleichzeitig steigen auch Zinsen für Kredite, etwa wenn Unternehmen Geld für neue Investitionen brauchen. Im schlimmsten Fall sorgt ein solcher Zinsschritt dafür, dass das Wirtschaftswachstum komplett abgewürgt wird, weil neue Investitionen zu teuer werden.

Der Lira-Kurs erholte sich nach dem drastischen Schritt jedoch nur zwischenzeitlich. Albayrak betonte am Donnerstag erneut, dass die Notenbank unabhängig sei. In dem Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schrieb er zudem, dass er die Währungskrise für überwunden halte und sich eine Ausweitung der Zollunion mit Europa wünsche.

Es geht jedoch um mehr als das: Das Verhalten der türkischen Führung ist für viele Investoren längst unberechenbar geworden. Das zeigt ein Dekret von Präsident Erdogan vom 13. September. Darin verlangt er, dass binnen einer Frist von 30 Tagen alle Verträge in dem Land in türkischer Lira angegeben werden müssen. Vom Mietvertrag bis zum Kraftwerksbau müssen sich nun alle in- und ausländischen Geschäftspartner nochmals einig werden – und das mit einer Währung, deren Wert jeden Tag variiert.

Erst im Juni hatten die EU-Staaten beschlossen, wegen der politischen Situation in der Türkei vorerst keine Verhandlungen über den Ausbau der Zollunion aufzunehmen. Am Freitag trifft sich Albayrak mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in Berlin. Er wird daran gemessen werden, ob er es schafft, Altmaier von neuen Investitionen zu überzeugen.

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