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Flüchtlinge Herzlich willkommen – aber nicht bei uns

Die EU bereitet sich auf Flüchtlinge aus Syrien vor. Doch die Menschen sind nicht überall gern gesehen. Viele EU-Staaten sind überfordert. Andere glauben, die Hilfe sei mehr als genug. Unsere Korrespondenten berichten.
21 Kommentare
Gastfreundlich – oder nicht? Nicht alle Länder der EU sind den Flüchtlingsströmen positiv gegenüber eingestellt.

Gastfreundlich – oder nicht? Nicht alle Länder der EU sind den Flüchtlingsströmen positiv gegenüber eingestellt.

Düseldorf/London/Mailand/Paris/Stockholm/WienWohin nur mit den Flüchtlingen? Es sind vor allem die Kommunen, die in Deutschland stöhnen: Über zu wenig Platz und zu wenig Geld. Rund 37.000 Flüchtlinge sind laut Statistikbehörde Eurostat im ersten Quartal 2014 nach Deutschland gekommen, um hier zu bleiben – rund ein Drittel der 108.300 Flüchtlinge, die in die EU kommen. Die meisten Flüchtlinge, die in Deutschland Schutz suchen und Asyl beantragen, kommen aus Syrien und den arabischen Staaten, im August 2014 waren es laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge rund 3300.

Viel zu viele, klagen Politiker. Dabei relativiert sich die Zahl der Flüchtlinge, setzt man sie ins Verhältnis zur Größe der Bevölkerung. Dann gehört Deutschland mit 460 Flüchtlingen pro eine Millionen Einwohnern zwar immer noch zu den EU-Staaten mit einem hohen Anteil, doch Schweden liegt mit 1355 Flüchtlinge pro eine Million Einwohner deutlich darüber.

Doch längst nicht alle Flüchtlinge dürfen in Deutschland auch bleiben. Denn für Asylbewerber gilt: Nur wer politisch verfolgt wird und direkt nach Deutschland eingereist ist, hat eine Chance auf Anerkennung. Und so wird nur ein verschwindet kleiner Teil der Asylanträge in Deutschland anerkannt, 2013 waren es 1,1 Prozent. Das liegt vor allem an der Dublin-Verordnung.

Nach EU-Recht muss ein Flüchtling in dem Land einen Asylantrag stellen, in dem er zuerst in die EU eingereist ist. Traditionell sind das die Länder, die auf den Flüchtlingsrouten liegen, einen Zugang zum Meer haben, am Rande zu anderen Kontinenten liegen. Die italienische Insel Lampedusa im Mittelmeer ist ein traurig-berühmtes Beispiel.

Für Deutschland bedeutet das: Nur der Flugweg gilt als direkte Einreise. Wer über Land einreist, hat immer schon zuvor ein anderes EU-Land betreten. Die deutsche Flüchtlings-Statistik wird sich noch weiter bereinigen. Gerade hat der Bundesrat beschlossen, dass Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina zukünftig als sichere Herkunftsländer eingestuft werden. Das heißt: Asylantragssteller aus dem Westbalkan werden künftig in der Regel sofort abgeschoben.

So ist das Flüchtlingsproblem in Deutschland vor allem eins, das aus der Ferne betrachtet wird. Denn es gibt keine Menschen, die in Nussschalen vor der Tür angeschwemmt werden, keine Menschen, die über Zäune klettern, um auf den sicheren Kontinent zu kommen. Hier gibt es Abschiebelager an Flughäfen. Und eben zu wenig Platz, um die Flüchtlinge ordentlich unterzubringen.

Doch wie stehen andere EU-Länder zu den Flüchtlingen? Sind sie willkommen? Unsere Korrespondenten berichten:

Spanien

In der EU ist – neben Italien – ist Spanien das wichtigste Anlaufland für Flüchtlinge aus Afrika und Nah- sowie Mittelost. Vor allem viele Afrikaner aus Ländern südlich der Sahara, in jüngerer Zeit aber auch viele Syrer, Iraker und Palästinenser, schlagen sich auf dem Landweg bis nach Marokko durch. Dort versuchen sie auf zweierlei Weise nach Spanien zu gelangen: mit dem Schiff oder indem sie über einen Zaun klettern.

Vielen Deutschen ist nicht geläufig, dass Spanien zwei Enklaven auf dem marokkanischen Festland hat Ceúta und Melilla. Wer es dorthin schafft und rechtzeitig seine Papiere „verliert“, wird über kurz oder lang auf die Halbinsel gebracht und hat dann gute Chancen, einen Aufenthaltsstatus zu bekommen. 2012, das Jahr, aus dem die neuesten Zahlen vorliegen, wurden aber 26 400 Flüchtlinge in ihre Ursprungsländer zurückgebracht. Ziel der meisten Migranten ist nicht Spanien selber, sondern eines der nördlichen Mitgliedsländer, vor allem Großbritannien. Einige Tausend allerdings bleiben in Spanien, arbeiten auf den Obst- und Gemüseplantagen in der Umgebung von Alméria oder in Katalonien. Oder sie verkaufen in den Sommermonaten Uhren, Basecaps und T-Shirts an den Stränden.

Der andere Weg führt über die Meerenge von Gibraltar, den kürzesten Wasserweg zwischen dem armen Süden und dem reichen Norden. Für viele endet der Versuch tödlich: Von Schleppern in kleine Boote gepfercht, die oft den heftigen Strömungen nicht standhalten können, ertrinken sie nach einer entbehrungsreichen und äußerst gefährlichen Reise über tausende von Kilometern nur kurz vor dem Ziel.

Auch der Landweg ist gefährlich, vor allem aber mittlerweile so gut wie völlig blockiert. Nach wiederholten Anstürmen auf die Enklaven haben die spanischen Sicherheitsbehörden sie mittlerweile mit einem viele Meter hohen Zaun umzogen, der mit Schneidedraht versehen ist. Dieses Hindernis zu überwinden ist so gut wie unmöglich und endet oft mit schwersten Verletzungen. Vor einigen Monaten starben 15 Flüchtlinge, die versuchten, den Zaun von Melilla zu umschwimmen: Sie wurden von der Guardia Civil mit Gummigeschossen ins Wasser zurückgetrieben und ertranken.

Die Folge war ein Aufschrei in der spanischen Öffentlichkeit, die sich über das brutale Vorgehen empörte. Der Radiosender Cadena SER machte zwei vierstündige Sondersendungen aus Ceúta und Melilla. Dabei wurde das ganze Elend der EU-Flüchtlingspolitik deutlich: Ein Land wie Spanien ist gezwungen, die EU-Außengrenzen zu „schützen“. Das aber geht nur mittels brachialer, oft abstoßender Methoden. „Klagt uns nicht an, wenn ihr keine Flüchtlinge aufnehmen wollt“, forderte der Präsident Regionalregierung von Melilla. Fazit der Sendungen war: Erregung über den massiven Schutz der Grenzen ist aus humanitärem Reflex mehr als verständlich. Doch wer diese Methoden nicht will, muss sich Gedanken darüber machen, ob Europa sich nicht selber verrät, wenn es sich zur uneinnehmbaren Festung wandeln will.

Die Spanier nehmen viel Anteil am Schicksal der Flüchtlinge. Es gibt viele private Vereine, die ihnen Hilfe gewähren. Die Flüchtlingskommission sagt, die Zahl der Asylbewerber habe sich aufgrund eines restriktiveren Gesetzes und wegen der mit der Krise verbundenen Erschwerung der Lebensbedingungen verringert. Eine der ersten Sparmaßnahmen der Regierung Rajoy war, Flüchtlingen die medizinische Unterstützung zu entziehen.

Die Medien berichten noch immer ausführlich über Bootsflüchtlinge, es gibt keinen Abstumpfungseffekt. El País schilderte kürzlich das – glückliche – Schicksal eines Afrikaners, der mit seiner Familie in einem simplen, im Supermarkt in Marokko gekauften Gummiboot die Meerenge überwand und in Spanien bleiben darf. Über Monate hinweg verfolgte ein Reporter diesen Fall. Der spanische Dokumentarfilmer Horacio Sainz hat die Lebensgeschichten zahlreicher Flüchtlinge, die sich in Spanien aufhalten, nachverfolgt. Mit einigen von ihnen kehrte er sogar in ihre afrikanische Heimat zurück. Aus anonymen Flüchtlingen werden Individuen. Der bewegendste Fall ist der eines Eisverkäufers aus dem Retiro-Park in Madrid. Er hat auf der Flucht beide Beine verloren – und dennoch nicht aufgegeben.

Sieht man die Energie, Intelligenz und Durchsetzungskraft dieser Menschen, ihren unbedingten Willen, sich zu behaupten und allen Gefahren zu trotzen, fragt man sich unwillkürlich: Warum wendet das alternde Europa seine ganze Energie dafür auf, sie abzuwehren, statt zumindest einigen von ihnen eine legale Möglichkeit der Einreise zu gewähren?

Thomas Hanke, Paris

Großbritannien


Mitte September entdeckte das Aufsichtsamt im „Queen’s Hotel“ in Crystal Palace, Südlondon, mehr als 600 Asylbewerber – bis zu neun Personen pro Zimmer hatte eine Privatfirma, die im Regierungsauftrag Unterkünfte für Asylbewerber organisiert, in das 98-Zimmer Hotel gebucht.

Mero, ein Eritreer, erzählte der Daily Mail nach dem Schockfund seine Geschichte. Von der Flucht über Äthiopien und den Sudan nach Libyen, 30 Männer in einem Lastwagen durch die Sahara, dann vier Tage und Nächte in einem Boot nach Italien, von dort nach Calais – wo zur Zeit über 1300 Menschen, statt in Frankreich Asyl zu beantragen, nach Wegen zu suchen, den Ärmelkanal zu überqueren. Mero und drei anderen Männern gelang es, ins Kühlabteil eines Lastwagens einzubrechen. Sie klammerten sich stundenlang aneinander um sich zu wärmen. „Wir wussten, dass sie im Kühlabteil nicht nach uns suchen würden.“ In Großbritannien meldeten sie sich, nur die Kleidern auf dem Leib, bei der Polizei.

„Mein Onkel sagte mir, Großbritannien ist der beste Ort für Flüchtlinge“, erzählte Mero. Alle in Eritrea wissen, dass man nach Großbritannien muss, nicht nach Italien oder Frankreich. In Calais schlafen die Leute auf der Straße. In Großbritannien bekommen wir etwas zu essen und ein Bett zum Schlafen.“

Was Mero offenbar nicht weiß: Im April verlor die britische Regierung einen von einer Asylanten Hilfsorganisation angestrengten Prozess wegen der menschenunwürdigen Behandlung von Asylbewerbern. Es sei „irrational“, dass Hilfe für Asylbewerber seit 2011 eingefroren wird – bei 36 Pfund (48 Euro) die Woche plus freie Unterkunft bekommen sie, immerhin bekam Mero im Queen’s Hotel trotz Überfüllung drei Mahlzeiten am Tag.

Mero wartet darauf, dass er in ein Asylantenheim nach Leeds weitergeleitet wird. In spätestens sechs Monaten muss über seinen Antrag entschieden werden – aber in über 20 Prozent der Fälle wird die Frist überschritten. Nur 36 Prozent der Anträge werden auf Anhieb akzeptiert. Anfang des Jahres waren immer noch 33.000 Asylanträge offen, die vor sieben Jahren oder noch länger gestellt wurden:

Das britische Asylsystems funktioniert nach Jahren des Chaos nicht mehr. Die Zahl der Asylanten in Großbritannien stieg von 4.265 in 1987 auf 81.130 in 2002. Seit 2010 versucht die Tory geführte Koalition die Grenzen nach Großbritannien möglichst dicht zu machen und Immigranten aller Art fernzuhalten – die Nettoeinwanderung liegt bei über 250.000 im Jahr, davon sind rund 10 Prozent Asylsuchende, Tendenz steigend. 2013 durften 23.507 Asylanten ins Land, das sind 0,67 pro 1000 Einwohner, deutlich unter dem EU Durchschnitt von 0,91.

Aber die Probleme gehen tiefer. Anfang September gab das Innenministerium zu, dass man von 175.000 Illegalen aus dem unbearbeiteten Übergang der letzten Jahre jede Spur verloren hat. Niemand weiß, wie viele Illegale es in Großbritannien gibt, einem, Land ohne Ausweis- oder Meldepflicht. Londons Bürgermeister Boris Johnson fordert eine Amnestie für alle Menschen, die schon über 12 Jahre illegal im Lande leben – allein davon wären seiner Schätzung zufolge 570.000 Menschen betroffen.

Die Konflikte in Afghanistan, Syrien und Nordafrika setzten die restriktive Einwanderungspolitik der Briten unter politischen, moralischen und organisatorischen Druck, aber in Europas Statistiken der Syrienflüchtlinge kommt Großbritannien kaum vor, obwohl Vizepremier Nick Clegg im Unterhaus versicherte, man habe „Hunderte um Hunderte“ aufgenommen. Lieber gaben die Briten 175 Millionen Pfund Syrienhilfe, darunter 50 Millionen Pfund Soforthilfe für den Libanon, wo nun eine von den drei Millionen Flüchtlingen untergeschlupft sind. Die Region selbst soll nach den Vorstellungen der Briten die Hauptlast des Flüchtlingsproblems tragen.

Matthias Thibaut, London

Frankreich

In Frankreich kommen trotz seiner langen Mittelmeerküste deutlich weniger Flüchtlinge auf direktem Wege an als in Spanien. Doch viele schlagen sich aus Italien oder Spanien bis nach Frankreich durch, leben bei Freunden oder Verwandten in der Banlieue und arbeiten in einem der Sweatshops von Paris, wo Kleidungsstücke hergestellt werden, die in einem der afrikanischen Geschäfte in der Innenstadt oder am Rande des Flohmarkts an der Porte de Clignancourt verkauft werden. Diejenigen, denen es noch schlechter geht, vegetieren in Elendssiedlungen am Rande der Autobahnen.

Wer einmal einen der völlig überfüllten „foyers“, von den Gemeinden finanzierte Heime für Afrikaner, besucht hat, merkt unmittelbar, wie fragwürdig die offiziellen Statistiken sind. Wer in diesem Gewusel feststellen will, ob jemand legal oder illegal ist, fest dort wohnt oder gerade durchreist, muss schon paranormale Fähigkeiten haben.

Regelmäßig schiebt der Innenminister illegale Einwanderer ab. Die Linke hat nicht weniger Flüchtlinge auf Charterflugzeuge in die Heimat gesetzt als vor ihr die Rechte. Immer wieder kommt es zu Protestaktionen dagegen. Viele Pfarrer unterstützen die Flüchtlinge. Oft ist deren Ziel aber ohnehin Großbritannien. Viele versuchen, durch den Kanaltunnel auf die Insel zu kommen.

An dessen französischem Eingang hat sich ein Flüchtlingslager gebildet, das immer wieder zu Schlagzeilen Anlass gibt – auch wegen der oft brutalen Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Ethnien. Die französischen Behörden streiten sich mit den Briten darüber, wer für die Kontrolle zuständig ist. Nach Ansicht der Franzosen schieben die Briten die ganze Arbeit auf sie ab und ziehen sich feixend auf ihre Insel zurück.

In der EU verhält Frankreich sich eher leise beim Thema Flüchtlinge, gehört aber zu den Ländern, die einen unbeugsamen Außenschutz verlangen. Die französische Bevölkerung hat das Gefühl, am stärksten von allen vom Flüchtlingsproblem betroffen zu sein. Das Land werde überschwemmt von illegalen Einwanderern, die den „echten“ Franzosen das Leben schwer machten, behauptet die Front National und findet immer mehr Anklang damit. Das ist ein Vorurteil, das keiner Prüfung standhält, da Frankreich proportional deutlich weniger Menschen aufnimmt als andere EU-Staaten. Die Regierung dringt aber angesichts der verbreiteten Stimmungen darauf, dass die EU-Agentur Frontex mit mehr Mitteln ausgestattet wird und noch strikter auf Abschottung achtet. „Die Franzosen sind besorgt wegen der vielen Menschen, die aus fernen Ländern zu uns drängen“, schloss sich auf seiner jüngsten Pressekonferenz Präsident Franҫois Hollande dem diffusen Stimmungsbild an. Paris versucht, die spanische Regierung dazu zu bewegen, in Abkommen mit Marokko eine wirksamere Bekämpfung von Schleppern zu erreichen – und keine Menschen an seine Nordküste durchreisen zu lassen, die nach Europa gelangen wollen.

Thomas Hanke, Paris

Österreich

Das neutrale Österreich, das traditionell gute Beziehungen zur arabischen Welt pflegt, bereitet sich auf einen Flüchtlingsansturm aus Syrien vor. Nach Angaben des österreichischen Innenministerium werden sofort 2000 zusätzliche Plätze für Flüchtlinge gebraucht. Im Zeitraum zwischen Januar und August hatten knapp 13.000 Flüchtlinge in Österreich einen Antrag auf Asyl gestellt, davon 3500 aus Syrien. Die meisten Asylbewerber kommen aus dem vom Bürgerkrieg erschütterten Ländern Syrien, Afghanistan und Tschetschenien. Für das gesamte Jahr rechnet das Alpenland mit 26.000 Anträgen. Davon wären 9000 Asylbewerber mehr als im vergangenen Jahr.

Die Alpenrepublik hat eine lange Erfahrung im Umgang mit Flüchtlingen. Während des Balkan-Krieges zwischen 1992 bis 1995 kamen 90.000 Menschen nach Österreich. Zwei Drittel der Vertriebenen sind für immer geblieben. 1968 strömten nach den Einmarsch russischer Truppen in die damalige Tschechoslowakei 162.000 Menschen nach Österreich. Davon blieben 12.000 Menschen.

Die konkrete Unterbringung der Flüchtlinge aus Syrien wird für Österreich nicht einfach. Viele Bürgermeister wehren sich gegen die Unterbringung der Kriegsemigranten. Auch eine Reihe von Bundesländer zögern und blockieren. Der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) kritisierte das „unwürdige Pingpong-Stiel“ der Ministerpräsidenten der Länder.

Die österreichische Innenministerin Johanna Mikl-Leitner bedient sich daher eines rechtlichen Kunstgriffes, um das Problem zu lösen. Sie verlangt einen Einsatz des Bundesheeres für die Unterbringung von Asylbewerbern. Mit diesem Kniff kann die konservative Politikerin ein Veto der Gemeinden und Städte umgehen. Die Vorgehensweise ist aber rechtlich umstritten. Ein solche Einsatz sei "schlicht und einfach rechtlich nicht gedeckt", dass der Verfassungsjurist Bernd-Christian Funk der österreichischen Zeitung „Standard“.

Viele Flüchtlinge, gerade aus Syrien, erreichen Österreich von der Türkei über den Balkan auf dem Landweg. In die Türkei sind innerhalb weniger Tage mehr als 100.000 Flüchtlinge aus Syrien gegangen. Mit verstärkten gemeinsamen Kontrolle wollen Österreich und Ungarn illegale Grenzübertritte verhindern.

Hans-Peter Siebenhaar, Wien

Italien


Italien ist mit seiner Lage im Mittelmeer und der langen Küste der Hauptzugang in Europa, vor allem für die Flüchtlinge aus den arabischen Krisenländern. Mit dem seit Oktober 2013 existierenden Programm „Mare Nostrum“ leistet Italien schon heute einen enormen Beitrag: Die italienischen Schiffe fahren auch weit über die nationalen Gewässer hinaus, um in Seenot geratene Flüchtlingsboote zu retten. Allein in den ersten acht Monaten des Jahres hat Italien mit „Mare Nostrum“ mehr als 117.000 Menschen aus dem Meer gerettet. Dennoch haben mehr als 2000 Menschen allein in diesen Sommer den Tod gefunden. Und das sind nur jene, die bekannt geworden sind.

Die Auffanglager in Italien – die meisten von ihnen in Süditalien – sind angesichts dieses Flüchtlingsstroms völlig überlastet. Die OECD hat in ihrem jüngsten Bericht zwar die Arbeit von Mare Nostrum gelobt. Sie kritisierte aber, dass die Gesetzgebung die Ankömmlinge zulange im Unklaren lässt und sich zudem von Region zu Region unterscheidet.

Besonders dramatisch ist auch die Lage der Minderjährigen. Laut dem Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und der NGO „Save The Children“ waren 17.700 Flüchtlinge minderjährig – mehr als die Hälfte von ihnen ohne Eltern. Der Großteil von ihnen kommt laut der Organisationen aus Eritrea, Syrien, Ägypten und Somalia.

Die Politik fordert vor allem mehr Hilfe aus Europa, damit Italien nicht weiter die Hauptlast tragen muss. Zumindest teilweise hat Europa darauf reagiert. Das neue Programm Frontex Plus soll in den Küstenregionen mit zusätzlichen Schiffen helfen. Die politische Diskussion ist in Italien angeheizt. Die Rechtsparteien werfen der Regierung vor, mit seiner Politik des Auffangens und Rettens nur noch mehr Flüchtlinge anzuziehen. Grundsätzlich aber überwiegt die Unterstützung für die Politik des Helfens, die auch der Papst jüngst gelobt hat.

Während die meisten Flüchtlinge in Italien ankommen, sieht die Lage bei den Asylanträgen anders aus: Von den mehr 117.000 Menschen haben nur 36.000 einen Asylantrag in Italien gestellt. Das ist zwar ein Viertel mehr als im gesamten vergangenen Jahr, aber dennoch weniger als ein Drittel der Flüchtlinge, die in das Land kommen.

Katharina Kort, Mailand

Schweden

Schweden ist eines der EU-Länder, das die meisten Flüchtlinge aufnimmt. 2013 erhielten 26 400 Menschen Asyl in Schweden. Das waren 300 genehmigte Anträge mehr als in Deutschland. Gemessen an der Bevölkerungsanzahl nahm nur Malta mehr Flüchtlinge auf als Schweden. Der Großteil der Menschen, die nach Schweden kamen, stammte aus Syrien. Vor Ausbruch des Krieges kamen die meisten Flüchtlinge aus dem Irak. Södertälje, südlich von Stockholm, ist die Stadt, in der weltweit die meisten Iraker außerhalb des eigenen Landes leben.

Viele Flüchtlinge wollen nach Schweden, weil hier bereits Verwandte oder Freunde leben. Unumstritten ist die relativ liberale Einwanderungspolitik allerdings nicht. Bei den Parlamentswahlen vor zwei Wochen verdoppelten die ausländerfeindlichen Schwedendemokraten ihr Ergebnis und wurden mit 13 Prozent der Stimmen zur drittgrößten politischen Kraft in Land. Die Partei profitierte von der Unzufriedenheit vieler Wähler mit der bisherigen Flüchtlingspolitik.

Tatsächlich haben übervolle Unterkünfte und fehlende Integration zu Spannungen geführt, von denen die Schwedendemokraten profitierten. Sie treten für eine drastische Begrenzung der Flüchtlingsaufnahme ein. Die bisherige bürgerliche Regierung hatte im vergangenen Jahr beschlossen, dass sämtliche Flüchtlinge aus Syrien Asyl in Schweden erhalten. Damit war Schweden das erste EU-Land, das diese Regelung einführte.

Wer als Flüchtling nach Schweden kommt, wird zunächst in eine Aufnahmeeinrichtung gebracht. Während der Zeit, in der der Asylantrag geprüft wird, darf der Flüchtling nicht arbeiten. Stattdessen wird den Flüchtlingen ein kostenloser Sprachkurs angeboten. Es hat sich gezeigt, dass Menschen mit Migrationshintergrund kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, wenn sie nicht die Sprache beherrschen. Erst, wer einen erfolgreichen Abschluss des Sprachkurses nachweisen kann, darf sich um einen Arbeitsplatz bemühen. Allerdings ist die Arbeitslosenquote bei Flüchtlingen mit 30 bis 40 Prozent deutlich höher als der Durchschnitt.

Kritik an der generösen Flüchtlingspolitik gibt es immer wieder: Dabei geht in erster Linie um ein fehlendes Konzept für die Eingliederung der Flüchtlinge in die schwedische Gesellschaft. In den Vororten der drei größten Städte Stockholm, Malmö und Göteborg kam es im vergangenen Jahr zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund und der Polizei. Perspektivlosigkeit und Ghettobildung sind die Probleme, die auch Schweden nicht in den Griff bekommen hat.

Im hohen Norden Europas hat kein anderes Land eine so liberale Flüchtlingspolitik wie Schweden. Vor allen Dingen Dänemark und Norwegen machen immer wieder mit restriktiver Flüchtlingspolitik von sich reden. In Dänemark wurde die Einwanderungspolitik in den vergangenen Jahren immer restriktiver gehandhabt, selbst Familienzusammenführungen sind nur noch unter gewissen Umständen möglich. Auch in Norwegen hat sich das Klima seit dem Regierungswechsel im vergangenen Jahr deutlich verschlechtert.

Ein Flüchtling muss beispielsweise zwischen vier und sechs Monaten auf ein erstes Interview mit der Einwanderungsbehörde warten. In dieser Zeit darf der Betreffende nicht arbeiten. Das hat sich schnell herumgesprochen. Deshalb beantragen viermal mehr Flüchtlinge Asyl in Schweden als in Norwegen.

Helmut Steuer, Stockholm

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Mehr zu: Flüchtlinge - Herzlich willkommen – aber nicht bei uns

21 Kommentare zu "Flüchtlinge : Herzlich willkommen – aber nicht bei uns"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Und ich warne jeden ganz dringend davor, sich willenlos und unreflektiert wie ein Schaf in der Herde von eigenen - und erst recht von fremden!! - Stimmungen und Emotionen treiben zu lassen!

    Wir sind freie, mit der Fähigkeit zum Denken ausgestattete Menschen, keine (Rudel-)Tiere, und haben (m.E. jedenrfalls) nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, von dieser Gabe Gebrauch zu machen! Jeder nach seinen Möglichkeiten, aber höchstselbst, und ohne diese Aufgabe an andere zu delegieren!

    Übrigens: Bei den Flüchtlingen handelt es sich fast immer gerade nicht um die von Ihnen beschriebenen „Moslems mit Nachthemd und Sauerkrautbart“ (...), sondern um Menschen, die gezwungen sind, gerade vor denjenigen unter diesen „Sauerkrautbartträgern“ zu fliehen, bei denen es sich tatsächlich um Bestien handelt!

    (...)

    Aus folgendem Grunde: Ich werde es niemals akzeptieren, dass irgend ein Mensch - ganz egal, wer - sich anmaßt, seinen Mitmenschen vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen – und erst recht, was sie zu denken haben!! Mal ganz abgesehen davon, dass solche Manipulationsversuche aufgrund der menschlichen Natur – jeder ist anders – gottlob grundsätzlich zum Scheitern verurteilt sind, handelt es sich einem solchen Missbrauch von Religion um nichts anderes als Blasphemie!

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Das Problem ist die unkontrollierte Zuwanderung. Es gibt aber endlich eine Partei, die das Problem glaubhaft anzugehen gedenkt - die AfD. Sollte ich wegen dieser Meinung als rechtslastig verunglimpft werden, hätte ich damit kein Problem. Wenn "Links" und die sogen. "Mitte" das Zuwanderungsproblem nicht schnell und wirkungsvoll unter Berücksichtigung der Bürgermeinung in den Griff bekommt, bleibt letztlich nur eine demokratische Entscheidung mit dem Stimmzettel - AfD!

  • Ich kann Ihnen nur zustimmen. Fakt ist, dass die sozial schwächsten Gruppen in unserer Gesellschaft, die größten Opfer für die fehlgeleitete Flüchtlings- und Zuwanderungspolitik zu erbringen haben. Es wäre wünschenswert, wenn die Klasse unserer "Leistungs- und Entscheidungsträger" öffentlichkeitswirksam einen weit größeren Anteil übernimmt, etwa durch Aufnahme von Flüchtlingen bei denjenigen, denen übergroße Wohnflächen zur Verfügung stehen oder Zweitwohnungen und Ferienhäuser. Auch ein Solidarbeitrag zur Finanzierung der Zuwandererströme speziell von den Bestverdienenden und Vermögendsten in unserer Gesellschaft wäre vorbildlich. Es würde nicht lange dauern, bis nach Wirksamwerden solcher Bestimmungen die Politik geändert würde, denn die Zeche für populistische Gutmenschen-Politik zahlen immer die Schwächsten und nie die Urheber.

  • Wenn viele Menschen aus einer anderen Kultur und mit vergleichsweise niedriger Qualifikation in ein Land kommen um zu bleiben, verändert das das Aufnahmeland erheblich. Es ist verständlich, dass dies nicht jeder wünscht, und die Politik sollte hier nicht über die Köpfe der Bürger hinweg entscheiden.

  • Wenn man selbst der Meinung, ist dass wir schon Genug Leute aufgenommen haben, dann wird einem von den öffentlich-unrechtlichen Medien suggeriert, man wäre einer von 3% unverbesserlich Rechtsradikalen.

    Wenn ich aber hier die Foren lese und mit normalen Menschen in meinem Bekanntenkreis spreche, dann erkenne ich: Ich bin nicht allein!
    Ich gehöre zur Mehrheit, die die unkontrollierte Zuwanderung ablehnen.

    Und ja, dann bin ich gerne politisch unkorrekt.

  • Es ist nicht möglich in Europa alle Flüchtlinge dieser Welt aufzunehmen.Die Politiker sind ratlos, denn keiner wagt dies anzusprechen. Die Flüchtlinge müssen Vorort versorgt werden oder Grenznah. Wenn alle das Land verlassen, Syrien, Irak, Sudan, Somalia, Äthiopien etc., wer kämpft denn dann eigentlich für seine Heimat? Die wollen doch nie wieder zurück. Deutschland ist reich? Wieviel Schulden haben wir? Wiesehen unsere Strassen, unsere Bildungstätten, unsere Brücken unsere Kindertagesstätten und die Bundeswehr aus? Wir brauchen einen Flüchtlingsaufnahmestopp sofort. Es tümmeln sich inzwischen genug Arbeitslose und schlecht untergebrachte Personen in unseren Städten. Wenn es so weiter geht explodiert irgendwann die deutsche Seele und macht sich Luft.

  • Die Leute sollten bei ihren friedlichen "Muslimischen Brüder" bleiben. Dort sind sie sicherlich erwünscht und werden bestens versorgt. Eine Einreise in die EU kommt
    daher nicht in Frage.

  • am Ende und nach dem 2.Weltkrieg waren Reichs-Interne Fluechtlinge aus Ostpreussen und Pimocke = Vertriebene aus dem ehemaligen Polen und der ehemaligen Ukraine, sowie aus Schlesien etc im Westen ebenfalls "sehr" wilkommen!
    ungebetene Zuwanderer aus einem andern insbesondere Muslemischen Kulturkreis sollten jedenfalls nicht "unbedingt" und "alternativlos" hier als Fluechtlinge aufgenommen werden.
    Deitschland schafft sich sonst noch schneller ab, als es eh jetzt schon der Fall ist!

  • Flüchtlinge? Nein es sind kriminelle, faul Sozialschmarototzer. Diese sollen willkommen sein. Gerade haben die friedlichen Erpresser wieder das DGBhaus in Berlin besetzt und erpressen jetzt den DGB. Flüchtling = ich suche im Nachbarland Unterkunft. Deutschland = Nachbarland von Deutschland? Da habe ich in der Erdkunde total geschlafen. Wir sind reich? Nur unsere Flugzeuge sind Schrott. Warum nehmen wir Kinder ohne Begleitung der Eltern auf? Rückführung sofort zu den Eltern! Wir dürfen Eltern und Politiker nicht aus der Verantwortung entlassen. Zivilcourage? Warum wird dies nur von Deutschen gefordert? Warum wollen die Flüchtlinge/Asylanten nicht mit Ihren Nachbar in Frieden leben? Woher haben die "armen" Flüchtlingen die Tausende für Schleuser?? Sie könnten, was sie nicht wollen, ihre Heimat damit aufbauen!

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