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Flüchtlinge „In Europa geht es mir besser“: Was Tausende Menschen aus der Türkei in die EU treibt

Tausende Menschen versuchen, aus der Türkei nach Griechenland zu gelangen. Was treibt sie an? Was erwartet sie? Ein Report aus dem Grenzort Doyran.
02.03.2020 - 19:24 Uhr Kommentieren
Die Türkei hat die Grenzen geöffnet, Menschen werden zum diplomatischen Druckmittel. Dahinter stehen Schicksale. Quelle: Anadolu Agency/Getty Images
Migranten an der Grenze zur EU

Die Türkei hat die Grenzen geöffnet, Menschen werden zum diplomatischen Druckmittel. Dahinter stehen Schicksale.

(Foto: Anadolu Agency/Getty Images)

Doyran, Athen Masoud hat drei Nächte unter freiem Himmel verbracht. Es ist windig in Doyran an der türkisch-griechischen Grenze, rund 30 Kilometer südlich vom offiziellen Grenzübergang an der türkischen Stadt Edirne. Der Grenzfluss Evros, auf Türkisch Meriç, ist 100 Meter entfernt.

Unter einer Baumgruppe haben der 25 Jahre alte Afghane und gut 150 andere Menschen campiert. Baumstümpfe brennen allmählich aus, überall liegen Plastikflaschen und Konservenbüchsen. Zwei Kinder spielen mit Plastiktüten im Wind, mehrere junge Frauen sitzen in Wolldecken eingehüllt auf der Wiese. Es riecht nach verbranntem Plastik.

Masoud ist aus der türkischen Hafenstadt Izmir hierhergekommen, mit Dutzenden anderen Landsleuten nach einer siebenstündigen Fahrt in einem Reisebus. Er hatte eine Arbeit in Izmir, schwarz natürlich, und eine Unterkunft. Aber: „In Europa geht es mir besser“, glaubt er. Am offiziellen Grenzübergang ließ man sie nicht durch, also fuhren sie nach Doyran. Dort bildet der 30 Meter breite Fluss Meric die Grenze.

Mit einem kleinen Motorboot kamen Masoud und einige andere tatsächlich auf die griechische Seite, erzählt er aufgeregt. Dann habe die griechische Polizei sie erwischt und fünf Stunden lang festgehalten. „Sie haben mein Geld und mein Mobiltelefon geklaut und mich dann wieder zurückgeschickt.“ Nun wisse er nicht weiter. „Ich will nach Frankreich oder Deutschland“, sagt Masoud, „aber ich werde wohl in der Türkei bleiben müssen.“

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    Tausende harren wie Masoud derzeit an der 212 Kilometer langen Landgrenze zwischen der Türkei und Griechenland aus. Ein Treck an Flüchtlingen hat sich aufgemacht, seitdem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verkündet hat, die Grenze zu Griechenland zu öffnen. Auslöser war ein syrischer Luftangriff auf türkisches Militär im syrischen Idlib, bei dem mindestens 36 Soldaten getötet worden waren. Am Sonntag startete die Türkei daraufhin ihre Militäroperation „Frühlings-Schutzschild“.

    Erdogan will die Europäische Union unter Druck setzen: Europa soll die Türkei bei dem Bestreben unterstützen, rund drei Millionen Menschen in der letzten syrischen Rebellenhochburg Idlib zu schützen. Deshalb droht der türkische Präsident mit einem neuen Flüchtlingsansturm.

    „Asymmetrische Bedrohung der nationalen Sicherheit“

    Bisher haben die griechischen Sicherheitskräfte dem Ansturm der Migranten weitgehend standgehalten – unter anderem mit Tränengas und Blendgranaten. Nach Angaben aus griechischen Regierungskreisen wurden seit Sonntag 9877 illegale Grenzübertritte vereitelt. 68 Migranten, denen es gelang, die Sperren zu überwinden, wurden festgenommen. Migranten berichten von Misshandlungen durch die griechischen Sicherheitskräfte.

    Am Montag entwickelten sich am Grenzübergang Pazarkule/Kastanies neue Scharmützel zwischen der griechischen Polizei und Migranten, die seit Tagen zu Tausenden den Übergang belagern. Mehrere Hundert Migranten versuchten, die Sperren an dem Grenzübergang zu überwinden. Der Flüchtlingsstrom sei von der Türkei „inszeniert und koordiniert“, sagt der griechische Regierungssprecher Stelios Petsas. Griechenland sei einer „schweren asymmetrischen Bedrohung der nationalen Sicherheit“ ausgesetzt.

    Die griechischen Streitkräfte begannen am Montag Manöver an der Landgrenze zur Türkei und in der östlichen Ägäis. Bei der Übung werde mit scharfer Munition geschossen, teilte das Verteidigungsministerium mit. Alle Sicherheitskräfte wurden in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Um unkontrolliert einreisende Migranten ohne Registrierung abweisen zu können, setzt Griechenland seit Sonntag alle neuen Asylverfahren aus. Asylgesuche werden nicht mehr entgegengenommen. Festgenommene Migranten sollen, so weit möglich, direkt in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden.

    Grafik

    Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis will am Dienstag in Begleitung von EU-Ratspräsident Charles Michel, Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, David Sassoli, die Grenzregion besuchen, um sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen.

    Die Regierung in Athen hat die EU-Grenzschutzagentur Frontex um Verstärkung gebeten. Nun prüft die Organisation, wie man Griechenland schnell und wirksam helfen kann. Nach Informationen aus Regierungskreisen wünscht sich Athen vor allem weitere Patrouillenboote für den Einsatz in der Ägäis. Bisher ist Frontex in Griechenland mit etwa 600 Mann an der Land- und Seegrenze zur Türkei im Einsatz. Am Sonntag setzte die Organisation die Alarmstufe an den Grenzen zur Türkei auf „hoch“ herauf.

    „Wir dachten, die Grenze sei geöffnet“, klagt eine Mutter in Doyran, die ein kleines Kind auf dem Arm hält. Beide husten ständig. Sie habe am Freitag von der angeblichen Grenzöffnung erfahren und sofort ihre Kinder aus der Schule und dem Kindergarten geholt. Auch sie stammen aus Afghanistan, wohnten seit zwei Jahren im türkischen Isparta. Das ist mehr als neun Autostunden von dem Ort entfernt, an dem sie jetzt unter einem Baum schlafen mussten. Sie lächelt, während sie sagt, dass sie eigentlich gar kein Geld mehr für eine Rückkehr habe.

    Verlagerung der Migrationsbewegung in die Ägäis

    Die Grenzöffnung durch die Türkei trifft die EU ins Mark. Ist es noch demokratisch, jemanden wie Erdogan zu unterstützen? Sich erpressen zu lassen? Ist es menschlich vertretbar, jetzt die Grenzen dicht zu halten? „Wir können euch nicht aufnehmen“, sagte Friedrich Merz an Menschen wie Masoud gerichtet. Grünen-Chefin Annalena Baerbock hingegen fordert: „Es müssen Kontingente von Flüchtlingen, so schnell es geht, in der EU verteilt werden.“

    Griechische Experten vermuten, dass sich der Migrationsdruck in den kommenden Tagen von der Landgrenze, an der die meisten Migranten bisher scheitern, in die Ägäis verlagern wird, wo die Insellager jetzt bereits mehr als fünffach überbelegt sind. Auf den griechischen Inseln trafen seit Sonntag nach Angaben der Behörden mehr als 1000 Migranten ein. Das ist die höchste Zahl in einem solchen Zeitraum seit der Flüchtlingskrise von 2015.

    Damals kamen an manchen Tagen bis zu 10.000 Menschen aus der Türkei zu den Inseln. Nach der Schließung der Balkanroute und dem Inkrafttreten des Flüchtlingspaktes im März 2016 gingen die Zahlen stark zurück. Am Montagmorgen ertrank beim Untergang eines Flüchtlingsboots vor der Insel Lesbos ein Kleinkind.

    „Tausende Menschen campieren hier bei Kälte unter freiem Himmel“

    Es sind vor allem Menschen aus Afghanistan, dem Irak und dem Iran sowie aus Somalia und Eritrea, die an der Grenze ihr Glück versuchen. Syrer sind seltener zu finden. Sie genießen unter dem Schutzschirm des Flüchtlingspaktes zwischen der EU und der Türkei besonderen temporären Schutz. Die EU zahlt der Türkei bis zu sechs Milliarden Euro, dafür dürfen Syrer in der Türkei zum Arzt, in die Schule und erhalten in Härtefällen eine Art Sozialhilfe. Für Menschen, die aus anderen Teilen der Welt in die Türkei fliehen – ob aus wirtschaftlichen Gründen oder weil ihr Leben bedroht ist –, gelten diese Vorteile nicht.

    Die anfängliche Euphorie unter den Migranten ist gewichen. „Niemand hat uns gesagt, dass die Grenze nach Griechenland in Wahrheit geschlossen bleibt“, sagt ein Mann. Er steigt in einen türkischen Reisebus. „Wir fahren zurück nach Istanbul und warten auf die nächste Gelegenheit.“

    Mehr: Europa hat die Chance auf eine humanere Flüchtlingspolitik verstreichen lassen.

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