Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Flüchtlingskrise Brand in Moria: 13.000 Geflüchtete sind nun obdachlos

Fast 13.000 Menschen sind auf dem griechischen Lesbos obdachlos. Unter den Inselbewohnern geht die Angst um. Die aktuelle Lage in Moria.
10.09.2020 - 16:59 Uhr Kommentieren
Nachdem das Lager in Brand gesteckt wurde, mussten viele Menschen am Rand der Landstraße schlafen. Quelle: Reuters
13.000 Obdachlose auf der Insel Lesbos

Nachdem das Lager in Brand gesteckt wurde, mussten viele Menschen am Rand der Landstraße schlafen.

(Foto: Reuters)

Manche verbrachten die Nacht auf den Feldern und in den Olivenhainen rund um das verwüstete Lager. Einige Familien suchten mit ihren kleinen Kindern sogar Zuflucht auf einem nahe gelegenen Friedhof. Andere Obdachlose fanden einen Schlafplatz am Rand der Landstraße, die von Moria zur acht Kilometer entfernten Inselhauptstadt Mytilini führt. Am Donnerstag kauerten viele an den Leitplanken und in den Straßengräben – in der Hoffnung, dass irgendwann Hilfe kommt.

Von einem „Dach über dem Kopf“ konnte für die meisten Menschen in Moria schon vor der Katastrophe eigentlich nicht die Rede sein. Nur etwa 3500 der fast 13.000 Bewohner des Lagers lebten in Wohncontainern. Die anderen hausten in selbst gezimmerten Verschlägen aus Latten, Pappe und Plastikplanen.

Vor Wind, Regen und Kälte schützten diese Behausungen nicht wirklich. Jetzt haben die Menschen auch dieses dürftige Obdach verloren. Einige konnten wenigstens Schlafsäcke und Decken retten, bevor sie vor den Flammen fliehen mussten.

Am Mittwochabend loderten neue Feuer an mehreren Stellen im Lager auf – offenbar gelegte Brände, wie mutmaßlich schon in der Nacht zuvor. Die Brandstifter wollten wohl jene wenigen Unterkünfte zerstören, die den ersten Feuersturm überstanden hatten. Auch am Donnerstag flammten immer wieder Brände auf. Die Feuerwehr war pausenlos im Einsatz.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Viele Menschen stocherten am Donnerstag in den verkohlten Überresten ihrer Behausungen nach zurückgelassenen Habseligkeiten. Auch die rudimentären sanitären Anlagen sind weitgehend zerstört. Die Menschen haben keine Toiletten oder Duschen mehr.

    Armee verteilt Wasser und Nahrung an die Geflüchteten

    Im Camp gab es immerhin jeden Tag Mahlzeiten und Getränke, angeliefert in Lastwagen aus Mytilini. Ja, man musste stundenlang anstehen, weil die Lagerleitung bis zuletzt nicht willens oder in der Lage war, die Essensausgabe vernünftig zu organisieren.

    Die Schikanen waren wohl Teil des „Abschreckungskonzepts“: Das Leben in Moria sollte möglichst unkomfortabel sein, um nicht weitere Nachzügler aus der Türkei anzulocken. Aber immerhin gab es etwas zu essen. Nach dem Brand waren die Menschen zunächst sich selbst überlassen. Es gab weder Trinkwasser noch Essen für die Obdachlosen.

    Am Donnerstag begann die Armee endlich, Mahlzeiten und Getränke an die Menschen zu verteilen. Die Stimmung unter den Migranten schwankt zwischen stummer Verzweiflung und Rebellion. Polizeikräfte haben sich rund um Moria formiert.

    Großbrand im Flüchtlingslager Moria

    Am Donnerstag verlegte die Regierung weitere Einheiten der Bereitschaftspolizei auf die Insel. Sie sollen die Migranten daran hindern, in die Inselhauptstadt Mytilini zu ziehen. Mehrfach versuchten Gruppen junger Männer, die Polizeisperren zu durchbrechen.

    Die Polizei sprach von etwa 4000 Randalierern. Sie warfen Steine und Flaschen, viele waren auch mit Eisenstangen bewaffnet. Die Beamten trieben sie mit Tränengas und Pfefferspray zurück.

    Knapp 400 Jugendliche wurden aufs Festland gebracht

    Unter den 38.000 Einwohnern von Mytilini geht die Angst um, Tausende Migranten könnten jetzt auf den Straßen und Plätzen der Inselmetropole campieren – und dort das Coronavirus verbreiten. 35 Bewohner von Moria waren am Dienstag positiv auf das Virus getestet worden.

    Der Versuch der Gesundheitsbehörden, sie und ihre Kontaktpersonen in eine Isolierstation zu bringen, löste die schweren Unruhen im Lager aus, die schließlich zu den mutmaßlichen Brandstiftungen führten. Von der 35 Infizierten und 80 bekannten Kontaktpersonen konnten im Chaos, das nun auf der Insel herrscht, bisher erst acht wiedergefunden und isoliert werden. Die anderen sind irgendwo unterwegs – und könnten Tausende anstecken.

    Wenigstens besonders schutzbedürftige Lagerbewohner werden nun in Sicherheit gebracht. 406 unbegleitete Minderjährige, die bisher im Camp Moria in einer gesonderten Unterkunft betreut wurden, hat die Regierung am Mittwoch und Donnerstag mit drei Chartermaschinen ins nordgriechische Thessaloniki ausgeflogen. Sie wurden dort in Hotels untergebracht.

    „Bye, bye Moria“, skandierten manche Migranten, als das Lager in Flammen aufging. Sie hoffen, dass sich damit der Weg für sie aufs griechische Festland öffnet.

    Bei dem Brand wurde niemand verletzt

    Von dort führen, trotz der offiziell geschlossenen Grenzen auf dem Balkan, viele Schleichwege nach Nordeuropa. Aber Griechenlands Vizeminister für Migration Giorgos Koumoutsakos macht ihnen keine Hoffnung: „Wer denkt, er könne jetzt zum Festland und dann nach Deutschland reisen, der soll es vergessen“, sagte Koumoutsakos im Nachrichtensender „Skai“.

    Fachleute der Regierung inspizierten unterdessen das Camp, um festzustellen, welche Gebäude vielleicht noch nutzbar sind oder kurzfristig wiederhergerichtet werden können. Inselbewohner versuchten, mit Straßenblockaden den aus Athen angereisten Experten den Zugang zum Lager zu verwehren.

    Sie fordern, dass Moria endgültig geschlossen wird. Im kleinen Hafen Sigri an der Westküste der Insel traf am Donnerstagmorgen das Fährschiff „Blue Star Chios“ ein. Es soll dort zunächst vor Anker gehen und etwa 1000 Obdachlose aufnehmen.

    Die Reederei Blue Star Ferries hat das Schiff kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Kriegsmarine hat außerdem zwei Transportschiffe nach Lesbos beordert, die weitere 1000 Menschen aufnehmen werden. Das kündigte Migrationsminister Notis Mitarakis bei einem Ortstermin auf der Insel an.

    Mitarakis bestätigte, dass es bei der Brandkatastrophe keine Verletzten oder Toten gegeben habe, es werde auch niemand vermisst. Bis zum Wochenende sollen die ersten Zelte für Obdachlose aufgestellt werden. Die Behörden suchten allerdings am Donnerstag noch nach geeigneten Orten für die Zeltstädte. Sie brauchen Wasser- und Stromversorgung sowie Anschlüsse an das Abwassernetz.

    Das alles sind aber nur vorübergehende Lösungen. Ob das zerstörte Lager Moria wiederaufgebaut werden soll, war am Donnerstag noch unklar. Die griechische Regierung befürwortet seit Langem den Bau von kleineren, geschlossenen Lagern für Asylbewerber. Ein solches Camp befindet sich auch auf Lesbos im Bau. Migrationsminister Mitarakis sagte, die Regierung sei außerdem „mit der EU im Gespräch“. Ziel sei „eine Verteilung der Bewohner von Moria auf andere Mitgliedsländer“.

    Mehr: Frankreich und Deutschland planen einen Vorschlag, um Flüchtlinge aus Moria aufzunehmen. In der Nacht zum Donnerstag hat es in dem Flüchtlingslager erneut gebrannt.

    Startseite
    Mehr zu: Flüchtlingskrise - Brand in Moria: 13.000 Geflüchtete sind nun obdachlos
    0 Kommentare zu "Flüchtlingskrise: Brand in Moria: 13.000 Geflüchtete sind nun obdachlos"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%