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Einsatz von Tränengas gegen Migranten

Tausende von Asylbewerbern kamen zuletzt in die türkische Provinz Edirne, um ihren Weg nach Europa zu suchen.

(Foto: ddp/abaca press)

Flüchtlingskrise Mit Wasserwerfern und Tränengas: So gehen griechische Grenzschützer gegen Migranten vor

An der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei gerät die Lage außer Kontrolle. Die Regierungen beider Länder liefern sich einen Propagandakrieg. Ein Ortsbesuch.
09.03.2020 - 13:36 Uhr Kommentieren

Kastanies In der Nacht hat es geregnet. Knöcheltief versinken die Migranten am griechisch-türkischen Grenzübergang Kastanies im Matsch. Einige haben Zangen dabei, mit denen sie Löcher in die Maschen des Grenzzauns zu schneiden versuchen. Ohne Erfolg: griechische Grenzpolizisten treiben sie mit Reizgas und Pfefferspray immer wieder zurück.

Aber auch die Grenzer selbst kommen unter Beschuss: Die türkische Polizei feuert Tränengasgranaten, die in hohem Bogen auf der griechischen Seite der Grenze landen. „So geht das mehrmals am Tag“, sagt ein Major der griechischen Armee. Sein Name soll nicht genannt werden, da er nicht autorisiert ist, der Presse Auskunft zu geben.

Mehr als zehntausend Migranten stehen vor der Grenze bei Kastanies, seit der türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan vor acht Tagen die Schlagbäume auf seiner Seite des Übergangs öffnen ließ und ihnen die Weiterreise in die Europäische Union versprach.

Seit Monaten hatte Erdogan immer wieder gedroht, er werde „die Grenztore öffnen“. Nun macht er Ernst. Bis vor wenigen Tagen war die Gegend auf türkischer Seite ein streng abgeriegeltes militärisches Sperrgebiet. Jetzt dürfen die Migranten bis unmittelbar an den griechischen Grenzzaun heran.

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    So macht Erdogan Druck auf Europa. Er hofft, damit politische Rückdeckung für seine Militäroperationen in Syrien zu gewinnen und in Brüssel weitere Finanzhilfen locker zu machen für die Versorgung der fast vier Millionen Flüchtlinge in seinem Land. Am Montagabend trifft er in Brüssel den EU-Ratspräsidenten Charles Michel und die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen.

    Als Erdogan die Grenze öffnete, machten die Griechen ihre Seite dicht. Ein hohes, blaues Metallgittertor sichert den Übergang von Kastanies. Dahinter haben die griechischen Grenzer Barrikaden und Berge von Stacheldraht aufgebaut. Ein Wasserwerfer steht mit laufendem Motor auf der Landstraße 51, die hier über die Grenze führt. Die Wasserkanone ist auf die Migranten gerichtet, die immer wieder Sprechchöre anstimmen: „Freiheit, Freiheit“ und „Wir wollen nach Europa“. Einer schwenkt ein selbstgemaltes Pappschild: „Merkel, help us!“

    In den Wäldern und auf den Feldern abseits des eigentlichen Übergangs schaffen es immer mal wieder einige, die Sperren zu überwinden – fast 300 waren es bisher. Dass den Migranten ein Durchbruch gelingen könnte und sie zu Zehntausenden über die Grenze kommen, glaubt der Major aber nicht. „Ausgeschlossen“, sagt er selbstbewusst, „wir haben das hier im Griff.“

    Der bittersüße Geruch von Reizgas liegt in der Luft

    Wenn Ostwind weht, trägt er die Tränengasschwaden bis ins Dorf Kastanies, das wenige hundert Meter vom Grenzübergang entfernt ist. Mairy, die Wirtin im Café Aigli, hat sich fast schon an den bittersüßen Geruch des Reizgases gewöhnt. Er liegt hier ständig in der Luft. In ihrem Café sitzen nur einige ältere Damen an einem Tisch. „Früher war hier ein ständiges Kommen und Gehen über die Grenze, man kannte sich, wir haben Kochrezepte ausgetauscht, es gab sogar Freundschaften“, erzählt die Rentnerin Anthi. „Damit ist es jetzt wohl vorbei.”

    Die griechische Regierung will zwischen dem 28. Februar und dem 8. März bereits mehr als 40.000 illegale Grenzübertritte verhindert haben. Quelle: dpa
    Untersuchungshaftanstalt in Fylakio an der griechisch-türkischen Grenze

    Die griechische Regierung will zwischen dem 28. Februar und dem 8. März bereits mehr als 40.000 illegale Grenzübertritte verhindert haben.

    (Foto: dpa)

    In den sozialen Netzwerken und manchen Medien tobt ein Propagandakrieg. Der türkische Staatschef Erdogan verbreitet, die griechischen Grenztruppen hätten bereits fünf Migranten erschossen – bisher war nur von einem Toten die Rede. Der griechische Regierungssprecher dementiert „kategorisch“ und spricht von „Fake News“.

    Zweifelsfrei klären lassen sich die Vorwürfe nicht. Während die türkische Seite den Griechen brutales Vorgehen gegen die Migranten vorwirft, zeigen griechische Videoaufnahmen, wie auf der anderen Seite der Grenze türkische Soldaten Migranten mit Schlägen und Fußtritten in Richtung Grenzzaun treiben.

    Der türkische Innenminister Süleyman Soylu sagte am Samstag, mehr als 143.000 Menschen hätten bereits die Grenze überquert und warnte: „Was bislang geschehen ist, ist gar nichts.“ Aber wo sind die Menschen angekommen? Bulgarien meldet an seiner Grenze zur Türkei „null Migration“.

    Griechenland hat nach Angaben aus Regierungskreisen zwischen dem 29. Februar und dem 8. März an der Landgrenze zur Türkei 41.060 illegale Grenzübertritte verhindert und 293 Migranten festgenommen, denen es gelungen war, die Sperren zu überwinden. Auch in Kastanies ist von den angeblich „Hunderttausenden“, die laut Erdogan in den vergangenen Tagen nach Griechenland gekommen sind, nichts zu sehen.

    „Märchen“ sagt mit wegwerfender Handbewegung eine der Frauen im Café. Tatsächlich wirkt der früher betriebsame Grenzort wie ausgestorben. Dann und wann rollen Armeelaster durchs Dorf. Griechenland will jetzt den Grenzzaun ausbauen. Bisher sichert das drei Meter hohe und 1,20 Meter breite Sperrwerk zehn Kilometer der Grenze, die als besonders neuralgisch gelten. Der Zaun stammt schon aus dem Jahr 2012. Bereits damals kam jeder zweite Migrant, der die EU erreichte, über Griechenland. Jetzt soll der Grenzzaun so schnell wie möglich um 40 Kilometer verlängert werden.

    Erdogan in Brüssel

    Zwischen der Türkei und Griechenland herrscht eine Eiszeit. Der bulgarische Premier Bojko Borissow versuchte vergangene Woche bei einem Besuch in Ankara, Erdogan für ein Dreiertreffen mit dem griechischen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis zu gewinnen.

    Aber Erdogan lehnt jeden Kontakt mit dem Griechen ab. Der türkische Präsident trifft sich an diesem Montag in Brüssel mit EU-Ratspräsident Charles Michel und Kommissionschefin Ursula von der Leyen. Es dürfte um die Zukunft des zusammengebrochenen Flüchtlingspakts gehen - und vor allem um weitere Finanzhilfen der EU.

    Für Erleichterung sorgt im Vorfeld des Treffens die Meldung, wonach Erdogan den Migrantenstrom in der Ägäis offenbar stoppen will. Laut dem Innenministerium in Ankara hat der Staatschef die Küstenwache angewiesen, Flüchtlinge und Migranten nicht mehr mit Booten die Ägäis überqueren zu lassen. Dort kamen in den ersten Tagen nach der Grenzöffnung so viele Migranten aus der Türkei an wie seit vier Jahren nicht mehr.

    Doch eine grundsätzliche Entspannung ist das noch nicht. Erst am Freitagmorgen gab es vor der Insel Lesbos einen schweren Zwischenfall, als ein Schnellboot der türkischen Küstenwache ein griechisches Patrouillenboot verfolgte und offenbar zu rammen versuchte. Premier Mitsotakis könnte in Versuchung geraten, das 59 Sekunden lange Video der Verfolgungsjagd auf seinem Smartphone abzuspielen, wenn er am Montag Kanzlerin Angela Merkel in Berlin trifft – hat die Bundesregierung doch gerade erst 32 Millionen Euro für die türkische Küstenwache bewilligt.

    Die Türkei kündigte die Entsendung von 1000 Elite-Kommandos an, die den Fluss patrouillieren sollen. Quelle: AP
    Grenzfluss Evros

    Die Türkei kündigte die Entsendung von 1000 Elite-Kommandos an, die den Fluss patrouillieren sollen.

    (Foto: AP)

    Anlass des Treffens ist ein deutsch-griechisches Wirtschaftsforum, aber im Mittelpunkt des Gesprächs dürfte die neue Flüchtlingskrise stehen. Mitsotakis vor allem das Engagement der Kanzlerin bei der Entschärfung der akuten Krise einfordern. Der Zwischenfall vor Lesbos zeigt, wie schnell die Entwicklung außer Kontrolle geraten kann. Auch an der Grenze im Norden ist keine Entspannung in Sicht.

    Ein am Freitagabend aufgenommenes Video zeigt, wie türkische Soldaten versuchen, mit einem schweren Armeefahrzeug und einem Seil den auf griechischem Staatsgebiet errichteten Grenzzaun einzureißen. Nach der Öffnung der eigenen Schlagbäume will die Türkei nun offenbar Griechenland mit Gewalt zwingen, auch seine Seite der Grenze zu öffnen.

    Und weitere Konflikte drohen: Die Türkei kündigte die Entsendung von 1000 Elite-Kommandos an. Sie sollen mit schnellen Schlauchbooten auf dem Grenzfluss Evros patrouillieren und unterbinden, dass die griechischen Grenzschützer Migranten an der Überquerung des Flusses hindern. Der Fluss, in dessen Mitte die Grenze zwischen den beiden Nato-Staaten verläuft, ist stellenweise allerdings nur 20 Meter breit. Beim Einsatz der türkischen Schlauchboot-Kommandos sind deshalb Grenzverletzungen programmiert. Wie Griechenland in einem solchen Fall reagieren wird, bleibt abzuwarten.

    Mehr: So geht es Migranten in der Türkei wirklich.

    Demonstration gegen Migrationspolitik der EU in Berlin

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