Flüchtlingspolitik Kultur probt den Aufstand gegen Österreichs Regierung

Intendanten, Autoren und Literaturnobelpreisträger protestieren in Wien gegen die Migrationspolitik von Österreichs Kanzler Kurz – auf ihre Art.
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Österreich: Kultur probt Aufstand gegen Regierung um ÖVP und FPÖ Quelle: picture alliance / HERBERT P. OC
Mephisto-Aufführung

Das am Burgtheater in Wien aufgeführte Stück ist eine Kritik am Rechtsruck in Europa.

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WienIn Wien positionieren sich Künstler gegen die Politik der konservativ-rechtspopulistischen Regierung aus ÖVP und FPÖ und setzen mehrere Ausrufezeichen in der österreichischen Kulturszene. So hat die scheidende Intendantin des Wiener Burgtheaters, Karin Bergmann, die Bühnenfassung des Romans „Mephisto“ von Klaus Mann zum Auftakt der Theatersaison gewählt.

Das Stück handelt vom Aufstieg des Schauspielers Hendrik Höfgen – in Anspielung auf die Nazi-Bühnenikone und Klaus Manns Schwager Gustav Gründgens – als linker Unterstützer zum „Affen der Macht“ in der Nazizeit.

„Ich kann mir in diesen Tagen gar kein anderes Stück denken, das eine Spielzeit besser eröffnen könnte, als Mephisto“, sagte die einstige Mitarbeiterin des bekannten Burgtheater-Intendanten Claus Peymann dem Handelsblatt.

Die am vergangenen Dienstagabend umjubelte Premiere mit Nicholas Ofczarek in der Hauptrolle des Hendrik Höfgen unter der Regie von Bastian Kraft ist eine glasklare Kritik am Rechtsruck in Europa und vor allem im eigenen Land. „Wie oft habe ich mir gewünscht, es würde sich gnädig der Vorhang senken über diesem Land und seinem beschämenden Gebaren, ich bekäme Applaus für mein Spiel, und könnte sorglos nach Hause gehen!“, ruft Höfgen in der Schlussszene.

Es ist ein indirekter Appell an die Mitverantwortung des Künstlers und gegen den Opportunismus gegenüber den Mächtigen. „Theater sollte immer mit Haltung verbunden sein“, sagte Bergmann, deren Amtszeit nach dieser Spielzeit endet. „Es geht nicht darum. dass sich Theater in die Tagespolitik einmischt. Aber es muss am Puls der Zeit bleiben, genau beobachten und mit seinen Mitteln der Poesie, der Dramatik, der Verführung, auch ruhig mal der Unterhaltung unserer Gesellschaft den Spiegel vorhalten.“

Ausgerechnet mit dem Stück des vor den Nazis geflohenen Klaus Mann einzuleiten, ist Teil eines wachsenden Widerstands gegen die Koalition aus ÖVP und FPÖ. Bergmann zieht die Protestfahne gegen intoleranten Zeitgeist hoch. Damit ist sie nicht allein. Die in Österreich oftmals ignorierte Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ist der prominenteste Teil der Anti-Regierungs-Koalition.

Am 4. Oktober soll auch auf dem Ballhausplatz vor dem Bundeskanzleramt eine Protestkundgebung stattfinden. „Der Donnerstag soll wieder als Protesttag etabliert werden, an dem auch gesellschaftliche Alternativen aufgezeigt werden”, sagte Can Gülcü, einer der Organisatoren.

Der Protest ist eine Reminiszenz an die einstigen „Donnerstagsdemonstrationen“ gegen die von FPÖ-Führer Jörg Haider ermöglichte Rechtsregierung unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) im Jahr 2000.

„Schon anlässlich der letzten rechts-rechten Regierung und der Proteste dagegen habe ich gesagt, dass ich nicht gedacht hätte, das, was ich immer schon gesagt habe (und was davon leider nicht besser wurde), noch einmal sagen zu müssen: Österreich – ein Land, das sich meldet, und auf diesem Meldezettel steht: Es ist wieder soweit, wir sind wir, und wir haben schon wieder diese Zeit, sie ist wieder da, und sie gehört uns, diesmal aber wirklich, diesmal hören wir nicht zu früh auf“, schreibt Jelinek in ihrem neuen Text „Oh, du mein Österreich! Da bist du ja wieder!“, der für den Protest Anfang Oktober im Zentrum der Macht in der Alpenrepublik mobilisieren soll. Jelinek spricht von Österreich als „krypto-faschistisches Land“.

Kritik an der Abschottung Österreichs und Europas

Mit ihrer scharfen Kritik gegen die Regierung, die auf eine Abschottung Österreichs und Europas setzt und Sozialleistungen für Ausländer kürzt, ist die Literaturnobelpreisträgerin nicht allein. „Die gegenwärtige Regierung Österreichs hat keinerlei Interesse an der Kultur, allenfalls ein generelles Misstrauen gegenüber einer Welt, die als unbotmäßig und unzuverlässig eingeschätzt wird“, sagte der deutsch-österreichische Bestsellerautor Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“, „Tyll“) dem Handelsblatt.

In einer Festrede zur Eröffnung des Brucknerfestes in Linz übte Kehlmann kürzlich scharfe Kritik am österreichischen Kanzler Sebastian Kurz. Der 43-jährige Autor kritisierte den jungen Kanzler als einen, „dessen größter Stolz darin liegt, dass er im Bündnis mit dem Möchtegern-Diktator Ungarns imstande war, verzweifelte Menschen ohne Heimat, Pässe und Rechte, die mit Mühe das nackte Leben retten konnten, von unserem reichen Europa fernzuhalten.“

Kehlmann ergänzte: „Womöglich bricht ja bald wieder eine Zeit an, in der man in Österreich über Musik, über Kunst, über schöne Dinge sprechen kann, ohne von den Fliehenden und von unserer beunruhigenden Regierung zu reden. Ich hoffe inständig, diese Zeit kommt. Aber sie ist noch nicht hier.“

Kehlmann verteidigte seine scharfe Kritik gegenüber dem Handelsblatt. „Man soll nur dann sprechen, wenn einen die Empörung und die Notwendigkeit zum Sprechen drängen. In meinem Fall waren diese Bedingungen erfüllt, deshalb habe ich gesprochen“, sagte der Autor.

Mit Kehlmanns neuestem Stück „Die Reise der Verlorenen“ eröffnete das Wiener Theater in der Josefstadt die Spielsaison. Mit der Uraufführung erinnert der Autor an die Irrfahrten von 937 Juden im Jahr 1939 in Anspielung an die heutigen Flüchtlingsboote im Mittelmeer, die ebenfalls in Häfen wie in Italien oder Malta abgewiesen werden.

Auch wenn die Uraufführung bei der Theaterkritik weitgehend durchfiel, stellt das Werk ein Plädoyer für Menschlichkeit dar. Das Flüchtlingsdrama ist ein Auftragswerk des Theaters in der Josefstadt und wird als Statement gegen die Migrationspolitik von Kurz und eines rechtspopulistischen Koalitionspartners.

„Das war eigentlich nicht so geplant“, sagte Kehlmann dem Handelsblatt: „Dass das Stück nun so wirkt, als wäre es genau auf diesen politischen Moment hingeschrieben, ist ein bestürzender Zufall.“ Der Bühnenautor ergänzt: „Ich bin fest überzeugt, dass es zur Beurteilung der Gegenwart hilft, einen Blick zurück zu werfen und sich daran zu erinnern, wie die Welt die jüdischen Flüchtlinge behandelt hat.“

Regierung mit Rückhalt bei den Bürgern

Die konservative-rechtspopulistische Regierung hat trotz der Kritik im Kulturbereich einen großen Rückhalt bei den Bürgern, wie jüngste Meinungsumfragen zeigen. Nach einer Erhebung der Gratiszeitung „Österreich“ Anfang September haben die beiden Regierungsparteien ÖVP mit 33 Prozent und FPÖ mit 23 Prozent weiter eine klare Mehrheit.

Die SPÖ kommt nur auf 23 Prozent und die liberalen Neos auf sieben Prozent. Kanzler Kurz ist mit Abstand der beliebteste Politiker im Alpenland. Laut „Österreich“ würden 39 Prozent der Wähler bei einer Direktwahl den 32-jährigen Kurz zum Regierungschef bestimmen. Der frühere Kanzler und SPÖ-Chef Christian Kern kommt nur auf 30 Prozent. Der amtierende Vizekanzler und FPÖ-Vorsitzende Heinz-Christian Strache erreicht lediglich 19 Prozent.

Die hohe Popularität der Rechtskoalition in Wien ist offenbar auch einer der Gründe, weshalb Kultur- und Medienminister Gernot Blümel die Kultur links liegen lässt. Autoren wie Kehlmann setzen den Kulturminister bewusst in Anführungsstrichen. Blümel hatte bei der Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur die Veranstaltung verlassen, bevor die britische Preisträgerin Zadie Smith ihre Dankesrede hielt. „Ein klassisches Abstrafungsritual, eine Geste der Verachtung gar nicht so sehr dieser konkreten Schriftstellerin, sondern der Kultur an sich gegenüber“, sagte Kehlmann dem Handelsblatt.

Minister Blümel hatte sich in dieser Woche herbe Kritik von der Opposition wegen seines angeblichen Desinteresses an der Kultur eingehandelt. Der frühere Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ), der auch die „Mephisto“-Premiere besuchte, sprach von einer „Nullbilanz“.

Für Künstler gebe es beim Kulturminister keine Termine. Der Kultursprecher der linken Liste Pilz und Künstler, Wolfgang Zinggl, kritisierte Blümel als „nicht amtsführenden Kulturminister“. Blümel steht derzeit angesichts der österreichischen Ratspräsidentschaft unter Strom. Der Kurz-Intimus organisiert für die Rechtsregierung die Europapolitik.

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