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Folgen des EU-Austritts Der Brexit könnte den Terror an die irische Grenze zurückbringen

Grenzkontrollen zwischen Nordirland und der Republik sind der zentrale Streitpunkt beim Brexit. Der irländische Frieden ist immer noch brüchig.
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Insbesondere Bauern sind vom kleinen Grenzverkehr abhängig. Auf nordirischer Seite verdanken die Landwirte bis zu 80 Prozent ihres Einkommens den Subventionen aus Brüssel. Quelle: AP
Demonstrationen gegen eine harte Grenze

Insbesondere Bauern sind vom kleinen Grenzverkehr abhängig. Auf nordirischer Seite verdanken die Landwirte bis zu 80 Prozent ihres Einkommens den Subventionen aus Brüssel.

(Foto: AP)

Belfast Der Ausblick in die Vergangenheit erscheint grandios. Vor uns liegt der Carlingford-Fjord in der Abendsonne, dahinter friedlich die oft stürmische Irische See. „Da unten ist Warrenpoint“, sagt Peadar Carpenter und zeigt hinunter auf die kleine Hafenstadt an der nordirischen Ostküste.

Nichts erinnert auf den ersten Blick an das Grauen, das hier an der unsichtbaren Grenze auf der irischen Insel vor nicht allzu langer Zeit noch allgegenwärtig war. „Dort verloren vor 30 Jahren 18 britische Soldaten in einem Hinterhalt der IRA ihr Leben“, sagt der pensionierte Diplomat, der hier zwischen dem irischen Newry und dem nordirischen Omeath aufgewachsen ist.

„Jede Familie in der Grenzregion“, erzählt Carpenter, „trägt bis heute schmerzhafte Erinnerungen aus der Zeit des Bürgerkrieges mit sich herum.“ Mehr als 3400 Menschen kamen damals ums Leben, etwa 40.000 wurden verletzt. Die „Troubles“, wie die Iren die Zeit von 1969 bis 1998 nennen, sind wie Narben, die nicht heilen wollen.

Nur wenige Meilen entfernt, unweit der nordirischen Stadt Armagh, liegt die Kingsmill Road, wo 1976 elf protestantische Arbeiter auf dem Weg nach Hause von IRA-Terroristen hingerichtet wurden. Ein Stück weiter im Norden im Dorf Loughinisland stürmten noch 1994 Paramilitärs der protestantischen Ulster Volunteer Force in einen katholischen Pub und erschossen sechs Männer, die gerade vor dem Fernseher die irische Nationalmannschaft im Fußball-Weltmeisterschaftsspiel gegen Italien anfeuerten.

Erst das Karfreitagsabkommen von 1998 brachte einen bis heute leicht zerbrechlichen Frieden auf die irische Insel. Selbst danach kam es noch vereinzelt zu Anschlägen auf Polizeibeamte. Und im April dieses Jahres kam die nordirische Journalistin Lyra McKee im Kreuzfeuer der „New IRA“ ums Leben.

Angst vor der Gewalt

Über die Angst, dass die Gewalt nach einem Brexit nach Nordirland zurückkehren könnte, wird offiziell kaum gesprochen, und doch ist sie überall spürbar. „Sollte es Zollkontrollen mit neuen Grenzeinrichtungen geben, könnten die Grenzposten und die Beamten, die dort arbeiten, zu Zielscheiben neuer Anschläge werden“, warnen Regierungsvertreter in Dublin und Belfast. Chris Patten, der nach dem Karfreitagsabkommen von 1998 eine unabhängige Kommission zur Sicherheit in Nordirland leitete, wird da schon deutlicher: „Wenn wir bei der Grenzfrage einen Fehler machen, werden erneut Menschen sterben.“

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Der sogenannte Backstop und die nordirische Grenze sind zum Dreh- und Angelpunkt des Brexit-Dramas geworden. „Wer das verstehen will, der muss nach Nordirland kommen“, sagt Seamas de Faoite, Stadtverordneter der sozialdemokratischen Partei SDLP in Belfast. Tatsächlich ist die Reise nach Nordirland wie eine schrittweise Annäherung an den politischen Streit, der Europa zu zerreißen droht.

Aus dem technokratischen Begriff „Backstop“, über den London und Brüssel auch nach den jüngsten Vorschlägen des britischen Premierministers Boris Johnson immer noch ringen und der im Kern eine Notlösung darstellt, um eine harte Grenze zwischen den beiden irischen Landesteilen zu vermeiden, wird auf halber Strecke zwischen Dublin und Belfast ein sehr konkretes Problem, das den Alltag der geteilten Insel mit ihren insgesamt mehr als 6,5 Millionen Einwohnern bestimmt.

Dass die 500 Kilometer lange Grenze oft quer durch Ortschaften und manchmal sogar mitten durch Häuser verläuft, macht die Sache nicht leichter. Ein Beispiel: Im größten Krankenhaus der nordirischen Stadt Derry kommen fast 70 Prozent der Krankenschwestern aus der irischen Republik.

Mehr als 14.000 Lkws fahren täglich oft mehrmals über die unsichtbare Grenze und halten so die Wirtschaft auf beiden Seiten am Leben. Coca-Cola zum Beispiel produziert den Sirup für seine braune Brause in der irischen Republik, die Flaschen werden aber in Nordirland abgefüllt und dann wieder zurück über die Grenze gebracht. So geht es mit vielen Produkten.

Für die Herstellung des cremigen Schnaps Baileys sind fünf Grenzübertritte notwendig um die Lieferkette bis zum Endprodukt durchzuziehen. „Sollten dafür künftig umfangreiche Zollpapiere oder gar Zölle notwendig sein, wäre das ein Desaster“, warnt Seamus Leheny, Manager des nordirischen Logistikverbandes FTA.

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