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Frankreich Ungewöhnliches Interview mit Macron: Internet-Medium Brut zeigt seine Stärken

Brut hat sich mit seinen Videos ein Millionenpublikum erobert. Jetzt interviewte es den Staatspräsidenten – und sorgte für ein paar Überraschungen.
04.12.2020 - 19:18 Uhr Kommentieren
Der französische Präsident gab dem Online-Medium Brut ein bemerkenswertes Interview. Quelle: AFP
Emmanuel Macron

Der französische Präsident gab dem Online-Medium Brut ein bemerkenswertes Interview.

(Foto: AFP)

Paris Dieses Interview verlief anders als bei den klassischen TV-Sendern. Das junge französische Internet-Medium „Brut“ hat am Freitag Emmanuel Macron interviewt. Dabei trieben die drei Journalisten den französischen Präsidenten mehrfach in die Enge. Sie konfrontierten ihn mit zahlreichen Fragen der Zuschauer, die sehr nah an der Lebensrealität waren und beendeten das Gespräch auf eine Art, die dem Präsidenten sekundenlang die Sprache verschlug.

Das live auf Facebook geführte Interview geriet gleich zu Anfang in eine hitzige Kontroverse um Polizeigewalt. Die französischen Ordnungshüter stehen in den vergangenen Tagen unter heftiger Kritik: Erst, weil sie mit großer Härte gegen Migranten vorgingen, die auf der Place de la République in Paris Zelte aufgebaut hatten. Dann tauchte ein Video auf, das zeigt, wie drei Beamte einen schwarzen Musikproduzenten in seinem eigenen Studio krankenhausreif schlagen. Macron kündigte daraufhin an, eine neue Plattform gegen Polizeigewalt einzurichten, auf der sich Geschädigte melden können.

Die Journalisten fragten Macron, warum er als Kandidat 2017 von „Gewalt der Polizei“ gesprochen habe, heute aber nur von von der „Gewalt einiger Polizisten“. Macron verteidigte sich: „Ich bin für Null-Toleranz auf beiden Seiten, aber Polizeigewalt, das ist ein Slogan derer geworden, die oft selber gewalttätig werden.“

Die Journalisten setzten nach: „Aber sie haben den Begriff doch selber benutzt.“ Macron wand sich: „Es gibt gewalttätige Polizisten, wir müssen sie besser ausbilden und bestrafen.“ Die drei Interviewer gaben nicht nach: „2017 gab es also Gewalt der Polizei, heute sind es nur noch einzelne Polizisten?“

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    Macron lenkte ein: „Ich habe kein Problem mit dem Begriff, wenn Sie unbedingt wollen, kann ich ihn benutzen, wichtig ist aber, dass es in Frankreich keine Polizei gibt wie in den USA, wo es bei Demonstrationen Dutzende Tote gibt.“

    Zwölf Millionen Nutzer täglich

    Das Internet-Medium „Brut“, auf Deutsch roh, ist eine französische Erfolgsgeschichte, die mit einem Rauswurf begann. Renaud Le Van Kim produzierte für den Sender Canal+ zahlreiche Programm, als er von Vincent Bolloré, Hauptaktionär des Unterhaltungskonzerns Vivendi, gefeuert wurde. Der Investor hielt den Franko-Vietnamesen für einen Versager und trennte sich von ihm.

    Der Verstoßene gründete daraufhin Brut als ein Medium, das sich vor allem an 18- bis 35-Jährige richtet. „Wir haben Brut unmittelbar vor der letzten Präsidentschaftswahl (2017, Anm.d.Red.) gegründet, weil wir dachten, dass viele Jugendliche sich für aktuelle News interessieren, aber nicht mehr die richtigen Medien dafür finden“, sagt Le Van Kim.

    Brut setzt auf Videos, die drei Minuten bis eine halbe Stunde lange sind. Sie befassen sich meist mit Anliegen wie Diversität, Ökologie, der Lage von Frauen und der Geschichte, neben leichteren Themen wie Reisen oder Natur. Die spezielle Ästhetik sorgt für einen Wiedererkenn-Faktor: hohe Auflösung, kräftige Farben, ein schneller, aber nicht hektischer Rhythmus. Viele Videos sind nicht vertont, sondern lediglich mit großen Untertiteln versehen, was die Weiterverbreitung im nicht-frankophonen Ausland erleichtert.  

    Das erste Video wurde nur zehnmal geklickt, erinnert sich Rémy Buisine, Journalist bei Brut, belustigt. Doch von da an ging es steil aufwärts. Schon ein Jahr nach dem Start wurden einige der zunächst vor allem über Facebook verbreiteten Videos mehrere hunderttausendmal angesehen. Nur vier Jahre nach der Gründung zählt das Start-up täglich zwölf Millionen Nutzer – nicht nur in Frankreich, sondern auch in den USA und Asien.

    Das Unternehmen hinter Brut verdient Geld mit Werbung, der Produktion von Videos für Dritte und mit der Kommunikationsberatung von Unternehmen. Vor wenigen Monaten nahm die Gesellschaft 40 Millionen Dollar in einer Finanzierungsrunde ein, die dem Ausbau des US-Geschäfts gewidmet ist.

    Viele Fragen zur Lage von Migrantenkindern

    Das Macron-Interview am Freitag ist der Beweis dafür, dass Brut in die Klasse der wichtigsten Medien aufgestiegen ist. Nach brutalen Übergriffen der Polizei, die auch Brut an die Öffentlichkeit brachte, der verpatzten Neufassung eines Sicherheitsgesetzes und Protesten gegen die scharfen Covid-Auflagen sieht Macron sich in Erklärungsnot vor allem gegenüber den jüngeren Franzosen – und wählte deshalb Brut. Viel Raum nahmen Fragen zur Lage von Migrantenkindern der zweiten oder dritten Generation ein.

    „Einer meiner Schüler ist Dschihadist geworden, ich frage mich, was ich, was wir falsch gemacht haben,“ sagte Brut-Journalist Thomas Snégaroff, der im Hauptberuf Geschichtslehrer ist. Macron wurde erst philosophisch: „Das Böse ist in uns, auch die Täter der Attentate von 2015 kamen aus unserer Mitte.“ Dann gestand er aber ein: „Wir haben Millionen von Menschen, deren Eltern oder Großeltern aus Afrika oder aua dem Maghreb stammen, wir haben es nicht geschafft, uns mit ihnen zu verständigen, ihnen zu sagen: Du hast hier deinen Platz, du gehörst zu uns.“

    Für den Präsidenten ein Argument dafür, künftig Arabisch in den Schulen zu unterrichten: „Wir haben vergessen, dass wir da ein großes Potenzial haben.“

    Macron läuft in eine Falle

    Rémy Buisine lockte Macron in eine Falle: Der Präsident hat noch nicht offiziell gesagt, ob er 2022 wieder kandidiert. „2017 lagen Sie bei den 18- bis 24-Jährigen nur an dritter Stelle, wie werden Sie 2022 die Jugendlichen ansprechen?“ fragte er. Macron tappte rein und antwortete: „Ich werde sie genauso ansprechen wie jetzt auch, nicht mit irgendwelchen gezielten Botschaften.“ Buisine folgerte: „Also werden Sie 2022 kandidieren!“ Verblüfft versuchte der Präsident, der sich die Ankündigung noch ein paar Monate aufheben will, abzuwehren: „Das habe ich nicht gesagt, vielleicht kann ich ja gar nicht, vielleicht mus ich nächstes Jahr sehr harte Entscheidungen treffen, wir haben schon viele Überraschungen erlebt.“

    Am Ende des über zweistündigen Gesprächs, das auch die klassischen TV-Sender übertrugen, erlaubten sich die Brut-Leute eine Besonderheit: „Morgen ist der nächste Tag der Mobilisierung gegen das neue Polizeigesetz, vergesst das nicht!“ sprach Buisine in die Kamera. Macron saß währenddessen noch neben ihm und traute seinen Ohren. Er brauchte eine Weile, bis er sagte: „Wenn Sie demonstrieren, dann hoffentlich gewaltlos!“

    Für Brut, das im Laufe der Sendung rund 100.000 Fragen und Kommentare von Zuschauern erhielt, war das Interview nicht nur ein Erfolg mit Blick auf die Wahrnehmung: Das Medium zeigte, dass es für einen Journalismus steht, der sich den Schneid nicht abkaufen lässt, ohne verbalradikal oder gar verletzend zu werden.

    Mehr: Wie Frankreich seine Industrie verloren hat – und sie jetzt zurückgewinnen will.

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