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Frauendiskriminierung Bedrängt und missachtet: Sexismus ist auch für Ökonominnen ein Problem

Die American Economic Association geht gegen Diskriminierung und Belästigung von Forscherinnen vor. Der deutsche Verband setzt auf eine Bestandsaufnahme.
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Als „bestürzend“ bezeichnete die ehemalige Fed-Chefin die Ergebnisse der AEA-Befragung. Quelle: AFP
Janet Yellen

Als „bestürzend“ bezeichnete die ehemalige Fed-Chefin die Ergebnisse der AEA-Befragung.

(Foto: AFP)

FrankfurtDer weltgrößte Ökonomenverband arbeitet ein Tabuthema auf. Nach einer Umfrage, die Schockierendes zutage förderte, hat die American Economic Association (AEA) vor Kurzem eine Ombudsperson und einen Meldemechanismus zur Bekämpfung sexueller Belästigung und Diskriminierung installiert.

Damit will der Verband die Einhaltung eines Verhaltenskodexes überwachen, den er Ende April verabschiedet hat. Es geht darum, „ein Klima der professionellen Gleichberechtigung zu schaffen“, unabhängig von Alter, Geschlecht, Rasse und anderen Merkmalen.

Das deutschsprachige Pendant der AEA, der Verein für Socialpolitik, hält das Problem auch hierzulande für virulent, plant aber zunächst keine vergleichbaren Gegenmaßnahmen.

Dabei ist das in den USA dokumentierte Bild verheerend. Auslöser des jüngsten Aktivismus bei der American Economic Association war eine allgemeine Mitgliederbefragung in Reaktion auf einen Fall serieller Belästigung durch einen Harvard-Professor.

An der Umfrage beteiligten sich über 9.000 aktuelle wie ehemalige Mitglieder. „Das Ergebnis ist bestürzend“ erklärte Janet Yellen. Die frühere Chefin der US-Notenbank übernimmt im kommenden Jahr die Präsidentschaft der Vereinigung.

„Wir sehen erst einmal die Notwenigkeit einen Statusbericht zu schaffen, um herauszufinden, wo Frauen stehen“, sagt Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik. Quelle: DAVID_AUSSERHOFER / Uni Frankfurt
Nicola Fuchs-Schündeln

„Wir sehen erst einmal die Notwenigkeit einen Statusbericht zu schaffen, um herauszufinden, wo Frauen stehen“, sagt Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik.

(Foto: DAVID_AUSSERHOFER / Uni Frankfurt)

Die Befragung deckte auf, dass sich 63 Prozent der Frauen in der AEA als Ökonominnen nicht respektiert fühlen. Die Hälfte fühlt sich wegen ihres Geschlechts diskriminiert. Bei den männlichen Mitgliedern sind es nur drei Prozent. Zudem gab mehr als jedes fünfte weibliche AEA-Mitglied an, ungewollte aufdringliche Annäherungen von anderen Ökonomen erlebt zu haben. Zehn Prozent der befragten Frauen berichteten, dass ihre männlichen Kollegen auf Parkplätzen, Fluren oder vor Besprechungsräumen auf sie lauern. Hunderte haben schon einmal sexistische Textnachrichten von Kollegen, Studenten oder Vorgesetzten erhalten. Sehr viele Ökonominnen gaben an, bereits auf Stellenangebote oder Tagungsauftritte verzichtet zu haben, um sich nicht dem Risiko herabwürdigender Behandlung auszusetzen.

Anwältin für die Opfer

Leto Copeley soll alles ändern. Im Kampf gegen sexuelle Belästigung, ethnische und Geschlechterdiskriminierung ist die Juristin seit Mai als Ombudsperson der AEA engagiert. Sie soll Opfern von Diskriminierung und sexueller Belästigung helfen und Vorwürfe dokumentieren. Priorität genießt dabei der Schutz der Opfer durch Anonymität. Die Ombudsperson kann aktiv werden, wenn sich gegen bestimmte Wissenschaftler oder Fakultäten Vorwürfe häufen. Alle mutmaßlichen Opfer werden vorher nach ihrem Einverständnis gefragt.

Auch die Frankfurter Ökonomieprofessorin Nicola Fuchs-Schündeln ist Mitglied der AEA und hat an der Umfrage teilgenommen. Sie ist Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik (VfS), des wichtigsten Ökonomenverbands für den deutschsprachigen Raum. Für sie ist das Problem ein länderübergreifendes, auch Deutschland betreffendes, da die AEA sehr viele internationale Mitglieder hat und gut ein Drittel der eingereichten Umfragebögen von außerhalb der USA kamen. Eine ähnliche Studie für den deutschsprachigen Raum hält sie deshalb nicht für vordringlich.

Der VfS hat andere Prioritäten. „Wir sehen erst einmal die Notwenigkeit, einen Statusbericht zu schaffen, um herauszufinden, wo Frauen in der Volkswirtschaftslehre überhaupt stehen“, erklärte Fuchs-Schündeln im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Unserem Verein und mir liegt am Herzen, dass wir den Frauenanteil erhöhen. Dafür müssen wir erst mal verstehen, warum der Frauenanteil so gering ist“, erläutert die Ökonomin.

Anders als die AEA oder die Royal Economics Society in Großbritannien führe der Verein noch keine Statistiken, in welchen akademischen Bereichen Wirtschaftswissenschaftlerinnen tätig sind. Die Bestandsaufnahme solle herausfinden helfen, „wo wir die Frauen verlieren“, erklärte Fuchs-Schündeln, also in welchen Karrierestufen, sich Frauen von der wissenschaftlichen Laufbahn zurückziehen oder gänzlich verabschieden.

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Der größte Teil der Arbeit scheint schon getan. Am 28. Mai, dem „Diversity Day“, publizierten zwei Frankfurter Wissenschaftler einen solchen Statusbericht, den sie in über dreijähriger Arbeit auf Anregung und mit Unterstützung der European Economic Association (EEA) erstellt haben. Für über 900 universitäre und sonstige ökonomische Forschungseinrichtungen in Europa haben sie die wissenschaftlichen Angestellten getrennt nach Frauen, Männern und nach Status erfasst.

Für die 300 wichtigsten Institutionen haben sie das Ergebnis durch Kontaktaufnahme mit diesen Institutionen überprüft. Nach Einschätzung von Professor Guido Friebel und Doktorand Sascha Wilhelm vom Lehrstuhl für Personalwirtschaft der Goethe Universität, haben sie mit ihrem „Leaky Pipeline“-Projekt den Status von Frauen in der ökonomischen Forschung umfassend und verlässlich dokumentiert.

Die Daten haben sie vorab dem VfS zur Verfügung gestellt. Aus diesen geht unter anderem hervor, dass Deutschland beim Anteil der Frauen an wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsstellen mit 24 Prozent den vorletzten Rang unter 24 einbezogenen europäischen Ländern belegt. Beim Frauenanteil an Professorenstellen landet die Bundesrepublik auf Rang 19. Dort beträgt der Frauenanteil nur noch 20 Prozent.

Der VfS wolle auf den Daten von Friebel und Wilhelm aufbauen, sie für Deutschland vertiefen und noch stärker nach Karrierestufen und Institutionen differenzieren, erklärte Fuchs-Schündeln auf Nachfrage. Man wolle außerdem „in Rückspielung mit den Institutionen“ die Daten genauer überprüfen und qualitative Nachfragen stellen. Guido Friebel sieht vor allem auf Ebene der Studentinnen und Doktorandinnen noch Potenzial zur Analyse. Nach Institutionen sind die Leaky-Pipeline-Daten bereits differenziert.

Ombudsperson und Meldemechanismen wie die AEA plant der VfS nicht. „Ohne drastische Fälle von Diskriminierung und Sexismus herunterspielen zu wollen, sehe ich als massiveres Problem das der unbewussten Ungleichbehandlung im Kleinen, die sich zu großen Effekten akkumuliert“, begründet Fuchs-Schündeln diese Entscheidung. Das werde auch in der AEA-Umfrage klar. „Gegen dieses Problem kann der Verein durch Öffentlichkeitsarbeit, wie wir sie machen, anwirken.“

VfS setzt auf Aufklärung

Die Vereinsvorsitzende verweist auf die Arbeitsgemeinschaft „Frauen in den Wissenschaften“, die der Verein vor Kurzem ins Leben gerufen habe. Auf der Jahrestagung im Herbst soll das Panel „Frauen in der Wirtschaftsforschung“ für weitere Aufklärung sorgen. Im kommenden Jahr soll die gesamte Jahrestagung unter dem Thema „Gender Economics“ stehen.

Um Opfer von Diskriminierung und Belästigung zu beraten, stehe die Diversitätsbeauftragte des Vereins, die Ökonomieprofessorin Dorothea Kübler bereit. Bisher seien allerdings noch keine Fälle an den VfS herangetragen worden. Dass der Verein hier nicht auf dem Niveau der AEA agiert, ist Fuchs-Schündeln bewusst: „Die Ombudsperson ist eine Juristin aus einer Kanzlei, die sich auf Belästigung und Diskriminierung spezialisiert hat. Das ist schon ein Schritt weiter.“

Leaky-Pipeline-Organisator Friebel wiederum findet die Ombudsperson und den Meldemechanismus der AEA eine „sehr, sehr vernünftige“ Initiative, die er sich gut auch in Deutschland vorstellen könnte. Beim europäischen Ökonomenverband EEA wird derzeit auch an einem Verhaltenskodex zu solchen Themen gearbeitet – wie ihn die AEA schon hat.

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