Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Fünf Tage Wartezeit Warum sich türkische Lkws an Europas Grenzen stauen

Strenge Corona-Regeln führen weltweit zu Verzögerungen im Frachtverkehr. Besonders betroffen ist die Türkei – das bekommen auch deutsche Unternehmen vor Ort zu spüren.
10.12.2020 - 14:14 Uhr 2 Kommentare
Lastwagenstau der Superlative: Wegen der enormen Nachfrage nach türkischen Produkten und einem Mangel an Transportvisa kommt es im Grenzverkehr mit der Türkei zu enormen Verzögerungen. Quelle: AFP/Getty Images
Stau an der bulgarisch-türkischen Grenze

Lastwagenstau der Superlative: Wegen der enormen Nachfrage nach türkischen Produkten und einem Mangel an Transportvisa kommt es im Grenzverkehr mit der Türkei zu enormen Verzögerungen.

(Foto: AFP/Getty Images)

Istanbul Lastwagen, soweit das Auge reicht: Trucker, die aus der Türkei nach Europa fahren wollen, brauchen derzeit noch mehr Geduld als sonst. 40 Kilometer stauten sich dieser Tage die Lkws an der türkisch-bulgarischen Grenze. „Unsere Fahrer warten häufig vier oder fünf Tage, bis sie überhaupt einreisen dürfen“, sagt Umut Ince, der beim deutschen Logistikdienstleister DHL in der Türkei arbeitet.

Strenge Corona-Regeln führen weltweit zu Verzögerungen im Frachtverkehr. Aber die Türkei ist besonders betroffen. Die Verzögerungen haben nicht nur schwere Folgen für das Weihnachtsgeschäft, sondern auch für deutsche Importeure, die nun auf ihre Waren warten müssen. Das Problem: Die Türkei exportiert so viele Produkte wie lange nicht. Zugleich haben die Nachbarländer die Zahl der Transitvisa beschränkt.

Im Oktober passierten mehr als 100.000 Lkws aus der Türkei die Grenze Richtung Europa, so viele wie noch nie zuvor. Offenbar waren während der ersten Infektionswelle im Frühjahr einige Bestellungen liegen geblieben. Zugleich sorgte die schwache Landeswährung im Ausland für enorme Nachfrage, weil türkische Produkte dadurch attraktiver werden. Die türkische Lira hat seit Jahresbeginn zum US-Dollar rund 30 Prozent an Wert verloren.

Der Wirtschaftsboom sorgt für Engpässe in der Logistik – und beim Papier. Länder wie Ungarn und Griechenland haben schlicht zu wenige Transitvisa für Lkw-Fahrer und ihre Ladung gedruckt. Ungarn zum Beispiel hatte für dieses Jahr nur 36.000 Transitdokumente vorab angefertigt. Der Bedarf für 2020 liegt allerdings bei etwa 100.000 Dokumenten. Außerdem stellten die dortigen Behörden pro Stunde gerade einmal vier Transportvisa für Lkw-Fahrer aus, berichtet ein Logistik-Unternehmer aus Istanbul. „Wenn man den jährlichen Lkw-Transport Richtung Europa herunterrechnet, müssten es zehn Visa pro Stunde sein.“

Das Land zu umfahren lohnt sich kaum. Eine Alternativ-Route über Rumänien und Polen nach Deutschland kostet pro Lkw 600 US-Dollar mehr, wie mehrere Logistikunternehmer übereinstimmend berichten.

Geld verdienen die Logistikfirmen aber nur, wenn die Ware auch ankommt. Und dort hakt es. Die türkische Vereinigung der Transportunternehmer (UND) hat daher ein Beschwerdeverfahren bei der EU angestrengt, um gegen die Gängelung an den Grenzübergängen des Schengenraums vorzugehen. Zuletzt wurde bekannt, dass Ungarn im kommenden Jahr 110.000 der sogenannten Transitvisa ausstellen möchte. Dies sei auf Initiative des türkischen Ministeriums für Transportwesen und Infrastruktur erfolgt, hatte der zuständige Minister in dieser Woche auf Twitter erklärt.

Die Aufstockung der Transitvisa wäre ein Fortschritt, aber noch nicht die Lösung des Problems. In Griechenland werden nach Auskunft des türkischen Transportverbands 10.000 bilaterale Transitzertifikate ausgestellt, bei einem jährlichen Bedarf von 20.000. Ein türkischer Transportunternehmer erzählt, dass er je nach Zielland bis zu zwei Monate warten muss, weil die Zertifikate monatlich vergeben werden. Der Handel im jeweiligen Land wird vorübergehend eingestellt, wenn das jeweilige bilaterale Handelszertifikat fehlt.

Auch deutsche Unternehmen sind betroffen

Nicht nur türkische Exporteure leiden unter den Schwierigkeiten. Auch deutsche Transportunternehmen wie DHL oder Schenker werden an der Grenze ausgebremst.

Viele der Unternehmen sind über die deutsche Außenhandelskammer in Istanbul organisiert. Auch dort kennt man das Problem. Derzeit diskutieren Wirtschaftsvertreter auf beiden Seiten des Bosporus über eine Neuauflage der Zollunion zwischen EU und Türkei. Doch es scheint, als müssten erst einmal die bestehenden Probleme gelöst werden, bevor über eine Reform des Handelsabkommens gesprochen wird.

So stauen sich die Laster auch an der türkisch-bulgarischen Grenze weiter. „Unsere Fahrer müssen manchmal fünf Tage warten, bevor sie die Grenze passieren dürfen“, berichtet der Türkei-Manager eines deutschen Automobilzulieferers. An der slowenischen Grenze müssten Fahrer sogar bis zu acht Tage auf ein Transitvisum warten.

Wegen der Probleme beim Lkw-Verkehr weichen viele Exporteure auf andere Transportwege aus. Der Transport per Flugzeug hat sich während der Pandemie zu einem lukrativen Nebenerwerbszweig für Airlines entwickelt, die unter den Folgen der Coronakrise leiden. Die türkische Firma MedCo bietet Logistik-Unternehmen an, ihre Ladung auf einen Zug umzuladen. Dort seien die Kontrollen weniger streng. Transitvisa würden beim Transport per Schiene schneller erteilt, werben Unternehmensvertreter.

In 75 Tagen von Istanbul nach Bangladesch

Auch der Seehandel läuft gut – so gut, dass es dort zu Kapazitätsengpässen kommt. Der eng getaktete Frachthandel auf See hat im September im Vergleich zum Vorjahr weltweit um 30 Prozent zugelegt. Die Häfen sind voll und die Container ausgebucht. Eine Seefracht-Ladung von Istanbul nach Bangladesch lässt inzwischen 75 Tage bis zum Zielort auf sich warten – und damit doppelt so lange wie sonst. Zugleich ziehen die Preise an: Die Miete für einen Container für die Strecke Istanbul-Dubai hat sich binnen weniger Monate von 950 auf 1250 Dollar verteuert, beschweren sich Branchenvertreter in der Türkei. „Wenn wir von der Stadt Eskisehir in Anatolien nach Singapur exportieren, kostet der Container inzwischen 525 statt 410 Dollar“, berichtet ein türkischer Möbelhändler.

Türkische Unternehmer greifen inzwischen zu einem Trick, um die Auflagen zu umgehen. Sie exportieren ihre Waren per Kleintransporter anstelle eines Lkws. Die meisten Prozeduren an den europäischen Grenzen betreffen nämlich große Lastkraftwagen und ihre Fahrer. Wer mit dem Minivan kommt, der darf in der Regel schneller über die Grenze. Für die Auftraggeber hat das einen weiteren Vorteil: Der Fahrer eines Kleintransporters muss nicht per Gesetz alle neun Stunden eine Pause einlegen.

Mehr: Deutsche Unternehmer fürchten sich vor der schwachen Lira.

Startseite
Mehr zu: Fünf Tage Wartezeit - Warum sich türkische Lkws an Europas Grenzen stauen
2 Kommentare zu "Fünf Tage Wartezeit: Warum sich türkische Lkws an Europas Grenzen stauen "

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Vielen Dank Herr Demircan für diesen Beitrag. Es freut mich, dass Türkeiverkehre zunehmend an Aufmerksamkeit gewinnen.

    Eine kleine Notiz zu Ihrem Beitrag:
    Ein umfassenderes Bild gewinnen wir, wenn wir auch die Alternativroute über Trieste im Fährverkehr in die Berichterstattung einbeziehen. Über 50% der Volumen zwischen der Türkei und Westeuropa gehen schon über diesen Weg. Hier wurde seitens der türkischen Logistikwirtschaft viel getan um den genannten Problemen im Landverkehr entgegenzuwirken. Mit der Unterstützung der Schienenanbindung im Hinterlandverkehr geschieht dies sogar Co2 einsparend. Viele unserer Kunden begrüßen dies und sind froh über diese echte Alternative.

    In der Tat sind aber auch hier die stark gestiegenen Mengen eine Belastungsprobe in jeglicher Hinsicht.

  • Mit ein Grund dieser riesigen chronischen LKW Staus ist sicherlich auch die fehlende leistungsfähige Eisenbahnverbindung von der Türkei in Richtung Deutschland. Alles per LKW zu liefern führt eben zu solchen Zuständen

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%