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Fünf Jahre Krim-Annexion Russlands Wirtschaft spürt die Nebenwirkungen der Krim-Krise

Die Annexion der Krim durch Russland hat für den Westen eine ungeheure Provokation dargestellt. Aus ökonomischer Perspektive war sie für das Land ein Desaster.
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Für Russland hat sich die Annexion der Krim bislang nicht ausgezahlt. Quelle: dpa
TV-Übertragung auf der Krim (Archivbild)

Für Russland hat sich die Annexion der Krim bislang nicht ausgezahlt.

(Foto: dpa)

MoskauDer Anschluss der Krim vor fünf Jahren hat eine ungeheure Euphorie in Russland entfacht und der Popularität Wladimir Putins im Land einen neuen Schub verpasst. Doch die wirtschaftlichen Nebenwirkungen der Annexion erweisen sich zunehmend als schwere Last.

Am 6. März 2014 hatte Moskau die Gangart in der Krim-Politik noch einmal verschärft: Das Parlament auf der Krim zog an dem Tag die geplante Abstimmung über den Status der Krim um zwei Wochen nach vorn, auf den 16. März. Ganz offen sollte nun die Frage nach einer Vereinigung mit Russland gestellt werden. Zuvor war immer nur die Rede von einer größeren Autonomie innerhalb der Ukraine gewesen.

Intern war zu dem Zeitpunkt bereits alles geklärt, wie Russlands Präsident Putin viel später einräumte. Der Kremlchef hatte nämlich schon zwei Wochen vorher, in der Nacht auf den 23. Februar, unmittelbar nach der Flucht des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch den Befehl erteilt, „die Arbeit zur Rückkehr der Krim in den Bestand Russlands aufzunehmen“.

Daraufhin tauchten die später berühmt-berüchtigten „grünen Männchen“ – Militärs ohne Hoheitsabzeichen – auf der Halbinsel auf, um die Kontrolle zu übernehmen. Russische Geheimdienstler wie Igor Girkin (Strelkow), der später als Anführer der prorussischen Separatisten im Donbass Schlagzeilen machte, befanden sich freilich schon früher auf der Krim, um den Umsturz vorzubereiten.

Die Kommandoaktion war auf den ersten Blick ein voller Erfolg für Moskau. Die Ukraine, in inneren Machtkämpfen gefangen, realisierte die Gefahr zu spät und war nicht in der Lage, den Gebietsverlust zu verhindern.

Russland sicherte sich damit einen strategisch wichtigen Vorposten größer als Mecklenburg-Vorpommern – mit 2,3 Millionen neuen Einwohnern und Konsumenten, wichtigen Gasvorkommen, mehreren Werften und Häfen und einem sowohl für die Landwirtschaft als auch für den Tourismus günstigen Klima.

Eine riesige Welle der Euphorie schwappte durch ganz Russland, getrieben auch durch die Berichterstattung der staatlichen Medien. Nicht nur auf der Krim, wo bei dem umstrittenen Referendum offiziell mehr als 95 Prozent der Teilnehmer für den Anschluss an Russland stimmten, auch in ganz Russland war die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung der Ansicht, dass die „Heimholung der Krim“ nur die Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit bedeute.

Dies spiegelte sich auch in den Umfragewerten für Putin wider: Die Zustimmung für den russischen Präsidenten, die seit 2010 einem schleichenden Abwärtstrend folgte, sprang in die Höhe und erreichte laut dem unabhängigen Umfrageinstitut Lewada-Zentrum im Juni 2015 mit 89 Prozent einen Höhepunkt.

Im Prinzip zehrte Putin von dieser Euphorie noch bei den Präsidentenwahlen im vergangenen Jahr. Die Zustimmungswerte von 80 Prozent schlugen sich in 77 Prozent der Stimmanteile in der Wahlnacht nieder. Erst im Zuge der Debatte um die Rentenreform hat sich die Krim-Euphorie endgültig gelegt.

Dabei sind die Nebenwirkungen schon seit geraumer Zeit in Russland zu spüren: Das Verhältnis zur Ukraine ist nachhaltig zerrüttet. Direkte Flugverbindungen gibt es nicht mehr und an der ukrainischen Grenze werden männliche Russen generell sehr misstrauisch und abweisend behandelt, zeitweise galt sogar ein inoffizielles Einreiseverbot für Männer mit russischem Pass.

In vier Jahren Einnahmen in Höhe von mehr als 20 Milliarden Dollar verloren

Auch finanziell sind die Schäden gewaltig. Zwar hat Russland mit der Übernahme der Krim pro Jahr 200 Millionen Dollar an Zahlungen für die Stationierung der Schwarzmeerflotte und Durchfahrtsgebühren durch die Meerenge von Kertsch gespart. Doch allein die russischen Gaslieferungen an die Ukraine verringerten sich in der Zeit auf ein Zehntel: Waren es 2013 noch 25,8 Milliarden Kubikmeter, so wurden 2017 nur noch 2,5 Milliarden Kubikmeter Gas direkt von Gazprom an die Ukraine verkauft.

Allein in den vier Jahren gingen damit Einnahmen in Höhe von mehr als 20 Milliarden Dollar verloren. Insgesamt brach der bilaterale Handel zwischen beiden Ländern zwischen 2013 von etwa 40 auf 15 Milliarden Dollar ein.

Auch die Kosten für den Unterhalt der Krim sind von enormer Dimension. Das Prestigeprojekt Krimbrücke, das Putin im vergangenen Jahr persönlich am Lenkrad eines Lkw einweihte, hat 3,5 Milliarden Euro verschlungen.

Hinzu kommen noch gewaltige Kosten, die für die Zufahrten und die Reparatur des insgesamt maroden Straßennetzes auf der Halbinsel notwendig sind. Der Versuch, die Stromversorgung der Krim durch die dubiose Umleitung von Siemens-Turbinen zu gewährleisten, endete in einem Riesenskandal – und mit neuen Sanktionen. Viel gebracht hat es Russland nicht. Denn die Probleme bei der Inbetriebnahme der Turbinen sind immer noch nicht überwunden.

Große Probleme gibt es bei der Wasserversorgung. Nach der Schließung des Nord-Krim-Kanals durch die Ukraine kämpft die Landwirtschaft auf der Krim mit extremen Dürreerscheinungen. Das forcierte Bohren von Brunnen ist nicht die endgültige Lösung, droht doch der Grundwasserspiegel dadurch noch weiter zu sinken. Der Aufbau der Krim wird noch Jahre dauern und Milliarden kosten.

Weitaus schwerer für die Gesamtwirtschaft wiegen allerdings die westlichen Sanktionen. Die zunächst nur gegen einzelne Personen und einen begrenzten Kreis von Firmen gerichteten Krimsanktionen lassen sich in dem Zusammenhang kaum von den deutlich härteren Sanktionen nach der Ausweitung der Krise auf den Donbass trennen, da die Ereignisse fließend ineinander übergingen und wie oben beschrieben von russischer Seite teilweise auch die selben Akteure beteiligt waren.

Während der Kreml lange versuchte, die wirtschaftlichen Folgen für Russland herunterzuspielen und stattdessen auf die erzwungene Importverdrängung speziell in der Landwirtschaft als Erfolgsmodell verwies, sind die Verluste unbestreitbar: Die Sanktionen wirkten sich zweifellos auf das russische Wirtschaftswachstum aus, bestätigte der Chef des russischen Rechnungshofs Alexej Kudrin vor einigen Monaten.

Seiner Einschätzung nach bremsten die Sanktionen allein 2018 das BIP-Wachstum um 0,5 Prozentpunkte. Insgesamt haben die Sanktionen die russische Wirtschaft sechs Prozent an Wachstum gekostet, schätzen Experten.

Während Russland 2013 noch 69,2 Milliarden Dollar an direkten Auslandsinvestitionen anzog, waren es 2014 nur noch 22 Milliarden Dollar. Im vergangenen Jahr knackte Russland den Negativrekord: Nur 1,8 Milliarden Dollar an Auslandsinvestitionen stellen den niedrigsten Wert in der Geschichte des neuen Russlands dar. Gerade das dritte und vierte Quartal waren verheerend: Mehr als sechs Milliarden Dollar zogen Investoren während dieser sechs Monate aus Russland ab.

Und wenn die russische Führung mit dem BIP zuletzt noch allerhand Manipulationen betrieb, um nach außen hin Wachstum vorzutäuschen, der sinkende Lebensstandard der Russen war offensichtlich. Fünf Jahre in Folge sind die Realeinkommen der Menschen im Land gesunken.

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