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Fußball-WM 2022 Das reiche Emirat und das Fußball-Kaff – Warum Katar Millionen in die KAS Eupen steckt

Katars Staatsfonds kaufte 2012 den belgischen Verein KAS Eupen – als Talentschmiede für die Fußball-WM 2022 im Scheichtum. Doch die Strategie hat Tücken.
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Bis zur WM sind es noch knapp vier Jahre. Quelle: ddp/News Licensing
Stadion im katarischen Al-Wakra

Bis zur WM sind es noch knapp vier Jahre.

(Foto: ddp/News Licensing )

EupenZuschauer sind an diesem Wintermorgen unerwünscht in Eupen. Das Training ist nicht öffentlich, trotzdem kommt man ungehindert aufs Vereinsgelände, die Stahltore stehen offen. Es hat geschneit im deutschsprachigen Teil Belgiens, die Vereinskneipe „Penalty“ hat geschlossen.

Auf dem Platz neben dem Stadion, das auf einer Anhöhe über der 20.000-Einwohner-Stadt thront, schieben sich in schwarz gehüllte Spieler gelbe Bälle hin und her. Claude Makélélé, Eupens Star-Trainer, gibt Kommandos auf Englisch und Französisch.

Nichts deutet darauf hin, dass der ganze Klub dem Emirat Katar gehört. Im Juli 2012 kaufte der katarische Staatsfonds sich die Königliche Allgemeine Sportvereinigung Eupen, kurz KAS.

Ein Verein, der lange in der zweiten belgischen Liga dümpelte und nach dem Aufstieg 2011 gleich wieder abstieg. Die Katarer dagegen schienen lange bleiben zu wollen: Eupens „Kehrwegstadion“ mit seinen 8.363 Plätzen haben sie gleich bis ins Jahr 2043 gepachtet.

Anfangs war die Skepsis groß bei den Fans, als die Financiers andockten. Auch, weil der Verein schon seine Erfahrungen mit Investoren hatte: Der letzte, der deutsche Geschäftsmann Ingo Klein, landete 2011 im Gefängnis, der Verein rutschte tief in die Schulden.

Trotzdem verstummten die Proteste gegen die Geldgeber aus dem Morgenland rasch. Nicht zuletzt, weil Katar sofort alle Verbindlichkeiten übernahm. Seitdem gibt es keine Probleme mehr mit Geschäftspartnern. Lieferanten und Wohnungsvermieter werden pünktlich bezahlt.

Seit ihrem Einstieg geben die Katarer pro Jahr geschätzt eine hohe einstellige Millionensumme für die KAS aus. Sportlich brachte das die Trendwende für Eupen: 2016 gelang der erneute Aufstieg, seitdem spielt der Verein wieder erstklassig.

Katars Team will oben mitspielen

Aber was hat Katar davon, einen Provinzverein auf deutschem Zweitliganiveau durchzufüttern? Die großen Fußball-Investitionen der Katarer, etwa die Übernahme des europäischen Topklubs Paris Saint-Germain, bringen zumindest Ruhm, Glamour und Schlagzeilen – etwa, wenn der Ölstaat mal eben 222 Millionen Euro lockermacht, um Star-Stürmer Neymar vom FC Barcelona zu kaufen.

Auch dass die Staatsairline Qatar Airways auf den Trikots und im Stadion des FC Bayern München wirbt und die Münchener umgekehrt in Doha ins Trainingslager gehen, hilft dem Emirat, sich in den Köpfen von Fans, Spielern und Entscheidern als relevante Größe im globalen Fußball-Konzert zu etablieren. All das geschieht mit Blick auf das Jahr 2022, wenn der aktuell 55. der Fifa-Weltrangliste die Fußball-WM ausrichtet.

Als beste Nationalmannschaft der Welt zählt die Rangliste aktuell Belgien – an der KAS Eupen liegt das aber nicht. Bei dem dortigen Investment ging es Katar auch nicht um Aufmerksamkeit, sondern um den eigenen Fußball-Nachwuchs. Schließlich ist wenig gewonnen, wenn Katar gigantische Stadien aus dem Wüstenboden stampft, in denen die eigene Nationalmannschaft dann nur auf die Mütze bekommt. In drei Jahren soll die Nationalelf mit den großen Fußball-Nationen mithalten können.

Es steht kein Katarer mehr im aktuellen Kader. Quelle: imago/Belga
Mannschaftsfoto im Kehrwegstadion Eupen 2016

Es steht kein Katarer mehr im aktuellen Kader.

(Foto: imago/Belga)

Für diese Mission wurde die Aspire Academy in Doha geschaffen und ein futuristischer Stahlbau in die Wüste gezimmert. Sattgrün sind Dutzende von Fußball-Feldern drumherum, nebenan steht „The Torch“, ein 352 Meter hoher, fackelgleicher Turm mit Edelhotel und drehendem Gourmettempel in der Spitze.

Die größte Arena Katars, das nach dem Vater des Emirs Tamim bin Hamad Al Thani benannte Khalifa-Stadion, ist bereits für die WM renoviert. Im Aspire Dome trainieren katarische Athleten verschiedenster Sportarten, das Innere ist auf angenehme Temperaturen heruntergekühlt. Neueste Perle ist das Football Performance Center, das mit modernster Technik für Trainingslehre und Leistungsdiagnostik ausgestattet ist. Selbst Deutschlands Teammanager Oliver Bierhoff hat sich das neue Zentrum schon angeschaut.

Aus Doha werden die Talente ins Ausland geschickt, wo sie Spielpraxis sammeln sollen, etwa beim spanischen Zweitligisten Leonesa, ebenfalls im Staatsfonds-Besitz, oder eben bei der KAS Eupen. Obendrein hat Katar einen Ableger seiner Aspire Academy im Senegal installiert, um afrikanische Talente zu fördern. 35 von ihnen spielten in den vergangenen Jahren auch in Ostbelgien.

Seltsame Nachwuchsförderung

Aus Sicht einer traditionellen Fußballmacht wie Deutschland ist das katarische Entwicklungsprogramm vielleicht seltsam – aber wohl nicht unfair. Zwar spielen in Katars Nationalmannschaft auch gebürtige Sudanesen oder Iraker, allerdings behaupten sie, ihre Mütter seien in Katar geboren. Es bleibt der Verdacht, dass das 2,5 Millionen Einwohner starke Land irgendwann nachhilft und ausländischen Talenten einfach Geld und Pass gibt.

Im Handball geschah genau das: Als Katar die WM 2015 ausrichtete, bürgerte es davor nicht weniger als zwölf Spieler ein. Die meisten waren alternde Stars, die zuvor schon in den Nationalteams ihrer Heimatländer gespielt hatten. Plötzlich trugen der spanische Hüne Borja Vidal oder der montenegrinische Torwart Goran Stojanović mit arabischen Buchstaben beflockte Trikots und mischten das Turnier auf. Die Legionärstruppe schaffte es bis ins Finale und warf auf dem Weg dahin Deutschland raus.

Im Fußball sind die Regeln schwerer zu knacken. Laut Weltverband Fifa muss mindestens ein Eltern- oder Großelternteil in dem Land geboren worden sein, für das ein Spieler auflaufen will. Alternativ müssen die Kicker fünf Jahre am Stück im Land gelebt haben. Diese Frist ist für 2022 aber schon abgelaufen, in weniger als vier Jahren startet das Turnier.

Für seine Heim-WM nützt Katar sein Investment in Eupen also nichts mehr. Ist es daher reiner Zufall, dass das Emirat das Aspire-Projekt im Senegal nun einstampft, weil es sich nicht mehr lohnen soll? Und was bedeutet das für Eupen, wo gar keine Katarer mehr im Kader stehen? Wird der Verein bald fallen gelassen?

Fragen, die sich auch Albert Wintgens stellt. Der 60-Jährige ist Präsident und Mitgründer der „Pandas“, des ältesten Fanklubs mit 120 Mitgliedern. Nach dem Aus im Senegal fragte er nach der Zukunft. „Die Klubführung äußert sich dazu nicht“, sagt er. Es sei nicht das erste Mal, dass er keine Informationen bekomme. „Es ist bei Eupen alles sehr undurchsichtig, unüberschaubar.“ Viele Fans würden so denken. „Viel zu selten gibt es Treffen zwischen Fans und Klubführung“, findet Wintgens.

Dabei ist der Panda-Präsident sportlich hochzufrieden. „Ohne Katar würden wir heute nicht in der ersten Liga spielen“, ist Wintgens überzeugt. Auch in die Jugend sei ordentlich investiert worden. Mit dem FC Eupen gebe es eine Kooperation, 700 junge Spieler werden dort betreut, obendrein sei in gute Jugendtrainer investiert worden. Eine Sache aber ärgert den Gabelstaplerfahrer, der im Eupener Kabelwerk arbeitet, ungemein: Seit drei Jahren will der Verein ein Jugendzentrum bauen, doch es fehle das Geld. „Die Nachwuchsspieler müssen sich in Containern neben dem Stadion umziehen, das finde ich traurig“, sagt Wintgens. Für andere Sachen sei ja auch Geld da. Etwa, wenn Rasen neu verlegt werden muss.

Es ist absurd: In der vergangenen Winterpause trainierten die Eupener in Doha. Sie waren sogar die erste Mannschaft, die das hypermoderne Trainingszentrum testen durfte. Aber zu Hause fehlt das Geld für Umkleidekabinen?

Offenes Ende

Nachfrage bei Christoph Henkel, dem deutschen Generaldirektor. „Eigentlich macht man doch für so was Termine aus“, sagt Henkel, als er den unangekündigten Reporterbesuch in der Eupener Unterstadt erblickt, wo die KAS in einem beigen Zweckbau residiert. Terminanfragen hatte der Verein zuvor abgeblockt. Nun aber bittet Henkel hinein, führt in einen Konferenzraum, an dessen Wand Wimpel vom FC Bayern und Borussia Mönchengladbach hängen.

„Wir haben derzeit nicht die wirtschaftlichen Möglichkeiten für eine neue Geschäftsstelle und die geplanten Jugendkabinen neben dem Stadion“, sagt Henkel. Die Situation mit den Containern wolle man so schnell wie möglich verbessern. Natürlich sei das Investment Katars beträchtlich, „aber wir müssen trotzdem einen großen Teil des Budgets selbst erwirtschaften“.

Der Gewinn der Meisterschaft ist der bislang größte Erfolg der jungen Fußballnation. Quelle: AFP/Getty Images
Der Emir von Katar (vorne, 5.v.l.) und das Nationalteam nach dem Gewinn der Asienmeisterschaft

Der Gewinn der Meisterschaft ist der bislang größte Erfolg der jungen Fußballnation.

(Foto: AFP/Getty Images)

Einen Zeitpunkt, zu dem das Engagement des Emirats ausläuft, gebe es nicht, versichert Henkel, der mit den Katarern zur KAS kam. „Das Ende ist offen, es ist nicht an die WM 2022 gebunden.“ Derzeit seien drei katarische Spieler in Eupen, die bei der Mannschaft mittrainierten, aber nicht im Profikader stünden. Reicht denn dem Staatsfonds die Ausbeute? „Bis heute haben wir über all die Jahre 19 Spieler aus Katar hier bei uns gehabt“, rechnet Henkel vor. Sieben stünden im aktuellen Kader der Nationalelf – die gerade überraschend Japan im Finale der Asienmeisterschaft besiegt hat. Es ist der größte Erfolg in Katars noch junger Fußballgeschichte, die erst 1970 begann.

Auch gegen andere Vorwürfe nimmt der Manager, der 24 Jahre in Diensten des 1. FC Köln stand, seinen Eigentümer in Schutz. Henkel findet die Berichterstattung über die WM 2022, über Arbeitssklaven auf den Baustellen der Stadien einseitig – und verweist auf eine Erklärung der Internationalen Arbeitsorganisation, einer UN-Agentur. „Nach einer dreijährigen Untersuchung wurde diese mit dem Ergebnis eingestellt, dass Katar die fundamentalen Rechte der Arbeiter nach internationalem Recht respektiert und die bisher getätigten Reformen Anlass zu einer sehr ermutigenden Entwicklung sind“, sagt Henkel. Sinn und Zweck von Sport sei es doch, Menschen zu bewegen, einen Schub für die gesellschaftliche Entwicklung zu geben. „Darüber hinaus ist Katar aus meiner Sicht um eine hohe Transparenz und Offenheit bemüht.“ Er selbst bereist das Land seit 2005 fast jedes Jahr, kennt das Aspire-Projekt von Anfang an.

Eupen selbst sieht er als „Talentklub und Ausbildungsverein“. Es sei nie das Ziel Katars gewesen, afrikanische Spieler einzubürgern, weder in Eupen noch im Senegal. Die Talente sollten vielmehr für ihre eigenen Länder zu Nationalspielern werden. „Es gibt bis heute keinen Spieler aus der Akademie, der eingebürgert wurde“, weiß Henkel.

Um Eupen besser zu verstehen, braucht es zwingend den Vergleich mit der Bundesliga. Spielerisch kann die belgische Liga höchstens mit der zweiten deutschen mithalten. Auch wenn die Grenze nur wenige Kilometer entfernt ist, Aachen um die Ecke liegt: Den Fußball beider Länder trennen Welten, vor allem finanziell. Der gesamte Etat für den Eupener Spielbetrieb beträgt 10,2 Millionen Euro. Beim FC Bayern soll allein Thomas Müller 15 Millionen Euro verdienen. Der Marktwert aller KAS-Spieler liegt laut Transfermarkt.de bei 20,2 Millionen Euro. Sogar Fortuna Düsseldorf, der Bundesliga-Verein mit dem niedrigsten Marktwert, kommt auf 54,2 Millionen Euro.

Fans werden dem Heimatverein untreu

Selbst viele Ostbelgier werden ihrem Heimatverein untreu: Der deutsche Fußball ist attraktiver, gerade weil seine Herzkammer, das Ruhrgebiet und das Rheinland, nicht weit weg liegen. Jedes Wochenende pilgern Hunderte Fans zu Spielen von Borussia Dortmund, Schalke 04, Düsseldorf und Köln.

Zu Eupener Heimspielen kommen im Schnitt 3.500 Zuschauer, die Hälfte direkt aus der Stadt. Auf den ersten Blick nicht viel, für die 20.000-Einwohner-Gemeinde aber trotzdem eine hohe Quote. „Die Fans sind der Mannschaft sehr treu“, sagt eine Frau, die in ihrem Sportladen im Zentrum Trikots verkauft.

Die Spieler seien präsent im Ort, kämen auch ab und an in ihren Shop, in dessen beschaulicher Nachbarschaft es Metzger und Fischhändler gibt, einen Laden für belgische Pralinen, das Ministerium der deutschsprachigen Minderheit. Das Engagement von Katar? „Das wird nicht großartig hinterfragt“, sagt die Frau. „Es ist für uns in Eupen mittlerweile Normalität.“

Mit dem Engagement in Eupen sei man „sehr zufrieden“, heißt es aus Doha. Derzeit würden sich drei junge Spieler bei der KAS auf die U20-WM im Sommer vorbereiten, was „die Bedeutung für Aspire unterstreicht“. Es gebe zudem „keine Frist für das volle Engagement von Aspire“.

Katar und Eupen – das reiche Emirat und das Fußball-Kaff. Es ist eine seltsame Paarung – und eine eher zufällige: Als der ehemalige belgische Zehnkämpfer Freddy Herbrand das Leichtathletik-Team in Katar aufbaute, holte er den Emir in seine Heimat, nach Malmedy, knapp 30 Kilometer von Eupen entfernt. Der Emir soll sich in die Region verliebt haben, kaufte Jagdgrund und Immobilien – und entschied sich später für den Fußballklub.

Vielleicht ist es das, was der KAS Eupen ihre Millionen aus dem Nahen Osten auch jetzt sichern wird, wo der Verein den Nutzen für Katars Nationalteam verloren hat: die Liebe seines wichtigsten Fans.

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