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G20 Industriestaaten wollen mehr Frauenbeschäftigung – treffen aber keine konkreten Beschlüsse

Die Arbeitsminister der G20-Staaten fordern höhere Löhne für Frauen. Bis zum Gipfeltreffen Ende Oktober soll es messbare Fortschritte geben.
23.06.2021 - 18:45 Uhr Kommentieren
Der Bundesarbeitsminister wirbt auf dem G20-Ministertreffen für faire Arbeitsbedingungen. Quelle: dpa
Hubertus Heil

Der Bundesarbeitsminister wirbt auf dem G20-Ministertreffen für faire Arbeitsbedingungen.

(Foto: dpa)

Catania Die Straßen sind weiträumig für den Verkehr abgesperrt, über Catanias Stadtzentrum schwebt ein weißer Helikopter, im Hof des barocken Klosters San Nicolò parken dicht an dicht schwarze Limousinen. Zwei Tage lang haben sich hier die Bildungs- und Arbeitsminister der 20 mächtigsten Industrienationen (G20) in der sizilianischen Stadt getroffen.

Sie saßen an langen weißen Tischen zusammen, dunkelblaue G20-Masken im Gesicht, getrennt durch Fensterscheiben. Seit die Pandemie ausbrach, gab es fast nur noch virtuelle Meetings. Selbst der Gipfel der Staats- und Regierungschefs im November in Riad: eine reine Onlinekonferenz.

So ist Sizilien also auch ein Zeichen für den Aufbruch, für den Neustart. Welche Lehren ziehen die Industrienationen aus der Pandemie? Am Ende, wie immer bei solchen Treffen, stehen vollmundige Absichtserklärungen: Die G20 will Initiativen starten, um eine „inklusive Bildung zu garantieren“. Die G20 verpflichtet sich, die bestehenden „Alters- und Geschlechterunterschiede zu überbrücken“. Die G20 unterstreicht die „unersetzliche Rolle des Präsenzunterrichts“.

Was wirklich hängen bleibt, sind konkrete Beschlüsse. Für Italiens G20-Präsidentschaft ist die Förderung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt eines der wichtigsten Anliegen: Die Coronakrise hat fast überall alte Rollenbilder zurückgebracht. Vor allem Frauen haben sich neben dem Homeoffice auch um Haushalt, Kinderbetreuung und Homeschooling gekümmert. Dinge, die „ihre Teilhabe am Arbeitsmarkt bedroht haben“, wie es in der Abschlusserklärung der Minister heißt.

Es brauche „mehr und bessere Arbeitsplätze für Frauen, genauso bezahlt wie die der Männer“, erklärte Italiens Arbeitsminister Andrea Orlando nach den Verhandlungen. Das ist der neue Grundsatz, auf den sich die G20-Staaten verständigt haben – und der für Orlando weit über das 2014 vereinbarte Ziel hinausgeht, die Kluft zwischen Männern und Frauen bei der Teilhabe am Arbeitsmarkt um 25 Prozent zu verringern.

Die Frauenerwerbstätigkeit solle nun „unter besonderer Berücksichtigung der Arbeitsqualität“ und der „Beseitigung des geschlechtsspezifischen Lohngefälles“ gefördert werden. Für Orlando ist die Erklärung ein erster wichtiger Schritt – vor allem, weil einige der G20-Länder dem Thema bisher „noch keine große Aufmerksamkeit“ geschenkt haben. Konkrete und messbare Ziele will er bis zum Gipfel der Staats- und Regierungschefs Ende Oktober erreichen.

Bundesarbeitsminister Heil plädiert für faire Arbeitsbedingungen

Für Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der in Catania war, hat die Pandemie auch den Blick auf Arbeitsbedingungen in Berufen gerichtet, in denen besonders viele Frauen arbeiten, etwa in der Pflege. „Die Beschäftigten dort leisten eine unverzichtbare Arbeit, aber ihre Arbeitsbedingungen sind schlecht“, erklärte Heil. „Wir müssen dieses Problem dringend angehen.“ Außerdem brauche es faire Arbeitsbedingungen in der Plattformökonomie – also bei digitalen Geschäftsmodellen.

Die italienische Stahlunternehmerin Emma Marcegaglia, die in diesem Jahr das G20-Business-Pendant B20 anführt, schätzt, dass es ein großes Engagement der Regierungen und Sozialpartner gibt, den „Arbeitsmarkt und das Bildungssystem nachhaltig zu verändern“.

In Italien, aber auch in Deutschland gebe es derzeit eine große „Diskrepanz an Fähigkeiten“. Es fänden sich keine Ingenieure, keine Datenanalysten, auch keine Handwerker. „Auch in meiner Firma haben wir Probleme, Ingenieure und Informatikexperten zu finden.“

Italienische Stahlunternehmerin Marcegaglia fordert einen Kulturwandel

Für Marcegaglia fängt das Problem schon in der Grundschule an: „Dort tut sich die erste Kluft zwischen Mädchen und Jungen auf.“ In dem Alter werden Mädchen noch oft davon überzeugt, dass technische Berufe nichts für sie seien. Nicht nur von den Lehrern, sondern auch von der Familie, von Freunden.

„Hier braucht es einen kulturellen Wandel“, fordert die ehemalige Präsidentin des italienischen Industrieverbands Confindustria. Obendrein brauche es aber auch Gesetze, die Frauenerwerbstätigkeit unterstützen – und flexiblere, familienfreundlichere Arbeitszeiten.

Die geringe Frauenerwerbsquote sieht die Unternehmerin nicht nur als ein ethisches Problem, sondern auch als ein wirtschaftliches: Frauen hätten ein größeres Bewusstsein für Inklusion, für Umwelt und Soziales. „Ein größerer Anteil an Frauen in Führungspositionen würde uns helfen, die großen Probleme dieser Zeit besser zu lösen.“

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