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G20 Merkels ungewollte Signale

War da was? Auch im Endspurt des Wahlkampfs zeigen die Kanzlerin und ihr Kassenwart unerschütterliche Harmonie. Als rot-schwarzes Gipfelpärchen bei den G20 in Pittsburgh senden Merkel und ihr Lieblings-Sozi Steinbrück ungewollt Signale für die Große Koalition. Die gegenseitige Wertschätzung wird nicht überall verstanden und sorgt bereits für Spekulationen.
Angela Merkel und ihr Finanzminister Peer Steinbrück senden, wenn auch ungewollt, Signale für die Große Koalition. Quelle: Reuters

Angela Merkel und ihr Finanzminister Peer Steinbrück senden, wenn auch ungewollt, Signale für die Große Koalition.

(Foto: Reuters)

PITTSBURGH. Noch nie hat ein deutscher Kanzler drei Tage vor einer Bundestagswahl für 43 Stunden das Land verlassen. Erst recht nicht gemeinsam mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der gegnerischen Partei. Angela Merkel und ihr Finanzminister Peer Steinbrück indes haben keine andere Wahl – den G20-Gipfel in Pittsburgh konnte weder die Kanzlerin noch ihr Lieblings-Sozi Steinbrück schwänzen. Und so sehen die Deutschen unmittelbar vor der Bundestagswahl am Sonntag staunend im Fernsehen, wie die politischen Gegner Merkel und Steinbrück in Pittsburgh einträchtig nebeneinander stehen und erklären, warum es so schwierig ist, mit den Amerikanern und Briten über Bankerboni und Finanzmarktregulierung zu verhandeln. War da was? Ach ja, die Wahl!

„Ich darf kurz ergänzen, was die Kanzlerin eben schon richtig ausgeführt hat“, beeilt sich Steinbrück zu sagen, wenn er zwischen den Gipfelrunden mit der Chefin vor die Kameras tritt. Merkel steht dann neben dem „Herrn Steinbrück“, hört aufmerksam zu und nickt höflich. Gleiches gilt umgekehrt, wenn sie an der Reihe ist. Dann senkt der angriffslustige und mit robustem Ego ausgestattete Finanzminister brav den Blick, schaut konzentriert auf den Boden und nickt ebenfalls. Das ist eine ganze Menge Demut für jemanden mit seinem Naturell. Steinbrück kennt eigentlich keine Selbstzweifel und wenn sie ihm doch kommen, dann „höchstens zwischen drei und vier Uhr morgens, aber da schlafe ich immer fest.“. Bei Merkel jedoch nimmt er sich zurück. Keine vorlauten Sprüche, keine Grimassen, kein stahlharter Besserwisserblick wie sonst, wenn jemand redet, den Steinbrück eigentlich unten auf der Würstchenebene eingeordnet hat. Nein, Merkel, die „Frau Bundeskanzlerin“, ist für ihn die klare Nr. 1. Das hat Steinbrück in den vier Jahren großer Koalition klaglos akzeptiert, trotz der „unterschiedlichen politischen Feldpostnummern.“

Sie sind schon ein bemerkenswertes Paar, die kühle Kanzlerin und ihr kampflustiger Kassenwart. Irgendwie haben sich die Deutschen in diesem fast lautlosen Wahlkampf daran gewöhnt, dass die roten und schwarzen Koalitionspartner morgens einträchtig nebeneinander im Bundestag auf der Regierungsbank sitzen und nachmittags auf den Wahlkampfkundgebungen im ganzen Lande so tun, als würden sie gegeneinander kämpfen.

Das Ausland tut sich schwer, diese merkwürdige Art des großkoalitionären Wahlkampfs nachzuvollziehen. Selbst die Politprofis aus den EU-Partnerländern konnten ihr Befremden kaum verbergen, als Merkel letzte Woche in Brüssel gemeinsam mit ihrem Herausforderer Frank-Walter Steinmeier beim europäischen Rat auftrat. „Wir sind von denen angestaunt worden wie seltene Tiere im Zoo“, erzählt eine Teilnehmerin schmunzelnd. Vor allem die Portugiesen, die derzeit selbst Wahlkampf führen, hätten „Bauklötze gestaunt.“ Für die Iberier ist es vollkommen unverständlich, wenn ein Regierungschef in der heißen Wahlkampfphase mit seinem ärgsten Gegner auftritt und dann auch noch an einem Strang zieht. Auch über das „TV-Duell“ zwischen Kanzlerin und Vizekanzler haben sich die Kollegen in Europa sehr gewundert, wird in Merkels Delegation erzählt. „Diese kühle, rationale Art des Umgangs bringen wohl nur die Deutschen zustande“, habe ein Minister aus dem Mittelmeerraum kopfschüttelnd gesagt.

Dennoch gibt es Unterschiede. Merkels Verhältnis zu den beiden „stones“, wie Steinbrück und Steinmeier regierungsintern genannt werden, ist von Grund auf verschieden. Ihren Vizekanzler hält die Chefin für ein politisches „Weichei“, wie einer aus Merkels Lager ungewohnt drastisch formuliert. Von der Kanzlerin selbst hört die Öffentlichkeit zwar kein böses Wort über ihren Herausforderer. Dass Steinmeier aber nach Kurt Becks Abgang nicht selbst den SPD-Vorsitz übernommen hat, legt sie, die Machtpolitikerin, ihm als Schwäche aus. Merkel, die Physikerin, berechnet ihre Handlungen stets genau, kalkuliert jeden ihrer Schritte und „denkt immer vom Ende her“, wie ein langjähriger Vertrauter sagt. Eine Machtoption wie den Parteivorsitz ungenutzt vorüberziehen zu lassen – dafür hat sie kein Verständnis.

Anders verhält es sich mit Steinbrück. Der bringt nicht so verschwurbelte Sätze heraus wie der andere „stone“, sondern redet klar, oft frech, immer pointiert und kämpferisch. Merkel schätzt das ebenso sehr wie Steinbrücks unbestreitbare Fachkenntnis. Oft muss sie einfach nur schmunzeln, wenn sie auf den langen Flügen zu den G20-Gipfeln neben ihrem Finanzminister sitzt und dessen sarkastische Tiraden über die lieben Partnerländer hört.

Aus den Hintergrundgesprächen, die den mitreisenden Journalisten im Regierungsflugzeug gewährt werden, darf man zwar nicht zitieren. Es sei aber doch verraten, dass Merkel in der Enge des Konferenzraums an Bord ohne Scheu so dicht neben ihrem roten Kassenwart Platz nimmt, dass buchstäblich kein Blatt Papier mehr zwischen sie passt. Die beiden verstehen sich, ihre Körpersprache sendet klare Signale. Sie schauen sich an, nicken, bestätigen sich gegenseitig, lächeln und machen auch nach fast zwei Stunden drangvoller Enge im Flugzeug keinen Versuch, von einander abzurücken. Vielmehr amüsieren sich beide köstlich über Reporterfragen und eigene Scherze. Ob denn so eine gemeinsame Mission kurz vor dem Wahltag nicht merkwürdig wirke? Man werde genau beäugt, räumen Merkel und Steinbrück ein, von den internationalen Amtskollegen auf dem Gipfel wie vom eigenen Partei- und Wahlvolk daheim. Aber bislang, so die listig-ironische Auskunft, sei noch kein Unterschied aufgefallen. Kann denn das rot-schwarze Gipfel-Duett in Pittsburgh in Deutschland nicht als Signal für eine weitere große Koalition missverstanden werden? Wieder schmunzeln beide. Angst davor zeigen sie jedenfalls nicht.

Es ist die Krise, die diese beiden unterschiedlichen Alpha-Menschen zusammengeschweißt hat. Als kurz nach der Lehman-Pleite Gerüchte aufkamen, die verunsicherten Deutschen würden die Banken stürmen und ihre Konten leer räumen, haben sie beide gepokert, mit höchstem Einsatz und ohne eine einzige Trumpfkarte in der Hand. Im Fernsehen gaben sie eine volle staatliche Garantie für alle Spareinlagen ab, die Kanzlerin und ihr Finanzminister. Etwas bleich und angestrengt wirkten sie dabei damals schon. Aber das ist nicht erstaunlich, denn sie hätten ihre Garantie im Ernstfall nie erfüllen können. Auch deshalb ist dieser Auftritt den beiden unauslöschlich in Erinnerung geblieben. Es war der Moment, als mit dem unschuldigsten Gesicht das größte Versprechen abgegeben wurde.

Lustvoll wird derweil im politischen Berlin darüber spekuliert, wie weit die offene Zuneigung der Kanzlerin zu ihrem Lieblings-Sozi noch reicht. Wird sie Steinbrück selbst bei einem schwarz-gelben Wahlsieg am Sonntag ein Amt anbieten? Etwa den deutschen Kommissarsposten bei der EU? Seit Hessens Ministerpräsident Roland Koch abgesagt und Friedrich Merz sich freiwillig verabschiedet hat, fehlt in der Union ein klarer Kandidat für diesen wichtigen Posten. Dennoch wird Merkel es sich kaum leisten können, mit der Ernennung eines Sozialdemokraten die ohnehin schon murrende Union gegen sich aufzubringen. Aber einen Posten im internationalen Bereich, so wird gemutmaßt, den würde die Kanzlerin schon für ihren „Herrn Steinbrück“ in Betracht ziehen.

Am Samstagmorgen in aller Frühe landet der Luftwaffenjet „Konrad Adenauer“ wieder auf dem militärischen Teil des Flughafens Berlin-Tegel. Die Kanzlerin wird sofort in ihren gepanzerten Audi umsteigen und Steinbrück in seinen alten Dienst-BMW. Dann geht es ein letztes mal los zum getrennten Wahlkampf. Über Ende oder Fortsetzung dieser wunderbaren Freundschaft entscheidet dann am Sonntag der Bürger.

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