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G20-Präsidentschaft „Unser Sozialsystem hat einfach zu viele Löcher“ – Italiens Arbeitsmarkt gerät in eine tiefe Krise

In der Pandemie haben vor allem Frauen und junge Menschen ihren Job verloren. Premier Mario Draghi will den Arbeitsmarkt mit EU-Geldern reformieren. Kann das gelingen?
23.06.2021 - 08:00 Uhr Kommentieren
Vor allem der Niedriglohnsektor wächst. Quelle: Reuters
Kellner in einem Restaurant in Roms Stadtstrand Ostia

Vor allem der Niedriglohnsektor wächst.

(Foto: Reuters)

Catania Das vergangene Jahr war für Antonino kein gutes. Wenige Touristen kamen nach Sizilien – und weniger Fahrgäste buchten Taxifahrten bei dem Enddreißiger aus Palermo. Seine Familie brachte er so nur schwer durch die Corona-Zeit. Dabei hatte auch seine Frau Arbeit: halbtags im Büro, zumindest auf dem Papier. In Wirklichkeit war es ein Vollzeitjob. „Viele Arbeitgeber machen das hier gerade so“, sagt Antonino. Lehne man ab, bekäme eben jemand anderes den Zuschlag.

Antoninos Familie ist kein Einzelfall, vor allem im Süden des Landes. Die Pandemie hat Italiens ohnehin schwachen Arbeitsmarkt noch einmal brutal zurückgeworfen. Im Frühjahr vergangenen Jahres erließ die Regierung zwar einen branchenübergreifenden Entlassungsstopp, der spätestens im Herbst auslaufen soll. Trotzdem ist die Arbeitslosigkeit gestiegen: Italien verlor zwischen Februar 2020 und Februar 2021 fast eine Million Arbeitsplätze.

„Der große Effekt des Entlassungsstopps ist ausgeblieben“, sagt der Arbeitsmarktanalyst Andrea Garnero, der für die OECD in Paris arbeitet, aber gerade auf Forschungsurlaub in der italienischen Heimat ist. „Unser Sozialsystem hat einfach zu viele Löcher.“ Einige Arbeitnehmer würden geschützt – andere nicht.

20 Jahre lang hat Italiens Wirtschaft kaum zugelegt, Einkommen und Produktivität stagnierten. „Gewachsen ist nur der Anteil der schlecht bezahlten Jobs im Niedriglohnsektor.“ Während die Industrie wettbewerbsfähig bleibe und auch qualitativ gute Verträge biete, falle vor allem der Dienstleistungsbereich ab. „Dort haben wir in den vergangenen zehn Jahren eine Explosion von Piraten-Verträgen gesehen“, sagt Garnero.

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    Verträge, an denen niemals eine Gewerkschaft oder ein Betriebsrat mitgewirkt hat. Mit nur einem Ziel: Arbeitnehmer so gering zu bezahlen wie möglich. Dazu kommt ein Graumarkt aus Teilzeitverträgen, die wie Teilzeit vergütet werden – aber in Wirklichkeit ein 40-Stunden-Job sind. „Die Gewerkschaften sind bei uns zu schwach, es gibt bisher auch keinen Mindestlohn wie in Deutschland“, sagt Garnero. Er fordert daher mehr national gültige Tarifverträge, die von Meran im Norden bis zur Insel Lampedusa im Süden gelten sollten.

    Zu wenige Frauen im Job: Nur jede zweite Italienerin arbeitet

    In der Pandemie haben vor allem Frauen und junge Menschen ihren Job verloren. Ebenjene Gruppen, die auf Italiens Arbeitsmarkt seit jeher die größten Probleme haben. Das liegt auch daran, dass 70 Prozent der Frauen in Branchen arbeiten, die besonders von der Coronakrise betroffen waren: Gastronomie, Tourismus, Hotellerie.

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    Aber auch an befristeten Verträgen, Teilzeit, prekären Arbeitsverhältnissen. Dabei unterschrieb Italien schon im Jahr 2000 die EU-Agenda von Lissabon: 60 Prozent Frauenerwerbsquote wollte man erreichen. 21 Jahre später liegt die Quote noch immer knapp unter 50 Prozent.

    Die Jugendarbeitslosigkeit liegt derzeit bei 33,7 Prozent – nur in Spanien und Griechenland sind die Werte noch schlechter. Laut der jüngsten Untersuchung des nationalen Statistikamts Istat sind mehr als 30 Prozent aller Verträge bei den 25- bis 34-Jährigen befristet. Bei drei Vierteln aller befristeten Verträge sei die Vertragsart keine bewusste Wahl gewesen – sondern der einzige Weg, um den Job zu bekommen.

    Es sind vor allem strukturelle Probleme, die das Land seit Jahrzehnten lähmen. Die Zahl der Uni-Absolventen liegt noch immer unter der durchschnittlichen OECD-Quote. Die Ganztagsbetreuung für Kinder ist nicht genug ausgebaut. Es gibt weniger staatliche Unterstützung für Familien als etwa in Deutschland. Das Resultat: Italien hat immer noch eine der höchsten Quoten bei unterqualifizierten Arbeitern.

    Die Gelder aus dem EU-Wiederaufbaufonds sollen den Arbeitsmarkt reformieren. Quelle: ddp/ZUMA
    Premier Mario Draghi (l.) und Arbeitsminister Andrea Orlando

    Die Gelder aus dem EU-Wiederaufbaufonds sollen den Arbeitsmarkt reformieren.

    (Foto: ddp/ZUMA)

    „Wir müssen unser Sozialsystem stärken, um Frauen bessere Karrierechancen zu ermöglichen“, erklärte Premier Mario Draghi am Montag beim Digitalgipfel der „Women Political Leaders“. Italien wolle mindestens sieben Milliarden Euro bis 2026 in die Geschlechtergleichheit investieren. „Wir wollen Kindergärten und Grundschulen ausbauen, um arbeitenden Müttern zu helfen“, sagte Draghi.

    Die Gleichberechtigung ist auch eines der großen Themen, die Italien mit seiner G20-Präsidentschaft vorantreiben will. An diesem Mittwoch empfängt Arbeitsminister Andrea Orlando seine Kollegen aus den größten Industrienationen in Catania.

    Hoffnung Wiederaufbaufonds: Positive Effekte für Italiens Arbeitsmarkt

    Italiens ganze Hoffnung liegt nun auf dem Wiederaufbaufonds: Mit den 205 Milliarden Euro aus Brüssel soll nicht nur die Wirtschaft wachsen – sondern auch die Beschäftigung. Allein für das Jahr 2022 wird der Effekt des Fonds mit 2,2 Prozent Wachstum bei der Erwerbsquote bemessen. Die Frauenerwerbsquote soll im kommenden Jahr um 2,6 Prozentpunkte steigen, die der Jugendlichen aus dem Süden sogar um 3,3 Prozentpunkte.

    Draghis Regierung ist erst seit Februar im Amt. Wunder darf nach vier Monaten niemand erwarten. In der Analyse habe die Regierung all die Schwachstellen erkannt, sie treffend im Wiederaufbauplan aufgeschrieben, findet Arbeitsmarktexperte Garnero. „Aber die Maßnahmen, um die Ziele zu erreichen, sind noch nicht detailliert genug.“

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    Ein Problem sieht er in den Regionen, die beim Thema Bildung eine wichtige Rolle spielen, aber auch bei den Fördermaßnahmen für den Arbeitsmarkt. Italienweit gebe es dadurch ein großes Ungleichgewicht: Einige Regionen, vor allem im wirtschaftsstarken Norden, seien auf bayerischem Niveau, andere im Süden liegen weit abgeschlagen.

    Das zweite Problem sei ein organisatorisches: Es gebe zu wenig Personal in den Arbeitsämtern, die Arbeitsplatzvermittlung sei noch nicht digital genug. Und das dritte ist ein kulturelles: Vieles läuft in Italien nach wie vor informell ab. „Nur wenige Firmen und wenige Arbeitssuchende nutzen tatsächlich die Arbeitsämter.“

    Fakt ist: Im ersten Jahresdrittel 2021 ist die Zahl der Vollzeitjobs um 3,8 Prozent gesunken. Die Erwerbsquote lag bei 56 Prozent – 2,2 Prozentpunkte weniger als noch vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote ist im April auf 10,7 Prozent gestiegen.

    Gleichzeitig ist die Armut auf einem neuen Höchststand seit 2005: Laut Istat waren zwei Millionen Familien im vergangenen Jahr nicht in der Lage, Ausgaben für Grundnahrungsmittel, Miete oder Heizung zu bezahlen. Das sind 333.000 Familien mehr als noch 2019. Zwei Drittel der neu unter die Armutsgrenze gerutschten Familien kommen aus dem eigentlich so wirtschaftsstarken Norden. Insgesamt liegen landesweit 5,6 Millionen Menschen unter der Armutsschwelle, eine Million mehr als noch vor der Pandemie.

    Junge Paare rutschen unter die Armutsgrenze

    „Wem es vor Corona schon schlecht ging, dem geht es heute noch schlechter“, sagt die Soziologin Nunzia De Capite, Co-Autorin des Armutsberichts der italienischen Caritas. Die neuen Armen seien junge Paare mit kleinen Kindern oder Alleinerziehende. Künftig, schreibt De Capite im Report, seien auch Arbeitnehmer und Selbstständige von Verarmung bedroht, die bisher nie soziale Hilfe gebraucht haben. Während der Pandemie sind die Schlangen vor den Essensausgaben immer länger geworden, vor allem in den großen Städten.

    Die Gewerkschaften sind in Italien zu schwach, es gibt keinen Mindestlohn. Quelle: LaPresse/Sipa USA
    Arbeiter demonstrieren in Rom vor der Abgeordnetenkammer

    Die Gewerkschaften sind in Italien zu schwach, es gibt keinen Mindestlohn.

    (Foto: LaPresse/Sipa USA)

    Aber auch die Unternehmen stecken in einem Dilemma. Ihnen fehlen immer mehr spezialisierte Fachkräfte, vor allem in technischen Berufen. Der Verband Federmeccanica glaubt, dass 56 Prozent der Firmen künftig Probleme haben werden, passende Kandidaten zu finden. Der Verband Unioncamere schätzt sogar, dass in den kommenden drei Monaten 1,3 Millionen Arbeitsplätze frei werden.

    Allerdings passen oft Qualifikation und Job nicht zusammen. Beispiel Venetien: In der Region um Venedig gab es im Mai 21.250 offene Stellen – davon 21.008 im Tourismus. Ein 600-Euro-Job im Strandbad? Nicht selten nehmen in der Not selbst Uni-Absolventen solch ein Angebot an.

    Mehr: Mehr Schulden, mehr Investitionen – mehr Wachstum? Mario Draghis riskanter Sanierungskurs für Italien.

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