Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

G7-Treffen in England Drei Möglichkeiten, wie die Welt an mehr Impfstoff käme

Beim G7-Treffen wird es vor allem um Corona-Vakzine gehen: Während die USA Patente aufheben wollen, möchte die EU Exporte erleichtern. Die Vorschläge im Überblick.
09.06.2021 - 13:29 Uhr Kommentieren
Der britische Premierminister empfängt die Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten von Freitag bis Sonntag in Carbis Bay, Cornwall. Quelle: AP
Boris Johnson erhält seine zweite Impfdosis

Der britische Premierminister empfängt die Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten von Freitag bis Sonntag in Carbis Bay, Cornwall.

(Foto: AP)

Brüssel Wenn am Freitag die G7-Runde im britischen Cornwall zusammenkommt, dann wird vor allem die Antwort auf eine Frage erwartet: Wie können Menschen weltweit schnell gegen das Coronavirus geimpft werden?

Wenn die Staats- und Regierungschefs nur das beschließen, was Gastgeber Boris Johnson schon verkündet hat, wäre das zu wenig. Der britische Premier will seine Kollegen zwar darauf einschwören, Impfstoffe auch in ärmere Länder zu bringen. „Die Welt bis Ende nächsten Jahres zu impfen wäre das größte Kunststück in der Geschichte der Medizin“, lässt sich Johnson zitieren.

Diese Zusage wird vielen aber nicht genügen. Zum einen geht es ihnen viel zu langsam. Friedensnobelpreisträgerin Ellen Sirleaf, die ehemalige Präsidentin von Liberia, forderte im Mai eine Milliarde Dosen bis zum 1. September für die 92 am wenigsten entwickelten Staaten.

Die Entwicklungsländer wollen nicht hinnehmen, dass in wenigen Ländern schon Kinder geimpft werden, die vom Virus kaum bedroht sind, während bei ihnen nicht einmal Pfleger und Ärzte geschützt sind. Zum anderen wollen sie nicht dauerhaft vom guten Willen weniger reicher Länder abhängig sein.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die Teilnehmer des G7-Gipfels haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie der Bedarf gedeckt werden soll.

    Vorschlag 1: Patente aufheben

    Eine Mehrheit der Staaten auf der Welt fordert, Patente, die für die Impfstoff-Produktion relevant sind aufzuheben. So sollen überall auf der Welt Produktionen entstehen können. In dieser Frage hatten die großen Industriestaaten lange zusammengehalten. Aber im Mai wechselten die USA die Seite: Auch Präsident Joe Biden ist nun dafür, den Patentschutz für Covid-19-Impfstoffe auszusetzen. Mit der EU hatte er diesen Schritt nicht abgesprochen. Dies kann er in Cornwall nun nachholen.

    Allerdings sind die Positionen verhärtet. Aus Sicht der EU ist der Vorschlag aus den USA unausgegoren. Die US-Handelsbeauftragte Katherine Tai hatte im Mai gesagt, die Regierung wolle sich nun auf Ebene der Welthandelsorganisation (WTO) aktiv in die Textarbeit dazu einbringen. Doch das scheint bislang kaum geschehen zu sein. „Von den USA gibt es bisher nur dieses Statement“, sagt ein Beamter der EU-Kommission, der damit befasst ist. „Sie haben nie klar gesagt, was sie genau vorschlagen.“

    Es gibt auch Zweifel daran, dass auf diesem Weg die Pandemie schneller beendet werden könnte. „Wir sind nicht davon überzeugt, dass der Vorschlag der beste Weg ist, um an mehr Impfstoffe zu kommen“, sagt der Brüsseler Beamte. „Man kann ein Unternehmen nicht dazu zwingen, sein Know-how zu teilen.“

    Eine Sorge ist, dass spezielles Wissen wie das über die mRNA-Technologie in anderen Ländern genutzt wird, was es für europäische Unternehmen weniger interessant machen würde, auf dieser Basis neue Impfstoffe oder Krebsmedikamente zu entwickeln.

    Der CDU-Europaabgeordnete Sven Simon vermutet darin sogar den eigentlichen Grund für die Kampagne gegen Patente. „Es geht darum, Know-how, Innovationen und Technologie aus Europa abzugreifen und fruchtbar zu machen für die Generika-Produktion in Indien“, sagt er.

    Viele im Europaparlament sehen das ganz anders: „Geistiges Eigentum, einschließlich der Patente, ist ein Hindernis für eine erhöhte Produktion von Corona-Impfstoffen weltweit“, sagt die Grünen-Abgeordnete Anna Cavazzini. „Die Herstellung von Impfstoffen beruht auf Prozessen, die bereits vor der Pandemie stattgefunden haben und Gegenstand des Schutzes von geistigem Eigentum sind, von Patenten über Geschäftsgeheimnisse bis hin zum Schutz von Ergebnissen klinischer Studien.“

    Die Aufhebung der Patente könnte demnach dazu beitragen, dass Unternehmen weltweit aufholen – sei es bei Impfstoffen oder bei Vorprodukten dazu. Auch etwa auf Lipid-Nanopartikel gebe es Patente, die aufgehoben werden müssten, so Cavazzini.

    Dass diese Partikel lange nicht verfügbar waren, wurde von den Herstellern als ein Grund angegeben, warum sich die Produktion nicht schneller hochfahren ließe. „Die Patentfreigabe allein reicht nicht aus, um das Problem der weltweiten Impfstoffverteilung zu lösen, aber sie wird enorm helfen“, sagt Cavazzini.

    Die US-Handelsbeauftragte Tai hatte allerdings nur von den Impfstoffen gesprochen. „Patente auf Covid-19-Impfstoffe sind noch nicht erteilt“, sagt die Patentrechtsexpertin Julia Schönbohm. „Das dauert einige Jahre.“ Sie meint: „Derzeit ist nicht der Patentschutz das Hindernis bei der Herstellung von Covid-19-Impfstoffen. Andere Hürden, insbesondere der komplexe Herstellungsprozess für mRNA-Impfstoffe und die Gewährleistung der Kühlkette, sind viel höher.“

    Vorschlag 2: Lizenzen vergeben

    Die Befürworter einer Patentaufhebung wollen dazu in der WTO das Trips-Abkommen aussetzen, das die internationale Durchsetzung von geistigem Eigentum regelt. Die EU dagegen bietet eine Möglichkeit an, die in diesem Abkommen bereits vorgesehen ist: die Erteilung von Zwangslizenzen. Wer ein Patent nutzen möchte, kann sich an den Staat wenden, der es ausgestellt hat. Wenn dieser eine Lizenz vergibt, kann sich der Patentinhaber nicht dagegen wehren. Er wird aber vergütet.

    Grafik

    Manche Probleme sind die gleichen wie bei der Patentaufhebung. Insbesondere geht es eben um mehr als um ein Patent: Um einen mRNA-Impfstoff nachzubauen, braucht auch ein Pharmaunternehmen die Hilfe der Entwickler. Außerdem ist eine Lizenzvergabe ein bürokratischer Prozess, der Zeit in Anspruch nehmen kann. Bislang sind keine Anträge auf Zwangslizenzen in Europa bekannt.

    Vorschlag 3: Aufhebung der Exportbeschränkungen

    Die Impfstoffhersteller sind der Ansicht, dass sie selbst das Problem am besten lösen können. Die Hersteller Biontech/Pfizer, Moderna, Johnson & Johnson und Astra-Zeneca, deren Vakzine in der EU zugelassen sind, wollen bis Ende des Jahres zusammen acht Milliarden Impfstoffdosen hergestellt haben, die für die vollständige Impfung von 4,5 Milliarden Menschen reichen würden. Hinzu kommen insgesamt vier Milliarden Dosen für zwei Milliarden Menschen von den chinesischen Impfstoffen Sinopharm und Sinovac, die beide über eine Notfallzulassung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verfügen.

    Erreichen die Hersteller ihre Zielmarken, könnten bis zum Ende des Jahres 80 Prozent der Weltbevölkerung vollständig geimpft sein. Allerdings haben die Hersteller ihre Zielmarken in der Vergangenheit oft verfehlt – immer wieder kommt es zu Produktionsausfällen, oder Anlagen können nur mit Verzögerung in Betrieb genommen werden. Im Jahr 2022 soll bei vielen Produzenten die Kapazität weiter steigen.

    Die vier westlichen Hersteller mit zugelassenen Mitteln haben angekündigt, einen substanziellen Teil ihrer Produktion an Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen zu einem vergünstigten Preis abzugeben. Auf dem Weltgesundheitsgipfel in Rom vor drei Wochen kamen Ankündigungen über rund 2,6 Milliarden Dosen, verteilt auf dieses und nächstes Jahr, zusammen. Spenden aus den Industrieländern kämen hinzu.

    Wie hoch der Bedarf an Impfstoffen ist, lässt sich noch nicht klar sagen. Möglicherweise muss die Immunisierung immer wieder aufgefrischt werden. Auch könnten sich Virusvarianten entwickeln, gegen die die bisherigen Impfstoffe weniger wirksam sind.



    Damit die Mittel auch in den ärmeren Ländern ankommen, müssten die USA ihre Exportbeschränkungen aufheben. Obwohl in dem Land mehr Impfstoffe lagern, als nachgefragt werden, dürfen sie nicht einfach exportiert werden. Auch Vorprodukte behalten die USA bisher für sich, was es Herstellern in Europa schwer macht.

    Auf diesen Punkt weist die EU immer wieder hin. Im Dezember hat sie einen Antrag in der WTO gestellt, in dem sie fordert, dass sich die Mitglieder darauf festlegen, Exporte von Gesundheitsprodukten nur gezielt, transparent, verhältnismäßig, zeitlich befristet und im Einklang mit WTO-Regeln zu beschränken.

    Während die USA auf die Patentgegner zugegangen sind, haben sie sich zu diesem Vorschlag bisher nicht geäußert. Auch das könnte sich beim G7-Treffen ändern.

    Mehr: Biontech und weitere Hersteller versprechen Milliarden Impfdosen für Entwicklungsländer

    Startseite
    Mehr zu: G7-Treffen in England - Drei Möglichkeiten, wie die Welt an mehr Impfstoff käme
    0 Kommentare zu "G7-Treffen in England: Drei Möglichkeiten, wie die Welt an mehr Impfstoff käme"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%