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Gabriel Felbermayr

Der Leiter des Ifo-Zentrums für Außenwirtschaft ist ein überzeugter Verfechter des Freihandels.

(Foto: picture alliance / HERBERT PFARR)

Gabriel Felbermayr im Interview „Trump sitzt am längeren Hebel“ – Künftiger IfW-Chef sieht USA im Streit mit China im Vorteil

Gabriel Felbermayr sieht mehrere Risiken im US-chinesischen Handelskonflikt. Im Interview spricht er über Deutschlands Abhängigkeit von der Volksrepublik und chinesische Investoren.
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Düsseldorf Der Österreicher Gabriel Felbermayr steht vor einer beruflichen wie landsmannschaftlichen Disruption: Aus dem Süden der Republik zieht er in den hohen Norden, aus der zweiten Reihe der deutschen Wirtschaftsforscher in die erste. Der bisherige Leiter des Zentrums für Außenhandel am Münchener Ifo leitet ab März das renommierte Institut für Weltwirtschaft in Kiel (ifW).

Seine Überzeugungen nimmt der 42-Jährige mit an die Ostsee: Felbermayr ist nicht nur einer der profiliertesten Handelstheoretiker des Landes, er ist auch ein aktiver Kämpfer für den Freihandel. Die Kritik vieler Deutscher am geplanten transatlantischen Handelsabkommen (TTIP) bezeichnete er als „hysterisch“. Nur wenn es um China geht, sieht er Grenzen der Offenheit und mahnt einen fairen Handel an. Privat macht sich Felbermayr bereits darauf gefasst, seine einst auf Alpenseen erworbenen Segelkenntnisse zu reaktivieren. Ohne die gehört man in Kiel nicht wirklich dazu.

Herr Professor Felbermayr, der US-Präsident behauptet, Handelskriege könne man leicht gewinnen. Auch Sie sagten kürzlich, der amerikanische Protektionismus würde sich vorteilhaft für die USA auswirken. Sind Sie und Donald Trump Brüder im Geiste – zumindest handelspolitisch gesehen?
Im spezifischen Konflikt zwischen den USA und China sitzt Trump tatsächlich am längeren Hebel, weil die US-Importe aus China die Exporte um einen 400 Milliarden Dollar-Betrag übertreffen. Das bedeutet, der Schaden, den die USA anrichten können, ist wesentlich größer als umgekehrt.

Das ist aber eine sehr destruktive Logik. Trump nimmt eigenen Schaden in Kauf, weil er hoffen darf, dass der Wettbewerber größeren Schaden erleidet, sodass er der relative Gewinner ist.
Ja, aber das ist die Logik des America-first-Mottos. Dafür wurde Trump gewählt. Amerika soll an erster Stelle bleiben und muss also die größte Volkswirtschaft bleiben. Diesem Ziel kommt er mit diesen Mitteln tatsächlich näher.

Na ja, das Leistungsbilanzdefizit der USA ist im vergangenen Jahr erneut auf ein Rekordniveau gestiegen – trotz Strafzöllen.
Die Leistungsbilanz ist für die America-first-Politik eigentlich nebensächlich. Das Defizit steigt nicht etwa wegen der neuen Zölle, sondern wegen der Fiskalpolitik Trumps.

Sie meinen die Tatsache, dass die massiven Steuersenkungen einen Importsog ausgelöst haben?
Genau. Hinzu kommt der Effekt, dass die USA einen flexiblen Wechselkurs haben, und daher die Leitungsbilanzeffekte durch eine Aufwertung des Dollars konterkariert werden.

Die Lehren David Ricardos, dass alle, also auch die wettbewerbsschwächeren Länder vom Handel profitieren können, passen nicht mehr in unsere Zeit?
Doch, natürlich gelten die ricardianischen Lehren noch. Was aber auch gilt, sind die noch früheren Lehren von Adam Smith, der beschrieben hat, wie sich Länder auf Kosten anderer bereichern können. „Beggar-my-Neighbour-Politik“ hat er das genannt. Trump versucht es, indem er andere Länder mit Zöllen belegt – in der Hoffnung, dass die ausländischen Produzenten ihre Preise nach unten anpassen, sodass die Vereinigten Staaten von den Zolleinnahmen profitieren, während die schädlichen Preiseffekte moderat bleiben.

Das funktioniert ja nur so lange, wie sich der Wettbewerber nicht mit Gegenzöllen zur Wehr setzt.
Genau, deshalb war es auch richtig, dass die Europäer mit Gegenzöllen auf die einseitig von den USA verhängten Strafzölle auf Stahl und Aluminium reagierten.

Sie sagten eben, dass China, das über Jahrzehnte eine merkantilistische Politik betrieben hat, der große Leidtragende der eskalierenden Handelskonflikte ist. Wie groß schätzen Sie die Risiken für Deutschland ein, dessen Geschäftsmodell auch auf Exporten beruht?
Wir haben zuletzt errechnet, dass etwa Strafzölle von 25 Prozent auf Autos in der langen Sicht zwischen fünf und zehn Milliarden Euro Wirtschaftsleistung kosten würde.

Das klingt ja recht überschaubar, oder?
Das liegt daran, dass die deutschen Unternehmen über ein gut diversifiziertes Portfolio von Exportmärkten verfügen.

Nun geht es ja nicht nur um den US-Markt. Es geht auch um Gegenmaßnahmen der Chinesen, von denen deutsche Unternehmen betroffen sind. Mancher Autohersteller macht 40 Prozent seines Umsatzes in der Volksrepublik.
Wenn BMW in den USA produziert und wegen höherer Zölle nicht mehr so leicht den chinesischen Markt bedienen kann, ist das traurig für BMW, aber kein zwingender Nachteil für die deutsche Volkswirtschaft. Im Gegenteil, wenn BMW den chinesischen Markt aus Bayern heraus bedient, soll uns das freuen.

Die deutsche Autoindustrie leidet nicht nur wegen des Handelskonflikts, sondern vor allem auch wegen der zunehmend schwächeren Konjunktur in China. War es langfristig gesehen ein Fehler der deutschen Wirtschaft, sich so in die Abhängigkeit eines staatskapitalistischen Systems zu begeben?
Natürlich ist das ein Klumpenrisiko. Aber das lässt sich wohl kaum vermeiden. China ist nun die zweitgrößte Volkswirtschaft – in Dollar gerechnet demnächst sogar die Nummer eins – und mit seinen 1,3 Billionen Konsumenten ein riesiger Markt. Es wäre ein größeres Risiko gewesen, sich dort nicht zu engagieren.

Die USA und China sind die größten Märkte, aber das System in China ist immer noch ein anderes. Haben sich deutsche Unternehmen zu lange von atemberaubenden Wachstumszahlen blenden lassen – und politische Risiken ausgeblendet?
Ohne Zweifel sind die Risiken, was Rechtssicherheit, demokratische Kultur und Menschenrechte angeht, in China ungleich höher als in den USA. Aber auch in anderen Ländern gibt es erhebliche politische Risiken, selbst innerhalb der europäischen Union. Und Sie dürfen nicht vergessen: Die Manager erzielen in China entsprechend hohe Investitionsrenditen. Sie lassen sich das Risiko also gut bezahlen, sodass die Entscheidung, auf China zu setzen, aus betriebswirtschaftlicher Sicht oft richtig ist.

Zuletzt häuften sich die Enttäuschungen in China. Die Importe brachen im Dezember um 7,6 Prozent ein. Wie stabil ist Chinas Konjunktur?
Die Zeiten der sehr hohen Wachstumsraten sind vorbei. Eine Volkswirtschaft kann nicht über Jahrzehnte jedes Jahr sechs oder sieben Prozent wachsen. Das Trendwachstum wird sinken. Kurzfristig stellt die hohe Verschuldung der privaten Haushalte und der Unternehmen ein großes Risiko dar. Und dann gibt es noch die erwähnten Handelskonflikte, die für China gefährlicher sind als für andere Volkswirtschaften.

Auch die US-Konjunktur ist nicht mehr so stark wie in den letzten Jahren, ähnlich die Lage in Deutschland, wo die Wirtschaft kaum noch wächst. Wie sehen Sie die Perspektiven für die Weltwirtschaft?
Die Eintrübung ist deutlich sichtbar. Der Welthandel, der vor drei Quartalen noch inflationsbereinigt um sechs Prozent zulegte, ist zuletzt nur noch um gut vier Prozent gewachsen. Die Unsicherheit wächst. Investoren und Manager fragen sich, ob Geschäftsmodelle, die man über Jahrzehnte kultiviert hat, noch nachhaltig funktionieren, ob die globalen Wertschöpfungsketten noch intakt sind. Das führt zu Investitionszurückhaltung. Es ist schon einiges passiert im Handelskonflikt, aber bislang vor allem zwischen USA und China. Was aber, wenn der transatlantische Streit auch noch eskaliert? Oder wenn das ganze multilaterale System seine Glaubwürdigkeit verliert?

Was ist aus Ihrer Sicht die richtige Strategie gegenüber Trump im Handelskonflikt, eher der aggressivere französische Kurs oder der beschwichtigende deutsche?
Es war richtig, dass die Europäer sich mit Gegenzöllen gewehrt haben. Es geht darum klarzumachen, wo die Limits sind. Aber gleichzeitig muss man auch ein Angebot für ernsthafte Verhandlungen machen. Das ist die richtige Strategie. Ich bin nach wie vor fest überzeugt davon, dass ein tiefes transatlantisches Handelsabkommen sehr wertvoll für beide Seiten wäre. Es böte einen höheren ökonomischen Mehrwert als alle anderen möglichen bilateralen Abkommen.

Halten Sie eine Einigung angesichts der Unberechenbarkeit des amerikanischen Präsidenten für realistisch?
Immerhin haben wir einen „Waffenstillstand“, der nun schon fast ein halbes Jahr hält. Und man darf nicht vergessen: Die Forderung der Europäer, den Dienstleistungs- und Agrarsektor auszuklammern, stellt aus Sicht der USA eine Provokation dar. Das beklagen die Amerikaner zu Recht. Denn das sind gerade die Sektoren, wo die komparativen Vorteile der USA liegen. Wenn Trump trotzdem verhandeln will, dann fühlt er sich dem Rosengarten-Deal mit Juncker im Sommer offenbar verpflichtet.

Wäre es nicht im europäischen Interesse, eine Allianz mit den USA zu bilden, um gemeinsam gegen den chinesischen Merkantilismus vorzugehen?
Ja, und das passiert auch. Zuletzt gab es Handelsgespräche zwischen den USA und China in Peking auf stellvertretender Ministerebene, gleichzeitig diskutierten die Europäer auf Chefebene mit den USA und Japan in Washington über Handelsfragen, die vor allem China betreffen. Das ist kein Zufall. Viele Europäer und Asiaten sind insgeheim froh über Trumps harten Kurs gegenüber China.

Dann finden Sie es richtig, dass die Bundesregierung das Außenwirtschaftsgesetz verschärft und Investitionen in sensiblen Branchen bereits ab einem zehnprozentigen Anteil prüfen will?
Als taktisches Instrument macht dieses Gesetz durchaus Sinn, um bei den Chinesen Reziprozität einzufordern.

Kann sich Deutschland, das wie kaum eine andere Volkswirtschaft von der Offenheit der Märkte abhängt, eine solche Politik leisten?
Druck auf China aufzubauen ist der einzige Weg, um von China Zugeständnisse hinsichtlich der Behandlung europäischer Investoren zu erreichen. Daher handelt es sich hier im Grunde genommen natürlich um ein Lex China. Allgemein würde ich sehr davor warnen, ausländische Direktinvestitionen hier in Deutschland zu erschweren, indem man protektionistischen Lobbys die Tür ganz weit aufmacht. Wir brauchen Investitionen, denn wir leiden unter Kapitalflucht, wie man aus der Kapitalverkehrsbilanz jedes Jahr ablesen kann.

Das alles klingt sehr China-skeptisch. Glauben Sie, dass die große Wette des Westens, der Wandel würde sich in der Volksrepublik durch Handel mit den Jahren von selbst einstellen, verloren ist?
So sieht es aus. Die Vorstellung nach Ende des Kalten Kriegs, die Welt würde demokratischer und marktwirtschaftlicher werden, hat sich als Illusion erwiesen, zumindest mittelfristig. Das zeigt nicht zuletzt der zunehmend autokratisch auftretende Präsident der Volksrepublik.

Trotz der abnehmenden Freiheit in China – glauben Sie nicht, dass der derzeitige amerikanische Präsident, der qua Amt der Anführer der freien Welt sein sollte, der regelbasierten Weltordnung einen viel größeren Schaden zufügt?
Ja, ich glaube, dass vor allem die völlige Ablehnung multilateraler Strukturen oder auch multilateraler Streitschlichtung im Rahmen der WTO durch die Amerikaner sehr großen Schaden anrichtet. Deshalb ist es ja so wichtig, dass Europa versucht, die multilaterale Koalition auch ohne die Amerikaner zusammenzuhalten.

Halten Sie das für realistisch? Europa scheint doch ökonomisch wie politisch dazu kaum in der Lage. Der Brexit, die Krise in Frankreich und ein zunehmend rechtspopulistisches Osteuropa – wie soll Europa da die Rolle der USA als Garant für eine regelbasierte Weltordnung übernehmen?
Europa kann nicht alleine den Multilateralismus retten. Aber Europa kann mithelfen, eine Koalition der Multilateralisten zu schmieden, und kann dabei eine entscheidende Rolle spielen. Diese Koalition muss bunt sein. Da gehören unsere Partner Japan und Kanada dazu, aber auch Russland, und ganz wichtig: die Schwellen- und Entwicklungsländer. Letztere würden am meisten unter einem Zusammenbruch der WTO leiden.
Herr Felbermayr, vielen Dank für das Interview.

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