Gastbeitrag Jürgen Stark Glaubwürdigkeit in Gefahr

Der abgetretene EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark hat für das Handelsblatt sein Vermächtnis aufgeschrieben. Wenige Stunden  vor seinem Rücktritt erreichte die Redaktion sein Beitrag, den wir hier dokumentieren.
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Jürgen Stark. Quelle: Reuters

Jürgen Stark.

(Foto: Reuters)

DüsseldorfDie weltwirtschaftliche Krise, die im September 2008 mit dem Kollaps der amerikanischen Investment Bank Lehman Brothers eskalierte, hat sich nach nun drei Jahren auf beiden Seiten des Atlantiks zu einer Krise der öffentlichen Finanzen ausgeweitet. In Europa mussten Griechenland, Irland und zuletzt Portugal durch umfangreiche finanzielle Hilfspakete vor der Zahlungsunfähigkeit bewahrt werden, nicht zuletzt, um einer Ansteckungsgefahr für andere hochverschuldete Länder im Euro-Gebiet entgegenzuwirken.

In den USA konnte trotz der politischen Einigung auf eine Anhebung der Schuldenobergrenze eine Herabstufung der Bonität durch die Ratingagentur Standard & Poor's nicht verhindert werden. Als Folge der erheblichen finanzpolitischen Risiken in Europa und den USA waren zuletzt massive Kurskorrekturen an den internationalen Börsen sowie eine Eintrübung der weltwirtschaftlichen Konjunkturaussichten zu verzeichnen.

Die Frage, mit welcher wirtschaftspolitischen Strategie auf diese Entwicklungen reagiert werden sollte, wird wieder kontrovers diskutiert. In den USA scheint die Mehrheitsmeinung sowohl unter Politikern als auch bei Ökonomen in Richtung einer Ausweitung des geld- und fiskalpolitischen Stimulus zu gehen. Das Verschuldungsproblem sollte lediglich mittelfristig in Angriff genommen werden, weil andernfalls das Wachstum beeinträchtigt würde. Auch der IWF hat sich für Nichtkrisenländer in diese Richtung geäußert.

Die europäische Strategie dagegen baut auf sofortige Budgetkonsolidierung. Sie zielt darauf ab, die exzessive Schuldendynamik und die damit zusammenhängenden Finanzmarktverwerfungen schnell und nachhaltig in den Griff zu bekommen. Die Konsolidierung soll durch flankierende Finanzmarkt- und Strukturmaßnahmen möglichst stabilitäts- und wachstumsfreundlich wirken.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die europäische Strategie den richtigen Weg darstellt. Wir befinden uns in einer Situation, in der massive Tragfähigkeitsrisiken in den öffentlichen Haushalten Wachstum und Stabilität untergraben. Ein fiskalischer Stimulus ließe die Schuldenstände nur weiter ansteigen und würde daher diese Risiken noch weiter erhöhen. Die Anpassungskosten stiegen durch die Verschiebung der Konsolidierung in die Zukunft deutlich.

Ein abrupter Wechsel in der finanzpolitischen Strategie würde die Glaubwürdigkeit der Konsolidierungspläne untergraben. Im gegenwärtigen Umfeld ist daher eher davon auszugehen, dass positive Vertrauenseffekte aufgrund solider Finanzpolitik beträchtlich sein werden, was Fallstudien bestätigen: Ambitionierte Anpassungsprogramme gehen bereits nach kurzer Zeit mit positiven Wachstumseffekten einher.

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98 Kommentare zu "Gastbeitrag Jürgen Stark: Glaubwürdigkeit in Gefahr"

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  • Sie bringen da etwas durcheinander: Jetzt im September wird über den Erweiterten Rettungsschirm entschieden, und das haben die Franzosen bereits hinter sich. Über den Permanenten Rettungsschirm ESM erst im November, und der ist wirklich ein Hororgebilde: irreversibel, nach oben unbegrenzt und gesamtschuldnerisch. Mit dem ESM gibt es erst dann eine Staatsinsolvenz, wenn Deuschland als dann letzter verbliebener Nettozahler pleite ist - also in maximal 2 Jahren...Wenn unsere Parlamentarier den ESM verabschieden würde, wobei ich das Karlsruher Verdikt hier als hohe Hürde betrachten würde, könnten sie anschließend nach Hause gehen - wir brauchen dann kein Parlament mehr, es gäbe nie mehr etwas zu entscheiden, die Demokratie wäre dann in jeder Beziehung am Ende. Und für die Mitarbeiter und das Direktorium des ESM gilt unbegrenzte Haftungsfreistel-lung und keinerlei Recht (wohl in Nordkorea abgeguckt)!

  • Exakt, aber die Presse weigerte sich ja seinerzeit, ein Fanal ein Fanal zu nennen! Stattdessen wurden Häme und unglaubliche persönliche Attacken ausgeschüttet. Genau-sowenig beeindruckte seinerzeit der Rücktritt von Pöhl, Chef der Bundesbank, wegen des falschen Umtauschkurses der Ostmark Presse oder Öffentlichkeit. Wenn in einem entscheidenden Direktorium Stabilitätspolitiker in der radikalen Minderheit sind, benötigen sie Rückgrad + zumindest Rückendeckung von Berlin, und die haben sie nicht. U.a. weil Berlin Rücksicht auf die labil dastehenden französischen Banken nehmen muss, die allzu solidarisch mit Griechenland etc. sind...

  • Ein „Starkes“ Zeichen, Ihr Rücktritt!

    Jetzt sind bei der EZB die „Weichwährungsmacher“ und „Politbürohörigen“ an der Macht. Endlich ist es soweit, dass in der EZB die finanzpolitischen Vorgaben der Transferunionsanhänger und Schuldenmacher umgesetzt werden können.

    Das neue Regelwerk der EZB:
    1. Sparer werden mit hohen Inflationsraten bestraft.
    2. Staaten mit einem ausgeglichenen Haushalt werden bestraft, insbesondere Ihre Steuerzahler.
    3. Haushaltssünder werden durch den Aufkauf ihrer Anleihen belohnt.
    4. Durch EURO-Bonds werden die Steuerzahler in den stabilen Staaten bestraft.

    Und welche Lügen sind auf der Homepage der EZB veröffentlicht?

    Vielen Dank Herr Stark, dass Sie uns die Augen für die Realität geöffnet haben, wie die politischen Machtverhältnisse bei der EZB mittlerweile sind. Ich habe volles Verständnis, dass man einer solchen Lügenorganisation nicht mehr angehören mag.

  • @radiputz
    Leute wie "egal" arbeiten eben gerne mit kleinen miesen Unterstellungen und versuchen so ihr politisches Süppchen zu kochen, das allerdings ungenießbar ist und nur ihnen selber schmeckt.

  • Mit anderen Worten, beweisen können Sie es nicht, da Sie nicht der Vermögensverwalter des Herrn Stark sind und somit auch keinen Einblick in sein Depot besitzen.

  • Danke finde es gut wenn tiefgründig an eine Sache herrangegangen wird Asmussen ist einer der ersten die nach Schäuble, Steinbrück, sich zu verantwarten zu haben, erst Steinbrücks Staatssekretär, nun Schäubles irgendwie tut ihr mir leid oder auch nicht. Was mir angst macht Konzentrationslager sind mit so einer manipulierter Masse wieder möglich in Deutschland, die USA machens anders. Möchte keine Links versenden nur einen Titel Der Ruin schleich schon um ihr Haus.

  • Liebeeeeeeeeeee Alfred
    Wieso hast du keine Ahnung von Nichts. Weder gibt es ein Deutschland auf demokratischer Grundlage noch eine EU auf dieser verstehen Sie das? Was ich sehe ist ein Konstukt von einen Gebilde unfähiger Staaten die nichts auf die Reihe bringen.Blühende Landschaften Ost und nun in der EU auch noch das nenne ich nee reife Leistung eurer Lumpeneliten,Häuser sanirt, riesengrosse Kläranlagen die keiner braucht die Ossis sind weg einige treffe ich hier bei mir und die sind so froh euch vollposten hinter sich gelassen zu haben. Ein Gebilde hat ein Verfassungsgericht aber keine Verfassung das geht nur mit euch zu machen du armes irrlicht.

  • Danke PikAs!

  • Das ist eigentlich menschlich. Warum sollten Bayern, BW und Hessen jeden Steuerzahler bis auf das Hemd ausziehen? Nur um das Geld dann nach Berlin, Bremen usw. zu schicken???

    Der Länderfinanzausgleich hat mittlerweile auch immer mehr Kritiker. Man sieht doch, wohin das führt. In den Nehmerländern strengt sich niemand in der Politik groß an. Man nimmt dankbar das Geld der anderen und erwartet, dass das immer so bleibt. Wieso sollte das in dieser beschixxenen EU anders laufen?

    Die EU hat ausgedient. Der Grundgedanke war gut. Die Umsetzung eine Katastrophe. Jetzt haben alle Völker die Nase davon für mindestens 100 Jahre gestrichen voll.

    Ich teile mein Geld auch nicht mit der "gesamten" Familie, warum sollte man das für andere Länder und andere Völker tun? Die sind uns auch nur solange wohlgesonnen, solange wir zahlen.

    Jeder hat seine eigene Art, durch's Leben zu kommen. Das muss man auch jedem zugestehen. Man kann die europäischen Völker nicht so vereinigen, wie das in den USA ging. Wir haben weder die gleiche Sprache noch sind wir uns in den Mentalitäten sehr ähnlich.

    Was wir brauchen ist ein Europa der Vaterländer! Jeder nach seinem Gusto und in seinem Tempo. Was wir nicht brauchen ist, dass wir für alle zahlen sollen. Das funktioniert nicht. Denn wir deutschen Steuerzahler haben keine Lust mehr dazu. Wir haben seit 1990 genug geblutet und der eigene Lebensstandart bleibt auf der Strecke.

    Zurück zur EWG und zurück zu den Nationalwährungen. Damit wäre das derzeitige Desaster in dieser Form überhaupt nicht entstanden!

  • Ich stimme Herrn Stark zu. In Griechenland gibt es alle erkannten Probleme aber leider noch viel mehr als diese. Jahrzente lang haben die etablierten Parteien eine Kultur gezuechtet, die wohl heisst: "Waehl mich und ich sorge dafuer, dass Du beim Staat - direkt oder indirekt - unterkommst." Da heben alle Parteien des Griechischen Parlaments mitgespielt. Auch die kleinen Linksparteien.
    So wurden und werden immer noch riesige Teile der Wirtschaft von dieser korrupten Methodik dominiert.
    Die Rolle der "anderen" wirklich freien, privaten Wirtschaft ist dabei eine: Diesen faulen Apparat zu finanzieren. Da es aber nicht gereicht hat mussten viele Schulden gemacht werden.
    Da braucht es niemanden zu wundern, dass in dem Land so ungerne Steuern gezahlt werden. Deswegen kostet 1km Strassenbau in Griechenland das 7fache des EU-Durchschnitts.

    Bester Beweis fuer die Verlogenheit der Griechischen Politiker (Achtung: NICHT des Volks) ist die gestern veroeffentlichte Liste der Groessten Steuerschuldner. Die meisten sind Pleite und die Groessten sind Staatsunternehmen. Die Nr.1 sind die Griechischen Eisenbahnen. Also der Staat schuldet sich selbst Geld!!!

    Es bleibt somit nur eines. Den Staat soweit wie moeglich abzuschaffen und alles privatisieren. Das bedeutet, dass mindestens 1,5 Mio. Menschen vom Staatsdienst wegmuessen.

    Welcher Politiker traut sich denn das?

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