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Gastkommentar Das politische Chaos und die sozialen Unruhen in Italien bedrohen Europa

Die Depression in Italien ist noch lange nicht überstanden, die Staatsschuldenquote weiterhin hoch. Bereits jetzt hat die instabile Lage internationale Auswirkungen.
  • Carmen Reinhart
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Die Autorin ist Professorin für das Internationale Finanzsystem an der Kennedy School of Government der Harvard-Universität. Quelle: Bloomberg via Getty Images
Carmen Reinhart

Die Autorin ist Professorin für das Internationale Finanzsystem an der Kennedy School of Government der Harvard-Universität.

(Foto: Bloomberg via Getty Images)

Das politische Chaos und die sozialen Unruhen, die die aktuelle Krise in Italien antreiben, sollten niemanden überraschen. Im Gegenteil: Unklar war lediglich der genaue Zeitpunkt, an dem sich die Lage zuspitzen würde. Dies ist jetzt geschehen. Das italienische Pro-Kopf-BIP liegt etwa acht Prozent unterhalb des Niveaus von 2007, dem Jahr vor der weltweiten Finanzkrise, die die große Rezession auslöste.

Von den elf hochentwickelten Volkswirtschaften, die von der schweren Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2009 betroffen waren, ist nur Griechenland in eine tiefere und langwierigere Depression gestürzt. Dabei waren Griechenland und Italien zu Beginn der Krise die beiden Länder mit der höchsten Schuldenlast.

Griechenland hat bereits mehrere „Kreditereignisse“ hinter sich, für Italien war der Frühling 2018 bis jetzt die turbulenteste Zeit. Oberflächlich betrachtet scheinen sich die allgemeinen Staatsschulden zwar seit 2013 auf rund 130 Prozent des BIP stabilisiert zu haben. Doch diese „Stabilität“ ist irreführend. Die allgemeinen Staatsschulden sind im Falle Italiens nicht die ganze Wahrheit.

Um das Gesamtrisiko Italiens zu bestimmen, muss man zu den Staatsschulden die Verbindlichkeiten der Zentralbank (Target-2-Salden) addieren. Wie die jüngsten Daten zeigen, wird das Verhältnis der öffentlichen Schulden zum BIP durch diese Salden um 26 Prozent gesteigert.

Im Gegensatz zu den Nicht-Euro-Krediten, die Italien vor 1999 aufgenommen hat, können diese Schulden nicht weginflationiert werden. In dieser Hinsicht verhalten sie sich wie die Dollar-Schulden der Schwellenländer: Sie müssen entweder zurückgezahlt oder umstrukturiert werden.

Die akute politische Unsicherheit vor dem Hintergrund chronisch schwachen Wachstums und eines Staatsschuldenniveaus bei 160 Prozent des BIP reicht aus, um eine Schuldenkrise auszulösen. Neben diesen Fundamentaldaten gießen die Politiker noch Öl ins Finanzfeuer, indem sie populistische Vorträge über die Einführung einer Quasiwährung von Schuldscheinen mit kleinen Nennwerten halten.

Auch Aussagen, die Schulden der italienischen Staatsbank nicht zu akzeptieren, tragen nicht zur Beruhigung bei. Bereits jetzt hat die instabile Lage Italiens internationale Auswirkungen. Während die Renditen der italienischen Staatsanleihen überkochen, sind in der Nachbarschaft auch die Erträge der spanischen, portugiesischen und griechischen Anleihen gestiegen.

Neuregelung der Schulden ist unwahrscheinlich

Zudem hat die Schwäche des Euros zu einer Dollar-Stärke geführt, was auf Kosten der Schwellenländer geht, vor allem derer mit Staatsschulden in US-Dollar. Die Flucht in Qualität, von der die Ausbrüche finanzieller Turbulenzen immer begleitet werden, verstärkt die Tendenz des Ausstiegs aus riskanteren Anlageklassen, zu denen auch die Anleihen der Schwellenländer gehören.

Dabei sind die internationalen Anleihemärkte vor einer Ansteckung keineswegs sicher. Wie enden solche Episoden normalerweise? Die beste Lösung – eine schnelle Neuregelung der Schulden – ist im Falle Italiens unwahrscheinlich. Die sinnvolle Neuverhandlung von Krediten geschieht selten problemlos: Gläubiger wollen Rückzahlungen, und Schuldner wollen Nachlässe.

Solche Verhandlungen sind nur selten im ersten Anlauf erfolgreich. Restrukturierungsabkommen erreichen zunächst meist nicht den Umfang, der für eine nachhaltige Schuldenregulierung erforderlich wäre. Allerdings ist es schwer vorstellbar, wie eine Umstrukturierung der italienischen Schulden völlig vermieden werden könnte.

Die Alternative – sich auf eine vollständige Rettung zu verlassen – ist eine große Versuchung, da sie die Märkte vorübergehend beruhigen könnte. Das würde das Problem nur nach hinten schieben. Die Tatsache, dass die griechischen Schuldenprobleme noch nicht gelöst sind, sollte uns als Warnung dienen.

Im sanftesten Szenario würde nur der Teil der italienischen Schulden umstrukturiert, der von anderen Regierungen oder internationalen Organisationen gehalten wird. Aber dies könnte nicht genug sein. Im Gegensatz zu Griechenland nach 2010, wo der Löwenanteil der Schulden in der Hand öffentlicher Gläubiger lag, ist Italien hauptsächlich bei seinen eigenen Bürgern verschuldet. Dies schreit nach einer Strategie gegen Kapitalflucht.

Angesichts der momentanen Lage sollte man eine Umschuldung Italiens in Betracht ziehen, die keine zusätzlichen Risiken und Komplikationen beinhaltet. Dass dies erreicht wird, darf bezweifelt werden.

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