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Gedenkstätte Rivesaltes in Frankreich „Für die armen Teufel, die durch Europa irren“

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„Es gab auch gute Menschen in der Wehrmacht“

94-Jähriger KZ-Aufseher zu vier Jahren Haft verurteilt

Valls wird auch Antonio, Paul, Hamani und die anderen Überlebenden treffen. Paul Niedermann ist in Frankreich geblieben. „Ich mag den laizistischen Staat, ich könnte nicht in einem Land leben, das Staat und Religion vermischt“, sagt er. Seit 1987 fährt er regelmäßig nach Deutschland, um in seiner früheren Heimatstadt Karlsruhe und der badischen Umgebung mit Schülern über die Nazizeit und seine Erfahrungen in den Lagern zu diskutieren.

1987 sagte er im Prozess gegen den früheren Gestapo-Verantwortlichen von Lyon Klaus Barbie aus. Für Niedermann war das wie eine Therapie: Von da an konnte er über seine Erlebnisse sprechen. Er ist frei von jeder Bitterkeit gegen Deutschland. „Manchmal bin ich müde, aber wenn ich nicht mit den Schülern rede, wer dann? So viele sind nicht mehr übrig“, sagt er mit entwaffnender Logik. 

Antonio lebt in Perpignan. Nachdem er 1944 aus dem Lager freikam, habe ihn ausgerechnet ein deutscher Offizier vor der Miliz des Vichy-Regimes gerettet, berichtet er. Ein Erlebnis, das einem den Atem raubt: „Mehrere Mitglieder der Miliz haben uns Kinder eines Tages auf der Straße festgehalten, weil der regionale Chef der Miliz erschossen worden war, angeblich von Spaniern.“ Die Uniformierten verdächtigten die spanischen Kinder, die Spanier in der Résistance zu unterstützen.

„Einer von ihnen war Elsässer, der sprach perfekt Spanisch und befragte uns.“ Mit erhobenen Händen mussten die Kinder sich an eine Wand stellen. „Die Milizionäre bauten ein MG auf und sagten: ,Die Namen, wir wollen die Namen der Verantwortlichen wissen.'“ Antonio ist sicher, dass sie geschossen hätten. „Sie haben das MG durchgeladen, aber dann kam ein deutscher Offizier, er hat die Milizionäre angeschrien: ,Lasst die Kinder in Ruhe, haut ab!‘“ Für Antonio steht fest: „Es gab auch gute Menschen in der Wehrmacht.“ Eine Erfahrung, die man häufiger macht: Die, die das Schlimmste mitgemacht haben, verzichten auf Verallgemeinerungen und Klischees.

Der Algerier kehrt zurück an den Ort, an dem ihm das Land einsperrte, für das er als Mitglied der algerischen Hilfstruppen kämpfte. Quelle: Thomas Hanke
Hamani Hocined

Der Algerier kehrt zurück an den Ort, an dem ihm das Land einsperrte, für das er als Mitglied der algerischen Hilfstruppen kämpfte.

Hamani Hocined lebt nach einer kleinen Odyssee durch Frankreich wieder in Rivesaltes. Der 75-jährige „Harki“, Mitglied der algerischen Hilfstruppen, die im Unabhängigkeitskrieg auf Seiten der Franzosen kämpften und dafür nach der Loslösung von Frankreich von ihren Landleuten massakriert wurden, kam 1962 ins Lager. Lange schaut er schweigend in eine der wenigen kahlen Unterkünfte, die noch einigermaßen erhalten sind.

Drei, vier Familien wurden auf etwa 70 Quadratmetern untergebracht, ohne Trennwände. Intimität, Würde – das gab es nicht in Rivesaltes. Dabei waren die Harkis keine „unerwünschten Ausländer“, sondern von der Republik benötigte Militärs. Hamanis Gesicht zeigt keine Regung, nur einmal wischt er sich mit einem Zeigefinger über den Augenwinkel. Für das Land, das ihn hier einsperrte, hat er viel gegeben: „Ich habe im Algerien-Krieg beide Füße verloren“, gibt er knapp Auskunft.

Bis vor kurzem hat das niemanden groß interessiert. Nun soll das Mémorial auch für die Harkis und ihre Nachkommen zu einem Ort werden, an dem nicht nur ihre Geschichte erzählt wird, sondern sie selber davon berichten können. Direktorin Sajaloli will kein Museum schaffen, sondern eine Stätte der Auseinandersetzung, an der Überlebende, Historiker, Künstler, Jugendliche miteinander ins Gespräch kommen. „Die Arbeit mit den Jugendlichen ist das Rückgrat des Mémorials“, stellt sie fest. Damit das funktioniere, dürfe es keine Fortsetzung des Geschichtsunterrichts mit anderen Mitteln sein.

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