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Gedenkstätte Rivesaltes in Frankreich „Für die armen Teufel, die durch Europa irren“

Das Internierungslager von Rivesaltes ist das größte, das je in Westeuropa errichtet wurde. Jetzt eröffnet dort eine Gedenkstätte. Der bisher blinde Fleck in Frankreichs Historie zeigt, wie sich Geschichte wiederholt.
Die Dauerausstellung dokumentiert unter anderem die Flucht der Spanier nach Frankreich. Quelle: Thomas Hanke
Die Gedenkstätte

Die Dauerausstellung dokumentiert unter anderem die Flucht der Spanier nach Frankreich.

Paris Der Wind ist eine Plage. Von den Pyrenäen herab stürmt er über die Ebene von Rivesaltes bei Perpignan, zerrt und rüttelt an allem, was sich nicht vor ihm auf den Boden duckt. Jeder, der im Internierungslager von Rivesaltes war, kommt sofort auf die Tramuntana zu sprechen, die an zwei von drei Tagen mit bis zu 120 Kilometer pro Stunde über das Land fegt.

„Wenn der Wind blies, konnte man nicht aus den Hütten raus, einmal hat er meine Großmutter glatt weggetragen“, sagt Antonio.  Der Spanier Antonio de la Fuente, der Algerier Hamani Hocined, der Deutsche Paul Niedermann – Sie alle erinnern sich an den Wind aus den Bergen, der im Winter die Kälte bis ins Mark treibt und im Sommer das Land ausdörrt.

Antonio, Paul, Hamani und viele andere, im Lauf der Jahre rund 60.000 Menschen, haben in einer der unbeheizten Baracken des „Camp de Rivesaltes“ gehaust, manche mehrere Jahre. Es ist das größte Internierungslager, das je in Westeuropa errichtet wurde, und dennoch außerhalb von Frankreich praktisch unbekannt. Kein Wunder: Bis in die 90er-Jahre wurde nicht einmal in Frankreich über das gesprochen, was Menschen aus vielen Nationen von 1941 an hier erlitten haben. Rivesaltes war ein 600 Hektar großer blinder Fleck in der französischen Geschichte.

„Ein Lager ohne Erinnerung“ nennt es Agnès Sajaloli, die Direktorin des „Mémorial de Rivesaltes“. Am Freitag wird Premier Manuel Valls es feierlich eröffnen. „Der Staat muss auf der Höhe des moralischen Engagements sein, auch da, wo die Republik und Frankreich versagt haben“, sagte der Premier kürzlich. Nach vielen Verzögerungen und Streitereien wird aus dem Ort des Vergessens einer des Erinnerns. „Aber keiner, den man leicht konsumieren kann, so wie man andere Gedenkstätten besucht und dann abhakt“, warnt Sajaloli.

Nachdem er 1944 aus dem Lager freikam, habe ihn ausgerechnet ein deutscher Offizier vor der Miliz des Vichy-Regimes gerettet, berichtet er. Quelle: Thomas Hanke
Antonio de la Fuente

Nachdem er 1944 aus dem Lager freikam, habe ihn ausgerechnet ein deutscher Offizier vor der Miliz des Vichy-Regimes gerettet, berichtet er.

Der 210 Meter lange, vom Architekten Rudy Ricciotti gestaltete Betonklotz des Mémorials hat es in sich. Er ist in den Boden versenkt, Ricciotti wollte nicht, dass der moderne Bau die Fläche des Lagers dominiert. Die Dauerausstellung im Innern beginnt mit Filmen und Dokumenten, die das Leiden der spanischen Bürgerkriegsflüchtlinge dokumentieren. Fast 500.000 flohen Anfang 1939 vor den Franco-Truppen, eine der größten Massenfluchten des 20. Jahrhunderts. Frankreich war großmütig und ließ die Grenze offen.

Aber es war auch engherzig und zwängte die Verzweifelten erst am nackten Strand von Argelès und Saint-Cyprien hinter Stacheldraht, dann in streng abgeschirmte Lager. Bereits nach wenigen Monaten waren 360.000 wieder zurück: Weil sie die Franco-Repression dem drohenden Hungertod vorzogen oder einfach abgeschoben wurden. Die Begriffe, die man in den Dokumenten über ihr Schicksal lesen kann, kennen wir alle heute noch: illegaler Grenzübertritt, Transitzonen, Grenzen der Aufnahmefähigkeit, überlasteter Arbeitsmarkt.

Verkörperung eines monströsen Jahrhunderts

Überbleibsel des Internierungslagers sind noch heute zu sehen. Quelle: Thomas Hanke
Ort des Schreckens

Überbleibsel des Internierungslagers sind noch heute zu sehen.

Das Mémorial erinnert ebenso an die deutschen Juden, die vor der „Endlösung“ aus dem Reich nach Frankreich deportiert und wie andere „unerwünschte Ausländer“ interniert wurden, bevor die Mehrheit von ihnen 1944 in die Gaskammern transportiert wurde. Die Gedenkstätte erzählt auch von den französischen Zigeunern, die aus der Republik ausgeschlossen wurden, die doch angeblich weder Rasse noch Religion kennt.

Gedacht wird auch der deutschen Kriegsgefangenen, von denen hunderte nach 1944 in Rivesaltes starben, der algerischen und guineischen Hilfstruppen der französischen Armee und der namenlosen Migranten aus aller Welt, die bis 2007 immer wieder die auf dem riesigen Gelände verteilten, heute meist verfallenen Baracken gefüllt haben.

Rivesaltes: Mitten im Urlaubsgebiet des französischen Midi verkörpert es das monströse 20. Jahrhundert, das den Rechtsstaat immer dann vergaß, wenn es galt, Menschen auszugrenzen, sie als angeblich gefährliche Personen unschädlich zu machen durch Wegsperren. Dieses vergiftete Erbe hat es dem 21. Jahrhundert hinterlassen.

Zwischen 1941, als der Komplex offiziell eröffnet wurde, und 2007, als der Abschiebeknast geschlossen wurde, starben unzählige Internierte an Auszehrung und Krankheiten. Der Arzt Joseph Weill stellte in den 40er-Jahren fest, dass die Rationen in den französischen Lagern bestenfalls rund 750 Kalorien entsprachen. Wer nicht langsam verhungern wollte, musste seine Ration auf dem Schwarzmarkt aufbessern.

Doch nur wenige hatten genug Geld dafür: „Die Preise waren vier Mal so hoch wie in normalen Geschäften“, erinnert sich Antonio, der auch die wässrige Rübensuppe nicht vergessen hat, die es jeden Tag gab.

Sajaloli hat dafür gesorgt, dass man das Halbdunkel des großen Saals der Dauerausstellung nicht mit dem beruhigenden Gefühl verlassen kann, das alles sei Vergangenheit. „Die Lager sind eine Konstante des 21. Jahrhunderts“, heißt es am Ende der Ausstellung, wo Fotos von derzeitigen Camps zu sehen sind. Denis Peschanski, Leiter des Wissenschaftlichen Beirats des Mémorials, gibt in einem Video den Besuchern Fragen mit auf den Weg: Geht es den Millionen Flüchtlingen heute besser? Machen wir es heute so viel anders? Wer an die Bilder aus Calais oder von der ungarischen Grenze denkt, dem kommen Zweifel.

Der Deutsche war einer von 6000 deutschen Juden, die 1941 aus Baden und der Saarpfalz in das noch unbesetzte Südfrankreich deportiert wurden. Quelle: Thomas Hanke
Peter Niedermann

Der Deutsche war einer von 6000 deutschen Juden, die 1941 aus Baden und der Saarpfalz in das noch unbesetzte Südfrankreich deportiert wurden.

Der Deutsche Paul Niedermann kam mit 14 Jahren nach Rivesaltes. Er zählte zu den 6000 deutschen Juden, die 1941 aus Baden und der Saarpfalz in das damals noch unbesetzte Südfrankreich deportiert wurden, zunächst nach Gurs in den westlichen Pyrenäen, dann nach Rivesaltes.

Dort wurde er von seiner Mutter und seinem Bruder getrennt, kam in den Bereich für Erwachsene, schlich sich aber ins Frauenlager, um sich zu ernähren: „Die Spanierinnen haben am Anfang dafür gesorgt, dass wir essen konnten. Wir hatten ja kein Geschirr oder Blechnäpfe und konnten deshalb keine Suppe fassen, da haben die spanischen Frauen uns ihre Gefäße geliehen“, sagt der heute 88-Jährige.

„Wir können eure Kinder retten“

Hitlers Handlanger
Oskar Groening
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Das Landgericht Lüneburg hat den 94-Jährigen am Mittwoch wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen in Auschwitz zu vier Jahren Haft verurteilt. Gröning hatte im Prozess seine Beteiligung und moralische Mitschuld am Holocaust eingeräumt. Er hatte gestanden, Geld von Verschleppten gezählt und zur SS nach Berlin weitergeleitet zu haben. Dies brachte ihm später den Beinamen eines „Buchhalters von Auschwitz“ ein. Er sagte aus, zwei- bis dreimal vertretungsweise Dienst an der Rampe getan zu haben, um dort Gepäck zu bewachen. Dort wurden deportierte Juden zur Ermordung selektiert.

(Foto: ap)
Siert Bruins
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Als Angehöriger der deutschen Sicherheitspolizei in den Niederlanden soll er 1944 einen Gefangenen erschossen haben. Dafür wurde der gebürtige Niederländer 1949 dort zum Tode verurteilt, später umgewandelt in lebenslange Haft. In Deutschland, wo Bruins lebt, galt die Tat zunächst als verjährter Totschlag. Später wertete die Staatsanwaltschaft sie als Mord. 2013 kam er mit 92 Jahren vor Gericht. Das Landgericht Hagen stellte das Verfahren aber ein: Nach 70 Jahren sei der Nachweis des Mordvorwurfs nicht möglich gewesen.

(Foto: dpa/picture-alliance)
John Demjanjuk
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Der 91-jährige gebürtige Ukrainer starb 2012 in einem bayerischen Pflegeheim - zehn Monate nach seiner Verurteilung als Holocaust-Mittäter. Das Landgericht München hatte ihn wegen Beihilfe zum Mord an 28 000 Juden im Lager Sobibor zu fünf Jahren verurteilt. Mit Blick auf sein Alter wurde der Haftbefehl aber aufgehoben.

(Foto: Reuters)
Laszlo Csatary
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Der ehemalige NS-Lagerkommandant starb 2013 mit 98 Jahren in Budapest. Er soll 1944 maßgeblich an der Deportation von Juden in Konzentrationslager beteiligt gewesen sein. Wenige Wochen vor seinem Tod wurde er in Ungarn angeklagt. Zuvor hatte das Oberste Gericht der Slowakei ein Todesurteil, das 1948 gegen ihn in Abwesenheit ergangen war, in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt.

(Foto: dpa)
Hans Lipschis
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Der Pass von Hans Lipschis: Der mutmaßliche frühere SS-Wachmann in Auschwitz muss sich nicht wegen Beihilfe zum Mord vor Gericht verantworten. Das Landgericht Ellwangen (Baden-Württemberg) lehnte ein Verfahren gegen den damals 94-Jährigen 2014 wegen Verhandlungsunfähigkeit ab. Die Staatsanwaltschaft hatte dem gebürtigen Litauer vorgeworfen, zwischen 1941 und 1943 Beihilfe zum Mord an mehr als 10 500 Menschen geleistet zu haben.

(Foto: dpa/picture-alliance)
Heinrich Boere
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Das Landgericht Aachen verurteilte den 88-Jährigen 2010 wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Haft. Er hatte 1944 als Teil eines SS-Mordkommandos niederländische Zivilisten erschossen. Er starb 2013 hinter Gittern. Boere war 1949 in den Niederlanden in Abwesenheit verurteilt worden, die Strafe wurde aber nie vollstreckt.

(Foto: dpa/picture-alliance)
Samuel Kunz
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Der wegen Beihilfe zum Massenmord angeklagte mutmaßliche NS-Verbrecher starb 2010 kurz vor Beginn seines Prozesses. Kunz soll 1942/1943 Wachmann im Vernichtungslager Belzec, dessen Gedenkstätte hier im Bild zu sehen ist, gewesen sein. Wegen Mordes in 10 und Beihilfe zum Mord in mindestens 430.000 Fällen sollte dem 89-Jährigen der Prozess gemacht werden.

(Foto: dpa/picture-alliance)

Als sich 1942 die Verfolgung der Juden durch die Nazis radikalisierte, stellten die ins Camp eingeschmuggelten Helferinnen des jüdischen Hilfskomittees OSE Pauls Eltern vor eine harte Entscheidung: „Wir können ihn und seinen jüngeren Bruder retten und in Sicherheit bringen, dann werdet ihr aber keinen Kontakt mehr zu ihnen haben.“ Die Eltern entschieden sich für die Trennung und retteten ihren Kindern damit das Leben. Sie selber wurden wenige Monate später von den Vichy-Kollaborateuren nach Drancy bei Paris gebracht und dann von den Nazis nach Majdanek und Auschwitz, wo sie ermordet wurden.

Vom Sommer 1942 an – Südfrankreich war noch nicht von der Wehrmacht besetzt, offiziell hatte die Vichy-Regierung das Sagen - organisierte diese Razzien und Judentransporte. Ein düsteres Kapitel der französischen Geschichte.

Doch nicht alle deutschen Juden, die in Rivesaltes festsaßen, wurden abtransportiert. Fast die Hälfte von ihnen wurde verschont oder ihnen gelang die Flucht. In den französischen Sicherheitskräften gab es nicht denselben Kadavergehorsam wie in den deutschen, nicht alle Soldaten und Polizisten setzten sich mit voller Kraft für die Judenverfolgung ein.

Im Bundesarchiv in Berlin findet sich ein Brief des obersten  SS-Judenjägers in Frankreich Aloys Brunner. Der beschwert sich darüber, dass die französische Polizei häufig Juden verstecke, bevor Suchtrupps der SS oder des SD ein Lager durchkämmten. „Deshalb sollten deutsche Einheiten ab sofort ihre Besuche nicht mehr ankündigen“, schrieb Brunner 1942.

Die französische Geschichte zwischen 1940 und 1945 ist also nicht nur schwarz, es gibt viele helle Flecken. Weshalb hat es dennoch so lange gedauert, bis über Orte wie Rivesaltes gesprochen werden konnte? Der Historiker Nicolas Lebourg führt das darauf zurück, dass sein Land „ein neurotisches Verhältnis zu seiner Vergangenheit“ habe. Bis in die 70er-Jahre habe De Gaulles Fiktion von einem Frankreich, das geschlossen in der Résistance war, gegolten. Vom Ende der 70er-Jahre an sei der Konsens gekippt, ab dann hätten fast alle Franzosen als Kollaborateure gegolten: „Die vielschichtige Wirklichkeit hat niemanden interessiert.“

In Rivesaltes kam hinzu, dass bis 1997 niemand das Lager ohne ausdrückliche Genehmigung des Standortkommandanten betreten durfte. Noch heute ist ein großer Teil militärisches Sperrgebiet. Dort hat der Auslandsgeheimdienst DGSE zwischen alten Baracken neue Gebäude hochgezogen. Was er dort macht? Niemand weiß es.

Ein weiterer Grund: Die Historisierung fiel schwer, weil die Vergangenheit bis in die Gegenwart reicht. Ein Teil  des Komplexes wurde noch bis 2007 als Abschiebehaftanstalt genutzt. „Hier befand sich von 1985 bis 2007 ein Gefängnis, in dem Tausende Frauen und Männer eingesperrt waren. Ihr einziges Vergehen bestand darin, Ausländer zu sein, deren Situation als irregulär galt.“ Das steht auf einer Stele in einem geräumten Bereich des Lagers. Darunter ein Zitat: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. – Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.“

Das Mémorial kommt hier ganz nah an die Aktualität heran. Das will es auch, betont Agnès Sajaloli. Für Valls dürfte es eine heikle Rede werden, die er am Freitag hält, wenn er begründen muss, warum so schlimm war, was von 1941 bis in die 60er-Jahre auf der windgepeitschen Ebene geschah, aber untadelig, was bis 2007 folgte.

„Es gab auch gute Menschen in der Wehrmacht“

94-Jähriger KZ-Aufseher zu vier Jahren Haft verurteilt

Valls wird auch Antonio, Paul, Hamani und die anderen Überlebenden treffen. Paul Niedermann ist in Frankreich geblieben. „Ich mag den laizistischen Staat, ich könnte nicht in einem Land leben, das Staat und Religion vermischt“, sagt er. Seit 1987 fährt er regelmäßig nach Deutschland, um in seiner früheren Heimatstadt Karlsruhe und der badischen Umgebung mit Schülern über die Nazizeit und seine Erfahrungen in den Lagern zu diskutieren.

1987 sagte er im Prozess gegen den früheren Gestapo-Verantwortlichen von Lyon Klaus Barbie aus. Für Niedermann war das wie eine Therapie: Von da an konnte er über seine Erlebnisse sprechen. Er ist frei von jeder Bitterkeit gegen Deutschland. „Manchmal bin ich müde, aber wenn ich nicht mit den Schülern rede, wer dann? So viele sind nicht mehr übrig“, sagt er mit entwaffnender Logik. 

Antonio lebt in Perpignan. Nachdem er 1944 aus dem Lager freikam, habe ihn ausgerechnet ein deutscher Offizier vor der Miliz des Vichy-Regimes gerettet, berichtet er. Ein Erlebnis, das einem den Atem raubt: „Mehrere Mitglieder der Miliz haben uns Kinder eines Tages auf der Straße festgehalten, weil der regionale Chef der Miliz erschossen worden war, angeblich von Spaniern.“ Die Uniformierten verdächtigten die spanischen Kinder, die Spanier in der Résistance zu unterstützen.

„Einer von ihnen war Elsässer, der sprach perfekt Spanisch und befragte uns.“ Mit erhobenen Händen mussten die Kinder sich an eine Wand stellen. „Die Milizionäre bauten ein MG auf und sagten: ,Die Namen, wir wollen die Namen der Verantwortlichen wissen.'“ Antonio ist sicher, dass sie geschossen hätten. „Sie haben das MG durchgeladen, aber dann kam ein deutscher Offizier, er hat die Milizionäre angeschrien: ,Lasst die Kinder in Ruhe, haut ab!‘“ Für Antonio steht fest: „Es gab auch gute Menschen in der Wehrmacht.“ Eine Erfahrung, die man häufiger macht: Die, die das Schlimmste mitgemacht haben, verzichten auf Verallgemeinerungen und Klischees.

Der Algerier kehrt zurück an den Ort, an dem ihm das Land einsperrte, für das er als Mitglied der algerischen Hilfstruppen kämpfte. Quelle: Thomas Hanke
Hamani Hocined

Der Algerier kehrt zurück an den Ort, an dem ihm das Land einsperrte, für das er als Mitglied der algerischen Hilfstruppen kämpfte.

Hamani Hocined lebt nach einer kleinen Odyssee durch Frankreich wieder in Rivesaltes. Der 75-jährige „Harki“, Mitglied der algerischen Hilfstruppen, die im Unabhängigkeitskrieg auf Seiten der Franzosen kämpften und dafür nach der Loslösung von Frankreich von ihren Landleuten massakriert wurden, kam 1962 ins Lager. Lange schaut er schweigend in eine der wenigen kahlen Unterkünfte, die noch einigermaßen erhalten sind.

Drei, vier Familien wurden auf etwa 70 Quadratmetern untergebracht, ohne Trennwände. Intimität, Würde – das gab es nicht in Rivesaltes. Dabei waren die Harkis keine „unerwünschten Ausländer“, sondern von der Republik benötigte Militärs. Hamanis Gesicht zeigt keine Regung, nur einmal wischt er sich mit einem Zeigefinger über den Augenwinkel. Für das Land, das ihn hier einsperrte, hat er viel gegeben: „Ich habe im Algerien-Krieg beide Füße verloren“, gibt er knapp Auskunft.

Bis vor kurzem hat das niemanden groß interessiert. Nun soll das Mémorial auch für die Harkis und ihre Nachkommen zu einem Ort werden, an dem nicht nur ihre Geschichte erzählt wird, sondern sie selber davon berichten können. Direktorin Sajaloli will kein Museum schaffen, sondern eine Stätte der Auseinandersetzung, an der Überlebende, Historiker, Künstler, Jugendliche miteinander ins Gespräch kommen. „Die Arbeit mit den Jugendlichen ist das Rückgrat des Mémorials“, stellt sie fest. Damit das funktioniere, dürfe es keine Fortsetzung des Geschichtsunterrichts mit anderen Mitteln sein.

„Es war so hart, ich wollte mich nicht erinnern“

„Es gibt keine tiefere Zäsur als diesen Tag“
Gedenkstunde im Bundestag
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Zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs veranstaltete der Bundestag eine Gedenkstunde. „Der 8. Mai ist ein Tag der Befreiung gewesen – er war aber kein Tag der deutschen Selbstbefreiung“, sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Eröffnungsrede. „Unsere Gedanken und Respekt gelten denen, die unter unvorstellbaren Verlusten die nationalsozialistische Terrorherrschaft beendet haben, sowohl in den Reihen der westlichen Alliierten als auch auf Seiten der Roten Armee.“

(Foto: dpa)
Tiefste Zäsur der deutschen Geschichte
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Neben Zeitzeugen und Botschaftern war höchste Politprominenz zum Gedenken angereist. In der ersten Reihe: Bundesratsvorsitzender Matthias Platzeck, Alt-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Alt-Bundespräsident Horst Köhler, Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier (v. l.). Die Gedenkrede hielt der Historiker Heinrich August Winkler: „In der deutschen Geschichte gibt es keine tiefere Zäsur als diesen Tag.“

(Foto: dpa)
Hollande am Denkmal de Gaulles
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Der französische Präsident François Hollande besuchte traditionsgemäß das Denkmal seines ehemaligen Amtskollegen Charles de Gaulle, der während des Zweiten Weltkriegs die französische Exilregierung in London führte. Danach ließ sich Hollande über die Champs-Élysées von der Republikanischen Garde zum Grab des Unbekannten Soldaten eskortieren und legte dort einen Kranz nieder. Mit Blick auf die französische Widerstandsbewegung sagte Hollande: „Der Sieg am 8. Mai war kein Sieg einer Nation über eine andere. Es war der Sieg eines Ideals über eine totalitäre Ideologie.“

(Foto: AFP)
Hoher Besuch aus den USA
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Den Feierlichkeiten in Paris wohnte auch der US-amerikanische Außenminister John Kerry (3. v. l.) bei. Die offizielle Zeremonie wurde wie jedes Jahr am Pariser Triumphbogen am Ende der Champs-Élysées gefeiert.

(Foto: AFP)
Gast aus Fernost
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Hoher Besuch aus Fernost erreicht zum Weltkriegsgedenken den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping (l.) ist extra zur 70-Jahr-Feier des Sieges der Roten Armee über die Wehrmacht angereist und wird verschiedenen Feierlichkeiten in Russland beiwohnen. Dort gilt übrigens erst der 9. Mai als Tag des Kriegsendes – weil die deutsche Kapitulation 1945 nach russischer Zeit erst nach Mitternacht unterzeichnet wurde.

(Foto: dpa)
Der König salutiert
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In Belgien salutierte König Philippe während einer Gedenkzeremonie vor dem Grab des Unbekannten Soldaten in Brüssel. Das Land war von 1940 bis zum Ende des Kriegs 1945 von den Nationalsozialisten besetzt.

(Foto: AFP)
Gedenken in Israel
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Auch in Israel wurde der Sieg über Nazi-Deutschland gefeiert – unter anderem mit einer Parade in der südisraelischen Stadt Ashdod. An dem Umzug nahmen auch Weltkriegsveteranen teil, die vor mehr als 70 Jahren gegen die Nationalsozialisten gekämpft haben.

(Foto: Reuters)

Wie aber macht man das? Agnès hat Ideen. In ein paar Wochen wird das frühere Fußballidol Eric Cantona hier sein, um mit Jugendlichen zu diskutieren. Seine Mutter floh 1939 mit ihren Eltern vor Franco aus Spanien. Im Sommer haben junge Deutsche, Franzosen und Spanier darüber diskutiert, was Flucht und Europa für sie bedeuten – ein Projekt, das sich jedes Jahr wiederholen soll.

Eine junge französische Künstlerin bereitet die erste befristete Ausstellung vor. Dazu gehören ein Video und ein Briefprojekt: Hunderte Bürger haben aufgeschrieben, was sie mit dem Mémorial verbinden. Jeder Besucher kann einen Brief herausfischen und mit dem Absender in Kontakt treten.

Manche Überlebende kommen heute zum ersten Mal nach Rivesaltes zurück. Marie-Thérèse Camara ist die Frau eines Soldaten aus Guinea, der im Zweiten Weltkrieg für die Franzosen kämpfte. Sie wurde mit ihrer Familie 1962 interniert. Es ist ihr nicht leicht gefallen, auf die unwirtliche Ebene zurückzukehren. „Wir waren so geschwächt, ich hätte fast mein Kind verloren“, sagt sie.

Bis vor kurzem hat sie nicht mit ihren Kindern über Rivesaltes gesprochen: „Es war so hart, ich wollte mich nicht erinnern und den Kindern wollte ich das ersparen.“ Beim Gang über das verwilderte Gelände bleibt sie immer wieder zurück, bleibt lange an einer Baracke stehen, hält sich an einem Pfosten fest und schaut auf die Mauern, in denen sie zwei Jahre ihre Lebens verbracht hat.

Als militärisches Übungsgelände „Camp Joffre“ wurde die Anlage Ende der 30er-Jahre aus dünnen Zementsteinen errichtet, die Dächer bestanden aus asbesthaltigen Faserzementplatten. Überall liegen sie zerschmettert auf dem Boden. Arbeiter mit Atemschutzgerät sammeln sie ein, haben ein Areal eingezäunt und mit einer Plane gesichert. Ein rührender Versuch der Fürsorge, eine leichte Beute für den Wind: Die Plane hat er schnell zerfetzt, nun spielt er weiter mit den Asbestfasern, treibt sie über das Gelände.

An etwas geschützteren Stellen wachsen ein paar Oliven- und Feigenbäume. Sie wirken wie ein Versöhnungsangebot der Natur: Sie schickt ihre friedlichsten Pflanzen, um diesem Ort der Verzweiflung endlich seine Hoffnungslosigkeit  zu nehmen.

Wenn die Bäume gewachsen sind und mediterrane Milde ausstrahlen, werden Antonio, Paul und Marie-Thérèse lange tot sein. Aber noch können sie Zeugnis ablegen. „Ich mache es für die Jugendlichen, die oft nicht verstehen, was Freiheit und Demokratie bedeuten, wie kostbar es ist, dass wir wählen können“, sagt Antonio. Dann fügt er hinzu: „Und ich mache es für all die armen Teufel, die heute als Flüchtlinge durch Europa irren wie wir in den 40er-Jahren.“

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