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Gedenkstätte Rivesaltes in Frankreich „Für die armen Teufel, die durch Europa irren“

Seite 3 von 5:
„Wir können eure Kinder retten“
Hitlers Handlanger
Oskar Groening
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Das Landgericht Lüneburg hat den 94-Jährigen am Mittwoch wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen in Auschwitz zu vier Jahren Haft verurteilt. Gröning hatte im Prozess seine Beteiligung und moralische Mitschuld am Holocaust eingeräumt. Er hatte gestanden, Geld von Verschleppten gezählt und zur SS nach Berlin weitergeleitet zu haben. Dies brachte ihm später den Beinamen eines „Buchhalters von Auschwitz“ ein. Er sagte aus, zwei- bis dreimal vertretungsweise Dienst an der Rampe getan zu haben, um dort Gepäck zu bewachen. Dort wurden deportierte Juden zur Ermordung selektiert.

(Foto: ap)
Siert Bruins
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Als Angehöriger der deutschen Sicherheitspolizei in den Niederlanden soll er 1944 einen Gefangenen erschossen haben. Dafür wurde der gebürtige Niederländer 1949 dort zum Tode verurteilt, später umgewandelt in lebenslange Haft. In Deutschland, wo Bruins lebt, galt die Tat zunächst als verjährter Totschlag. Später wertete die Staatsanwaltschaft sie als Mord. 2013 kam er mit 92 Jahren vor Gericht. Das Landgericht Hagen stellte das Verfahren aber ein: Nach 70 Jahren sei der Nachweis des Mordvorwurfs nicht möglich gewesen.

(Foto: dpa/picture-alliance)
John Demjanjuk
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Der 91-jährige gebürtige Ukrainer starb 2012 in einem bayerischen Pflegeheim - zehn Monate nach seiner Verurteilung als Holocaust-Mittäter. Das Landgericht München hatte ihn wegen Beihilfe zum Mord an 28 000 Juden im Lager Sobibor zu fünf Jahren verurteilt. Mit Blick auf sein Alter wurde der Haftbefehl aber aufgehoben.

(Foto: Reuters)
Laszlo Csatary
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Der ehemalige NS-Lagerkommandant starb 2013 mit 98 Jahren in Budapest. Er soll 1944 maßgeblich an der Deportation von Juden in Konzentrationslager beteiligt gewesen sein. Wenige Wochen vor seinem Tod wurde er in Ungarn angeklagt. Zuvor hatte das Oberste Gericht der Slowakei ein Todesurteil, das 1948 gegen ihn in Abwesenheit ergangen war, in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt.

(Foto: dpa)
Hans Lipschis
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Der Pass von Hans Lipschis: Der mutmaßliche frühere SS-Wachmann in Auschwitz muss sich nicht wegen Beihilfe zum Mord vor Gericht verantworten. Das Landgericht Ellwangen (Baden-Württemberg) lehnte ein Verfahren gegen den damals 94-Jährigen 2014 wegen Verhandlungsunfähigkeit ab. Die Staatsanwaltschaft hatte dem gebürtigen Litauer vorgeworfen, zwischen 1941 und 1943 Beihilfe zum Mord an mehr als 10 500 Menschen geleistet zu haben.

(Foto: dpa/picture-alliance)
Heinrich Boere
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Das Landgericht Aachen verurteilte den 88-Jährigen 2010 wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Haft. Er hatte 1944 als Teil eines SS-Mordkommandos niederländische Zivilisten erschossen. Er starb 2013 hinter Gittern. Boere war 1949 in den Niederlanden in Abwesenheit verurteilt worden, die Strafe wurde aber nie vollstreckt.

(Foto: dpa/picture-alliance)
Samuel Kunz
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Der wegen Beihilfe zum Massenmord angeklagte mutmaßliche NS-Verbrecher starb 2010 kurz vor Beginn seines Prozesses. Kunz soll 1942/1943 Wachmann im Vernichtungslager Belzec, dessen Gedenkstätte hier im Bild zu sehen ist, gewesen sein. Wegen Mordes in 10 und Beihilfe zum Mord in mindestens 430.000 Fällen sollte dem 89-Jährigen der Prozess gemacht werden.

(Foto: dpa/picture-alliance)

Als sich 1942 die Verfolgung der Juden durch die Nazis radikalisierte, stellten die ins Camp eingeschmuggelten Helferinnen des jüdischen Hilfskomittees OSE Pauls Eltern vor eine harte Entscheidung: „Wir können ihn und seinen jüngeren Bruder retten und in Sicherheit bringen, dann werdet ihr aber keinen Kontakt mehr zu ihnen haben.“ Die Eltern entschieden sich für die Trennung und retteten ihren Kindern damit das Leben. Sie selber wurden wenige Monate später von den Vichy-Kollaborateuren nach Drancy bei Paris gebracht und dann von den Nazis nach Majdanek und Auschwitz, wo sie ermordet wurden.

Vom Sommer 1942 an – Südfrankreich war noch nicht von der Wehrmacht besetzt, offiziell hatte die Vichy-Regierung das Sagen - organisierte diese Razzien und Judentransporte. Ein düsteres Kapitel der französischen Geschichte.

Doch nicht alle deutschen Juden, die in Rivesaltes festsaßen, wurden abtransportiert. Fast die Hälfte von ihnen wurde verschont oder ihnen gelang die Flucht. In den französischen Sicherheitskräften gab es nicht denselben Kadavergehorsam wie in den deutschen, nicht alle Soldaten und Polizisten setzten sich mit voller Kraft für die Judenverfolgung ein.

Im Bundesarchiv in Berlin findet sich ein Brief des obersten  SS-Judenjägers in Frankreich Aloys Brunner. Der beschwert sich darüber, dass die französische Polizei häufig Juden verstecke, bevor Suchtrupps der SS oder des SD ein Lager durchkämmten. „Deshalb sollten deutsche Einheiten ab sofort ihre Besuche nicht mehr ankündigen“, schrieb Brunner 1942.

Die französische Geschichte zwischen 1940 und 1945 ist also nicht nur schwarz, es gibt viele helle Flecken. Weshalb hat es dennoch so lange gedauert, bis über Orte wie Rivesaltes gesprochen werden konnte? Der Historiker Nicolas Lebourg führt das darauf zurück, dass sein Land „ein neurotisches Verhältnis zu seiner Vergangenheit“ habe. Bis in die 70er-Jahre habe De Gaulles Fiktion von einem Frankreich, das geschlossen in der Résistance war, gegolten. Vom Ende der 70er-Jahre an sei der Konsens gekippt, ab dann hätten fast alle Franzosen als Kollaborateure gegolten: „Die vielschichtige Wirklichkeit hat niemanden interessiert.“

In Rivesaltes kam hinzu, dass bis 1997 niemand das Lager ohne ausdrückliche Genehmigung des Standortkommandanten betreten durfte. Noch heute ist ein großer Teil militärisches Sperrgebiet. Dort hat der Auslandsgeheimdienst DGSE zwischen alten Baracken neue Gebäude hochgezogen. Was er dort macht? Niemand weiß es.

Ein weiterer Grund: Die Historisierung fiel schwer, weil die Vergangenheit bis in die Gegenwart reicht. Ein Teil  des Komplexes wurde noch bis 2007 als Abschiebehaftanstalt genutzt. „Hier befand sich von 1985 bis 2007 ein Gefängnis, in dem Tausende Frauen und Männer eingesperrt waren. Ihr einziges Vergehen bestand darin, Ausländer zu sein, deren Situation als irregulär galt.“ Das steht auf einer Stele in einem geräumten Bereich des Lagers. Darunter ein Zitat: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. – Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.“

Das Mémorial kommt hier ganz nah an die Aktualität heran. Das will es auch, betont Agnès Sajaloli. Für Valls dürfte es eine heikle Rede werden, die er am Freitag hält, wenn er begründen muss, warum so schlimm war, was von 1941 bis in die 60er-Jahre auf der windgepeitschen Ebene geschah, aber untadelig, was bis 2007 folgte.

Brexit 2019
„Es gab auch gute Menschen in der Wehrmacht“
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