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Gemeinsame Aufholjagd Zurück an die Weltspitze des Chipmarkts: EU und USA bündeln ihre Kräfte

Die EU und die USA wollen ihre Abhängigkeit von asiatischen Lieferanten reduzieren – und industriepolitisch kooperieren. Darum reihen sich die Spitzentreffen aneinander.
30.06.2021 - 18:59 Uhr Kommentieren
Das Unternehmen gehört zu den führenden Chipkonzernen. Quelle: Bloomberg
Infineon-Labor

Das Unternehmen gehört zu den führenden Chipkonzernen.

(Foto: Bloomberg)

Brüssel, München Noch im vergangenen Sommer ging in Europa die Angst vor einem neuen transatlantischen Konflikt um: einem Wirtschaftskrieg um Mikrochips. In Berlin und Brüssel wuchs die Befürchtung, dass die Regierung des damaligen US-Präsidenten Donald Trump die Abhängigkeit Europas von amerikanischen Chipdesigns nutzen könnte, um ihre Pläne zur wirtschaftlichen Isolierung Chinas zu verwirklichen.

Es war die Sorge, dass die Amerikaner europäische Unternehmen zwingen könnten, den chinesischen Markt zu verlassen. Leidtragende wären vor allem die deutschen Autokonzerne gewesen. Entsprechend groß war die Nervosität in der Bundesregierung.

Keine zwölf Monate später hat sich die Lage fundamental verändert. Trump ist Geschichte, Europäer und Amerikaner belauern sich nicht mehr, sie planen gemeinsame Projekte. Statt darüber nachzudenken, wie sich mit Chips Wirtschaftskriege führen lassen, wollen beide Seiten ihre Chipbranchen noch stärker verzahnen und sich mit vereinten Kräften aus der prekären Abhängigkeit von asiatischen Herstellern lösen.

Die Spitzentreffen zwischen beiden Seiten häufen sich, und langsam wächst wieder, was Trump zerstört hat: wechselseitiges Vertrauen. Auf dem Gipfel der EU mit Präsident Joe Biden wurden die Grundlagen für eine transatlantische Chip-Partnerschaft gelegt, jetzt geht es darum, die Initiative mit Leben zu füllen.

Der jüngste Termin stand am Dienstag in Brüssel an: Intel-Chef Pat Gelsinger traf sich mit EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton, Europas führendem Industriestrategen. Es war das zweite Treffen der beiden innerhalb weniger Wochen, und es ging, wieder einmal, um die Pläne von Intel, neue Chipfabriken in Europa zu bauen. Zwei Wochen zuvor hatte Breton bereits ein Gespräch mit der neuen US-Wirtschaftsministerin Gina Raimondo geführt.

Von einer idealen Kooperationsgrundlage ist in der Kommission die Rede: „Die Amerikaner haben, was Europa braucht – und Europa hat, was die Amerikaner brauchen“, sagt ein Spitzenbeamter. Experten stimmen zu: „Sowohl die USA als auch Europa haben Schwachstellen in der Lieferkette für High-End-Chips“, sagt Tyson Barker von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. „Aber beide haben einzigartige Vorteile – Europa bei der Ausrüstung, die USA bei der Forschung.“ Beide hätten spezialisierte Halbleiterunternehmen. Wenn sie ihre Stärken bündelten, „könnten sie aufholen und vielleicht die Kapazitäten aus Ostasien überholen“.

Breton sieht speziell in Intel den idealen Partner, um Europa wieder zu einem ernst zu nehmenden Spieler auf dem Chipmarkt zu machen. Denn Intel ist einer der wenigen Chipkonzerne, die noch selbst Chips produzieren.

Der Franzose ist seit 2019 Binnenmarktkommissar. Quelle: AP
Thierry Breton

Der Franzose ist seit 2019 Binnenmarktkommissar.

(Foto: AP)

Bislang würden 80 Prozent aller Halbleiter in Asien produziert, aber 70 Prozent in Amerika und Europa genutzt, rechnet Konzernchef Gelsinger vor. Ein Ungleichgewicht mit Folgen: Weil die Auftragsfertiger in Fernost nicht mehr hinterherkommen, stehen weltweit Autofabriken still.

Die Risiken dürften künftig nur noch größer werden. Der Grund: Von den technisch anspruchsvollsten Chips, die eine Größe von weniger als zehn Nanometer haben, stammt die Hälfte aus Taiwan und knapp ein Fünftel aus Südkorea. Zur Einordnung: Ein Nanometer entspricht dem millionsten Teil eines Zentimeters, das ist in etwa so viel, wie ein Fingernagel pro Sekunde wächst. Diese winzigen Bauteile werden mit dem Fortschreiten der Digitalisierung dringend benötigt.

Auch wenn sich Taiwan und Südkorea als verlässliche Lieferanten erwiesen haben, ist die Abhängigkeit hochproblematisch, gerade im Falle Taiwans. Die Insel ist eine geopolitische Hochrisikozone: China betrachtet sie als Teil seines Staatsgebiets, es herrscht erhöhte Kriegsgefahr.

Die EU hat daher das Ziel ausgegeben, Europas Anteil an der globalen Chipproduktion innerhalb der nächsten zehn Jahre erheblich zu steigern– von weniger als zehn auf 20 Prozent. Der aktuelle Chipmangel, das weiß Breton, wird sich mit dieser Initiative nicht beheben lassen; sie ist vielmehr darauf ausgerichtet zu verhindern, dass bestehende Abhängigkeiten in die Zukunft fortgeschrieben werden. Zumindest bei der nächsten Generation von Mikroprozessoren soll Europa wieder ganz vorne mitspielen.

Auch die Amerikaner wollen die Produktion von Mikroprozessoren zurück ins eigene Land holen. Ihren Weltmarktanteil wollen sie von derzeit zehn Prozent auf 30 Prozent anheben. Der US-Senat hat dafür gerade erst ein Förderprogramm von 52 Milliarden Dollar beschlossen.

Seit Februar führt der Manager Intel. Quelle: imago images/ZUMA Wire
Pat Gelsinger

Seit Februar führt der Manager Intel.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Unternehmen wie Intel können mit üppigen Subventionen rechnen – und treten mit einer entsprechenden Erwartungshaltung auf, auch in Europa. Intel-Chef Gelsinger will in Europa für etwa 100 Milliarden Dollar sechs bis acht hochmoderne Chipwerke errichten. Dafür verlangt er allerdings etwa 40 Milliarden Dollar an Subventionen.

Sorge vor Subventionswettlauf

Breton muss sicherstellen, dass angesichts der akuten Lieferengpässe nicht jedes EU-Land für sich selbst versucht, Intel oder einen anderen Hersteller mit üppigen Investitionsanreizen anzulocken. Nur ein europäischer Ansatz verhindere einen Subventionswettlauf, heißt es aus der Kommission.

In den Gesprächen mit Intel, aber auch mit dem koreanischen Samsung-Konzern und dem taiwanesischen Hersteller TSMC macht Breton vor allem eines deutlich: Europa kommt nicht als Bittsteller, Abhängigkeiten bestehen in beide Richtungen. „Ohne europäische Maschinen und europäisches Know-how keine modernen Mikrochips – denkt daran, liebe Chiphersteller“, das ist seine Botschaft.

Auch darum lässt sich Breton in blauer Schutzkleidung vor Hochleistungsmaschinen des niederländischen Chipmaschinenherstellers ASML fotografieren oder mit Siliziumscheibe in der Hand bei Imec, dem weltweit führenden Forschungszentrum für Mikroelektronik im belgischen Leuven.

Er will das Image von Europa als abgehängtem alten Kontinent korrigieren und andere an ihre Abhängigkeiten von Europa erinnern - um ihnen bei ihren Investitionsentscheidungen auf die Sprünge zu helfen.

Mehr: Kaufaufträge über 130 Milliarden Euro: Investoren reißen sich um Europa-Bonds

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