Gentechnik-Lebensmittel EU will nationale Genfood-Verbote erlauben

Bisher gilt: Werden gentechnisch veränderte Lebensmittel von der EU zugelassen, sind sie dies auch EU-weit. Nun sollen Länder im Alleingang Gen-Produkte verbieten können. Umweltschützer sprechen von einer „Farce“.
Update: 22.04.2015 - 18:24 Uhr Kommentieren
Die EU will nationale Verbote von zugelassenen Gentechnik-Lebensmitteln erlauben. Quelle: dpa
Umstrittene Regelung

Die EU will nationale Verbote von zugelassenen Gentechnik-Lebensmitteln erlauben.

(Foto: dpa)

BrüsselBei der Genehmigung von Genpflanzen als Lebens- und Futtermittel sollen die EU-Staaten mehr Entscheidungsfreiheit bekommen. Die Brüsseler EU-Kommission stellte am Mittwoch heftig umstrittene Pläne vor, wonach die Regierungen nationale Verbote leichter aussprechen können sollen. Sowohl die Gentechnik-Branche als auch Umweltschützer bemängelten fehlende Rechtssicherheit.

Bislang werden genmanipulierte Organismen oft gegen den Willen der EU-Staaten als Lebens- oder Futtermittel zugelassen, weil keine ausreichende Mehrheit dagegen zustande kommt. Nachträgliche nationale Verbote einer in der EU zugelassenen Genpflanze sind dabei nur in Ausnahmefällen vorgesehen. Dazu müssten Staaten neue Erkenntnisse vorlegen. Das gilt als schwierig, weil die europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit (Efsa) bereits eine wissenschaftliche Bewertung vornimmt.

Künftig sollen sich die Staaten laut Vorschlag bei nationalen Verboten auf Gründe berufen, die mit dem öffentlichen Interesse zu tun haben. „Die Kommission hat die Bedenken vieler EU-Bürgerinnen und -Bürger zur Kenntnis genommen“, teilte der für Lebensmittelsicherheit zuständige Kommissar Vytenis Andriukaitis mit.

Der Vorsitzende der EVP-Fraktion im Europaparlament, Manfred Weber (CSU) lobte die Pläne: „Die EU-Kommission macht klar, dass Europa nicht über alles entscheiden muss, sondern vieles auch national geregelt werden kann.“

Ansonsten schlug dem Vorschlag allerdings ungewöhnlich breite Kritik entgegen. „Er wird uns allen viel Ärger bringen und am Ende keine Verbesserung zur heutigen Situation schaffen“, kommentierte der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Harald Ebner bemängelte „juristische Risiken“ und erklärte: „Jeder kann überall innerhalb der EU kaufen und verkaufen, was er will. Grenzkontrollen gibt es auch nicht. Will [EU-Kommissionschef Jean-Claude] Juncker die wieder einführen?“

Der Deutsche Bauernverband bezeichnete die Idee nationaler Verbote „angesichts der engen europäischen Integration der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft“ als „weltfremd“. Auch der europäische Dachverband Copa Cogeca hält die Regeln für nicht praktikabel. Der Biotechnik-Branchenverband EuropaBio kommentierte, die Kommission „opfert das Grundprinzip des Binnenmarktes“.

Die Pläne bedürfen der Zustimmung der EU-Staaten und des Europaparlaments. Ähnliche Regeln sind jüngst bereits für den Anbau genmanipulierter Pflanzen in Kraft getreten.

Wo es Essen ohne Gentechnik gibt
Einkaufen im Bio-Supermarkt
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Verbraucher wollen keine Gentechnik. Etwa 83 Prozent der deutschen Verbraucher lehnen nach einer Forsa-Umfrage (Juni 2012) gentechnisch veränderte Lebensmittel ab. Ein Grund, warum es hierzulande kaum Lebensmittelhersteller gibt, die Zutaten aus Gen-Pflanzen direkt verarbeiten. Nicht ganz so erfreulich schaut es hingegen bei tierischen Artikeln wie Fleisch, Eiern und Milch aus, denn 80 Prozent der Gen-Pflanzen landen am Ende im Tierfutter.

Biobranche im Aufwind - großer Importbedarf
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Die Umweltorganisation Greenpeace präsentiert in ihrer neuen Broschüre „Essen ohne Gentechnik“ die Ergebnisse einer spannenden Untersuchung. Die Experten haben getestet, ob Markenhersteller bei tierischen Produkten Gen-Pflanzen im Tierfutter einsetzen und zeigen, welche Supermarktketten auf Produkte ohne Gentechnik setzen.

Alnatura Bio-Supermarkt
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Platz 1: Alnatura

Der südhessische Bio-Händler Alnatura schneidet am besten ab. Hier werden nur Produkte aus biologischer Produktion verkauft, die frei von Gentechnik sind. Die Naturkostkette vertreibt auch Bio-Lebensmittel unter einer eigenen Marke, die auch in Partnerschaft mit anderen Händlern wie dm, Tegut und Budni verkauft werden.

In der ökologischen Landwirtschaft sind Gentechnik in Lebensmitteln oder im Tierfutter sowie chemisch-synthetische Spritzmittel tabu. Auch die Tierhaltung erfolgt nach strengeren Kriterien und Kontrollen.

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Platz 1: Dennree

Der Bio-Großhändler Dennree, der seinen Hauptsitz im Nordbayrischen Töpen hat, teilt sich den ersten Platz mit Alnatura und setzt ebenfalls keine Gen-Pflanzen ein; auch in der Tierfütterung nicht. Mit einem Umsatz von 420 Millionen Euro hat Dennree im vergangenen Jahr ein zweistelliges Wachstum von 12,8 Prozent erreicht. Das 1974 gegründete Unternehmen gilt als Bio-Pionierunternehmen und startete damals mit vier Bio-Milchprodukten in den Handel. Inzwischen sind täglich gut 200 firmeneigene Lkws unterwegs, um über 1.300 Naturkostfachgeschäfte in Deutschland, Österreich, Luxemburg und Südtirol/Italien mit inzwischen über 11.000 Artikeln zu beliefern.

(Foto: Dennree GmbH)

Migros übernimmt tegut
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Platz 2: Tegut

Die deutsche Supermarktkette Tegut legt viel Wert auf Bio-Ware und Produkte ohne Gentechnik. Kunden, die in einem Tegut-Markt einkaufen, erkennen das an dem Logo auf den Produkten. Die Firma hat als erste Kette ihre Eigenmarken bei Milch, Sahne, Schmand und Joghurt mit dem „Ohne Gentechnik“-Siegel ausgezeichnet und betreibt sogar eine eigene Fleischerei für Schweineprodukte. Unter der Eigenmarke „LandPrimus“ garantiert Tegut eine gentechnikfreie Fütterung.

Andere Eigenmarken, bei deren Herstellung auf Gentechnik verzichtet wird, sind „tegut...Bio“, „Herzberger Bäckerei“ und „Rhöngut“. Außerdem alle Eiermarken.

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Platz 3: Aldi Nord

Bio-Lebensmittel vom Discounter sind beliebt und müssen nicht mehr teuer sein. Inzwischen gibt es auch bei Aldi eine Menge Natur-Lebensmittel. Im Greenpeace-Ranking landet Aldi Nord auf dem dritten Platz, weil der Konzern seit zehn Jahren bei der Geflügelfütterung auf Gentechnik verzichtet. Nur bei Schweine- und Rindfleisch könnte das Engagement wohl noch etwas mehr sein.

Mit „Gut Bio“ bietet Aldi Nord eine Eigenmarke an, bei deren Herstellung auf den Einsatz von Gentechnik verzichtet wird - das gilt auch für alle Eiermarken. Bei Hähnchen- und Putenfleisch sind es die Marken „Bauernglück“ und „Farmfreude“.

Aldi & Co: Die Discounter möbeln ihre Filialen auf
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Platz 4: Aldi Süd

Identisch sieht es bei dem Discounter Aldi Süd aus, der ebenfalls mit zusätzlichen Bio-Produkten mehr Kunden in seine Filialen locken will. Vor zehn Jahren hat sich das Unternehmen bei der Geflügelfütterung von Gentechnik verabschiedet. Nachholbedarf besteht jedoch noch bei Schweine- und Rindfleisch.

Aldi Süd hat mit der Eigenmarke „bio“ ein garantiert gentechnikfreies Produkt im Regal. Außerdem sind alle Eiermarken gentechnikfrei.

Derzeit sind in der EU 58 gentechnisch veränderte Organismen als Lebens- oder Futtermittel zugelassen. Bei den neuen Regeln geht es in erster Linie um Genpflanzen als Tierfutter. Nach Angaben der EU-Kommission importierten die EU-Staaten 2013 mehr als 60 Prozent des Bedarfs an pflanzlichem Eiweiß. Die Einfuhren kommen zum Großteil aus Ländern, die viel Gensoja anbauen. Genveränderte Lebensmittel gibt es hingegen kaum in Europa - solche Inhaltsstoffe müssen grundsätzlich gekennzeichnet werden.

Aus der EU-Kommission hieß es am Mittwoch auch, sie wolle demnächst für 17 weitere genmanipulierte Lebens- und Futtermittelpflanzen grünes Licht geben sowie für zwei Nelkenarten.

  • afp
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