Gerhard Schröder in Paris Putins wichtigster Botschafter

Wladimir Putins Fürsprecher im Westen sind rar. Gerhard Schröder sieht die entscheidenden Fehler in der Krim-Krise jedoch nicht bei Russland. In Paris analysierte der Altkanzler nun die Lage – und lief zu alter Form auf.
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Gerhard Schröder bei einer Veranstaltung im Januar: Der Ex-Bundeskanzler ergreift nicht Partei für Wladimir Putin. Doch die Schuld am Ukraine-Konflikt sieht er nicht bei Russland. Quelle: dpa

Gerhard Schröder bei einer Veranstaltung im Januar: Der Ex-Bundeskanzler ergreift nicht Partei für Wladimir Putin. Doch die Schuld am Ukraine-Konflikt sieht er nicht bei Russland.

(Foto: dpa)

Paris„Hier ist ja ‚le tout Paris' anwesend, unglaublich, welche Anziehungskraft der Mann noch hat.“ Ex-Zentralbankchef Jean-Claude Trichet sagt das anerkennend mit Blick auf die Gäste, die in die Residenz der deutschen Botschafterin in Paris gekommen sind, um mit Altkanzler Gerd Schröder zu diskutieren. Sein Thema – Zustand und Perspektiven der Europäischen Union – wird aber von der Aktualität völlig in den Hintergrund gedrängt. Bevor es zu Tisch geht und Schröder seine Rede hält, stellen sich die Anwesenden nur eine Frage: „Was sagt er zu Putin und zur Ukraine?“

Wer glaubt, Schröder würde der Frage ausweichen, kennt ihn schlecht. Vielen wird nicht gefallen, was er sagt. Aber das hat ihn noch nie gestört. Schröder beherrscht immer noch die Kunst, potenzielle Gegner oder Leute mit einer anderen Meinung im Erstschlag so heftig anzukoffern, dass sie destabilisiert sind. Im vollbesetzten Saal des Palais Beauharnais geht er mit Vollgas auf den Konflikt zwischen Russland und dem Westen los – aber nicht etwa, um  Wladimir Putin die Schuld zu geben. Er kritisiert auch nicht die militärische Intervention.

Geschickt nähert er sich dem Konflikt aus einer ganz anderen Ecke: „Wenn wir zum Beginn zurückkehren, was hat die Krise ausgelöst?“ Für ihn gibt es keinen Zweifel: Die Ukraine ist souverän und muss es bleiben, „sie ist aber zumindest kulturell tief gespalten“. Daraus folgt für ihn: „Die Europäische Union hat sie vor die Frage gestellt: entweder Assoziierung mit der EU oder Zollunion mit Russland. Das konnte nicht gut gehen, eben weil das Land gespalten ist.“ Nun müsse zunächst alles vermieden werden, was „Öl ins Feuer gießt“.

Die Gefahr wittert er bei vielen Vorschlägen, sogar bei der britischen und französischen Ankündigung, vorerst nicht mit Russland in der G8 zusammenzuarbeiten: „Wozu soll das gut sein?“ fragt sich Schröder, der innerhalb weniger Minuten vom Polit-Rentner zum Staatsmann mutiert.

Die Frage, ob er als Vermittler zur Verfügung stehe, schmeichelt ihm anfangs ein wenig, doch ist er immer noch Profi genug, um sie rasch abzutun, nach dem Motto: bin nicht gefragt worden, will es nicht, hätte auch keinen Sinn. „Das muss in der Struktur der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) laufen, damit die Ukraine und Russland wieder direkt miteinander reden, moderiert von den drei Außenministern Frankreichs, Polens und Deutschlands“, findet Schröder.

Die OSZE. Von der hat man lange nichts mehr gehört. Jüngere dürften nicht einmal mehr wissen, was es damit auf sich hat. Aber Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat sie ins Gespräch gebracht, und Schröder findet das gut. Einem anderen Kürzel kann der Altkanzler überhaupt nichts abgewinnen: Nato. „Die Nato hat keine Funktion, schon gar keine politische, sie schafft kein zusätzliches Vertrauen“, stellt Schröder kurz und bündig fest. Als es ein Journalist später beim Gespräch Schröders mit den Medien wagt, die Frage aufzuwerfen, ob Russland nicht eine Grenze aufgezeigt werden müsse, zeigt der Sozialdemokrat, dass er noch das volle Repertoire drauf hat: neben charmant und reflektierend kann er auch bollernd. „Also wenn das so ist, brechen wir das hier besser gleich ab, was wollen Sie denn, etwa eine militärische Konfrontation? Wollen Sie das?“, faucht  Schröder den Mann an, als habe der gerade den Einsatz deutscher Panzer gefordert.

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  • Es lohnt sich oft, Gegenwärtiges mit Vergangenem abzugleichen. Etwa Putin 2014 mit A. Hitler 1934/36. Oder Putins "wichtigster Propagandist" G.Schröder mit dessen damaligem "Kollegen", Joseph Goebbels. Nur der war um Klassen cleverer.Aber auch skrupelloser????Für Putin sicher kein Vorteil. Doch alle Weichspüler in der Beurteilung von Putins Rolle in der Krim - Krise sollten ihre Blicke zurück auf Österreich und Jugoslawien richten. Die Schritte ähneln sich erschreckend. Damals griff Hitler niemand in die Diktatorhand. Das Ergebnis kennen wir. Es verursachte über sechs Mill. Tote.Reicht diese Erfahrung nicht heute, die Angelegenheit ernst- hafter und konsequenter zu beurteilen als mit albernen Sprüchen??? Da hat Schröder noch manches aufzuholen.. Doch sagt der Volksmund nicht von ungefähr: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing!!Brauchen wir einen solchen Speichellecker wirklich???

  • Der Vorschlag, eine diplomatische Lösung mit der Troika Frankreich, Polen und Deutschland als den 3 Schwergewichten in Zentraleuropa anzustreben, ist sehr gut. Der Vorschlag ist aber nicht von Herrn Schröder. Und was hat die OSZE in diesem Kontext zu suchen - das wäre eine Lachnummer. Dass Herr Steinmeier diese rechtlich ungeklärte Organisation vorschlägt, beweist nur, dass er auf Zeit spielen will.
    Am besten wäre, die Polen übernehmen die Federführung, die wissen sowohl, wie die Russen ticken und kennen die EU-Bürokratie.
    Auch haben sie einen recht guten und glaubwürdigen Draht zu den USA - ohne ständig das Freundesgesäusel bzulassen, wie das das gegenwärtige Auswärtige Amt meint tun zu müssen.

    Politik ist die Kunst des Machbaren, und dass die EU außer warmen Worten nichts für die Ukraine übrig hat - ist ja wohl offensichtlich. Da eine Rückkehr zum status quo ante durch das dilettantische Vorgehen der EU nicht mehr möglich ist, läuft wohl die Entwicklung auf eine Teilung des Landes hinaus.

  • Warum zieht eigentlich Hr Schroeder nicht in die SU.
    Ja die SU,wo die "echten Demokraten" zu Hause sind.
    Mit Totschlaegerparolen Fragen abzutun ist ein schlechter Stil und plumpe Politik.In der Politik wird ja schnell vergessen.
    Hr Schroeder tut diesen Voelkerrechtsbruch mit markigen Worten einfach ab.
    Da hoere ich noch Franz Josef in den Kulissen.
    Der KGBist im Kreml mit Deutschkenntnissen versteht nur eine Sprache und das ist die Sprache der Staerke.
    Deutschland ist mit der Gazprom erpressbar und das ist ein Riesenfehler,so macht man sich seine "Partner"gefuegig.
    Frau Merkel kann ja die Rote Armee wieder in den Osten einladen,der Bau neuer Unterkuenfte wurede dort die Wirtschaft ankurbeln und uns vor den "amerikanischen Imperialisten "schuetzen.
    Das waere doch ein guter Anfang um die alte SU wieder herzustellen!!Die Polen ,Bulgaren etc. rollen wir dann von hinten auf.
    Wenn es um Eigeninteressen geht seit wenigstens ehrlich und schiebt nicht irgendwelche fadenscheinige Gruende vor.

  • Wieder der alte Trick der globalistischen Einheitsmedien: die Totengräber Europas als überzeugte Europäer darzustellen.
    Einbürgerung tausender Türken um deren Stimmen zu bekommen? Gut für das deutsche Volk?
    Überfremdung in einem Ausmaß, daß Berlin und andere Städte nicht mehr als deutsche Stadt zu erkennen sind? Großartig!
    Die deutschen Kinder zu fremden in der eigenen Heimat zu machen, zu einer Minderheit im EIGENEN Land?
    Großartiger Staatsmann!
    Die Früchte deutschen Fleißes und Erfindungsreichtum vom Wahn einer EUDSSR mit Zentralwährung abschöpfen zu lassen?
    Großer Europäer!
    Nach Überwindung der unsäglichen Monarchien, in denen Völker und ihr Selbstbestimmungsrecht NICHTS galten, wird abermals versucht die nationalen Eigenheiten in einerm marxistischen Superstaat - diesmal mittels Masseneinwanderung zu zerstören. Der Gipfel der Humanität!

    Schröder hat dem legalisierten Pyramidensystem namens Mindestreservensystem ein paar Jahre erkauft, indem die Deutschen noch weniger bekommen während die BRD zum Sozialamt der Welt ausgebaut wurde.
    Hervorragende Politik für Deutschland!

    So viel Lob für einen Totengräber. Oder etwa deswegen?

  • Wer Schröder bezahlt, weiss der Wähler und Bundesdeutsche im algemeinen.

    Ich würde mir am Ihrer Stelle eher Gedanken darüber machen, wer die über 600 anderen im Bundestag noch bezahlt!

  • Dreimal falsch.

    Jede Änderung der rechtlichen Verhältnisse ist zu Anfang illegal.
    Legitim kann es dennoch sein oder werden.

    Wollen Sie dem Russen mit der Polizai kommen? Mit Wirtschaftskrieg? Isolation? Atomraketen?

  • @petervonbremen
    Unpassende Anspielung?

  • Wer als Politiker eines demokratischen Staates nicht bereit ist, einen massiven militärischen Verstoß gegen Internationales Recht als einen illegitimen Gewaltakt zu bezeichnen, hat keinen Respekt mehr verdient.
    Ein Altbundeskanzler macht sich gemein mit einem Aggressor. Ich schäme mich.
    Für die bewertende Kommentierung der Rede von Herrn Schröder müßte sich die Redaktion des Handelsblattes schämen.

  • Wer als Politiker eines demokratischen Staates nicht bereit ist, den Verstoß gegen Internationales Recht als einen illegitimen Gewaltakt zu bezeichnen, hat keinen Respekt mehr verdient. Ein Altbundeskanzler macht sich gemein mit einem Aggressor. Ich schäme mich.
    Für die kommentierende und in dieser Art wertende Berichterstattung müßte sich die Redaktion des Handelsblattes schämen.

  • Wer als Politiker eines demokratischen Staates nicht bereit ist, den Verstoß gegen Internationales Recht als einen illegitimen Gewaltakt zu bezeichnen, hat keinen Respekt mehr verdient. Der Altbundeskanzler Schröder macht sich gemein mit einem Aggressor. Ich schäme mich.
    Für die Kommentierung durch das Handelsblatt müßte sich die Redaktion schämen.

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