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Global Risk Report China Chinesen leben zunehmend auf Pump

Wohnung, Auto, Smartphone: China wandelt sich von einer Sparer- zu einer Kreditnehmernation. Das birgt viel Wachstumspotenzial – aber auch immense Risiken.
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Autos werden in China häufig mithilfe eines Kredits gekauft. Quelle: AFP
Shanghai Motor Show

Autos werden in China häufig mithilfe eines Kredits gekauft.

(Foto: AFP)

Peking Li Huimings erster Kredit betrug gleich 250.000 Yuan, umgerechnet gut 32.000 Euro. Die 31-jährige Physiotherapeutin und ihr Ehemann wollten sich für ihre Alterssicherung ein Apartment in ihrer Heimatstadt Handan im Nordwesten Chinas kaufen. Eine halbe Million Yuan hatten sie als Eigenkapital zusammengespart.

Nun sollen sie ihr Darlehen über die kommenden 20 Jahre abbezahlen. „Wir könnten es sogar in einem kürzeren Zeitraum schaffen“, sagt Frau Li, die gemeinsam mit ihrem Ehemann rund 13.000 Yuan pro Monat verdient. „Aber aus irgendeinem Grund hast uns die Bank diesen Zeitraum aufgeschwatzt, und wir haben es dann akzeptiert.“

Ob für eine Wohnung, ein Auto oder ein Smartphone: Wie für Li ist für viele Chinesen ein Kredit mittlerweile eine ganz normale Sache geworden. Dabei ist China traditionell ein Land der Sparer. In den vergangenen zwei Jahrzehnten lag die Sparrate stetig über 30 Prozent, so hoch wie fast nirgendwo sonst auf der Welt. Doch inzwischen verschulden sich die chinesischen Privathaushalte auch immer höher.

Der Wandel ist politisch gewollt: Die Binnennachfrage soll das Wirtschaftswachstum stärker ankurbeln, so der Plan der Führung in Peking. Dafür ist die Kreditvergabe ein wichtiges Instrument. Entsprechend einfach ist es für Verbraucher, an Kredite zu kommen. So stieg die private Haushaltsverschuldung in den vergangenen zehn Jahren von 18 auf 53 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Damit liegt sie mittlerweile weit über dem Durchschnittswert für Entwicklungsländer von 40 Prozent. Schon jetzt warnt etwa die Deutsche Bank vor „einer steigenden Anzahl von Warnzeichen, die darauf hinweisen, dass die Bilanzen von Privathaushalten immer strapazierter werden“.

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Eine Studie der Bank of International Settlements unter 54 Volkswirtschaften zeigt, dass eine zu hohe private Haushaltsverschuldung von mehr als 60 Prozent des BIP gravierende Langfristkonsequenzen für den Konsum haben kann. Diese Marke, so der Internationale Währungsfonds (IWF), könnte China bereits 2023 knacken. „Lange hieß es, dass sich private Haushalte ruhig noch höher verschulden können“, meint Zhang Zhiwei, China-Chefökonom der Deutschen Bank. „Inzwischen sind sich die Behörden des wachsenden Risikos bewusst und gehen konservativer vor.“

Dinny McMahon, Fellow am Paulson Institute und Autor des Buchs „China’s Great Wall of Debt“, warnt: „Wenn sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt, die Arbeitslosigkeit steigt oder der Hypothekenstress zunimmt, dann kann man davon ausgehen, dass immer mehr Kreditkartennutzer Schwierigkeiten haben werden, ihre Schulden zurückzuzahlen.“

Der Wandel Chinas zu einer Nation verschuldeter Unternehmen und Haushalte wird dessen Wirtschaft in den kommenden Jahren massiv prägen, auch wenn der Fokus derzeit auf dem Handelskrieg mit den USA liegt. Die Unternehmenskredite von 19,7 Billionen US-Dollar gelten schon länger als eine der Achillesfersen der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.

Die kleine Baoshang Bank musste jüngst deswegen aufgefangen werden. Mittlerweile betragen die Kredite an Privathaushalte mit 6,6 Billionen US-Dollar bereits ein Drittel der Unternehmenskredite, sind aber weit weniger im Fokus.

Seit drei Jahren verfolgt Peking eine Kampagne zum Schuldenabbau im Unternehmenssektor. Mit Erfolg: Das Volumen der Unternehmenskredite sinkt leicht. Das bedeutet aber auch, dass Banken ihre Kunden woanders suchen müssen: unter Chinas Verbrauchern. 2017 wurden private Haushalte zum ersten Mal die größten Empfänger neuer Kredite.

Der VW auf Kredit

Wer einen Einblick erhalten möchte, wie sich Chinas Verbraucherverhalten verändert hat, muss nur einen VW-Autohändler in China besuchen. Seit 2004 hat Volkswagen Financial Services China rund drei Millionen Kunden Darlehen zur Verfügung gestellt. Inzwischen nimmt fast die Hälfte ihrer Käufer dieses Angebot wahr. Vor einem Jahrzehnt waren es nur zehn Prozent.

Die wichtigste Kreditart für private Haushalte sind aber Hypothekendarlehen. Sie stellten zum Ende des ersten Halbjahrs 2018 nach Berechnungen der Deutschen Bank knapp über der Hälfte des Bestands. Zwölf Prozent entfielen auf Kreditkarten, 19 Prozent auf sogenannte Kleinkredite für Selbstständige und Kleinunternehmer, der Rest auf Auto- oder Verbraucherkredite.

Die Experten stimmt unter anderem sorgenvoll, dass kurzfristige Kredite einen immer größeren Anteil der Rückzahlungen ausmachen. In ihrem Finanzstabilitätsbericht vom November 2018 merkte Chinas Zentralbank an, dass „einige Haushalte durch ihre Ausgaben für Hauskäufe überlastet wurden.

Folglich müssen sie auf kurzfristige Verbraucherkredite zurückgreifen, um ihren Konsum aufrechtzuerhalten.“ Nach Schätzung der Deutschen Bank wird ein Drittel der kurzfristigen Verbraucherkredite sowie der Kreditkartenschulden für die Finanzierung langfristiger Immobiliendarlehen verwendet. Sich kurzfristig verschulden, um langfristige Zinsen zu bedienen, ist aber ein riskantes Modell – auch für private Haushalte.

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Ein zweiter Grund zur Sorge: Die Verschuldung der privaten Haushalte steigt vor allem in Provinzen wie Yunnan, Ningxia oder Gansu, Guangxi oder Tibet, wo die Bevölkerung ärmer ist. Eine landesweite Erhebung der Universität für Wirtschaft und Finanzen Südwestchinas zeigt, dass Chinas ärmstes Fünftel Hypotheken und Darlehen über fast das 15-Fache des Jahreseinkommens aufnimmt.

Zum Vergleich: In Deutschland muss eine überschuldete Person im Schnitt gut das Zweifache ihres Jahreseinkommens abbezahlen.

„Manche verspüren einen Gruppendruck und wollen Markensachen kaufen. Andere wollen in sich selbst investieren, um einen besseren Job zu bekommen oder ein Kleinunternehmen zu starten“, beobachtet Benny Li, Geschäftsführer der Plattform Huaxia Finance, die Finanzdienstleistungen und Onlinekredite anbietet.

Nicht alle Anbieter sind seriös: Chinas Medien sind voll mit Geschichten von Studentinnen, die Nacktbilder von sich als Kreditsicherheit hinterlegen sollten, oder über Selbstmordversuche aus Verzweiflung wegen der Schulden, wie der einer 19-Jährigen, deren 12.000 Yuan hoher Kredit für ein iPhone sich wegen hoher Zinsen auf 230.000 Yuan aufblähte.

„Mit Kartenmarketing kann man den Konsum kurzzeitig stimulieren. Aber wenn es dazu führt, dass vor allem die Haushalte mit niedrigem Einkommen zu viel Geld ausgeben, dann kann es gefährlich werden“, warnt Liu Cheng, der die Chinese Academy for Financial Inclusion leitet.

Obwohl die Chinesen in den Großstädten Apps wie Tencents WeChat Pay oder Ant Financials Alipay nutzen, um ihre Einkäufe zu erledigen, steigt auch die Kreditkartennutzung stark an. Allein im ersten Halbjahr 2018 wurden 92 Millionen neue Kreditkarten ausgestellt, inzwischen sind fast 700 Millionen Karten im Umlauf. Saßen Chinas Kreditkartenbesitzer 2009 auf nur 250 Milliarden Yuan an noch nicht bezahlten Schulden, waren es Mitte vergangenen Jahres 6,3 Billionen Yuan.

Wenig Regulierung, wenig Daten

Zwar gilt die Kreditkarten-Penetration in China, wo nur jeder Zweite eine Plastikkarte hat, als im internationalen Vergleich noch relativ niedrig – der durchschnittliche Amerikaner verfügt über drei Karten. Doch das liegt auch an den großen Unterschieden zwischen Land und Stadt. Im dritten Quartal lagen die Kreditkartenausgaben im Schnitt mit 5767 Yuan pro Monat höher als das verfügbare Durchschnittseinkommen von Stadtbewohnern (4933 Yuan).

Für die Banken bedeuten Kreditkarten höhere Einnahmen durch höhere Zinsen und Gebühren als bei anderen Krediten. So sind die Auflagen für die Kunden gering, Sicherheiten werden kaum verlangt. „Wenn ich wollte, könnte ich bei jeder der vier Banken, wo ich ein Konto besitze, eine Kreditkarte beantragen. Und sie alle wüssten vermutlich gar nicht voneinander“, meint Frau Li.

Ihre Schwester, berichtet sie, hat auf ihrer Kreditkarte einen Verfügungsrahmen von 80.000 Yuan, umgerechnet 10.400 Euro – das Zehnfache ihres Monatsgehalts. In Deutschland reicht der Kreditrahmen meist vom Ein- bis Zweifachen.

Das rächt sich: 88 Milliarden Yuan an Kreditkartenschulden waren im September 2018 seit einem halben Jahr nicht mehr beglichen worden. Von ihnen werden nur 15 Prozent wieder reingeholt, schätzen Experten. Bei Unternehmensschulden sind es immerhin 50 bis 60 Prozent.

Die rasche Ausweitung der Kreditvergabe im Privatkundengeschäft ist in China auch deshalb problematisch, weil ein landesweit funktionierendes Bewertungssystem für die Kreditwürdigkeit der Kunden fehlt. Da Kreditkarten und private Kreditschulden relativ neu sind, gibt es über viele Chinesen kaum Daten für eine Risikoanalyse.

Während der durchschnittliche US-Verbraucher eine Kreditgeschichte von 14 Jahren vorweisen kann, „haben Sie Glück, wenn Sie in China die für einige Monate zurückverfolgen können“, sagt Kreditplattform-Chef Benny Li. Es gibt eine unausgereifte Zentralbank-Datenbank, die gerade mal 300 Millionen der 800 Millionen potenziellen Kreditnehmer mit Informationen wie dem Zahlungsverlauf ihrer Strom-, Gas- und Wasserrechnung abdeckt. Ein Bonitätsbewertungssystem wie das der deutschen Schufa fehlt.

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In der jetzigen Situation, so glaubt Chefökonom Zhang, sei die Schlüsselaufgabe der Aufsichtsbehörden, das Risiko in den Geldinstituten zu managen. Sie müssten Betrugsfälle minimieren, die Verbraucher besser schützen und ein nationales Bonitätsbewertungssystem aufbauen.

Der Verband für Internetfinanzen hat unter Anleitung der Zentralbank im vergangenen Jahr in Zusammenarbeit mit acht anderen chinesischen Kreditbewertungsunternehmen wie Sesame Credit von Ant Financial oder Tencent Credit Chinas erste privat finanzierte Plattform für Privatkredite namens Baihang gegründet.

Sie ist zum einen ein Kreditauskunftsdienst, bei dem sich die Institute gegenseitig mit Informationen versorgen. Zum anderen leiten sie die Daten von Internet-Finanzdienstleistungen und Online-Kreditgebern an die Zentralbank weiter, um die Genauigkeit von deren Kreditbewertungssystem zu verbessern. Inzwischen machen mehr als 600 Institutionen bei Baihang mit.

Die Führung in Peking hat die Gefahren eines zu großen Kreditbooms erkannt. In diesem Jahr sind die Banken bereits etwas konservativer bei der Vergabe von Krediten an Privathaushalte geworden. Doch es bleibt abzuwarten, ob das Land mit dem neuen Druck eines eskalierenden Handelskriegs diesen Kurs halten kann.

Das Wachstumsziel von sechs bis 6,5 Prozent soll erfüllt werden. Eine schwächelnde Konjunktur könnte Banken dazu verleiten, die Wirtschaft wieder mit mehr Krediten an Unternehmen oder Privathaushalte anzukurbeln. Die Luft nach oben ist aber spürbar dünner geworden, die Risiken sind gewachsen.

Mehr: Zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren hat Chinas Zentralbank ein schwer angeschlagenes Geldinstitut unter ihre Fittiche genommen.

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