Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Indonesien

Mit milliardenschweren Infrastrukturinvestitionen versucht Indonesiens Präsident Widodo sein Land krisenfester zu machen.

(Foto: dpa)

Global Risk Report So will Indonesiens Präsident sein Land krisenfester machen

Die Wirtschaft Indonesiens leidet unter einer desolaten Infrastruktur. Die Regierung setzt eine Bauoffensive dagegen, doch Finanzmarktturbulenzen begrenzen die Spielräume.
1 Kommentar

JakartaDas letzte Konzert der Popband „Seventeen“ endet mit dem Tod. Es ist kurz nach halb zehn Uhr abends, ein Gitarrenriff dröhnt durch das Konzertzelt, und der Schlagzeuger spielt die ersten Takte des nächsten Songs. Einen Augenblick später stülpt sich eine meterhohe Welle über die Bühne, die Musik verstummt, stattdessen ist am Strand von Tanjung Lesung nur noch panisches Kreischen zu hören. Binnen Sekunden flutet ein Tsunami den indonesischen Urlaubsort. Es ist bereits der zweite innerhalb weniger Monate, der Indonesien mit voller Wucht trifft. Und auch dieses Mal kommt er für die meisten ohne Vorwarnung.

Mehr als 400 Menschen sterben bei der Katastrophe Ende Dezember. Bei dem Tsunami zuvor im September auf der Insel Sulawesi waren es mehr als 2000 Tote. Ein Tsunami-Warnsystem, das mit deutschem Know-how und Finanzhilfen von mehr als 50 Millionen Euro aufgebaut worden war, konnte die Tragödien nicht verhindern.

Es gilt schon lange nicht mehr als verlässlich: Bojen, die auf hoher See Tsunamis erkennen sollen, funktionieren seit Jahren nicht mehr. Geld, sie zu reparieren oder zu ersetzen, gab es nicht. 170 Sensoren an Land sollen zudem Erdbeben erkennen und damit Tsunamis vorhersagen können. Ein Instandhaltungsbudget gibt es aber nur für 70 der Messgeräte.

Erst nach den schweren Unglücken verkündete Indonesiens Präsident Joko Widodo, was Katastrophenschützer schon lange fordern: mehr Geld für die maroden Warnsysteme. Im aktuellen Haushaltsjahr wolle er dafür Raum schaffen, versprach Widodo. Doch das Geld dafür aufzutreiben wird schwierig, denn der Tsunamischutz ist nicht das einzige Infrastrukturprojekt, das drängt: Desolate Straßen, fehlende Schienen, Brücken und Flughafenkapazitäten bremsen das Wachstum – und machen auch deutschen Firmen im Land Probleme.

Die Gruppe der fragilen Fünf

Dabei ist Indonesien für ausländische Investoren eigentlich ein Land der Hoffnungen: Das G20-Mitglied ist die größte Volkswirtschaft in Südostasien und mit mehr als 260 Millionen Einwohnern das größte mehrheitlich muslimische Land der Welt. Die Bevölkerung ist jung – jeder zweite Einwohner ist unter 30 –, und die konsumfreudige Mittelschicht wächst rasant: laut Boston Consulting um acht bis neun Millionen Menschen jährlich auf insgesamt mehr als 140 Millionen 2020.

Grafik

Doch den großen Chancen stehen ebenso große Risiken gegenüber: Indonesien gilt als Teil der „fragilen fünf“ unter den Schwellenländern, zu denen auch Brasilien, die Türkei, Indien und Südafrika zählen. Ein Grund dafür sind die hohen Leistungsbilanzdefizite, die sie abhängig von ausländischem Kapital macht. Schon Spekulationen über Leitzinserhöhungen in den USA können empfindliche Krisen auslösen. Auch Indonesien importiert viel mehr, als es exportiert. 2018 betrug das Leistungsbilanzdefizit 2,4 Prozent der Wirtschaftsleistung – ein Plus von gut 30 Prozent seit 2015.

Mit milliardenschweren Infrastrukturinvestitionen versucht Indonesiens Präsident Widodo, der bei seinem Volk vor allem mit dem Spitznamen Jokowi bekannt ist, nun sein Land krisenfester zu machen. Wie hoch der Nachholbedarf ist, bekommt Daniel Giese regelmäßig vorgeführt. Giese leitet die Indonesien-Niederlassung der Bremer Speditionsfirma Hansa Meyer. Sein Unternehmen bietet Spezialtransporte von großen Industrieanlagen an, die bereits in Deutschland als Herausforderung gelten. In Schwellenländern wie Indonesien ist seine Arbeit ein echtes Abenteuer.

Im vergangenen Jahr bekam Giese vom Düsseldorfer Anlagenbauer SMS Group den Auftrag, ein komplettes Stahlwerk in eine Stadt rund 120 Kilometer westlich von Jakarta zu transportieren. Die 1000 Container brachte er noch recht einfach ans Ziel, weil die Straßen rund um die Hauptstadt einigermaßen gut ausgebaut sind.

Deutlich schwieriger war ein zweites Projekt: Auf der Insel Sumatra sollte er für ein Geothermalkraftwerk drei jeweils 100 Tonnen schwere Transformatoren von der Hafenstadt Medan 500 Kilometer ins Landesinnere bringen. Bevor es losging, fuhr Giese die Strecke ab, um Hindernisse zu identifizieren. Am Ende zählte er auf dem Weg zwölf Brücken, die seiner Meinung nach zu schwach waren, um die Last zu tragen. Die Lösung: Hansa Meyer veranlasste die Verstärkung der Brücken. „Dafür brauchen wir natürlich die Genehmigung der lokalen Behörden“, sagt Giese. „Das macht die Sache noch mal schwieriger.“

Sein Unternehmen lässt sich die schwierigen Aufträge gut bezahlen. Für seine Kunden bedeutet das im Umkehrschluss: Bei Geschäften in Indonesien, vor allem außerhalb der Hauptinsel Java, ist der Mangel an guter Infrastruktur ein erheblicher Kostenfaktor. „Mit mehr als einer Viertelmilliarde Einwohnern ist Indonesien für viele Unternehmen ein Markt mit großem Potenzial“, sagt Giese. „Aber das Land muss dringend an seiner Infrastruktur arbeiten, um ausländische Investoren anzuziehen.“

Viele strategische Projekte

Das weiß auch Staatschef Jokowi, der sich in diesem Jahr um die Wiederwahl bewirbt. Mit gelber Warnweste über dem weißen Hemd und Schutzhelm auf dem Kopf betritt er einen der Waggons von Jakartas erstem öffentlichem Massentransportmittel, der MRT-Linie. Sie verbindet das Geschäftszentrum mit der südlichen Vorstadt. Noch sind die Züge weitgehend leer – der offizielle Start ist für März geplant.

Die Bahnlinie soll das extreme Verkehrschaos auf den Straßen der Hauptstadt lindern. Jokowi winkt bei seiner Testfahrt kurz aus dem Fenster, fast wie die Queen. Ein Foto von dem Moment postet er wenig später auf seinem Twitter-Account, wo er sich regelmäßig in Baustellenmontur als Indonesiens oberster Bauherr inszeniert. Die Staus in Jakarta würden 65 Billionen Rupiah (vier Milliarden Euro) im Jahr kosten, schreibt der Präsident. „Wir dürfen das nicht erlauben“, fügt er hinzu – und bringt seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die neuen Züge die Hauptstadtbewohner dazu bewegen werden, ihr Auto öfter stehen zu lassen.

Die MRT in Jakarta ist Teil von Jokowis ambitionierter Infrastrukturoffensive, die er zu Beginn seiner Amtszeit definierte. Für mehr als 200 „strategische Projekte“ quer über den Archipel veranschlagt er mehr als 300 Milliarden Dollar. Auf dem Wunschzettel stehen unter anderem Mautstraßen, Häfen und Flughäfen sowie Raffinerien, Pipelines, Kraftwerke und Bewässerungssysteme.

Doch so recht voran kommt er nicht mit den Projekten. Der Großteil ist von der Fertigstellung weit entfernt. Bis zum Ende von Jokowis Amtszeit im Oktober 2019 wird nach Prognosen der Regierung nicht einmal die Hälfte seines Werks vollendet sein. Ein Grund ist die Schwäche der Landeswährung Rupiah.

Diese war Ende vergangenen Jahres auf den tiefsten Stand seit der Asienkrise vor zwei Jahrzehnten gestürzt und hat sich seither nur leicht erholt. Als Reaktion kündigte die Regierung Anfang September an, Kraftwerksprojekte mit einem Gesamtwert von 25 Milliarden Dollar vorerst zu stoppen. Nach einem Aufschrei in der Energiewirtschaft wurden die Pläne zwar abgeändert, das Ziel aber bleibt: weniger neue Elektrizitätswerke und damit auch weniger teuer importierte Anlagen.

Ein großes Risiko für die indonesische Wirtschaftsentwicklung ist die absehbare Konjunkturabkühlung in China. Sollten die Rohstoffpreise deshalb einbrechen, wäre Indonesien eines der am stärksten betroffenen Länder in Asien, kommentiert Gareth Leather, Asienanalyst bei dem Beratungsunternehmen Capital Economics. Rohstoffe sind Indonesiens wichtigste Exportgüter.

Ein weiteres Risiko sieht Leather in der massiven Dollar-Verschuldung der Wirtschaft. Jede Schwäche der Rupie schlägt also direkt auf die Verschuldung durch. Die Verwundbarkeit bekamen im vergangenen Jahr auch Anleger zu spüren, die etwa über Schwellenländerfonds in indonesischen Aktien investiert sind. Der Leitindex JCI verlor angesichts der Schwäche der Rupiah im Vergleich zum Jahresbeginn zeitweise um mehr als zehn Prozent an Wert.

Doch es gibt auch Hoffnung auf eine Trendwende. Zuletzt signalisierte die US-Notenbank Zurückhaltung, was weitere Zinsanhebungen angeht. Das werde die Rupiah entlasten, prognostiziert Joanne Goh, Aktienexpertin bei der Bank DBS aus Singapur. „Ich glaube, dass wir einen Großteil der Kapitalabflüsse bereits hinter uns haben.“

Ihr Kollege Victor Stefano empfiehlt angesichts der Investitionen in die Infrastruktur Aktien aus dem Bausektor. „Sollte Jokowi wiedergewählt werden, wird er weiter Priorität auf Infrastruktur-Investitionen legen. Auch Thomas Lembong, Chef der indonesischen Investitionsbehörde BKPM, sieht sein Land auf einem guten Weg.

Im Handelsblatt-Interview spricht er von dem größten Infrastrukturprogramm in der Geschichte des Landes und verweist auf erste Erfolge. „In Nordsulawesi hat bereits ein bescheidener Flughafenausbau dazu geführt, dass dort größere Flugzeuge landen können“, sagt er. „Die Zahl der ausländischen Besucher ist dort in der Folge innerhalb von vier Jahren von 12.000 auf 300.000 im Jahr gestiegen.“

Lembong räumt aber auch ein, dass der erhoffte Aufschwung durch den Infrastrukturausbau nicht so schnell kommt wie geplant – seit Jokowis Amtsantritt kommt das Land nicht über Wachstumsraten von fünf Prozent hinaus – für ein Schwellenland kein überragender Wert.

Der Grund für die Verzögerungen ist oft die Finanzierung. Der Bedarf ist immens. Nach Berechnungen der Weltbank verfügt Indonesien gerade einmal über ein Drittel der Infrastruktur, die es im Schnitt in anderen Schwellenländern gibt. Um die Lücke zu schließen, wären Investitionen von 1,5 Billionen Dollar nötig. Deutsche Firmen erhoffen sich davon Aufträge. Siemens arbeitet bereits an Verbesserungen der Strominfrastruktur.

Heidelberg Cement will mit seinem Tochterunternehmen Indocement das Material für die Bauvorhaben liefern. Doch längst erfüllen sich nicht alle Hoffnungen: Für dieses Jahr veranschlagte die Regierung 29 Milliarden Dollar für Infrastruktur. Mit einem Anstieg von nur 2,4 Prozent wuchs dieser Haushaltsposten so langsam wie noch nie seit Jokowis Amtsantritt im Jahr 2014.

Die vergleichsweise niedrigen Steuereinnahmen verhindern einen stärkeren Anstieg der Infrastrukturausgaben, analysiert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Jokowi will deshalb, dass Staatsunternehmen und private Investoren einen Großteil der Investitionen stemmen.

Staatsfirmen hochverschuldet

Doch auch das erweist sich als schwierig: Die OECD warnt vor Risiken durch eine steigende Verschuldung der Staatsunternehmen. Der Thinktank Indonesian Infrastructure Society (MII) hält zudem die Angebote an private Investoren für zu unattraktiv. Gleichzeitig seien die Engagements für den privaten Sektor mit hohen Risiken verbunden, warnt Harun al-Rasyid, der Vorsitzende der Organisation.

Ein abschreckendes Beispiel für Investoren ist die geplante Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke zwischen der Hauptstadt Jakarta und der 150 Kilometer entfernten Metropole Bandung, die von einem Konsortium aus indonesischen Staatsbetrieben und der China Railway Group CREC gebaut werden soll.

Es ist eine der wenigen Kooperationen zwischen Indonesien und China – und bisher nicht gerade ein Erfolgsmodell: Auch drei Jahre nach Start tut sich auf der Baustelle nicht viel. Das Projekt leidet unter massiven Problemen beim Landerwerb und der Beantragung der nötigen Lizenzen – ein typisches Problem bei Großprojekten in Indonesien. Und das sind nicht die einzigen Herausforderungen, die Investoren das Leben schwer machen: „Problematisch bleibt im Infrastrukturbusiness die allgegenwärtige Korruption und Vetternwirtschaft“, warnt die deutsche Außenwirtschaftsförderagentur GTAI.

Hansa-Meyer-Manager Giese stellt sich darauf ein, dass die Infrastruktur in Indonesien noch für längere Zeit problematisch bleibt – und seine Expertise weiterhin gefragt sein wird. „Bis Indonesien sein Infrastrukturproblem gelöst hat, wird es noch Ewigkeiten dauern“, sagt er. Um seinen Kunden bei der Markterschließung besser helfen zu können, baut er sein Geschäft aus.

Bis Ende vergangenen Jahres arbeitete Giese in Jakarta in einem Repräsentantenbüro mit insgesamt drei Mitarbeitern. Nun hat er die Aktivitäten in ein neues Gemeinschaftsunternehmen überführt, das er zusammen mit einem indonesischen Partner betreibt. Die Mitarbeiterzahl hat sich seither mehr als verzehnfacht.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Global Risk Report - So will Indonesiens Präsident sein Land krisenfester machen

1 Kommentar zu "Global Risk Report: So will Indonesiens Präsident sein Land krisenfester machen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Die inverse Wechselkurskurve zeigt eine aufwertende Rupie
    (man zahlt seit Herbst knapp 10% mehr USD für 1000 Rupien)
    Text passt nicht zu den Fakten